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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Donnerstag - Mann im Spiegel

Veröffentlicht: 19 November 2009 09:26
Verändert : 19 November 2009 10:36

Im Zeitalter der Vernetzung geht alles in alles über: eine Lafo- in eine 'Spiegel'-Affäre, Privates in Politisches und der Blut- und Sperma- in den Qualitätsjournalismus.

"Oskar Lafontaines Erkrankung: Das Private wird politisch", hat Spiegel-TV hintersinnig unter das Online-Video geschrieben, das in gewohnt souveräner Entertainment-Infamie SPON-Nutzer informiert, wer der gerade durch eine Krebs-News in den Schlagzeilen befindliche Oskar Lafontaine nochmal ist (u.a.: "Lebemann", "wirklich ein Gourmet, muss man sagen", so ein ehemaliger Koch der saarländischen Landesvertretung in Berlin...).

Was jetzt nicht in dem Video vorkommt, dem auch bloß gut zwei Minuten zur Verfügung stehen, ist das, was am Montag über Oskar Lafontaine im gedruckten Spiegel stand (und auch auf SPON steht): seine angebliche Beziehung mit der Linke-Bundestagsabgeordneten Sahra Wagenknecht.

"Zwar dürften die investigativen Rechercheure des Nachrichtenmagazins über so manche Liaison von Politikern und Wirtschaftsbossen Bescheid wissen, geschrieben wird darüber aber nicht. Bisher", schreibt dazu der Tagesspiegel unter der Überschrift "Die 'Spiegel'-Affäre".

Sonja Pohlmann hat auch einen der beiden Spiegel-Chefredakteure befragt: "'Wir haben keinen Anlass an unserer Darstellung zu zweifeln', sagte ... Georg Mascolo am Mittwoch. Die Autoren Stefan Berg und Markus Deggerich hätten die Geschichte gründlich und über Wochen recherchiert. Keiner in der Spitze der Linkspartei hätte jemals eine Krebserkrankung erwähnt."

Spähen denn Spiegel-Rechercheure Politiker so aus, wie Konzernsicherheits-Abteilungen großer Telekommunkiations-Unternehmen womöglich unbequeme Investigativreporter ausspähen, und wissen daher alles, über das geredet wird, aber nichts anderes?

Mascolo weiter: "In diesem Fall hat das Private höchst politische Folgen. Deshalb haben wir darüber berichtet.“

Diese Formulierung ist nicht etwa der Video-Site von SPON entnommen, sondern steht auch schon in der Originalstory des gedruckten Spiegel:

"Es ist eine Geschichte, in der es um die Privatsphäre von drei Politikern geht, und die ist normalerweise für die Öffentlichkeit tabu. Doch in diesem Fall muss sie erzählt werden, weil hier das Private höchst politische Folgen hat. Es geht um Lafontaine, um seine Ehefrau Christa Müller, die auch familienpolitische Sprecherin der Saar-Linken ist, und es geht um Sahra Wagenknecht... Lafontaine und Wagenknecht, so heißt es, seien sich in der Vergangenheit nicht nur inhaltlich nahegekommen. ... ..."

So heißt es und geht es ausgiebig. Dabei zitiert und nennt der Original-Spiegel-Bericht auch jüngere Quellen, nämlich die FAS von vor zweieinhalb Wochen. "Lafo hat was am Laufen mit Sahra Wagenknecht. Hammer, oder?" hieß es dort in den Herzblatt-Geschichten des Gesellschaftsressorts. Wobei sich die FAS dafür nicht haftbar machen lässt, sondern bloß auf einen "recht kokett geschriebenen Artikel" aus der Bunten (Heft 45 vom 29.10.) verweist.

Im Grunde ging es aber noch früher los mit den Gerüchten. "Der Startschuss der Kampagne fiel im Hause Burda. In der Randspalte 'Tendenz-o-meter' kalauerte der Focus bereits am 12.10 in einem Zweizeiler..." weiß das Watchblog spiegelfechter.com. Der Spiegel selbst, der ja auch über ein exzellente Dokumentation verfügt, verweist selbst gar auf eine Bunte aus dem Februar 2008. Die TAZ wiederum weiß von einer Erwähnung in der Jungle World.

Weitere, äh, Recherche führt wahrscheinlich zu wenig. Festzuhalten bleibt: "Für den Spiegel ist dies eine doppelte Blamage". Und "dass altmodische Zurückhaltung und Respekt vor dem Privaten nicht das Schlechteste sind" (TAZ jeweils).

Bzw. dass das Sturmgeschütz der Demokratie sich mit seiner redseligen Lafo-Recherche verpokert hat und auch durch vielfache Wiederholung der Formel, dass jetzt das Private politisch werde, nicht umhinkommt, sich sagen zu lassen, dass die Grenzen zwischen "Blut- und Sperma-" und  "Qualitätsjournalismus" verschwimmen (Rudolf Walther, freitag.de). Oder dass er, der Spiegel, "locker das Niveau der 'Bild' unterbiete (Ulrich Maurer/ Die Linke).

A propos. Der Tagesspiegel interviewt heute auch den neuerdings so aufgekratzten Bild-Zeitungs-Chef und Blogger Kai Diekmann, und zwar zum "Pimmel über Berlin" (TAZ-Hausblog), also seinem, Diekmanns, in der Sprache der, äh, Kunst.

Diekmann sagt: "'Bild' beschäftigt sich so gut wie gar nicht mit der 'taz'. Umgekehrt scheint der Penisstreit von 2002 für die 'taz' allmählich zum Gründungsmythos zu werden - was ich mit Freuden sehe, weil es die Boulevardisierung der 'taz' weiter vorantreibt."

Leider hat sogar Kai Diekmann, wo er recht hat, recht.

© Altpapier/ Christian Bartels

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+++ Weil mehr denn je alles mit allem zusammenhängt, bzw, wie es Andrian Kreye in einer sehr schön geschliffenen Besprechung von Frank Schirrmachers neuem Buch "Payback" (als Frage) formuliert: weil wahrscheinlich "das lineare und das vernetzte Denken ... keine gemeinsame Ebene" mehr finden, gäbe es zahllose Anknüpfungspunkte, um fließend zu anderen Themen überzugehen. Einer ist ein anonymer Leserkommentar unter dem TAZ-Artikel zum Spiegel. "Liebe Verlage./ Wie ist das mit dem Leistungsschutzgesetz, daß ihr da von der Politik verankert haben wollt./ Kassieren, wenn man auf Euch verweist/verlinkt./ Der Schuß könnte vielleicht auch nach hinten los gehen, wenn dann ein Verlag den anderen wegen Verleumdung o.ä. 'weiter verklagt'", heißt es in Kommentar 20. +++ Um dieses Leistungsschutzrecht ging es gestern hier ein wenig. Die Fülle dessen, was Carta dazu anbietet, kam da nur unvollständig zur Geltung. Was der TAZ-Leser anmerkt, wird von interessierter Verlagsseite mal so, mal so dargestellt. Auch hier ein aufschlussreicher Kommentar bzw. Kommentarkommentar. Matthias Spielkamp: "...Man muss es immer wieder auf den Punkt bringen: Verlinken und Lesen wären genehmigungs- bzw. abgabepflichtig - auch das ein Bruch mit Freiheitstraditionen, den die Bundesregierung hoffentlich niemals mittragen wird. Zum zweiten: Um das durchzusetzen, brauchen wir einen Überwachungsaparat, gegen den der für eine Kulturflatrate ein Witz wäre. Ich bin z.B. freier Journalist und lese den ganzen Tag 'zu gewerblichen Zwecken' – die sich aber oft genug nicht von privaten Zwecken unterscheiden lassen.” +++ Wer oben den Link zur Bunten klickte, hat bemerkt: Deren Berichte stehen gar nicht frei online. Die Bunte beherrscht sozusagen das mit dem paid content. Rupert Murdoch will es mit der Times demnächst durchsetzen (DPA/ KSTA). +++ 70 Zeitungs-Manager, die sich gestern in Berlin trafen, wollen es lieber nicht probieren. "Auf Google will hier keiner verzichten", resümiert ein Referent des Verlegerverbands BDZV gegenüber der BLZ. +++ Die TAZ hätte ruhig schon erwähnen können, dass jener freie Nachwuchsjournalist, der gegen den WDR klagt, auch für sie selbst schreibt. Trotzdem ein interessanter Hinweis auf den entsprechenden Gerichtstermin heute morgen am Kölner Appellhofplatz (wo außer dem WDR auch das Kölner Verwaltungsgericht sitzt). +++ FAZ und SZ bringen heute jeweils Gastbeiträge, in denen Experten harte und fundierte Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen üben. In der SZ (S. 17) legt Drehbuchautor Philipp Weinges zum nach all der Heinze-Aufregung schnell wieder verpufften Thema Fernsehfilm nach ("Öffentlich-rechtliche Fernsehdramaturgie folgt also den Gesetzen des Teenie-Horrorfilms: Wer Sex hat, stirbt! Andererseits funktioniert die deutsche Hochkultur seit Hunderten Jahren so") und will den unscharfen Begriff der Qualität definieren. +++ Wucht gewinnt sein lesenswerter Beitrag auch dadurch, dass das ZDF gerade beschloss, seine einzige gute, auch von Weinges positiv erwähnte Krimiserie "KDD" zu beenden (dwdl.de). +++ Und in der FAZ (S. 37) schießt Ulrich Wickert gegen seine Nachfolger und die öffentlich-rechtlichen Nachrichten: "Es wird bruchstückhaft informiert und schlampig formuliert". Wickert argumentiert nicht un-altväterlich ("Beim Kanzlerduell trat Frank Plasberg wohl bewusst ohne Schlips auf. Damit beweist Plasberg zwar mangelnden Respekt gegenüber der Bundeskanzlerin und dem Außenminister, aber er bleibt seinem Erscheinungsbild treu..."), beobachtete aber gut ("Kürzlich sah ich ihn doch mit Schlips moderieren, aber das war ja auch eine sehr wichtige Unterhaltungssendung"). +++ Inzwischen von meedia.de, äh, editiert... oder ver-snippet-et. +++ Außerdem in der FAZ: großer Drehbericht zum neuesten Teamworx-Eventdrama. In Südafrika wird für ARD und BBC "eine der wendungsreichsten Begebenheiten des Zweiten Weltkriegs" verfilmt, "Der Untergang der Laconia“. Auch das steht nicht frei online, wer sich dafür interessiert kann aber nun den gestrigen SZ-Drehbericht zum zweitneuesten Teamworx-Eventdrama, dem Absturz der "Hindenburg", lesen. Auch wendungsreich, knapp vorm Zweiten Weltkrieg. +++ Thomas Schuler übers Wall Street Journal Europe, nun in der BLZ. +++ Bettina Reitz, führende Verantwortliche im deutschen Fernsehfilm und jetzt erneut preisgekrönt, sieht den deutschen Fernsehfilm auf überdurchschnittlichem Niveau (KSTA). +++ "Wie schwer es ist, als deutsches soziales Netzwerk gegen einen großen amerikanischen Konkurrenten zu bestehen, zeigt auch das Beispiel StudiVZ versus Facebook deutlich. Burdas Engagement ist eine Wette, dass Xing diesen Wettbewerb gewinnt - zumindest im deutschsprachigen Raum. ... Ganz überzeugt scheint auch Burda nicht zu sein. Warum sonst hat sich Burda nur mit 25 Prozent beteiligt, statt Xing ganz zu übernehmen? (Holger Schmidt, FAZ, S. 20, online extended). +++ Neues von der Brender-Front der Schlacht am Lerchenberge: "Meldungen, nach denen Brender bei der Sitzung am 27. November eine kosmetische Verlängerung um ein Jahr zugestanden werden sollte, seien falsch. Brender würde für derlei Spielchen, die ihn zum Chefredakteur auf Abruf machten, nicht zur Verfügung stehen" (TAZ). +++ "Leider bedeutet die gestrige, noch nicht beschlossene Einigung zwischen EU-Parlament, schwedischer Ratspräsidentschaft und Kommission eine staatliche Werbebeschränkung. Entgegen heutigen Meldungen wurden Zwangsangaben zur Energieeffizienzklasse in der Werbung vereinbart“, merkt in ähnlicher Weise der Verlegerverband VDZ an. +++ Und der Deutsche Fernsehpreis für "das cleverste Streckbankfernsehen" sollte an Pro Sieben gehen (FAZ-Fernsehblog). +++
 

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