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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Montag - Die Große Koch-Show

Veröffentlicht: 23 November 2009 09:17
Verändert : 23 November 2009 11:45

Die Diskussion um die Staatsferne des ZDF erreicht den Höhepunkt. Unser Vorschlag: Der bei Unionsleuten wie Roland Koch ungeliebte Chefredakteur (rechts) bekommt das Kanzleramt!

[Ergänzung 11.42 Uhr: Link zur Funkkorrespondenz gesetzt.]

Heute haben Leute wie der Privatsendervertreter Jürgen Doetz zweifellos ihren Spaß. Wohin man blättert, von Bild bis Funkkorrespondenz, von FAZ bis Carta: überall kritische Einlassungen zum öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehen.

Weiter also mit dem beliebten Quiz, das sich das "Altpapier“ ja auch von keinem geringeren als dem Qualitätsfernsehen abgeschaut hat.

Wem sind folgende Sätze über den Fall des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender zuzuordnen, dessen Weiterbeschäftigung der ZDF-Verwaltungsrat, angeführt vom hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU), gegen den Willen des ZDF-Intendanten verhindern will?

a) "Es ist eine Krise der Rundfunkfreiheit, des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der zum Staatsfunk wird. Die Politiker streben dabei nicht nur einen Staatsrundfunk an, sondern – da die Sender mit Bild, Ton und Wort ins Internet ausgreifen – einen Staatsjournalismus.“

b) "Die Rundfunkfreiheit erlebt ihren Showdown. (…) Längst geht es nicht mehr um die Frage, ob die Union Brender noch ein Gnadenjahr gewährt oder eineinhalb. (…) Es geht um nichts weniger als die politische Kultur im Land.“

Auflösung:
a) Klar: Michael Hanfeld, Lobbyist für ARD- und ZDF-freies Internet, heute im Leitartikel der FAZ.

b) Sonnenklar: Der Focus Der Spiegel, S. 169.

Der Zusammenhang mit der Enteignung der freien Presse ist in diesem Zusammenhang mal wieder keinem Kommentator eingefallen, von Hanfeld abgesehen; und die Sprache des Focus Spiegels ist ebenfalls unverwechselbar. Unter dem Strich aber herrscht weitgehende Einigkeit unter Medienjournalisten (Ausnahme: Welt.de, siehe weiter unten), was man ja auch nicht mit der Regelmäßigkeit von Degeto-Filmen erlebt. Sondern nur dann, wenn es ums sog. Eingemachte geht. Die Cicero-Affäre war so ein Fall, der die Presse zusammenschweißte. Diesmal geht es um die Affäre "Organigramm des ZDF" (Achtung, PDF).

Damit also zur Show, als die man die Angelegenheit ja wohl bezeichnen muss, wenn laut Focus Spiegel (und, nicht zu vergessen, Hans Leyendecker in der SZ vom Samstag) am Freitag dieser Woche um 14 Uhr in der ZDF-Verwaltungsratssitzung "der Showdown bevorsteht".

Während Leyendecker noch das "umlaufende Gerede", Brenders Vertrag werde, der Gesichtswahrung für alle Beteiligten halber, möglicherweise kompromisshalber um ein Jahr statt um fünf verlängert, als substanzlos zurückgewiesen hatte, gehört das weitere Wochenende zweifellos den 35 Staatsrechtlern, die sich via Spiegel und Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung zu Wort meldeten. Wer deren Brief nicht in Gänze abdrucken kann, fasst ihn heute zusammen, etwa FR, KSTA, TAZ und Abendblatt. Hier die Berliner Zeitung auf der "Tagesthema"-Seite:

"Sie werten die Causa Brender als 'offenkundigen Versuch, einen unabhängigen Journalisten zu verdrängen und den Einfluss der Parteipolitik zu stärken. (...) Was geschieht, wenn es die Garantie der Staatsfreiheit nicht gibt, wird uns derzeit am Beispiel anderer europäischer Staaten vor Augen geführt.'"

Die FAS, das die Angelegenheit kontinuierlich-großflächig-begleitende und daher meinungsführende Medium, widmete nicht nur einen Teil der Titelseite (na gut: den Teil unter dem Fußball), sondern auch die Feuilleton-Titelseite dem Thema. Dort heißt es:

"... es war die Unverhohlenheit, mit welcher Koch behauptete, die Qualitäten eines Chefredakteurs besser beurteilen zu können als dessen Vorgesetzter, der Intendant; es war die Unverschämtheit dieses Machtanspruchs, was die Juristen so empört hat, dass sie, darauf läuft die Formulierung vom 'Beispiel anderer europäischer Staaten' hinaus, schon italienische Verhältnisse befürchten. In Italien gibt es private und staatliche Sender; die privaten besitzt Silvio Berlusconi, die staatlichen kontrolliert er als Regierungschef, missliebige Chefredakteure sind in diesem System nicht vorgesehen."

Die Funkkorrespondenz weist in ihrem Leitartikel auf einen anderen Aspekt hin:

"Der hessische Ministerpräsident hat den ZDF-Intendanten dabei in die paradoxe Situation gebracht, dass Schächter nun sogar für Brender sein muss, auch wenn er selbst vielleicht nach zehn Jahren mal einen neuen Chefredakteur würde haben wollen (...), ansonsten erschiene es so, als ob sich der Intendant der Parteigewalt beuge."

Und ähnlich wie, weiter hinten im Text, die Funkkorrespondenz fordert auch Carta:

"Unabhängig vom Ausgang muss die 'Causa Brender' (...) der Ausgangspunkt für eine Refom- und Funktionsdebatte des öffentlich-rechtlichen Systems sein."

Der Spiegel (S. 168ff.) ist das Medium, das man lesen muss, wenn man nicht nur die Meinungen von ARD-Intendanten und einigen Politikern, sondern vor allem die schmutzigen Hinterzimmerdetails erfahren will. In dem Artikel kriegen, proporzgemäß, auch Vertreter der SPD eins mit, vor allem aber die sog. Polit-Profis"Ein Polit-Profi wie [Ronald] Pofalla ist nur genervt, nicht alarmiert. Den Einfluss der Politik grundsätzlich beschneiden? 'Am System wird niemand rütteln', sagt Pofalla."

Oder: Günther Oettinger. "Was er denn zu den Millionenzahlungen für einen Banker der Landesbank zu sagen habe, wollten die TV-Leute" vom NDR wissen, heißt es da in einem Beispiel für die Einflussnahme der Politik auf den Rundfunk. "Der Ministerpräsident schnaubte das Team an und drohte unverhohlen: 'Ich werde Ihren Intendanten fragen, warum die ARD hier diesen Fragen nachgehen muss.'"

Wenn also schon keine echte Staatsferne, dann – ein Vorschlag zur Güte – wenigstens richtig: Vielleicht sollte ZDF-Mann Brender, der heute vielerorts für sein breites Kreuz gelobt wird, einfach im Gegenzug das Kanzleramt besetzen.

[Ach so: Um 9.32 Uhr noch Welt Online gelesen: Sie schert aus und verteidigt Roland Koch: "Einem Ministerpräsidenten, immerhin gewählt und per Amtseid dem Allgemeinwohl verpflichtet, traut die Öffentlichkeit von vorneherein nur finstere Machtgier zu. Man kann es in einem demokratischen Staat mit der Staatsskepsis auch übertreiben." Soll man sie dafür loben, dass sie Meinungsvielfalt herstellt? Oder sich doch lieber an den Kopf fassen?]

Auch die Süddeutsche Zeitung macht sich übrigens großflächig Gedanken zum System und widmet die ganze Seite 3, die vom ehemaligen Medienredakteur Alexander Gorkow betreut wird, der Lage in der öffentlich-rechtlichen Rundfunklandschaft. Allerdings nicht der Causa Brender.

Sondern a) dem Degeto-Film und seinem Chef Hans-Wolfgang Jurgan, der im Grunde selbst alles Notwendige zum Thema sagt: "Viele Zuschauer unserer Filme schreiben uns: Danke, wir standen knietief in den Tränen, oder es war einfach nur ein schöner Abend".

Und b) der Vergeblichkeit des Versuchs, ein Doppelporträt über die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmänner Claus Kleber (ZDF) und Tom Buhrow (ARD) zu schreiben. Vergeblich, weil beide, vertreten von derselben Agentur, nur einem Wortlautinterview zugestimmt hätten. "Wortlaut-Interview", das heiße, so Autor Willi Winkler, "dass keine Eindrücke des Autors einfließen, dass also eine kritische Würdigung in Form eines Portraits nicht gewünscht ist. Sondern ausschließlich ein Interview mit Fragen und Antworten. So hätten sie es gerne in der Zeitung."

Warum? Kleber wird zitiert, er habe "schlechte Erfahrungen gemacht". Und Buhrow sagt: "Jede Illustrierte würde sich darum reißen." Schon klar, Jungs. Beim nächsten Politikerinterview in "heute journal" und "Tagesthemen" dann aber auch keine frechen Fragen mehr, ja?

© Altpapier/Klaus Raab

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+++ Unser Quiz soll auch an dieser Stelle weitergehen: Welche DuMont-Zeitung musste hat am Wochenende eine Layoutbombe ein großes Interview von Alfred Neven DuMont mit dem Koch Joachim Wissler abdrucken abgedruckt? a) Berliner Zeitung, b) Frankfurter Rundschau, c) Mitteldeutsche Zeitung. Mehrfachnennung ausdrücklich möglich! +++ Ein Film mit Leonard Lansink beschäftigt Tagesspiegel, FAZ, BLZ +++ Baden-Baden: im Tagesspiegel und in der TAZ +++ Die letzte "Verstehen Sie Spaß?"-Sendung mit Frank Elstner: in der SZ +++ Ebd.: Tobias Moorstedt über "Europas Web-Aktivisten" und das Reizwort "Obama" +++ Bei Carta ist ein anderer Moorstedt-Text zum Thema auch online +++ Die BLZ über Bezahlmodelle im Internet +++ Und, wie die TAZ, über die wacklige Zukunft des RBB-Umweltmagazins "Ozon" +++ Wie die Lafontaine-Wagenknecht-Geschichte vom Gerücht zum Metagerücht und schließlich zur Spiegel-Geschichte wurde, bei Stefan Niggemeier +++ Zum Thema äußert sich auch Heribert Prantl in der SZ. Frei bei SZ-Audio zum Anhören +++ Harald Keller zerlegt im Untergeschoss einen SZ-Artikel +++ Und noch vom Samstag: Die Berliner mit einem Porträt von Markus Beckedahl +++

 

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