Altpapier vom Freitag - Risiken und Nebenwirkungen
| Veröffentlicht: | 23 Oktober 2009 09:03 |
| Verändert : | 23 Oktober 2009 10:05 |
Heilung erwünscht: Wenn Programme besser arbeiten als Menschen und Medienerzeugnisse mit Warnhinweisen versehen werden.
Und, was lernen wir heute? Zum Beispiel dies: Um sich an der offensichtlich weit verbreiteten Gesundheitssehnsucht der Menschen gesund zu stoßen, braucht es gar keine superdupergefährliche Schweinegrippe, keine suspekten Adjuvantien und keine "Zwei-Klassen-Impfung". Die ARD, ein bisschen Avocado-Öl und eine sattsam bekannte Verschwörungstheorie – auch diesmal in der Hauptrolle: die Pharmaindustrie (allein das Wort schon!) – genügen dafür völlig.
Die ARD passt nicht in diese Reihe, meinen Sie? I wo! Die fügte sich im Gegenteil erschreckend ecken- und kantenlos ein. Sie sendete nämlich nicht nur Klaus Martens´ Film "Heilung unerwünscht" (Video) über eine ach so wirksame, ach so unterdrückte Neurodermitis-Creme (beworben u.a. mit dem Satz "Die Salbe ist wohl 'zu' gut" und Kinderaugen, die kaum größer sein könnten, siehe Foto), sondern lud den "die story"-Redakteur Martens zudem zu WDR-Kollege Frank Plasberg (Video). Da ging es eigentlich um die Schweinegrippe, aber das interessierte offenbar not really, weswegen man auch hier die Bühne frei gab für das David-gegen-Goliath-Drama.
"Ist das nicht bemerkenswert? Dass eine Sendung die angebliche Verhinderung eines Medikamentes dokumentiert, das ihr Autor als außerordentlich wirksam und frei von Nebenwirkungen beschreibt, und diese Salbe dann passend zur Ausstrahlung plötzlich doch auf den Markt kommt? Ein kleines Schweizer Unternehmen hat sich aufgeopfert, und vertreibt plötzlich die 'Regividerm B12 Salbe' – angeblich als Reaktion auf die große Resonanz der Fernsehausstrahlung." (Stefan Niggemeier im FAZ-Fernsehblog)
"Die Stückzahlen werden natürlich nicht so hoch sein, dass sie dem Bedürfnis nach einem solchen Medikament entsprechen werden. Aber ein Anfang wäre damit geschafft", schreibt Martens auf der Website von Das Erste in seinem Brief an die Zuschauer. Dass die Zulassung für die Creme wohl bereits im Sommer beantragt worden war, blieb da freilich ein weiteres Mal unerwähnt. Aus den üblichen Gründen: Eine Mär ist eine Mär ist eine Mär. Kaum weniger bemerkenswert: Wie brav alle Zeitungen die Geschichte in die Welt hinaus trugen und weiterhin tragen (immerhin die Nachdenkseiten haben nachgedacht).
Und nicht nur dieser Anfang wäre geschafft, nicht nur das kleine Schweizer Unternehmen hat sich aufgeopfert. Auch der Kölner "Feuchtgebiete"-Verlag DuMont beugt sich der gesellschaftlichen Notwendigkeit und bringt – mein Gott, was sein muss, muss sein – das "Buch zur ARD-Sendung" gleichen Namens, gleichen Autors auf den Markt. Das erscheint zwar erst am 11. November, nimmt aber bei Amazon bereits jetzt den Verkaufsrang "Nr. 11 in Bücher" (Stand: Freitag, 8 Uhr) ein.
Bis dahin wollen Sie nicht mehr warten? Kein Problem, zum Glück gibt es ja viele, viele "verwandte Artikel". Amazon schlägt vor: "Krebserreger entdeckt! Die verblüffenden Erkenntnisse einer russischen Forscherin". Oder "Quantenheilung – wirkt sofort und jeder kann es lernen". Oder: "MMS: Der Durchbruch – Ein einfaches Mineralpräparat wirkt wahre Wunder bei Malaria, Aids und vielen anderen Krankheiten". Oder: "Immun mit kolloidalem Silber: Wirkung, Anwendung, Erfahrungen". Oder: "Das geheime Wissen der Schamanen: Wie wir uns selbst und andere mit Energiemedizin heilen können". Oderoderoder.
Da hat ein ordinäres, seelenloses Computerprogramm wohl mal wieder besser gewusst, um was es sich bei dieser sagenhaften Quack-Salbe handelt. Könnte ein Algorithmus womöglich bald die Medizinjournalisten ersetzen? Bevor sie noch dasselbe elende Schicksal wie die Wirtschaftsjournalisten ereilt, die sich in der jüngsten Vergangenheit ja mit nicht minder bitteren Bärendiensten hervorgetan hatten.
Oder sollte man dem Beispiel des Magazins Casting folgen, das am 16. Oktober erstmals erschienen ist? Das enthält laut Vize-Chef in jedem Heft nicht nur das Editorial, sondern zugleich den Warnhinweis:
"Achtung, dieses Magazin ist nicht geeignet für labile Menschen! Du betrittst das Risikogebiet der Träume. CASTING handelt von und mit den Idealen des Model- und Showgeschäfts. Diese sind in vielen Fällen oberflächlich, haben nur sehr wenig mit dem realen Leben zu tun und können gefährlich sein, wenn Du nicht ehrlich zu Dir selbst bist oder Dich ausnutzen lässt. 'To be a star' ist ein faszinierendes Ziel. Aber wir empfehlen Dir dringend, rechtzeitig auszusteigen, falls Du Gefahr läufst, Deine körperliche und psychische Gesundheit auf Dauer zu gefährden."
Das passte mit ein paar wenigen Wortersetzungen auch in beinahe jede andere Zeitung, nicht wahr? Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie also tatsächlich lieber Ihren Arzt oder Apotheker. Denn da werden Sie vielleicht wirklich besser geholfen als wie woanders.
| © Altpapier/Katrin Schuster |
Altpapierkorb
+++ Mal wieder herrlich passend: Bettina Gaus denkt über Medien-/PR-Hoaxe nach. Und ärgert sich fast weniger über deren Veranstalter als über die nachträgliche Medienmoralinszenierung: "Der Boulevard ist manchmal schwer erträglich, zugegeben. Aber so zu tun, als liefen nur die anderen darauf herum: das ist nicht nur verlogen – das zeigt, was man vom eigenen Publikum hält. Man hält es für blöd." +++ Müssen Rundfunksender und Zeitungen bald betteln gehen, um zu überleben? So schlimm ist das gar nicht, meint Jürgen Kalwa in der FAZ (S.35): Das National Public Radio lebt damit ganz gut und hat zudem großen Erfolg beim Publikum. Wegen seiner Qualität natürlich! +++ Was in den USA außerdem gut geht: Medien für ethnische Minderheiten (BLZ). +++ Wer nun endlich zugibt, bald zu gehen: Jeanette Biedermann (TSP). Wer das noch immer nicht tut: Helmut Markwort (Meedia). +++ Über den Medienpreis "Der lange Atem" berichten Berliner und Tagesspiegel, letzterer dokumentiert zudem die Preisverleihungsrede von Klaus Staeck: "Welche ethischen, letztlich juristischen Grenzen zum Beispiel bei öffentlicher Jagd auf Andersdenkende, Andersrassige, Andersgläubige wird es noch geben, wenn Blogs aus dem Ruder redaktioneller Filterung laufen und zu Sammelbecken von zunächst anonymen geistigen und politischen Finsterlingen werden?" +++ Das erinnert nicht nur mich, sondern auch Sie an, hm, an, genau: Adam Soboczynski! Dessen neuestes Werk: "Höfische Gesellschaft 2.0". Haltung vorhersehbar, rhetorisch brillant, wie immer. +++ Selbiges gilt für den aktuellen Schünemann (taugt wahrlich schon als Gattungsbezeichnung!). Und den gibt es hier. +++ Auch eine schöne Unterzeile: "Gerichte entscheiden immer unterschiedlicher". Gefunden in der TAZ, es geht um die GEZ. +++ Für einen Überblick in Sachen Obama vs. Fox sorgt der Kölner Stadt-Anzeiger, für selbigen in Sachen Trafigura die TAZ. +++ Der Scripted-Reality-Text, der sich gestern in Ersterem fand, ist in einer Langversion beim Rheinischen Merkurzu lesen. +++ Suchmaschinen wollen Twitter und Facebook integrieren (FAZ, S.18). Deshalb erfindet SPON gleich einmal den Begriff der "Hast-Du-schon-gehört"-Kommunikation und erklärt ihn umgehend. Das nennt man mal Themengenerierung! +++ Autonamen mit O? Wie wäre es mit "Luc Court", "Baudouin" oder "Deep Sanderson"?Nie gehört? Da sind Sie nicht der Einzige: "Viele Privatsender nerven nachts mit diesem oder ähnlichen Quizspielen und verkaufen ihre Zuschauer für blöd. Dem Münchner Gewinnspielsender 9Live droht jetzt deswegen Ärger." (stern.de) +++ Wo das Fernsehen noch echte Emotionen weckt: in England natürlich! Da demonstrierten 500 Menschen gegen die Einladung eines Rechtsextremen in die wichtigste Polittalkshow (Die Presse, NZZ). +++ Das Fernsehen heute, morgen und übermorgen? Die Rundschau weiß Bescheid. +++ "Die Koalitionspartner haben den Angriff auf die SPD-Medienholding offenbar schon gestoppt" (SZ, S.15). +++ Vermutlich der Medienseiten-untypischste Text heute: Die SZ hat mit Hans Wall gesprochen, der "Stadtmöbel" vermietet und mit deren Vermarktung als Werbefläche reich geworden ist. +++ Und wenn Sie diesen Text nun schon gelesen haben, dann können Sie den auch noch mitnehmen. Aber "bitte ohne Unterbrechung!" +++
Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Montag gegen 9 Uhr.
Weitere Nachrichten: Altpapier
- Altpapier vom Dienstag - Vorsorge und Früherkennung
- Altpapier vom Montag - Virales Marketing
- Altpapier vom Freitag - Unreine Haut
- Altpapier vom Donnerstag - Krieg der Illustrierten
- Altpapier vom Mittwoch - Blanke Nerven
- Altpapier vom Dienstag - Weiter bis wolkig
- Altpapier vom Montag - Über die Matte
- Altpapier vom Freitag - Die Milch macht´s nicht
- Altpapier vom Donnerstag - Im Netz des Gesetzes
- Altpapier vom Mittwoch - Kalter Medienkrieg
- Altpapier vom Dienstag - Im Angesicht der Häusle-Schleicher
- Altpapier vom Montag - Eine Frau gibt nicht auf
- Altpapier vom Freitag - Diszipliniert
- Altpapier vom Donnerstag - Land der Zeitungs-Schönheit
- Altpapier vom Mittwoch - Die Nase meiner Ollen
- Altpapier vom Dienstag - Nerdverbunden
- Altpapier vom Montag - Darf Online alles?
- Altpapier vom Freitag - Mediensport bei Olympia
- Altpapier vom Donnerstag - News and Shoes
- Altpapier vom Mittwoch - Endlich Neues von Google
- Altpapier vom Dienstag - Wer an der Werra war
- Altpapier vom Montag - Check oder Gegencheck?
- Altpapier vom Freitag - Nur eine einzige Frage
- Altpapier vom Donnerstag - Das Wunder von Düsseldorf
- Altpapier vom Mittwoch - Nationale Aufgabe
- Altpapier vom Dienstag - Clementine Diekmann
- Altpapier vom Montag - Wo ist "hier"?
- Altpapier vom Freitag - Augenwischerei
- Altpapier vom Donnerstag - Es ist ein Apple!
- Altpapier vom Mittwoch - Raus aus den Schubladen
- Altpapier vom Dienstag - Heimatkunde und Effizienz
- Altpapier vom Montag - Durchschnittchen
- Altpapier vom Freitag - Tipps gegen die Kälte
- Altpapier vom Donnerstag - Schwerter gegen Schnipsel
- Altpapier vom Mittwoch - Brutale Selbst-Aufklärung
- Altpapier vom Dienstag - Kauf dir eine Meinung
- Altpapier vom Montag - Unter der Haut
- Altpapier vom Freitag - Hoffnung und Seele
- Altpapier vom Donnerstag - Ein Managerkopf rollt
- Altpapier vom Mittwoch - St. Aust ist wieder da!
- Altpapier vom Dienstag - Balti und more
- Altpapier vom Montag - Antikapitalistische Tiefschläge
- Altpapier vom Freitag - Von der Rolle
- Altpapier vom Donnerstag - Die digitale Dampfmaschin
- Altpapier vom Mittwoch - Superphones & Mediendarlings
- Altpapier vom Dienstag - Händereiben über neue Bezahlmodelle
- Altpapier vom Montag - Den Maschinen vertrauen?
- Altpapier von Silvester - Willkommen in den Zukünften
- Altpapier vom Mittwoch - Das Nuller-Gefühl
- Altpapier vom Dienstag - Irre: gratis und zu teuer!
Dienstags-Artikel
1.) Die Fehler der Wirtschaftspresse (Brenner-Stiftung/ PDF)
2.) ... und auch konstruktive Vorschläge (Storz im meedia-Interview)
3.) Lockere Konkurrenz-Analyse der Sternchefs (TAZ)
4.) Große Verlagskoalition? (sueddeutsche.de)
5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
2.) Der Freitag schlägt 19 Prozent MwSt für die Bunte vor
3.) Der Spiegel-Text von 2009, den der Spiegel heute (vorerst nur Print) quasi zurückzieht






Twitter
Facebook
Kontakt