Altpapier vom Montag - Blobb
| Veröffentlicht: | 24 August 2009 08:23 |
| Verändert : | 24 August 2009 08:29 |
Das Springer-Tribunal mit Springer und Kritikern ist geplatzt, und lustigerweise sind je die anderen schuld. Frage des Tages: Wer steht im PR-Wettbewerb der journalistischen Wichtigtuer auf Platz 1?
Nach 15 Jahren Forschungsarbeit sei es geglückt, schreibt in der Rubrik "Happy Stories" der 12-jährige Max Jones, über dessen Internetseite am Wochenende die Ticker berichteten: Es gibt endlich farbige Seifenblasen.
Apropos Schillerndes, das platzt: Wieder einmal hat es eine Pressemitteilung des Axel-Springer-Verlags in die Konkurrenzorgane geschafft: "Springer-Tribunal findet nicht statt."
Anfang Juli hatte die Springer AG um Vorstandschef Mathias Döpfner zum "Springer-Tribunal 2009" geladen (hier das Altpapier von damals). Doch jetzt? Blobb.
"Die maßgeblichen Akteure der 68er-Bewegung haben unser Gesprächsangebot leider zurückgewiesen und damit die Chance zur erneuten Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und die der damaligen Gegner vertan", so Döpfner. "Bemerkenswert finden wir, dass ausgerechnet diejenigen, die immer den offenen Diskurs gefordert haben, diesen nun verweigern. Wir bedauern sehr, dass unser Interesse an einem ernsthaften Dialog – dazu gehören ausdrücklich auch die journalistischen Fehler, die unser Haus damals gemacht hat – nicht erwidert wird."
Gerne nahm man bei Springer nun aber wenigstens die Chance wahr, dem Spiegel eins reinzuwürgen. Denn Spiegel Online formuliert zwar steil genug nach vorne, dass man glauben könnte, Der Spiegel habe von der Absage des Tribunals schon berichtet, bevor der Axel-Springer-Verlag überhaupt davon gewusst habe: "Die Absage kommt unmittelbar nach einem Vorabbericht des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL." Eigentlich aber versucht Spiegel Online so lediglich zu kaschieren, dass der gedruckte Spiegel zum Zeitpunkt seines Erscheinens schon veraltet ist. Heißt es darin doch (S. 135), die Veranstaltung solle auf Ende November verschoben werden.
Direkt nachdem der Spiegel seinen Vorabbericht herausgegeben hatte, gab der Axel-Springer-Verlag die Absage der Veranstaltung bekannt. Man kann sich vorstellen, wie man bei Springer am Samstagvormittag flugs mal am Macchiatoautomat 16a zusammenkam und verfügte: "Der Spiegel lügt – und jetzt können wir es beweisen. Bei der US-amerikanischen Verfassung: Diese Veranstaltung wird NICHT auf Ende November verschoben!"
Sie wird stattdessen also abgeblasen. Doch woran liegt es? Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt: "Wie es nun aussieht, war es (…) strategisch doch eher ungeschickt von Springer-Chef Mathias Döpfner, der Einladung einen Monat vorher, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die Aufforderung vorauszuschicken, dass sich ‚die uneinsichtigen Protagonisten der 68er-Bewegung mal bei unserem Haus entschuldigen’."
War es das? Ungeschickt? Eigentlich war es strategisch doch gekonnt: Man macht ein Diskussionsangebot, kündigt an, sich zu eigenen Fehlern zu bekennen, heuchelt Neutralität – und dann sagen die "damaligen Gegner" ab. Da hören wir schon die Springer-Vorstandschefs der Zukunft bellen: "Wir wollten ja, 2009!" Geht ja schon los, mit dem Editorial aus der Welt am Sonntag von Tribunal- und Welt-Chefredakteur Thomas Schmid, in seinem Blog zur Verfügung gestellt: "Das Kollektiv der Neinsager, das da gezimmert wird, ist kläglich. Und selbstgerecht. Sie haben das Gespräch verweigert! Das ist wahrhaft antiautoritär."
Bei den vermeintlichen Neinsagern handelt es sich offenbar u.a. um Peter Schneider, Daniel Cohn-Bendit und Christian Semler. Bei Spiegel Online erklären einige von ihnen allerdings ihre Beweggründe; die Chance, wiederum Springer eins reinzuwürgen, kann man sich beim Spiegel schließlich nun auch nicht entgehen lassen. Gute Frage, die die Autoren da am Ende stellen: "muss man nicht die Grundthese des neuen 'Springer-Tribunals' in Zweifel ziehen – die Annahme nämlich, dass die Springer-Kampagne von 67/68 den Ruf des Springer-Konzerns bis heute beschädigt? Könnte es nicht sein, dass es nach wie vor die 'Bild'-Zeitung ist, die diesen Ruf jeden zweiten oder dritten Tag aufs Neue ruiniert?"
Ein Problem der Tribunalplanung schien auch zu sein, dass das Verlagshaus von Axel Springer manchem nicht als der ideale Ort erschien für eine von Axel Springer organisierte Veranstaltung zum Thema Axel Springer, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich gewesen wäre: Eine "interne Veranstaltung" mit etwa 50 geladenen Gästen habe es werden sollen, schreibt die FAS, und lediglich Springers Zeitung Die Welt hätte über sie berichtet. "Andere Medien hätten für ihre Berichterstattung auf eine ausführliche Dokumentation im Internet zurückgreifen sollen."
"'Unter professionellen Gesichtspunkten' könne er verstehen, dass Springer einen Schauprozess zur eigenen Reinwaschung veranstaltet", zitiert die Süddeutsche Zeitung Manfred Bissinger, der nicht eingeladen worden war. "Dennoch freue es ihn, dass es nicht klappt und die 68er-Veteranen nicht 'auf diesen PR-Leim gekrochen sind'."
Also alles in erster Linie ein PR-Gag? Jedenfalls eine "Show, die mehr der Dialektik des Marketings als der Dialektik der Aufklärung verpflichtet schien", befindet die TAZ.
Wer aber ist damit "im PR-Wettbewerb der journalistischen Wichtigtuer" auf Platz eins? Axel Springer? Oder doch die TAZ, wie just am Samstag die FAZ (S. 36) meinte? Denn: Die TAZ "boykottiert die Leichtathletik-WM wegen des Sicherheitschecks, mit großer Geste setzt sie das in Szene und belegt im PR-Wettbewerb der journalistischen Wichtigtuer unangefochten Platz eins."
PR hin oder her, die Frage ist aber doch auch: Was ist für Journalisten bei einer solchen Veranstaltung unter den gegebenen Bedingungen geboten? Die TAZ selbst meint: Die reine Präsentation von Sport kann es nicht sein – und nimmt als Beispiel die Öffentlich-Rechtlichen um den "Schreihals der Nation", Wolf-Dieter Poschmann. "Das Kritische war den Kommentatoren, aber auch den Moderatoren fern", resümmiert die TAZ die WM-Berichterstattung von ARD und ZDF. "Sie schickten Reporter los wie den ARD-Mann Werner Damm, der einen ehemaligen DDR-Trainer mit Dopingvergangenheit wie Werner Goldmann kumpelhaft angrinste, nachdem er seine harmlosen Fragen stellte. Am liebsten hätte er sich wohl gleich auf seinen Schoß gesetzt."
Doch wo wir gerade bei Poschmann sind: Ob der monsterseifenblasengroße Wirbel um seine Äußerung über Berlin-Marzahn angemessen ist oder ob diese Äußerung eigentlich doch nur ganz alltäglich blöd war – vielleicht helfen ja Spiegel Online, sueddeutsche.de und Tagesspiegel bei einer Einschätzung.
| © Altpapier/Klaus Raab |
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Das Altpapier stapelt sich wieder am Dienstag gegen 9 Uhr.
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





