Altpapier vom Freitag - Prostitution oder Fernsehen?
| Veröffentlicht: | 6 November 2009 09:17 |
| Verändert : | 6 November 2009 09:26 |
Nicht der Journalismus, der Zweifel an sich selbst hegt, ist deprimierend, sondern die Erklärung, die er dafür zumeist findet.
Denkt der Journalismus ans Aufhören? "Wozu noch Journalisten?", lautete provozierend resignativ eine Preisfrage der Akademie für Publizistik in Hamburg.
Frank Keil, wie man auf Sueddeutsche.de lesen kann, hat sie erfolgreich beantwortet mit einem Text, der den dritten Preis (500 Euro) erhalten hat. Was meint er?
"Ja, wozu Journalisten? Vielleicht ist die Antwort gar nicht so schwierig: Weil Frau M., weil Herr H. und weil Frau R. unter uns leben und weil ihre Lebensläufe und -weisen im Detail wie im Ganzen nicht hinnehmbar sind, und das nicht Hinnehmbare die Quelle eines jeden dauerhaften Berichtes ist."
Wir schätzen Keils leicht pathetische Redlichkeit, aber begrifflich bleibt sie etwas unscharf: Die Geschichten, die Keil erzählen will, könnte genauso gut die Literatur oder das Theater erzählen.
Und so lautet unsere ganz private Preisfrage: Wenn sich ein Stückeschreiber mit einem Faible für sprechende Namen einen amerikanischen Journalisten ausdenken müsste, der in der Krise des Journalismus eben diesen repräsentieren sollte - wie würde er ihn nennen?
Richtig, Leonard Downie. Den gibt es allerdings wirklich. Nikolaus Piper stellt ihn in der SZ (Seite 15) vor:
"Leonard Downie ist ein Journalist der ganz alten Schule. Unabhängigkeit geht dem früheren Chefredakteur der Washington Post über alles. Er weigerte sich sogar, wählen zu gehen, solange er im Amt war. 'Ich wollte meinen Geist vollkommen offen halten hinsichtlich der Dinge, über die wir berichteten. Ich wollte nicht entscheiden, wer Präsident oder Bürgermeister werden soll, nicht einmal im Kopf oder in der Abgeschlossenheit der Wahlkabine.'"
Seinen Heisenberg hat Downie nicht gelesen, aber er macht sich Gedanken um seine Branche und widerlegt damit, zumindest historisch, unsere Beckmesserei bei Keils Text:
"Journalisten hätten Amerika gezeigt, 'wie die andere Hälfte lebt', schreiben Downie und Schudson und spielen damit an auf die berühmte Fotoreportage des Journalisten und Sozialreformers Jacob Riis über die Slums an der Lower East Side von Manhattan. In dem Buch, das 1920 unter dem Titel How the Other Half Lives erschien, stellte Riis das Elend der Textilarbeiter in Manhattan schonungslos dar. Das Buch öffnete dem wohlhabenden Amerika die Augen für die soziale Wirklichkeit und führte zu neuen Wohnstandards und zur Abschaffung der schlimmsten Ausbeutungsbetriebe der Industrie."
Worum es Downie geht: Er will eine Art GEZ für Zeitungen in Amerika. Weil die Zeitungen in der Krise sind. Dass sie das wegen des Internets sind, stimmt in technologischer Hinsicht, aber eben nicht moralisch.
"Zum Glück für die Demokratie hat sich im Laufe des 19. Jahrhunderts trotzdem ein Geschäftsmodell entwickelt, nach dem sich das öffentliche Gut profitabel produzieren ließ: die Tageszeitung, die zu mehr als 50 Prozent durch Anzeigen finanziert wird."
Das sind romantische Geschichten, die wir unseren Enkeln einmal am Lagerfeuer-App ihres iPhones erzählen werden. Aber dass Bildung und Information an ein bestimmtes Medium gebunden sind, ist leider Unsinn.
Sonst könnte man über den Umstand, dass ProSiebenSat.1 Geld braucht und Bezahlmodelle erwägt, auch ganz andere Geschichten erzählen. Etwa die von Trixie und Romy, Mutter und Tochter aus der ProSieben-Serie "Reality Affairs", über die Peer Schader in FAZ-Fernsehblog und Berliner (Seite 30) schreibt.
(Hintergrund: Trixie hat die Leitung eines Bordells in Aussicht, als Romy von einem Job beim Fernsehen für sie erfährt.)
"Trixie: Hallo? Romy?
Romy: Mama?
Trixie: Romy? Weißt du, wo ich gerade bin?
Romy: Ja, ich weiß, aber du musst ganz schnell nachhause kommen. Mama!
Trixie: Romy! Ich bin hier gerade im 'Bel Ami'. Mann, heute ist, mein großer Tag. Ich werd jetzt Clubchefin. Das ist sowas wie 'ne Vereidigung"
Und so weiter. Wenn Journalismus wirklich nur das wäre, was in der Zeitung steht oder im Fernsehen kommt, dann müsste man antworten auf die Frage, wozu ProSieben bezahlen:
Weil Trixie und Romy unter uns leben und weil ihre Lebensläufe und -weisen im Detail wie im Ganzen nicht hinnehmbar sind, und das nicht Hinnehmbare die Quelle eines jeden dauerhaften Berichtes ist.
Das stimmt natürlich nicht, denn die "Reality Affairs" sind in der Realität Fiktionen. Aber was stimmt dann noch?
Die Wahrheit. So wie Philipp Lichterbeck im Tagesspiegel allerdings über eine Veranstaltung mit Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen und Günter Wallraff in Berlin schreibt, wird einem irgendwie mulmig:
"Da stellte sich die Frage: Was ist Wahrheit? Wie findet man sie, wie stellt man sie dar? Und würden Wallraffs Methoden vor Gericht Bestand haben? Das wäre ein interessantes Thema für die Gerichtsreporterin Friedrichsen gewesen. Stattdessen wird alles, was die beiden Journalisten berichten, für bare Münze genommen."
Für die Zukunft des Journalismus lässt sich prognostizieren: Wallraffs Wahrheit wird irgendwann ein App fürs iPhone sein. Für die Selbstzweifel des Journalismus wäre es vielleicht produktiver, den Zusammenhang zu fokussieren, den Trixie und Romy herstellen: Prostitution oder Fernsehen?
| © Altpapier/Matthias Dell |
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+++ Gibt auch noch andere Metaphern im Angebot. Textguard etwa. Der taucht in einem TAZ-Bericht über Weiterungen der Eva-Schweitzer-Affäre auf. +++ Eva Schweitzer, die nicht will, dass die Texte, die sie öffentlich gemacht hat, von Leuten, die sie mögen, weiterverbreitet werden, zieht es eher die Sphäre des Angelns. "Den Philipp am Haken haben", "vom Haken lassen" - da wird es uns, die wir Menschen persönlich kennen, die diesem liebenswerten Hobby nachgehen, ganz warm ums Herz. +++ Kann man das in diesen Zeiten so sagen, Jan Josef Liefers? Im Tagesspiegel-Interview erklärt der beliebte Schauspieler vor einem Auftritt in der nicht NDR-, WDR-, aber RB-Talkshow: "Gute Talkshows sind wie ein Blutbild." +++ Kann man so über YouPorn schreiben, Karolin Schneider (für Welt-Online)? +++ Was soll man mit dem neuen Kai Diekmann anfangen, fragt sich, zugegeben ratlos, der Freitag. +++ Und wie zum Beweis seiner humordiskursiven Omnipotenz ist Diekmann in diesem Fall auch schon wieder da. +++ Dass die Probleme der Zeitung die Probleme des Fernsehens werden, stellt der Freitag zum Start von ZDFneo fest. +++ Apropos ZDFneo: Ulrich Clauss "registriert eine gewisse Intensität der leisen Töne" in der Welt. +++ Die SZ (Seite 15) registriert Unmut über Umstruktierungen beim DuMont (Berliner, FR, KStA, MDZ) +++ Spiegel-Chef Georg Mascolo erinnert sich im FAZ-Interview (Seite 37) an Dreharbeiten bei der Grenzöffnung vor 20 Jahren. +++ Lammert, aufmerksam lesen! Jürgen Bremer von Phoenix erklärt der FR die Übertragungszeiten von Phoenix aus dem Parlament. +++ Facebook hat die Clubregeln überarbeitet: "'Unsere wichtigsten Ziele waren Transparenz und Lesbarkeit', sagte der zuständige Manager Elliot Schrage am Donnerstag." (FTD). +++ Google hat ein neues Tool am Start: "Sensibilisierung, Datenkontrolle durch Anwender und Transparenz sind die Stichwörter, die sich die Internetfirma nun auf die Fahne geschrieben hat." (NZZ). +++ Beim RBB soll geschlichtet werden (TSP). +++
Neues Altpapier gibt's Montag wieder ab 9 Uhr.
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag





