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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Freitag - Out of Workuta

Veröffentlicht: 27 November 2009 08:49
Verändert : 27 November 2009 11:25

Alles schaut nach Mainz. Nur die WAZ stärkt Qualität in Erfurt - und setzt Sergej Lochthofen, den charismatischen Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen ab.

Was ein Timing!

Da schaut heute alles gebannt nach Mainz, da kämpft die um Unabhängigkeit bedachte Medienrepublik um ihr Gesicht, das auf dem Hals von Nikolaus Brender sitzt (hotteste letzte News weiter unten), da haben wir noch das Bild vor Augen, mit dem die gestrige Zeit das Schwinden einer kritischen Öffentlichkeit in Anklam beschreibt -

und dann platzt die WAZ dazwischen und setzt bei der Thüringer Allgemeinen Chefredakteur Sergej Lochthofen ab.

In der offiziellen Darstellung auf der TA-Website ist das eine Erfolgsmeldung:

"Paul-Josef Raue (59), Chefredakteur der 'Braunschweiger Zeitung', übernimmt zum Jahreswechsel die Leitung der ebenfalls zur WAZ Mediengruppe zählenden 'Thüringer Allgemeinen' (TA) mit Sitz in Erfurt. Der langjährige TA-Chefredakteur Sergej Lochthofen (56) soll nach dem Wunsch der Geschäftsführung eine andere Aufgabe innerhalb der WAZ Mediengruppe übernehmen, die seinen Kenntnissen und Fähigkeiten entspricht."

Nur Spaßvögel könnten einwenden, dass Lochthofens Kenntnissen und Fähigkeiten vor allem eines entspreche: die Chefredaktion der größten Zeitung Thüringens.

"200.000 Exemplare der Thüringer Allgemeinen werden täglich gedruckt. Die Zeitung gewinnt jährlich Preise für Fotografien oder Design. Der Chefredakteur ist bei Nachrichtensendern als Interviewpartner gefragt, weil er schon kurz nach 7 Uhr druckreife Sätze spricht. Er saß lange im Presserat, ist Dauergast im Presseclub der ARD, den andere Chefs von Regionalzeitungen nur aus dem Fernsehen kennen. Er ist gefragt, weil er konfrontativ ist."

Kann man etwa in einem beileibe nicht unkritischen TAZ-Artikel des vormaligen TA-Redakteurs Kai Schlieter aus dem Sommer dieses Jahres lesen. Was immer man von Lochthofen halten mag – man kann ihm schlecht vorwerfen, dass er nicht für eine Berufsauffassung stünde, die hierzulande an Sonntagen hochgehalten wird, an denen es darum geht, anderen Ländern und Zeiten zu erklären, warum das mit dem unabhängigen Journalismus so eine dufte Sache ist.

Wie zum Beweis seiner Unerschrockenheit hat Lochthofen sich über den Umstand, dass mit ihm auch seine Frau und Stellvertreterin Antje-Maria Lochthofen gehen muss, der FAZ gegenüber etwa so geäußert:

"'Ich hätte nicht gedacht, dass diese Art Sippenhaft wie in der Stalin-Zeit in unserem Land möglich ist. Das geht nicht.'"

Vergleich hin oder her, immerhin weiß der 1953 in Workuta geborene Lochthofen, wovon er spricht, sein Vater war der Kommunist Lorenz Lochthofen.

"1930 kommt er aus Dortmund in die Sowjetunion und arbeitet als Bergwerksschlosser ein Jahr in einem Schacht am Donbass, einem großen Steinkohlegebiet in der Ukraine. Er studiert Journalismus in Moskau, 1935 schickt ihn die KPD an die kommunistische Universität in Engels, wo er Politökonomie lehrt. Schließlich arbeitet er bis 1937 als Redakteur bei der deutschsprachigen Zeitung Nachrichten... Ein Gericht verurteilt ihn 1938 zu acht Jahren Zwangsarbeit in Workuta, einem der schlimmsten Gulags. Erst 1947 darf er das Arbeitslager verlassen, danach kommt die Verbannung. 1956 wird er von einem Gericht in Saratow rehabilitiert, im November 1958 darf er in die DDR ausreisen. 1963 wird er schließlich auf dem VI. Parteitag der SED ins Zentralkomitee berufen."

Ist wiederum dem TAZ-Text zu entnehmen. Die Gründe für Lochthofens Absetzung sind ihm selbst nicht genannt worden, wie er gegenüber Spiegel-Online erklärt hat:

"Mit der wirtschaftlichen Situation der 'Thüringer Allgemeinen' könne seine Entlassung nicht begründet werden, meint Sergej Lochthofen: 'Im Gegensatz zu den nordrhein-westfälischen Titeln der WAZ-Gruppe stehen wir gut da.' Das Unternehmen wollte diese Behauptung nicht kommentieren."

Gründe? Da war doch was am Ende von Schlieters Portrait:

"Doch auch die Macht des Chefredakteurs schwindet...Anfang dieses Jahres ist die WAZ in die Mitarbeiter-Beteiligungs-GmbH eingestiegen. Die Konzernzentrale aus Essen hat Klaus Schrotthofer als Geschäftsführer in Thüringen installiert. Einen Westdeutschen, der selbst Chefredakteur war. Der vorherige Geschäftsführer pfuschte Lochthofen nicht ins Handwerk. Mit Schrotthofer aber sind die Arme der Krake WAZ auch in der Redaktion in Thüringen zu spüren. Intern heißt Schrotthofer 'Das Auge von Mordor'. In Tolkiens 'Herr der Ringe' spioniert das Auge für den bösen Sauron Mittelerde aus."

Klingt spekulativ. Halten wir uns lieber an die offizielle Erklärung auf der TA-Seite:

"Der Wechsel an der Spitze der größten Thüringer Tageszeitung ist Teil eines bereits seit längerem andauernden umfassenden Erneuerungsprozesses...Der für die Redaktionen zuständige ZGT-Geschäftsführer Klaus Schrotthofer (43) kündigte an, zusammen mit Paul-Josef Raue die Einführung innovativer Redaktionsstrukturen in Thüringen fortzusetzen. Dabei soll die lokale und regionale Kompetenz der 'Thüringer Allgemeinen' gestärkt und die Vielfalt der Zeitungstitel in Thüringen erhalten werden."

Wer sagt's denn: Erneuerung, innovativ, fortsetzen, Kompetenz, stärken, Vielfalt – da kann keiner was gegen haben.

Und so freuen wir uns mit der WAZ, "dass mit Paul-Josef Raue einer der erfahrensten und renommiertesten deutschen Chefredakteure nach Erfurt wechselt. Erst vor wenigen Wochen hatte er aus der Hand des Bundespräsidenten den Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung für sein Konzept der 'Bürgerzeitung' erhalten."

Noch Fragen, Hauser?

Ja, Kienzle. Wer ist denn dieser Paul-Josef Raue, der Preise aus der Hand des Bundespräsidenten erhält?

Raue, der mit Wolf Schneider "Das neue Handbuch des Journalismus" (Standardwerk!) herausgeben hat, kennt das Schicksal seines Vorgängers. Bei der Bauer-Zeitung Magdeburger Volksstimme ist er einst "in freundlicher Atmosphäre" als Chef entlassen zur "Braunschweiger Zeitung" gewechselt.
[korrigiert um 11.24 Uhr: Die Volksstimme gehört nicht zur WAZ-Gruppe; danke für den Hinweis, A.]

Das ist einem Beitrag unter Raues Wikipedia-Eintrag zu entnehmen, der der Redaktion der Thüringer Allgemeine Lust auf mehr machen wird. Da heißt es aus einem Betriebsratsbericht über Raues Tätigkeit bei der "Volksstimme":

"Das Wirken von Paul-Josef Raue brachte das Betriebsklima auf einen bisher unbekannten Tiefpunkt; er verschüttete jegliche Motivation."

Komisch, dabei "setzte Raue die schon in seine Vorgänger gesetzten Erwartungen Bauers zum Personalabbau in der Redaktion weiter konsequent um."

Die TAZ dokumentiert entsprechend freudige Reaktionen aus Erfurt:

"Die Mitarbeiter rechnen nun mit einem radikalen Sparkurs wie im Westen gesehen, wo sich die WAZ-Titel von einem Drittel ihrer Redaktionsmitarbeiter trennt. "Jetzt wird dieses sensationelle Erfolgsmodell auch über uns hereinbrechen", fürchtet man in Erfurt."

Mut macht der Leserkommentar unter dem Welt-Online-Artikel zum Thema von Dr. med. Dietrich Meyer-Beeck:

"Die Erfurter können sich jetzt auf gepflegte Langeweile freuen, seriös im Auftritt, leider mit einem Hang zum Boulevard. Der geschmeidige Herr Raue wird es schon richten. - Ein langjähriger Leser der Wolfsburger Nachrichten."

Apropos Timing: Am 13. Januar feiert die Thüringer Allgemeine (ehemals "Das Volk") ihren 20. Geburtstag. Sie war die erste der vormaligen SED-Bezirkszeitungen, die sich für unabhängig erklärte. Neuer Chefredakteur wurde damals Sergej Lochthofen.

© Altpapier/Matthias Dell

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