Altpapier vom Mittwoch - Kernern und Jauchen
| Veröffentlicht: | 4 November 2009 09:31 |
| Verändert : | 4 November 2009 11:18 |
Das bislang einzig Gute an Kerners Sat.1-Show: Indirekt macht sie das ZDF ein wenig weniger egal als es bisher war.
Was man über die neue Kernershow auf Sat.1, die am Montag startete, wissen muss: Inhaltlich ging es um "Schöner jauchen mit Johannes B. Kerner" (welt.de), einschaltquotenmäßig aber konnte Kerner "gegen RTL-Bauern nicht anstinken" (kress.de).
Was man über die neue Kernershow auf Sat.1, die am Montag startete, am Mittwoch in den Medienressorts der gedruckten Presse erfährt, ist sehr sehr sehr viel mehr. Bevor wir zu den vergleichsweise wichtigen Dingen kommen, ein paar Impressionen:
"Nach zwölfeinhalb Jahren im ZDF fängt Kerner doch wieder von vorn an, er muss sich sein Publikum neu und ein neues Publikum erobern" (Michael Hanfeld, FAZ, S. 33).
"Für vieles an der neuen Sendung kann man Kerner allerdings keinen Vorwurf machen. Kerner war nicht anwesend. Er verzichtete größtenteils auf sein 'kernern'" (Matthias Kalle, Tagesspiegel).
"'Stern TV' hat herausgefunden, wie wenig man sich anstrengen muss, um wöchentlich zwei Stunden Sendezeit zu füllen, und 'Kerner' versucht seit Montag dieses Prinzip der Redundanz und Anspruchslosigkeit zu imitieren" (Stefan Niggemeier, nun mal in der taz).
"Prangte nicht rechts oben am Bildschirm das Sat-1-Bällchen, man wähnte sich beim ZDF" (Senta Krasser, KSTA).
"'Kerner' hat man schon vergessen, wenn der Finger noch über dem 'Aus'-Schalter der Fernbedienung schwebt" (Marcus Bäcker, Berliner Zeitung).
"Dass er jemals 'schlaksig' gewesen sein soll, wie nun geschrieben wurde nach seiner ersten Sendung als erster Journalist bei Sat.1 am Montagabend dieser Woche, ist wirklich falsch. Das würde selbst Kerner niemals behaupten, der in Hamburg beim Joggen um die Alster oft genug am mobilen Telefon erreichbar ist. Auch in besserer körperlicher Verfassung ist er eher das Gegenteil von schlaksig..." (Christopher Keil, Süddeutsche, S. 15).
Und wo zum Teufel stand, dass Kerner einmal "schlaksig" gewesen sei? In der gestern um 7.34 Uhr veröffentlichten sueddeutsche.de-Kritik war es.
Um die Kerner-Berichterstattung der Zeitungen in ihrem Umfang angemessen zu würdigen, sollte man über ein Gemüt verfügen, das auch das Ansehen einer gesamten Kernershow gestatten würde. Um jetzt zu den vergleichsweise wichtigen Dingen überzuleiten, zitieren wir nochmal aus dem Kerner-Bericht mit der vermutlich größten Schöpfungshöhe, Niggemeiers taz-Artikel:
"Und doch ist der Sat.1-Kerner in einem entscheidenden Punkt besser als der ZDF-Kerner: Er macht nur irgendeine Sendung in einem Programm, das auch sonst sehr egal ist. Kerner ist wieder da, wo er hingehört."
So egal wie Sat.1 also, so egal ist der vormalige Kernersender, das ZDF, trotz zwölfeinhalb Jahren des Kernerns nicht. Das wird insbesondere im Medienhaus FAZ deutlich. Auf der Medienseite dort erscheint gleich nochmal (nach der aus der FAS) eine gewaltige Eloge auf den neuen ZDF-Spartenkanal Neo ("Seit Sonntag gibt es ein ganz fabelhaftes, neues öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm"), die dieses Programm (PDF) ausführlich vor- sowie in schönster Hanfeld-Dialektik in Beziehung zum Hauptprogramm stellt:
"Es ist eine Zumutung, weil es die Leerstelle, die an vielen Stellen beim ZDF Programm heißt, nur zu deutlich markiert. Die Sendeplätze, auf denen sich nun anstelle von Johannes B. Kerner der von RTL abgeworbene Markus Lanz tummelt mit, im besten Falle, harmloser Unterhaltung."
Und trotzdem dreht die FAZ diese Dialektik auf wieder anderer Ebene noch eine Schraube weiter. Frei online bietet die FAZ nun den lesenswerten Gastbeitrag des NDR-Justitiars Werner Hahn, der am vergangenen Freitag (siehe auch Altpapierkorb) im Blatt stand.
Dort springt Hahn, der einst mit Nikolaus Brender selber Intendantenkandidat beim WDR war, dem heutigen ZDF-Chefredakteur Brender und dessen Chef Markus Schächter bei, die gegen den Widerstand der CDU gern weiter zusammen Programm machen wollen. Das tut er mit schön verständlich formulierten Einblicken in die Welt der Gremiengremlins und ihrer "Konsensrituale":
"Sind es in den 'normalen' Rundfunkräten der Landesrundfunkanstalten der ARD die gesellschaftlich relevanten Gruppen, die ihre Vertreter eigenständig entsenden, so trifft dies beim ZDF-Fernsehrat allein auf die fünf von evangelischer und katholischer Kirche sowie dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu benennenden Mitglieder zu. Die übrigen 72 Mitglieder werden von der Politik ausgesucht. Drei Vertreter schickt der Bund und zwölf die Vorstände der im Bundestag vertretenen Parteien. Bleiben 57 - also 74 Prozent -, die von den Ministerpräsidenten bestimmt werden... ..."
Anschließend erläutert Hahn, wie Schächter, der auf den vorgesehenen Dienstwegen nicht vors Bundesverfassungsgericht ziehen dürfe, das auf verschlungenen Pfaden doch tun könnte, um vor dieser juristischen Drohkulisse zu fordern: "Die Politik muss das ZDF freilassen".
Nur um versuchen, den Überblick zu wahren: Schächter und Brender, denen jetzt so viele ehrlich besorgte Persönlichkeiten helfen wollen, ihr Gesicht bzw. ihr Amt zu wahren, sind aber doch die, die für zwölfeinhalb Jahre Kernern im ZDF verantwortlich sind, und dafür, dass sich auf den entkernerten Sendeplätzen jetzt Markus Lanz tummelt usw. usf.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
Altpapierkorb
+++ "Nach ViSdP-Informationen müssen bis zu zwei Drittel der Festangestellten der MÜNCHNER ABENDZEITUNG vor Weihnachten mit Kündigung rechnen", twitterte gestern visdp.de, ohne bislang über diese 136 Zeichen hinauszugehen. Das wurde mit fröhlichem #yourmediumisdying gern weitergetwittert. "Da ist nichts dran", zitiert heute die der AZ verbundene Süddeutsche den neuen, erst seit zwei Tagen amtierenden AZ-Geschäftsführer Dieter Schmitt. "Komplette Lüge", sagte derselbe sogar dem Mediendienst meedia.de, der andererseits auch die wiederum in der SZ zitierte Aussage des AZ- und SZ-Co-Verlegers Johannes Friedmann, "Bisher ist noch keine Entscheidung zu einem möglichen Personalabbau getroffen", unter Euphemismus-semantischen Aspekten hinterfragt. +++ Das Thema GEZ-Gebühr lieght ganz nahe, wenn man über das ZDF und ZDF-Neo redet. Es ist aber so schwierig. Daher bemüht sich Carta um einen "Übersetzungsservice" ("Das Businessmodell Rundfunkanstalt ist in der Wachstumskrise. Weder die Rundfunkgebür noch die Zahl der Gebührenzahler lassen sich noch signifikant steigern..." ) für die jüngsten diesbezüglichen Verlautbarungen der Politik. +++ Ebd. gilt ein fröhliches yourmediumisdying dem relaunchten Handelsblatt, auch wenn "von der Optik her betrachtet ...beide Ausgaben (Print und Online) gut gelungen" erscheinen. +++ Die gedruckten Medienseiten widmen sich heute in ganz besonderer Ausführlichkeit dem Fernsehprogramm: Die Süddeutsche befasst sich exklusiv mit "François Mitterrand und die deutsche Wiedervereinigung" (Arte, 21.00 Uhr) und mit "Sieben Tage" (ARD, 20.15 Uhr), wie auch TSP, BLZ und FR. +++ Die FAZ flankiert ihre ZDF-Neo-Eloge mit einer Kritik der heute dort anlaufenden US-Sitcom "30 Rock", mit der sich auch der TSP befasst. +++ "Eine lehrreiche Dokumentation über Prognosen und die Frage, wem sie nützen" erspähte die BLZ im ARD-Programm. +++ "Margot Honecker: Der Sozialismus kommt!" läuft um 23.20 Uhr im NDR-Fernsehen. Die FR reichert ihre Besprechung mit Wissenswertem übers Fernsehgenre Presenter-Reportage an. +++ Indes, wie würdigt CNN das Mauerfall-Juiläum? (TSP) +++ Köln hat als neuer Sitz der Sportnachrichtenagentur SID Neuß ausgestochen. Wie kam es dazu? Geschäftsführer Michael Cremer im Interview (KSTA). +++ "Wegen eines neu eingeführten Artikeldienstes für Zeitungen und Zeitschriften ist die Bundesagentur für Arbeit (BA) ins Visier des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) geraten.. ....", meldet das Pflichtorgan für den Funktionär pflichtschuldig. +++ "Bevor ich für diese Woche ganz durchdrehe oder den Eindruck verstärke, ich stünde, wie so viele Kriegsreporter, unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen, kommt das Schätzchen noch einmal zur Sache" (TAZ-Kriegsreporterin Silke Burmester).
Frisches Altpapier gibt's wieder am Donnerstag gegen 9.00 Uhr.
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





