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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Donnerstag - Morgen ist St. Nikolaus-Tag

Veröffentlicht: 26 November 2009 09:31
Verändert : 26 November 2009 10:47

Brennpunkt Brender, mehr denn je. Geht es morgen 9:5 gegen ihn aus? Lohnt es doch wieder, Hoffnungen in die SPD zu setzen? Ausgerechnet die SPD?

Derart volle Dröhnung Brender (unser Symbolbild stammt von der Facebook-Gruppe "Brender muss bleiben!") heute, dass einiges sehr Interessante in den Altpapierkorb wandern muss.

Vorn drauf auf der Zeit, die heute optisch ganz im Zeichen ihres schier unglaublichen Leitbilds, ihrer Gründerin, der "Jahrhundertfrau", Marion "die Gräfin" Dönhoff steht, schreibt Anna Marohn den durchaus gräflich-präsidialen Leitartikel "Meins bleibt meins". Er beginnt und endet mit dem Satz "Man muss Roland Koch dankbar sein":

"...Er hat deutlich gemacht, dass sich die Politiker in den Gremien eben nicht zurückhalten, wie es geboten wäre, wenn es um Personen und damit auch um eine inhaltliche Ausrichtung der Sender geht. Er ist nicht allein, auch wenn andere vielleicht geschickter vorgehen. Es ist an der Zeit, ihn und seine stillen Mitläufer an den Schaltstellen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu entmachten."

Mit der Zeit ist im letzten Satz nicht die gleichnamige Wochenzeitung gemeint. Und: Man muss Koch dankbar sein? Das entstammt doch einer Josef Joffe-Glosse aus dem März, zeit.de erinnert dran und so auch daran, das fast alles längst schon gesagt und bloß großenteils auch wieder vorübergehend vergessen wurde.

Auch der große Leitartikel auf der Meinungsseite der Süddeutschen gilt dem Thema. "Robespierre beim ZDF" heißt er, und Achtung: "Robespierre" scheint hier nicht revolutionären Elan zu bedeuten und also positiv gemeint zu sein, vielmehr scheinen mit Robespierre Roland Koch (sowie, darauf legt Kurt Kister Wert) Edmund Stoiber gemeint zu sein.

Falls wir Kisters Artikel trotz der Kryptik, die man an der Süddeutschen so schätzt, verstehen, könnte ein zentraler Gedanke lauten:
"Unter den Machtausübern gibt es immer noch genug, die in Chefredakteuren oder Hauptabteilungsleitern so etwas wie SPD-Unterbezirkssekretäre oder CDU-Ortsverbandskassierer sehen. Leider leisten manche Journalisten diesem Denken Vorschub, weil sie sich vorauseilend so anpassen, wie es ihre Förderer aus der Staatskanzlei kaum zu erwarten wagen."

Noch ausführlicher: Hans Leyendeckers Artikel "Der Unbotmäßige" auf der Medienseite 17 (derzeit nicht frei online). Drei zentrale Sätze aus dem knapp 13.000 Zeichen umfassenden Text:

"Vermutlich wird es 9:5 gegen Brender ausgehen."

"Alle wissen: Die Stoiber-Leute haben mit Brender noch eine Rechnung offen, weil das ZDF im Bundestagswahlkampf 2002 angeblich zu häufig Gerhard Schröder und zu wenig Edmund Stoiber im Bild hatte."

"Schächter geht möglicherweise davon aus, dass die schwarzen Räte nach der Erledigung der Personalie Brender Ruhe geben werden, dass sie ihm für den Rest seiner Amtszeit bis 2012 viele Freiheiten lassen. Doch ... Gremien sind wie die Boa Constrictor, die Abgottschlange. Sie werden niemals richtig satt."

"Letztlich ist es ein Abwehrkampf, ein Wahren und Ausreizen von Privilegien, getragen von der Furcht, dass die großen Tage der Volksparteien gezählt sind. Vielleicht tun sich die 'unabhängigen' Grauen ja doch zusammen, vielleicht wagen sie eine verfassungsrechtliche Klärung", formuliert und hofft im Rahmen einer gewaltigen Brender-Laudatio auf Seite 3 des Tagesspiegel Bernd Gäbler.

"Warum aber zieht kein SPD-Land vor das Bundesverfassungsgericht, um gegen den umstrittenen ZDF-Staatsvertrag zu klagen? Weil sich die SPD-Leute möglicherweise selbst herausklagen würden?", fragt auch Leyendecker.

Vielleicht tun sie's ja doch noch, weiß die TAZ. Die "SPD-Medienkommission" - die in der SPD, die sich für Medienpolitik interessieren - "will Anfang Dezember auf einer Sondersitzung über die Verwaltungsratsentscheidung debattieren und sich hierbei vom Mainzer Rundfunkrechtler Dieter Dörr beraten lassen" - einem der 35 Verfasser des Verfassungsrechtler-Briefs aus der FAS.

Nicht verschwiegen werden soll Ulrich "Weckruf" Wickerts Einschätzung ("Ich bin aber überzeugt, dass Schächter und Brender auch juristisch sehr gute Chancen hätten", im Interview von Helge Hopp auf stern.de). Sowie ein O-Ton, den dwdl.de von Intendant Markus Schächter persönlich in New York einfing, wo er den Lebenswerk-Emmy (siehe Altpapier gestern) erhielt:
"Sie werden verstehen, dass ich über die Entscheidungen, die ich zu treffen habe, nicht im fernen New York philosophiere, sondern deutlich mache: Es geht um das ZDF, um die Zukunft des großen und wichtigen, jetzt auch hier in New York ausgezeichneten, Unternehmens."

Weil er gleich noch vorkommt, muss ferner der SPD-Politiker, Ministerpräsident und ZDF-Verwaltungsrat Matthias Platzeck zitiert werden, der einer DPA-Meldung (z.B. bei digitalfernsehen.de) zufolge erklärte: "Ich bin für die Rundfunkfreiheit auch in Personalfragen. Deshalb werde ich den Vorschlag des Intendanten unterstützen."

Im Freitag glaubt Dietrich Leder: "Vermutlich bleibt ...alles, wie es ist. Nur hat das ZDF bald einen Chefredakteur, der sich der Gnade Kochs ­sicher ist, und ­Nikolaus Brender wird ­heilig gesprochen", und würde aus diesen symbolischen Gründen die entscheidende Verwaltungsratssitzung vom morgigen Freitag gern um anderthalb Wochen verlegen: "Der 6. Dezember hätte besser gepasst als der 27. November". Das ist ja der kirchenkalendarische St. Nikolaus-Tag.

St. Nikolaus ist natürlich nicht zu verwechseln mit St. Niggemeier, der gestern daran erinnerte, dass die gleiche Diskussion anno 2002 schon wesentlich weiter war, als nämlich die damaligen SPD-Politiker Wolfgang Clement und Heide Simonis demonstrativ aus dem ZDF-Verwaltungsrat austraten, um "Ernst mit der Entpolitisierung" (Netzeitung damals) des Senders zu machen.

Ohne dass das mittelfristig geholfen hätte: Als die SPD den entsprechenden Verwaltungsratssitz turnusgemäß wiederbesetzen konnte, schickte sie "eine Person, die weder unabhängig noch politikfern noch sachkompetent war: Matthias Platzeck", der ja eben schon vorkam.

© Altpapier/ Christian Bartels

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+++ Mit St. Winterbauer, der sich bei meedia.de ebenfalls prägnant äußert ("Vergesst Nikolaus Brender!"), ist St. Nikolaus natürlich auch nicht zu verwechseln. +++ Vor lauter Brender kann das ziemlich lesenswerte Zeit-Dossier "Deutschland, entblättert" (S. 23-26) nun kaum gewürdigt werden, das mit dem typischen Atem der Zeit-Dossiers eine ausführliche Deutschlandreise unternimmt. Sie führt Anita Blasberg und Götz Hamann von Mecklenburg-Vorpommern (das im Sommer in ähnlicher Absicht ja schon St. Niggemeier bereiste) über das Büro des ebenfalls eben schon erwähnten Hans Leyendecker im 24. Stock des 28-stöckigen SZ-Redaktionshauses bis zu Bernd Buchholz von Gruner + Jahr ("Buchholz wirkt wie immer entspannt", flunkert die Zeit). Andres Theyssen aus der G+J-Wirtschaftspresse-Gesamtredaktion kommt wegen seines Auftritts beim Pressesprecher-Kongress ("Verkaufen Sie uns eine Geschichte. Offerieren Sie einen Artikel. Wenn Sie eine Person unterbringen wollen, liefern Sie die Message gleicht mit, den Nutzwert für uns", zitiert ihn die Zeit) besonders schlecht weg. Das Holtzbrincksche Handelsblatt kommt etwas besser weg, obwohl dessen grenzwertige aktuelle Werbekampagne auch sehr gut gepasst hätte. +++ Ebenfalls Station machen die Zeit-Reisenden bei Konstantin Neven DuMont ("Er legt die Fingerspitzen zusammen, breitet sie aus, wischt über den Tisch seines Büros, legt die eine Hand hierhin, die andere dorthin. Was er da tut, hat noch keine Form. Und was er sucht, auch nicht."). Mehr Neven DuMont frei online bei Thomas Knüwer, der nun nicht mehr beim Handelsblatt bloggt: "Das war kein Spaß, Herr DuMont? Es war eine Karnevalsveranstaltung gebenüber dem, was Sie in den kommenden Jahren erwarten wird." "Dies sind nicht die Zeiten, um Spaß zu haben. Es sind ernste Zeiten, gerade für klassische Medien"... +++ Mehr Medienkrieg: Rupert Murdochs Versuch, "entgegen jeglichem konventionellen Denken zu beweisen, dass man Qualitätsjournalismus im Internet rentabel betreiben kann", schildert der Tagesspiegel, u.a. auf Basis eines Michael Wolff-Artikels auf newser.com ("... The Google boys don’t laugh at my Uncle Rupert. They’re afraid of him, like everybody else..."). +++ "The biggest write-off of on-the-scene domestic news coverage by any major paper yet": gawker.com über die Schließung der Washington Post-Büros in Los Angeles, Chicago und New York. +++ Twitter und Facebook streben an die Börse, und die FTD versucht sich als Analyst. +++ FAZ-Medienseite: Sarah Palin im US-Fernsehen, Schauspielerin Lavinia Wilson im deutschen ZDF. +++ "Publizistisches Aushängeschild" nennt meedia.de den Sender N 24 - aber nur in dem Kontext, dass die hochverschuldete ProSiebenSat1 sich ein solches wohl sowieso nicht mehr leisten möchte: "Dunkle Wolken über Infosender N24". +++ Das Interview mit der BR-Fernsehspielchefin Bettina Reitz "über Kreativität, Kontrolle und den Fall Doris Heinze", das die BLZ heute bringt, stand vor einer Woche im Kölner Stadtanzeiger. +++ Einstweilen exclusiv in der BLZ: ein Bericht über den Auftritt des "neuen starken Mannes für Medienfragen bei der Bundesregierung", Hans-Joachim Otto, vorgestern (siehe Altpapier gestern). +++ Hin und zurück geht's bei Springers Einstieg in der Türkei (HB). +++ In puncto Personalien auch nicht leicht hat's die (ohnehin staatliche) Rundfunkanstalt RTVE in Spanien. Ihr neuer Chef Alberto Oliart war unter General Franco "Staatsanwalt am obersten Gerichtshof und später Industrie-, Gesundheits- und dann Verteidigungsminister" und ist damzufolge "älter als das Fernsehen" selbst, nämlich 81 (TAZ).
 

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