Altpapier vom Mittwoch - Das Manifest geht um
| Veröffentlicht: | 9 September 2009 09:31 |
| Verändert : | 9 September 2009 10:40 |
Rudelkiffer? Martin Luther? Das Internet-Manifest tut, was Manifeste tun müssen, und gebiert Diskussionsstoff in allen Dimensionen. Und in Rumänien (Foto).
"Wenn wir zu langsam digital werden, könnte die Kultur Europas in Zukunft darunter leiden".
Dieser schöne Sinnspruch der EU-Kommissare Viviane Reding (Medien) und Charlie McCreevy (Binnenmarkt) ist einer der circa 20 laufenden Debatten um Google entnommen (FTD über Bücherdigitalisierung).
Schneller digitaler werden wäre also besser, wenn nicht ein zentraler Eckpfeiler unserer Kultur. Und gerade wir Deutsche sollten uns beim Digitalwerden sputen. Selbst bei der Fernsehdigitalisierung sind "die europäischen Nachbarn ... erheblich weiter", erst "jeder zweite Deutsche guckt Digital-TV" (Tagesspiegel). "Zum Vergleich: In Großbritannien liegt die Digitalisierungsrate bereits bei 82 Prozent".
Tückischerweise ist dieses Digitalfernsehen ist etwas, das wahre digital natives allenfalls peripher interessiert. Die ist die aktuell spannendste Debatte die um das Internet-Manifest der 17 Behauptungen der 15 Blogger.
"'Internet-Manifest' löst Beben in Blogosphäre aus", so die DPA-Meldung zum Thema. Ob die nun nicht mehr zentralen Eckpfeiler dem Beben standhalten, das interessiert viele etwas.
Erste Überblicke (meedia.de: "Web verreißt das Internet-Manifest", "Gemischte Reaktionen auf 'Internet-Manifest'" von heise.de ist die DPA-Meldung mit Links drin) sind natürlich längst in der Welt. Und auch Überblicks-Überblicke müssen ephemer sein, denn die Debatte läuft und läuft.
Manche These ist nur so (zum Glück?) völlig unmanifestiert dahin getwittert ("Ich glaube, der Journalismus stirbt aus"). An manchen wird noch gearbeitet. Heute morgen etwa ließ Björn Böhning, ein junger SPD-Politiker, dem man nicht vorwerfen kann, zu wenig Gesicht zu zeigen, verlauten, dass auch er an seinem Beitrag arbeitet.
Manch Interpretator des Manifests fühlt sich ans Kommunistische erinnert (frei.djv-online.de, Netzeitung). “Das Gespenst des Internets" geht also um, in Europa bzw. im Journalismus. Andere fühlen sich zumindest, wenn es ums Symbolfoto geht (FR), oder auch durch Thomas Knüwer ganz persönlich, eher an Martin Luther erinnert.
Der Tonfall, in dem diskutiert wird, ist der derbe, in dem in gut gefüllten Kommentarfeldern des Internets immer diskutiert wird. Ob die Erfolgsblogger "beim Rudelkiffen das Tape mitlaufen lassen" haben, fragt z.B. der nach eigenen Angaben über Website-Optimierung schreibende Künstler Martin Mißfeldt (tagseoblog.de).
Jede der 17 Behauptungen der "Web-Wichtig-Wichtel" unterzieht Michalis Pantelouris auf print-würgt.de en detail einer ausführlichen Textanalyse à la: "Der Satz ist vielleicht nett gemeint, aber grandioser Bullshit".
Besser als ausführliche Textanalysen treffen kurze Spitzen. Zu Behauptung 16 ("Qualität bleibt die wichtigste Qualität") schreibt Pantelouris: "Die Sicherheit, mit der das formuliert ist, jagt mir wohlige Schauer den Rücken herunter. Meint Niggemeier hier etwa 'bild.de'?"
Am Tag nach dem Tag, an dem bild.de auch nach Visits SPON überholt hat (kress.de, ausnahmsweise meta und interaktiv aufbereitet auch bei bild.de selbst), ist das wirklich eine gute Frage.
Was die 15 Manifestatoren so über Qualität postulieren ("Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist..."), würde jedenfalls Dr. Andreas Wiele, bei Axel Springer im Vorstand u.a. für die Bild-Zeitungen tätig, sicher auch gern unterschreiben.
Wiele hat am Montag auf der Berliner Medienwoche (für die es eine Art Ohrfeige ist, dass das Internet-Manifest zwar gleichzeitig, aber völlig ohne sie bekannt wurde) die schöne Forderung erhoben, Deutschland solle, wenn es schon bei der Digitalisierung und auch sonst im Internet hinterher hinkt, "Paid-Content-Vorreiter" werden (z.B. golem.de). Und das Medienhaus Springer will, indem es all seine Applikationen fürs iPhone kostenpflichtig mache, dem Vorreiter schon mal vorreiten.
Darüber berichtet heise.de unter Überschrift " Von elektronischen Fürzen und wertigem Journalismus", weil Wiele das schöne Beispiel anführte, dass iPhone-Nutzer ja sogar für digitale Scherzartikel wie digitale Furz-Geräusche bezahlen, bloß für Journalismus nicht. Er, der heise-Bericht ist übrigens auch als Speech-enabledes Audio gratis zu haben, aber natürlich ohne den Furz, der ist ja kostenpflichtig.
Zurück zum Manifest. Felix Schwenzel (wirres.net) äußert nicht nur knapp Kritik (Satz 1: "ein satz der dazu auffordert sofort das weiterlesen einzustellen"), sondern formuliert schon mal (bisher) sechs gute Alternativ-Formulierungen. Statt "Das Internet ist der Sieg der Information" etwa: "viel information macht nicht unbedingt klüger, aber definitiv mehr arbeit."
Bleibt die Frage, was denn die Holzpresse zu all dem sagt oder schreibt. Wenig bis nichts, bislang. So wie schon (das gerade relaunchte) zeit.de, so widmet die TAZ dem Manifest online einen Kommentar. "Schade, dass euch nicht mehr eingefallen ist, als 'den alten Männern, die keine Ahnung vom Netz' haben. ... Ihr hättet es besser gekonnt", meint Julia Seeliger, ebenfalls eine Bloggerin.
Aber die Frankfurter Rundschau. Diese auch nicht mehr junge Tante gestattet sich einen entspannten Kommentar Daland Seglers zum Manifest, illustriert ihn wie gesagt mit Martin Luther und glaubt ansonsten, dass manche Manifestskritiker "wohl verschnupft sind, weil sie nicht dazugehören zum Kreis der Unterzeichner". Zumindest habe das Manifest "eines mit Sicherheit erreicht: eine lebendige Diskussion." Das kann man wohl sagen.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
Altpapierkorb
Die FAZ ließ sich einen gewaltigen Aufmacher für ihre Medienseite 35 von Miriam Meckel schreiben, Professorin für Kommunikationsmanagement in St. Gallen und stellvertretende Vorsitzende der Jury, die Mario Barth für den Dt. Fernsehpreis nominierte (siehe Altpapier). Am Anfang fordert der Satz "Das wäre ein Coup: Ulla Schmidt als Gast bei einem Promispezial von 'Wer wird Millionär?', und sie bekommt die Spezialfrage: 'Wie viel kostet eine Mercedes S-Klasse pro Tag bei einer spanischen Autovermietung?'" dazu auf, das Weiterlesen einzustellen. Später geht es darum, wie Medien die Politiker behandeln. Das mündet ins Fazit: "Wenn in die Politik zu gehen weder Ansehen bringt noch materielle Absicherung, bleibt nur ein Antrieb: die Macht. Und dann müssen wir uns fragen, welcher Typus Mensch das sein mag, den vor allem die persönliche Macht in der Politik hält." +++ Das hindert natürlich niemanden, gegen Frank-Walter Steinmeier anzuschreiben. Z.B. gegen seinen ARD-Auftritt (sueddeutsche.de metaphert über "Wattebauschweitwurf"), gegen seine medienpolitischen Thes-chen (meedia.de: "Schiffbruch"). +++ Die Papier-SZ verhandelt noch die vorgestrige Show mit Angela Merkel: "Peinlich wurde es aber immer, wenn Jörg Schönenborn das gemütliche Gespräch zwischen Merkel und Publikum mit einem pfiffig gemeinten Einspieler unterbrach." +++ "Zumindest den Zahlen nach" war's ein Erfolg (TSP). +++ Die FAZ-Medienseite weist auf einen russischsprachigen (und kyrillischen) Beitrag auf gawker.com hin. Ein "GQ"-Beitrag über die Frage, "ob tschetschenische Bombenleger im Auftrag Russlands gehandelt" haben, will der Condé-Nast-Verlag nicht in Russland verbreiten. Bzw.: "In an act of publishing cowardice, Condé Nast has gone to extraordinary lengths to prevent Russians from reading a GQ article criticizing Vladimir Putin. As a public service, we're running it here and ask for your help in translating it" (gawker.com). +++ Weil "The September Issue“ über das Imperium der Vogue (auch Condé-Nast) "ab Ende September als DVD erhältlich" ist, weist Sonja Pohlmann im Tagesspiegel darauf hin, dass jetzt selbst Vogue-Redakteure "auf Preisschilder ...schauen. Taschen für 700 Dollar statt 1500 Dollar werden auf den Modeseiten empfohlen". +++ Der Milliarden-Konflikt zwischen der islamisch-konservativen Regierung der Türkei und dem Medienkonzern Dogan Yayin, einer Springer-Beteiligung, spitzt sich zu (FR). +++ Ferner in der FAZ: Wie die französische Genossenschaftsbank "Crédit Mutuel“ ziemlich heimlich die Regionalzeitungen "Le Dauphiné libéré“ und "Le Progrès“ aufkaufte. +++ Wie der NDR wg. Doris Heinze "echt Paranoia" schiebt und über "den Ehrgeizling Thomas Schreiber" berichtet heuer die TAZ-Kriegsreporterin. +++ "Heinze, die für Serienperlen wie 'Unser Charlie' steht, schrieb unter einem Pseudonym unfassbar schlechte Drehbücher...", schreibt FTD-Autorin Ina Linden, hat da aber wohl sehr hastig, äh, recherchiert. Die Schimpansenserien des ZDF kann man nun wirklich nicht in Doris Heinzes Schuhe schieben. +++ Warum setzen TV-Produzenten immer mehr auf Internet-Serien? Jetzt auch in der BLZ. +++ Die SZ interviewt den ziemlich gelangweilten RTL-Menschen Hans Mahr (früher dort "Informationsdirektor", jetzt Berater) über Kanzlerkandidaten-Duelle und dergleichen. "Wie sähe Ihr Traumduell aus?" - Mahr: "Na, Guttenberg, den Liebling der Nation, den müsste man mal hinbringen und ordentlich befragen. Auf der anderen Seite Steinbrück, der geht zur Sache. Ich sag" nur Luxemburg, die sind immer noch beleidigt. Oder Lafontaine, nicht? Keiner formuliert so präzise." - SZ: "Das Duell Guttenberg-Lafontaine gab es schon: in der Sat-1-Wahlarena mit Stefan Aust und Sabine Christiansen." - Mahr: "Na, da war nicht viel los. Diskutiert haben die nicht." +++ Ferner traf die SZ den AFP-Präsidenten Pierre Louette und ließ sich dessen Plan erläutern, die Nachrichtenagentur in eine "öffentlich-rechtlich verfasste Kapitalgesellschaft, die über öffentliche Mittel verfügt", umzuwandeln. +++ Jürgen Rüttgers kann gut mit der lokalen Presse (TAZ). +++ Berichtet denn niemand über die Berliner Medienwoche? Der TSP über "Internet-Ampeln" für Datenschutz
Frisches Altpapier gibt's wieder am Donnerstag gegen 9.00 Uhr.
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





