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Altpapier vom Mittwoch - Sogenannte Sausen

Veröffentlicht: 26 August 2009 09:24
Verändert : 26 August 2009 10:35

Wahrscheinlich gab es Spargel: Die Medien stürzen sich (fast) alle gern auf die neue Wahlkampf-Aufregung um ein altes Essen im Kanzleramt.

Gestern wurden in Berlin die First Steps-Preise vergeben. Zu den Gewinnern zählt der von der gestrigen SZ-Medienseite bekannte Dokumentarfilmer Maik Bialk, der gleich ankündigte, mit seinem Preisgeld nachträglich Mitarbeiter seines Films "Die Maßnahme" zu bezahlen. Weitere Preisträger sind, bis auf firststeps.de eingetragen, einstweilen dieser Meldung zu entnehmen.

Zu den Höhepunkten des Abends zählte, als die entzückend leicht über den Dingen schwebende Preisverleihungs-Moderatorin Jasmin Tabatabai den unvergessenen Song "Wenn der Abfluss mal verstopft ist..." schmetterte, um zu Werbespots überzuleiten, von denen ebenfalls einer prämiert wurde.

Eine ähnliche Gemengelage - Glamour, Geld, Macht in Berlin-Mitte, Essen - schickt sich derweil an zu einer Topstory des späten Wahlkampfs zu avancieren: die um das Geburtstagsessen bzw. die sog. "Sause" des Deutsche Bank-Chefs Josef Ackermann bei der deutschen Regierungschefin Angela Merkel im April 2008.

Eine Medien-Story ist das nicht nur deswegen, weil dieser neue Aufreger im an sich aufregungsarmen Wahlkampf natürlich gern, so oder so, über die Medien transportiert wird. Sondern auch, weil prominente Medienschaffende schon damals dabei waren. Und zwar nicht nur harmlose (stern.de: "Auch Frank Elstner kam zum Gratulieren"; SZ: "Und Frank Elstner. An diesem, nun ja, Fest wird die Demokratie jedenfalls nicht zugrunde gehen.")

Am sinnfälligsten umkreisen derzeit das Universum FAZ bzw. führende Vertreter dessen den Kern der Causa. Allen voran Frank Schirrmacher. Der FAZ-Mitherausgeber hat gestern nachmittag für faz.net den Artikel "Ich war auf Ackermanns Party" publiziert. Schon durch seinen eidesstattlichen Sound ("Ich glaube, kann es aber nicht beschwören, dass es Spargel gab") gibt er sich als kleines Meisterwerk des Spätfeuilleton zu erkennen.

Und wenn Schirrmacher schreibt: "Ich habe sehr profitiert", sollte man das kontextsensitiv sicher als geistigen, also immateriellen Profit verstehen. Und nicht so, dass am Ende Banknoten oder Anteile an Fonds der Deutschen Bank den Gästen als Goodies auf den Weg gegeben wurden.

Eine zweite Persönlichkeit aus dem FAZ-Universum, der FAZ-Blogger Don Alphonso, näherte sich dem Thema schon vorher mit ähnlicher Aussageabsicht, doch in völlig anderer Tonalität ("Die beste Untertanentradition der Kanzlerin") sowie mit einer Menge bildungsbürgerlichen Balla...., äh Wissens, wie man sie eigentlich in der Holz-FAZ vermuten würde ("1489 etwa hat die Stadt Frankfurt zu Ehren von Kaiser Maximilian bei dessen Empfang Prostituierte tanzen lassen").

Eine dritte teilweise dem FAZ-Universum zuzuordnende Persönlichkeit, der Journalist und Blogger, Stefan Niggemeier analysierte dann im Bildblog einerseits, wie die Story jetzt in die Medien gelangte (via ZDF/ Merkel-Porträt und ARD/ "Report Mainz"). Und andererseits ihre Bild-BamS-Glotze-Gesichtspunkte.

Anwesend waren damals im Kanzleramt auch Friede Springer, Mathias Döpfner und Bild-Zeitungs-Chefredakteur Kai Diekmann, wie Niggemeier wiederum Schirrmachers Erinnerung entnahm. Und "vielleicht waren das zwei, drei, vier gute Gründe für die 'Bild'-Leute, die Geschichte in der Printausgabe sicherheitshalber erst einmal gar nicht zu bringen und sie online zu begraben."

Inzwischen ist, wie abendliche Bildblog-Nachträge dokumentieren, die Story auch bei bild.de nicht mehr begraben. Vielmehr tauchen dort Einwände von anderswo zitierten Politikern der zweiten Reihe wie dem CDU-Politiker Steffen Kampeter (zum Münchner Merkur: "Allein die Kosten für Rotwein und Zigarren dürften sich" unter Merkel als Kanzlerin "gegenüber ihrem Vorgänger deutlich reduziert haben“) auf, als seien es geistreiche Gedanken der Bild-Zeitung selbst.

Nun harren einerseits noch Fragen wie die, ob die geladene Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler damals schon ihren später bekannt gewordenen Nerzmantel trug, der Diskussion.

Andererseits kommentiert wiederum die FAZ auf ihrer Kommentare-Spalte: "Die Debatte über die sogenannte Dienstwagenaffäre Ulla Schmidts schon für den Offenbarungseid der deutschen Politik zu halten war zumindest voreilig."

Und dass die "Dienstwagenaffäre" nun sogar in der konservativen Presse mit dem Attribut "sogenannt" versehen wird, dürfen die, die das Ackermannessen-Fass aufgemacht haben, sicher als Erfolg werten.

© Altpapier/ Christian Bartels

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