rss

- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Mittwoch - Fantastische Zukunft

Veröffentlicht: 25 November 2009 09:21
Verändert : 25 November 2009 10:36

In Berlin wird Roland Kochs "Betondenken" kritisiert, in L.A. dem ZDF "outstanding leadership" bescheinigt.

Gestern am frühen Abend erhob der FDP-Politiker Hans-Joachim Otto, der inzwischen den Posten eines parlamentarischen Staatssekretärs beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie bekleidet (oder sogar für "Informationsgesellschaft und Kreativwirtschaft", wie er sagt), seine klingende Stimme und schmetterte in den Salon des Berliner Instituts für Medienpolitik hinein eine Rede, als wolle er aber mindestens ein ganzes Parlament entflammen.

Aktueller Anlass war die "ganz eklige Auseinandersetzung" (Otto), die die Probleme des deutschen Mediensystem "im Brennglas" zeige: die Brenderdebatte. Otto forderte als "ersten Schritt", aus den Aufsichtsgremien der Rundfunkanstalten "alle Ministerpräsidenten und Leute, die öffentliche Ämter bekleiden, zu beseitigen".

Dort säßen ja "freundlich ausgedrückt: Laien, die gar keine Zeit haben", sich mit Details zu befassen, sagte Otto in Hinblick auf "Roland Kochs Betondenken". Überhaupt geben es "keinen anderen Politikbereich, in dem der Reformstau so groß ist", so der Staatssekretär mit zunächst eindrucksvollem Furor.

Dieser Furor ließ dann nach, als es konkreter wurde und z.B. um die Frage ging, ob die FDP eine Klage beim Bundesverfassungsgericht gegen die herrschende ZDF-Ordnung unterstützen würde (was eine solche Klage wahrscheinlich ermöglichen würde, aber nicht im Sinne des Koalitionspartners, der Kochpartei CDU wäre).

Eine Zusammenfassung steht bei Carta. Und während anderswo die gestern bereits im Altpapier verlinkte Brender-Solidaritätsadresse von 17 "namhaften Journalisten" (FAZ, S. 31; in der TAZ quasi in Bezug zu 17 ermordeten philippinischen Journalisten) vermeldet wird, bieten telemedicus.info, netzpolitik.org sowie ebenfalls Carta einen online unterschreibbaren "Offenen Brief an den Verwaltungsrat des ZDF", doch bitte “die Unabhängigkeit des Rundfunks zu bewahren”.

Dieser Brief ist zumindest in genau dem bürokratischen Sound verfasst, den Gremiengremlins gut verstehen ("Grundfesten des freien Rundfunks in Deutschland", "Wir sind der Auffassung, dass die inhaltliche Bewertung der bisherigen Arbeit des Chefredakteurs nicht dem Verwaltungsrat obliegen kann", "Wir halten es daher für unzulässig, wenn Sie sich dieser Einschätzung entgegenstellen würden"...), bemüht sich aber immerhin, Nikolaus Brenders voranschreitende Heiligsprechung nicht allzu aktiv zu unterstützen ("Unser Anliegen ist es nicht, für Herrn Brender Partei zu ergreifen. Wir appellieren vielmehr an Sie, die Kompetenzverteilungen des ZDF-Staatsvertrages zu achten und die Unabhängigkeit des Rundfunks zu bewahren.")

Vor eventuellem Unterzeichnen beachten: Wer unterschreibt, unterschreibt also sozusagen, dass derzeit, zumindest bis zum Freitag, diese Unabhängigkeit des Rundfunks noch besteht. Wer sich alternativ oder komplementär engagieren möchte, kann ferner Facebook-Fan von "Nikolaus Brender muss bleiben!" bzw "Brender muss bleiben!" werden.

Immerhin ist die "outstanding leadership" eines wichtigen Teils unseres Rundfunks (für unsere jungen Leser übrigens: Rundfunk meint vereinfacht gesagt Fernsehen und Radio, inwieweit auch Internet Rundfunk ist, ist noch nicht endgültig entschieden) nun international anerkannt. Und zwar durch Henry Kissinger persönlich. Der ehemalige Außenminister der USA hat bei der Verleihung der International Emmy Awards ausgerechnet Brenders Chef, dem womöglich bald auf obskuren Dienstwegen beschädigten ZDF-Intendanten Markus Schächter, einen Directorate Award übergeben - "for his outstanding leadership of ZDF and to commemorate the 60th Anniversary of the founding of The Federal Republic of Germany."

"Schächter hat das ZDF durch eine turbulente Vergangenheit geführt und es gut positioniert für eine fantastische Zukunft“, vermeldet der Tagesspiegel einen Ausschnitt aus Kissingers Laudatio - die sich jedoch "mehr auf 20 Jahre Mauerfall in Deutschland als auf das ZDF bzw. Schächter bezog. Hintergrund: Die Auszeichnung für den ZDF-Intendanten und seine Leistungen bei der Mainzer Anstalt war auf bis jetzt nicht ganz verständliche Art und Weise mit dem 60. Jubiläum der Bundesrepublik Deutschland und 20 Jahre Mauerfall kombiniert worden" (dwdl.de).

© Altpapier/ Christian Bartels

Altpapierkorb

+++ Eine beinahe ähnlich wichtige Grundfeste des bundesdeutschen Mediensystems wie die öffentlich-rechtlichen Anstalten ist das Haus Bertelsmann. Und auch dort dämmert es. Einerseits im Gesamtkonzern, wie Hans-Peter Siebenhaar gestern im Handelsblatt (inzwischen frei online) in einer hübschen, mit dem golden glänzenden Kölner Dom sowie dem "Er kennt sie alle"-"Onkel Stein“ eingeleiteten Reportage aufschrieb. +++ Andererseits in Europas vielleicht gerade noch, vielleicht nicht mehr größtem Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr. Zum Rückzug aus Russland bzw. der Übergabe der dortigen Geschäfte an den einstigen Rivalen Axel Springer schreibt die Süddeutsche knapp: "In Verlagskreisen ist von einer unteren einstelligen Millionensumme die Rede. Das wäre für G + J kein gutes Geschäft". Ausführlich reportag-ig indes geht Ulrike Simon das Thema an, zitiert in der Berliner Zeitung sowohl den zuständigen G+J-Vorstand Torsten-Jörn Klein ("'Ich weiß, wie es sich anfühlt, verkauft zu werden', sagt der aus Berlin-Lichtenberg stammende Klein. Er war 2002, als G+J die Berliner Zeitung verkauft hat, Geschäftsführer des Berliner Verlags") wie auch Springerchef Mathias Döpfner ("Als er vor mehr als zehn Jahren G+J verlassen habe, sei über Springer gelästert worden, die schafften ja nicht mal die Hälfte des Ergebnisses von Gruner + Jahr. 'Das hat sich - um es höflich zu formulieren - relativiert'"). +++ Auch so ein spezieller G + J-Freund ist meedia.de-Chefredakteur Georg Altrogge ("Viel spricht dafür, dass das kommende Jahr für Gruner + Jahr noch bewegter werden könnte, als das bald ablaufende"). +++ Hach, das waren noch Zeiten, als im deutschen Fernsehen Pionierstimmung (TSP) herrschte. Heute wird sie immerhin beschworen, wenn Jan Josef Liefers in einem ARD-Spielfilm den 50er-Jahre-Fernsehkoch Clemens Wilmenrod spielt. +++ Alfred Biolek, ähnlich legendärer Fernsehkoch späterer Jahrzehnte, hat in der Süddeutschen Zeitung (S. 15) einen guten Rat für Wilmenrod: "Sein tragisches Ende hätte nicht sein müssen, aber er wusste wohl nicht, wann es an der Zeit ist, aufzuhören. Oder er konnte es nicht. Ich habe alle meine Sendungen auf ihrem Höhepunkt beendet..." +++ Welches tragische Ende? "Er tötete sich 1967 im Alter von 60 Jahren nach einer Krebsdiagnose mit einem Kopfschuss" (BLZ-Filmrezension von Klaudia Wick, ganz unten). +++ Das ist der "Rhythmus der Massenmedien"; dass sie "alles, was sie zum Hype hochgeschrieben haben, hinterher auch als erste wieder herunterschreiben wollen. Twitter geht es da nicht anders als Ute Lemper", schreibt Stefan Niggemeier im Bildblog über einen aktuellen Medientrend. Wobei Twitter vermutlich resistenter gegen das Runterschreiben sein dürfte als Ute Lemper. +++ Twitter fragt übrigens standardmäßig nicht mehr "What are you doing?", sondern "What's happening?" Damit ist "aus dem sozialen Netzwerk ... auch offiziell ein Nachrichtennetzwerk geworden", schließt die BLZ. +++ "Keiner hat wirklich eine Ahnung, aber keiner will die Klappe halten": Solche Peer Steinbrück-Formulierungen aus einer Rede über die Medien haben es der Süddeutschen angetan. Mehr über die Rede frei online: evangelisch.de. +++ Und alle schreiben "immer mehr...", diese "Zentralvokabel des Journalismus" (Jan Feddersen, TAZ). +++ Kai Diekmann unterhält sich mit Michael Hanfeld über den Kunst-Pimmel über Berlin und die TAZ. Diekmann fühlt sich an die Spät-70-Sexklamotten "Eis am Stiel" erinnert und sieht die TAZ in der "'Eis-am-Stiel'-Phase". Und die FAZ (das Blatt, in dem Uli Wickert gerade wortgewaltig und -reich sprachliche Schlampereien in ARD und ZDF bemängelte!), transkribiert: "'Eis-am-Stil'-Phase". +++ Mehr öffentlicher Binnenunfug des TAZ-Milieus: Wie Jony Eisenbergs Anwalt auch an die TAZ-Kriegsreporterin, "die blöde Helmtante" (dies.), einen Brief schrieb: in der neuen Kriegsreportage, in der nun - ausgerechnet zum Rückzug aus Russland! - G+J ziemlich unterrepräsentiert ist. +++ Mit Titeln von Büchern, die "Payback"-Käufer außerdem bei Amazon gekauft haben, leitet der TSP seine umfangreiche Rezension des Schirrmacher-Buchs ein. +++ Und das könnte dann noch Freunde des TAZ-Humors interessieren: "Mainz ärgere dich nicht". +++

 

Frisches Altpapier gibt's wieder am Donnerstag gegen 9.00 Uhr.

 

RSS-Feed erstellen:

Weitere Nachrichten: Altpapier