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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Montag - Ende der Netzeitung

Veröffentlicht: 9 November 2009 09:05
Verändert : 9 November 2009 11:07

Die Netzeitung wird demnächst automatisiert betrieben. Die einen machen die Verlage verantwortlich, die anderen die Journalisten und die dritten: General Motors

Betriebsbedingte Kündigung! Trostlose Worte, die noch auf Hans Magnus Enzensbergers "Musterkarte der gedruckten Zumutungen" gehörten, die anlässlich seines 80. Geburtstag im Spiegel (S. 124f.) abgedruckt ist. Auf ihr stehen unter anderem folgende Begriffe: Postwurfsendungen, Vereinsregistereintragungsansprüche, Packungsbeilagen, Polit-Barometer, Anlagen 1-18 zur Tagesordnung, Persönlichkeitstests, Altersvorsorgesparpläne, Mode-Highlights, Offene Briefe, Vollmachtskraftloserklärungen, Gegendarstellungen, Hirtenbriefe, Kassenbons (die stehen da zweimal) und Sozialpläne.

Dass Enzensbergers Flow flöten geht bei einer solchen notgedrungen kleinen Auswahl aus seiner Sammlung, ist bedauerlich. Aber es geht ja nur darum, zu zeigen, dass die "betriebsbedingte Kündigung" auf der Liste fehlt – dabei ist die doch genauso crazy!

Sie findet sich zum Beispiel in der jüngsten Pressemitteilung der Medienholding M. DuMont Schauberg (MDS). Darin teilt die Kölner Gruppe mit, dass die Netzeitung ein Nachrichtenportal werde. Überschrift: "Netzeitung wird Nachrichtenportal“.

Stünde unter der Überschrift nicht, dass die Netzeitung eigentlich ein "automatisiertes Nachrichtenportal“ werden soll, klänge das beinahe wie der Anfang einer Onlinestrategie. Zudem würde die Überschrift dann – vielleicht ist das ja ein interessanter Tipp für die nächste PR-Schulung im Hause MDS – nicht so latent zynisch wirken.

Die eigentliche Nachricht, die die Onlinezeitung am Freitagabend auch selbst verbreitete, lautet: Zum Jahresende wird die Netzeitung als Internetzeitung mit eigener Redaktion aufgegeben; "sämtlichen Mitarbeitern“ werde laut Verlag "in Kürze betriebsbedingt gekündigt“. Was "automatisiertes Nachrichtenportal“ konkret bedeute, "war nicht zu erfahren“, so die Süddeutsche Zeitung am Samstag. "Vermutlich ist eine Website gemeint, auf der Inhalte von Agenturen ohne weitere Bearbeitung veröffentlicht werden.“

Die Berliner Zeitung, die wie die Netzeitung und die Frankfurter Rundschau zur Kölner Unternehmensgruppe gehört, berichtet, Stimmen des Betriebsrats inklusive, ein wenig ausführlicher über die Vorgänge als die Netzeitung selbst.

Es ist nicht die erste Sparmaßnahme, die die Netzeitung trifft; es gab einige Einschnitte in ihrer neunjährigen Geschichte. Eine davon war Ende 2008, als sie zur britischen Mecom-Holding um David Montgomery gehörte, die ihre Publikationen mit enormen Renditeerwartungen bedachte, auch die Einsparung dieser Kolumne (Wikipedia-Artikel) – das "Altpapier“ war für die Netzeitung erdacht worden und bei ihr im November 2000 erstmals erschienen. Das Budget gab die Beschäftigung freier Mitarbeiter 2008 nicht mehr her. Doch nun ist eine neue Dimension erreicht: Weniger Mitarbeiter als keinen kann man in Zukunft nur schwerlich beschäftigen – insofern ist die Rede vom "Aus der Netzeitung“ unter M. DuMont Schauberg nicht falsch.

Was bleibt von der Netzeitung? Mindestens die im Raum stehende Frage, wie es kommt, dass sie, während das Internet an Bedeutung gewann, an Bedeutung verlor?

Die Welt beantwortet sie so:

"Die 'Netzeitung' wurde erst kaputtgespart durch David Montgomery, der immer nur Investitionen ins Netz ankündigte, aber nie umsetzte. Und dem neuen Eigentümer M. DuMont Schauberg fehlte der Mut und das Interesse, noch einmal Geld zu investieren. Es waren wenn nicht Managementfehler, so zumindest Managemententscheidungen."

Auch Sueddeutsche.de verweist auf fehlende Investitionen (Mecom) bzw. andere Prioritäten als den Ausbau der Netzeitung (MDS). Turi2 gibt, wenn wir diese Montage richtig deuten, dem US-Autokonzern General Motors (GM) die Schuld für das Ende der Netzeitung. (Hier, zum Vergleich, ein Foto, das in einem entscheidenden Detail abweicht).

FAZ.net, die Onlineseiten der FAZ (die selbst mit einigen Zeilen, die von Erfolglosigkeit künden, im derzeit nicht online stehenden 60-Jahre-FAZ-Artikel in der Funkkorrespondenz bedacht werden), sieht eine Ursache in der Konkurrenz durch die bestehenden Printmarken: "Mit der Ausweitung der Onlineauftritte der Printverlage hatte die 'Netzeitung' über die Jahre kontinuierlich an Bedeutung eingebüßt."

Robin Meyer-Lucht sucht bei Carta dagegen die Verantwortung auch bei den Journalisten: Während Andreas Griess dort den Verlagen empfiehlt, "endlich erfolgreiche Finanzierungsmodelle zu finden“, kommentiert Meyer-Lucht unter dem Text:

"Die Wahrheit ist, dass die Netzeitung Teil eines viel zu großen Me-Too-One-Size-Fits-All-Mittelmaß-General-Interest-Oberflächenjournalismus-Komplexes war, den so kein Leser mehr braucht und finanzieren will. Solange Journalisten das nicht begreifen und Verleger anbetteln, bin ich mir nicht sicher, ob die Krise überhaupt annähernd verstanden wurde."

Me-Too-One-Size-Fits-All-Mittelmaß-General-Interest-Oberflächenjournalismus! Meyer-Luchts Einschätzung kann man als willkommenen Wachrüttler verstehen. Dennoch ist es mit etwa einem Dutzend Mitarbeiter (nicht zu verwechseln mit: einem Dutzend voller Stellen) zweifellos schwierig, jene Idee von der "Zukunft des Journalismus“ umzusetzen, von der Gründungschefredakteur Michael Maier einige Monate vor dem Start der Netzeitung gegenüber dem Spiegel gesprochen hatte: "Wenn das nicht die Zukunft des Journalismus ist, läuft etwas falsch."

Vielleicht lief wirklich vieles falsch. Möglicherweise lag auch Maier einfach daneben; eine Möglichkeit, die dieser (hier "berüchtigt“ genannte) Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung 2004 jedenfalls nicht explizit ausschließt. Darin wird ein Mitarbeiter mit den Worten zitiert, "Maiers Politik“ sei "die systematische Überforderung“. Beides deutet am Ende auf ein – hier mal grafisch umrissenesMissverhältnis von Idee und Budget hin.

Nicht was die Zukunft des Journalismus, aber doch, was den konkreten Fall der Netzeitung betrifft, liefert auch eine Passage im Buch "Journalisten im Netz“ (2005) einen Hinweis auf etwas, was da möglicherweise nicht im Sinn der Erfinder lief. Joachim Widmann, der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Netzeitung, verweist dort darauf, dass die Netzeitung bereits in ihrer frühen Geschichte, die auch bei Wikipedia und bei der Netzeitung selbst in Auszügen dokumentiert ist, von einer Konzernhand in die andere gewandert sei: Gegründet wurde sie von Nettavisen, Nettavisen wurde geschluckt von Spray, Spray bald von Lycos, usw., "so dass die Netzeitung“, so Widmann damals, "sozusagen als Anhängsel von Nettavisen mitgewandert ist, ohne sich zu bewegen“.

Mitwandern, ohne sich bewegen zu dürfen – das zieht sich auch durch die weitere Geschichte. Bei Kress.de heißt es seit Freitag:

"Die Kölner" – gemeint ist M. DuMont Schauberg – "hatten die Online-Zeitung Anfang 2009 zusammen mit Berliner Verlag und 'Hamburger Morgenpost' von der britischen Mecom-Gruppe gekauft, eine wirkliche Verwendung hatten sie aber nie für die 'Netzeitung'."

Vielleicht musste die Netzeitung zu oft mitwandern, war zu oft Anhängsel und durfte sich zu wenig selbst bewegen, um sich als printzeitungsunabhängiges und rentables Onlineangebot etablieren zu können. Dabei hatte es an einer Wegmarke 2001 nicht so schlecht dafür ausgesehen: Damals, im November, gehörte die Netzeitung, direkt hinter Spiegel Online und noch vor Bild.de, zu den meistbesuchten Onlinenachrichtenseiten.

© Altpapier/Klaus Raab

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