Altpapier vom Dienstag - Lustig, lustig, trallalalala
| Veröffentlicht: | 17 November 2009 09:04 |
| Verändert : | 17 November 2009 09:10 |
Darf schon wieder gelacht werden? Mit Einschränkungen, mit Einschränkungen! Immerhin wird auch Kritik an der Kritik geübt.
"Humor ist auch eine Erhebung gegen den Himmel. Nur geht man wie der Vogel Merops mit dem Hintern zuerst." Sagte der gerade im Kleinen so grotesk große Jean Paul, auf den die Welt nun auch schon wieder seit fast genau 184 Jahren verzichten muss. Der Humor, der funktioniert allerdings immer noch (fast) genauso. Man muss nur "Himmel" durch "Fernsehen" ersetzen (und den "Vogel Merops" durch "Publikum"? Oder gar durch "SPD", siehe Foto? Das lassen wir mal besser …), und schon hat man das Thema des heutigen Medienseitentages.
Offensichtlich wird gerade gründlich auf- und durchgeatmet und folglich beinahe bedingungslos gelacht und geliebt. Nur der Tagesspiegel moniert: Wenn das Fernsehen dem Fernsehen nicht schon wieder einen Strich durch die Rechnung machte! Diesmal allerdings meint der Vorwurf ausnahmsweise nicht eine nachtschlafene Sendezeit, sondern das zwanghafte Einhalten der immergleichen Sendezeit, was offensichtlich irre kichernde Zuschauer und mindestens einen ehrlich erregten Rezensenten zur Folge hat:
"RTL hat ein Einschalt-Muss kreiert: 21 Uhr 15 am Dienstag bei RTL ist 'Dr. House'-Time. Ein Ganzjahrestermin. Mögen die einzelnen Staffeln im Schnitt auch nur 20 bis 24 Folgen haben, bei RTL wird die US-Serie über ein saisonales Angebot hinaus zum Jahresangebot aufgemotzt. Seit 'Dr. House' im März 2006 bei RTL gestartet wurde, gab es nur in diesem Jahr eine Sommerpause, ansonsten wird mittels alter und neuer Folgen über zwölf Monate gezogen."
Die Alternative zur Wiederholung hält die SZ (S.15) parat. Marc Felix Serrao lobt die Pro-Sieben-Dienstag-21.15-Uhr-Serie "Two and a half men" als "lustig. Lässig. Gut gespielt. Vor allem ist sie politisch inkorrekter und rotziger als alles, was das Genre [Sitcom] sonst so bietet."
Das wollte man Serrao auch gerne glauben, vor allem wegen der theoretischen Unterfütterung mittels der Drei-Schweinchen-Theorie. Wenn er sich dann nur nicht noch dazu hätte hinreißen lassen, ein paar Witze aus der Serie nachzuerzählen:
"Eine Szene im Supermarkt. Charlie trifft, wie so oft, eine Verflossene. 'Du miese Schweinebacke!', ruft sie: 'Ich hab' dir mein Herz geschenkt, ich hab' dir meine Seele geschenkt und meinen Körper. Und du hast mich weggeworfen als wäre ich ein dreckiger Putzlumpen.' Antwort: 'Ja, ich war böse . . . Und, was gibt's Neues?' Ein andermal redet er (betrunken) mit einer Möwe auf der Veranda: 'Hey Kumpel. Nur wir zwei heute Nacht, huh?' Die Möwe schreit. 'Ja, ich weiß, wie's dir geht. Es gibt viele Fische im Meer. Aber wenn du sie gefressen hast: was dann?'"
Tja. TV-Humor, das kann man gar nicht oft genug sagen, lobt sich meistens besser in der analytischen Draufschau als in der planen Wiederholung, die den Witz so felsenfest umzingelt, dass er verständlicherweise nicht mehr `raus will. Die Wirklichkeit des Bildschirms ist ja leider eine andere als jene des Zeitungslesers, weswegen Harald Kellers angenehm schlichte Auflisterei von Qualitäten in jedem Fall als die überzeugendere Liebe daher kommt.
Doch, halt, das handelt ja von kommender Woche, bleiben wir also beim Heute, denn der Dienstag ist tatsächlich noch lustiger, als er sich bislang bereits vorgestellt hatte. Peer Schader macht in der FAZ (S.33) noch auf Pro Siebens "Comedystreet" aufmerksam, das es seiner Meinung nach verdiente hätte – Achtung, Oxymoron! –, ernst genommen zu werden. "Wegen der kleinen Grenzüberschreitungen, wegen des Muts, gesellschaftlichen Konsens auf die Probe zu stellen – und der guten Laune, die man beim Zusehen bekommt."
Um aber das Gleichgewicht zu wahren: Nicht lustig findet Michael Hanfeld die Idee, den ZDF-Chefredakteur nurmehr für ein Jahr in Amt und Würden zu setzen (FAZ, S.33). "Am grundlegenden Machtmissbrauch der Politik änderte dies nichts: Die Politiker nehmen dem ZDF die Freiheit, sie machen Staatsrundfunk. Darum geht es, nicht darum, ob Brender ein Jahr länger Chefredakteur ist", schreibt er und nennt das Ganze eine "Schnapsidee".
Womit wir wieder bei Jean Paul und damit am Ende aller nicht-vorhandenen Pointen wären: Der bekam seinen Ehrendoktortitel ja verliehen, nachdem er einst in Heidelberg mit Hegel ein Punschgelage veranstaltet hatte. Schon auch witzig, oder?
| © Altpapier/Katrin Schuster |
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+++ Einen spezielleren Humor legt Channel 4 an den Tag. Das Dschungelcamp für Behinderte ist jedoch gar kein Reality TV, sondern eine "bitterböse Satire" darauf (SZ, S.10). +++ Vor einer Woche starb Robert Enke – Zeit für die Kritik an der Kritik, die dem Medienecho auf dem Fuße folgte. Bernd Gäbler für stern.de: "Es gab ein Innehalten, dass [sic!] zeigte, was viele empfinden: da ist etwas aus dem Lot, zwischen Leistung, Ängsten und Miteinander gibt es keine Balance. Darum war das Mitgefühl so vieler mehr wert[,] als der ein oder andere Medienkritiker uns jetzt, im Nachhinein glauben machen will." Harry Nutt für die Berliner Rundschau: "Der Tod von Robert Enke zeigt deutlich, dass man sich diese seelsorgerische Funktion der Medien noch stärker bewusst machen muss. Man folgte einer falsch verstandenen Medienethik, wenn man sie als Trend einer forcierten Emotionalisierung strikt ablehnte." Nur noch ein kurzer Einwand: Nicht der Tod von Enke hat das gezeigt bzw. deutlich gemacht – der hat, der Hinweis sei erlaubt, nichts weiter bewiesen, als dass Menschen sterblich sind –, sondern die Reaktionen auf den Tod haben das gezeigt. Aber gut, wir wollen mal nicht kleinlich sein. +++ Ach, doch, das wollen wir eigentlich schon: Lieber Björn Sievers und liebe Carta-Redaktion (die du den Text übernommen hast), von den "paar Gedanken und Thesen" einmal ganz abgesehen, muss in jedem Fall gesagt werden, dass es "zerfleddern" heißt und nicht "zerfläddern". Weil: Die Fledermaus heißt eben auch nicht Flädermaus. +++ Und weil´s grad so Spaß macht: Die BU "Alels andere als ein 'Stinkstiefel': Der Schauspieler Leonard Lnsink ist ein freundlicher und lebenslustiger Mensch", lieber Stadt-Anzeiger, ließ uns ehrlich sprachlos zurück. Auch die Unterzeile des zugehörigen Textes – "Der Schauspieler Leonard Lansink ist dem Fernsehpublikum vor allem in seiner Rolle als 'Stinkstiefel' bekannt" – blieb uns rätselhaft, schließlich läuft "Der Stinkstiefel" erst in der kommenden Woche; wohingegen Lansinks Paraderolle "Wilsberg" tatsächlich schon seit über zehn Jahren durchs ZDF spioniert. Doch was soll´s, es stimmt ja nicht einmal die Gattungsbezeichnung des Artikels, der als "Porträt" bezeichnet wird, obwohl er im Grunde nur Fragen und O-Töne enthält und sich der Eigenanteil auf Sätze wie "Typisch Lansink. Woraus andere eine herzerweichende Mitleidsstory basteln würden, bleibt er kernig auf dem Boden der Tatsachen" oder Satzaneinanderreihungen wie "Als ein Vorbild für Jugendliche sieht er sich trotz aller Affinität zu ihnen keineswegs. Mit Anfang 40 erkrankte er schwer." beschränkt. +++ Dass die Schweizer aber auch immer wieder darauf hereinfallen, wenn ein Emigrant um ihre Liebe buhlt: Der Tagesanzeiger beschwert sich anlässlich eines Spiegel-Artikels einmal mehr über die – von Deutschland-Exilanten – "herbeigeschriebene Krisennation". Da lohnt sich freilich auch die Lektüre der langen Reihe von Kommentaren ("Nestbeschmutzer" u.s.w.) +++ "Montag, 17 Uhr, kam die Erfolgsmeldung: ÖVP und SPÖ haben sich auf ein neues ORF-Gesetz geeinigt": Die Presse berichtet. +++ Hubert Burda trifft der Schlag, heilige Kühe sollen geschlachtet werden, und wo das Kerngeschäft nun steckt, darüber herrscht Uneinigkeit: Mehr über den VDZ-Kongress in der FAZ (S.33), im Tagesspiegel sowie im Abendblatt. +++ Die TAZ berichtet übers Webgrummeln nach Murdochs großen Worten, die FTD weiß, dass hinter Googles Rücken möglicherweise schon anderes ausgeheckt wird. +++ Auch die Post dient sich offenbar den Verlagen an (SZ, S.15), während sich englische Zeitung gerade politisch neu positionieren (FAZ, S.33) und laut TAZ ein Beispiel an Deutschland nehmen, wo – nur so ein Beispiel – der Focus gerade sein Internetressort aufzulösen plant (Meedia). +++ Auch ein Geschäftsmodell? Bild zahlt für die Verwendung des Sarrazin-Interviews nachträglich 30.000 Euro laut TAZ. +++ Wer jetzt investieren möchte, für den hat die SZ (S.15) ein Angebot: Der Playboy steht zum Verkauf. +++ "Je erfahrener Journalisten werden, desto frustrierter sind sie, und ausgerechnet wenn sie auf der begehrtesten Stufe des Printjournalismus – bei überregionalen Tageszeitungen – angekommen sind, ist ihre Berufsidentifikation am tiefsten": Rainer Stadler hat für die NZZ mit dem Professor Kurt Imhof über die Befindlichkeit von Journalisten gesprochen. +++
Frisches Altpapier stapelt sich wieder morgen um 9 Uhr.
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Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
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