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Altpapier vom Dienstag - Partei Einiger Roland

Veröffentlicht: 24 November 2009 08:57
Verändert : 24 November 2009 09:05

Ach, wenn es doch nur schon Freitag wär: Der Countdown in der Causa Brender läuft. Die Erregung steigt, die Spannung nicht.

Den trockensten Humor hat natürlich die Tagesschau. In der Samstagsausgabe platzierten die Redakteure von Dr. Gniffke die Meldung über die 35 bekannten Staatsrechtler, die sich per Offenem Brief in die Chefredakteursüberlegungen beim ZDF einmischten (7:25 Min.), direkt hinter einem Beitrag über den Parteitag der Putin-Medwedew-Partei Einiges Russland (5:30 Min).

Und Ellen Arnhold verliest, ohne mit der Wimper zu zucken: eben noch Wahlfälschung und Korruption in Russland, jetzt unsere anständige deutsche Mediendemokratie. Ein Rebell, wer Böses dabei denkt.

"Demokratie ist nicht für die Parteien da, sondern fürs Volk."

Der Satz stammt ausnahmsweise nicht aus der Brender-Berichterstattung, sondern von Staatspräsident Medwedew; passt aber trotzdem ganz gut.

Denn die deutschen Printmedien geben im Fall Brender Gas, erkennen ihre historische Stunde und Mission, und plötzlich klingt Claudius Seidl wie Horst Köhler, während stern.de zu berichten weiß, dass einer der 35 "hochrenommierten" (Seidl) Staatsrechtler seine Kritik gar noch "verschärft" (im Beitrag selbst ist diese Klimax allerdings nicht so leicht auszumachen).

Es geht ums Ganze, aber nicht um Nikolaus Brender (als Person), wie Joachim Huber auf Seite 1 (sic!) von Holtzbrincks Tagesspiegel noch zu warnen versucht:

"Chefredakteure, selbst wenn die Brender heißen, taugen nicht für die Legende vom heiligen Nikolaus."

Doch, zu spät. Michael H. Spreng, the greatest spin doctor ever hierzulande, strickt schon am Mythos von St. Brender, wiewohl er ihn auch für einen "normalen" Journalisten hält, und Carta postet cross:

"So ein Querkopf passt wirklich nicht ins System, so einer war nicht vorgesehen in einer Welt, in der Politiker die Gremien beherrschen und ehemalige Parteisprecher und journalistische Liebediener jahrzehntelang mit attraktiven Posten belohnt wurden. Da passt einer nicht rein, der Protestschreiben von Parteien und Politikern entweder gar nicht oder rotzfrech beantwortet, der bei Politiker-Anrufen nicht zurückruft und der sich jede Einmischung in Personalentscheidungen brüsk verbittet."

Aber normal, was ist das schon in diesen Zeiten, da die 17 deutschen Erstunterzeichner einer Europäischen Charta für Pressefreiheit angekündigt haben, ihren Mitunterzeichnern aus 19 Staaten über den Ausgang im Fall Brender zu berichten?

"Sind Hypes und Hysterie nicht das Letzte, was man in so einer Lage gebrauchen kann - kollektive Irrationalität und Massen in Bewegung?"

Das ist eine kluge Frage, die Tobias Moorstedt in der SZ in einem Text zum Thema Schweinegrippe stellt. Darin findet sich auch diese hübsche Beobachtung:

"Der amerikanische TV-Sender CNN präsentierte den Siegeszug der neuen Grippe im Frühsommer auf der magic wall, einem überdimensionalen Touchscreen. Die Anchormen Wolf Blitzer und John King lasen Statistiken vor, berührten jedes Land, in dem die Grippe bestätigt worden war und färbten es rot ein. Bald leuchtete die ganze Welt in tiefem Rot, und fast kam es einem vor, als sei die Geste der Journalisten selbst infektiös."

So könnte man doch auch mal Kochs Hintertreiben von Brenders Vertragsverlängerung darstellen: Claus Kleber und Tom Buhrow vor der magic wall, und dann tippen sie auf jeden Fernsehrat, der im Verwaltungsrat der ZDF von Kochs Abhängigkeit infiziert wird, die Steffen Grimberg in der TAZ beschreibt:

"In ihm (Verwaltungsrat, AP) dürfen per Gesetz sechs waschechte politische Strippenzieher sitzen - aktuell sind das vier von CDU/CSU und zwei der SPD. Die Mehrheit im Gremium liegt bei den neun Repräsentanten, die der Fernsehrat des ZDF in den Verwaltungsrat entsendet. Der Fernsehrat, in dem die berühmten gesellschaftlich relevanten Gruppen vertreten sind, kontrolliert den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Doch im Verwaltungsrat werden aus den Fernsehräten nun parteipolitische Funktionäre, dass es einen graust."

Christian Bommarius graust es in der Berliner schon seit dem 1. April 1963, dem Tag, an dem das ZDF auf Sendung ging.

"Das ZDF wurde ein seltsamer Streichelzoo: Kamen die hohen Tiere der Politik zu Besuch nach Mainz-Lerchenberg, dann wurde ihnen brav das Fell gekrault. Jahrzehntelang hat das ebenso einvernehmlich wie geräuschlos funktioniert. Gewusst hat es jeder, beklagt hat sich keiner. Wer hätte auch klagen sollen? Irgendwann und irgendwie wurde jeder bedient. Nur Art. 5 GG ging im vergangenen halben Jahrhundert regelmäßig leer aus. Der Politik war es egal: 'Da man nicht erreichen konnte, dass das, was recht ist, mächtig sei, machte man das, was mächtig ist, rechtens.' (Blaise Pascal) Diese Tradition findet in Roland Koch ihren entschlossensten Vertreter."

Daran wird sich auch nichts ändern, solange Klaus Wowereit wohlfeil die "journalistische Unabhängigkeit" anmahnt, auch die SPD aber Schritte unterlässt, die sie gehen könnte.

"Ein Drittel der Bundestagsabgeordneten könnte per Normenkontrollverfahren in Karlsruhe überprüfen lassen, wie es um die wirkliche Staatsferne beim ZDF bestellt ist."

Schreibt die TAZ. Und so wird, wenn es dann endlich Freitag ist, eine alte Maßgabe Walter Ulbrichts zu ihrem Recht kommen: "Wir haben alles in der Hand, aber es muss demokratisch aussehen."

Der Tagesspiegel berichtet aus der Partei Einiger Roland:

"In Kreisen der Union wird an der Entschlossenheit von Roland Koch überhaupt nicht gezweifelt. 'Die Mehrheit gegen Brender steht', sagte ein Insider."

© Altpapier/Matthias Dell

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