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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Montag - Elchkritiker im Spagat

Veröffentlicht: 30 November 2009 09:23
Verändert : 30 November 2009 11:14

Zwischen Berlusconi-Land und Karlsruhe: Mediendeutschland nach der Brender-Entscheidung

Am Freitagnachmittag ging die gespannt erwartete geheime Abstimmung im 14-köpfigen ZDF-Verwaltungsrat zur Brender-Frage nicht wie überwiegend angenommen mit 9:5 Stimmen gegen Brender aus. Sondern mit sieben zu sieben (wobei aber auch ein 8:6 für Brender die erforderliche Drei-Fünftel-Mehrheit noch nicht erbracht hätte).

Wer etwas vom Spirit mitbekommen möchte, der im ZDF-Hauptstadtstudio herrschte, und nicht zu ungeduldig ist, wird bei Carta mit Videos gut bedient. Ansonsten geben den besten Überblick über das, was seitdem geschah, Agenturtext-Montagen wie diese.

Erwartungsgemäß herrscht professionell kanalisierte Nischen-Aufregung, häufig geäußert von Elchen und Kritikern in Personalunion (falls junge Leser die Metapher nicht verstehen: hierauf bezieht sie sich).

Den Gipfel der Aufregung erklomm direkt am Freitag SPON mit der Überschrift "Deutschland ist jetzt Berlusconi-Land": "Dem ZDF ist das Rückgrat gebrochen. Von jetzt an wird ein ZDF-Zuschauer, der sich nicht veralbern lassen will, nicht mehr davon ausgehen können, dass ein ZDF-Journalist unabhängig ist", schreibt Print-Spiegel-Redakteur Markus Brauck, als wären ZDF-Journalisten just im Moment noch ungeheuer unabhängig (und als wäre Roland Koch, auf unserem Foto rechts neben Kurt Beck zu sehen, ein Medienzar).

Wo Brauck dann recht hat: "Wo waren die Sozialdemokraten, die den Fall Brender nicht nur parteitaktisch ausnutzten, sondern den Mut aufbrachten, das ganze System per Verfassungsklage auf den Prüfstand zu stellen?"

Der in Mediendingen führende Sozialdemokrat Kurt Beck sah immerhin nach der Sitzung des ZDF-Verwaltungsrats "abgekämpft" aus: "Aber er schaffte noch den Spagat, sich einerseits rechtliche Schritte gegen das Votum des Verwaltungsrates 'vorzubehalten', andererseits aber deutlich denjenigen zu widersprechen, die solche Schritte für unausweichlich halten" (Stefan Niggemeier, FAS).

Den gleichen Spagat vollführt Beck ähnlich im Interview des gedruckten "Spiegel". Auf die Frage, ob die SPD eine Klage beim Bundesverfassungsgericht unterstützen werde, sagt er:

"Ich schließe eine Klage nicht aus, aber sie löst das Problem nicht..."

Und auf die Frage, ob Politiker aus den Gremien der Rundfunkanstalten "raus" sollten:

"Man muss sich die Frage stellen, ob die Gesellschaft wirklich genug repräsentiert ist, wenn so viel Politik am Kontrolltisch sitzt. Aber eine Klage könnte schlimme Folgen haben. Die Politik wäre dann zwar draußen, aber über Umwege wäre der politische Einfluss viel intensiver als je zuvor. Niemand wäre in solch einem Spiel identifizierbar, und niemand würde Verantwortung übernehmen.“

Sollten die Gremien einfach vergrößert werden, damit auch mehr Nichtpolitiker hineinpassen?

Was Beck meint, eruiert Christian Rath in der TAZ: "Das eigentliche Problem der ZDF-Gremien ist wohl eher, dass sich auch die Vertreter der gesellschaftlichen Interessen, vom Handwerk bis zu den Naturschützern, meist den 'Freundeskreisen' von Union oder SPD anschließen. Dies zeigt aber auch, wie schwierig es ist, den Einfluss von Staat und Parteien objektiv zu bestimmen und zu begrenzen. Möglicherweise wird sich Karlsruhe bei der Prüfung des ZDF-Vertrags deshalb eher zurückhalten."

Die Frage, ob diese Klage in Gang und also Karlsruhe zu Wort kommt, bleibt die relativ spannendste in der Sache. Ab Dezember wäre zum Start im Bundestag dafür nur noch "ein Viertel der Parlamentarier erforderlich, also 156 Abgeordnete. Doch hat bisher nur die Linksfraktion (76 Sitze) Interesse am Vorstoß der Grünen (68 Sitze) erkennen lassen. Für eine Klage bräuchte man noch mindestens 12 Unterstützer aus den Reihen von FDP und SPD."

Dazu die Grüne Renate Künast im BLZ-Interview: "Es geht nicht nur um Fraktionen, sondern um die einzelnen Mitglieder des Bundestages. Insofern werden wir auch die Mitglieder von CDU, CSU und FDP ansprechen. Gerade die FDP sieht sich ja als Hüter der Bürgerrechte, insofern gehe ich davon aus, dass auch sie Flagge zeigen wird."

Es gibt sogar in CDU, wenngleich wohl nicht im Bundestag, Sympathie dafür, wie wiederum die TAZ am Beispiel der Europaparlamentarierin Ruth Hieronimy belegt. Aber mit der FDP ist das auch so eine Sache.

Deren Vertreter Burkhardt Müller-Sönksen hat mit dem Koch-Vorwurf "Testosteron-Attitüde" zwar ein breit gestreutes Zitat gelandet. Gegenüber der WAMS geht aber auch er in eindrucksvolle Spagate: "Die Causa Nikolaus Brender ist längst zur Causa Beuteaufteilung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks unter den großen Parteien geworden“, sagt er.
Denkt doch bitte auch an die kleinen Parteien!

Erste Konsequenz: "Die Liberalen werden, insbesondere auf Länderebene, in Zukunft darauf achten, dass ein Abstimmungsverhalten, ähnlich der Bundesratsklausel in Koalitionsverträgen, abzusprechen ist."

Abgeklärt in die Zukunft schaut im Rundschau-Kommentar Daland Segler:

"Die Folgen? Es wird keine Folgen geben. Es wird ein Geschrei sein in der Öffentlichkeit, die Medien (wir) werden schreiben, dass nun brutalstmöglich klar geworden ist, dass das mit der Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein schaler Witz ist (was schon vorher wahr war), Nikolaus Brender wird auf die Füße fallen, ein Nachfolger bald gefunden sein. Dessen Kür wird das Thema noch einmal hochkochen lassen, und dann ist Ruh’."

© Altpapier/ Christian Bartels


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+++ Brennpunkt Erfurt (siehe Altpapier vom Freitag), bzw. "Erfurt gegen Essen" wie die SZ ihre Meldung überschreibt, dass die Thüringer Allgemeine ihren Chefredakteur Sergej Lochthofen behalten möchte. Die TA selbst würdigte Lochthofen durch ihren Feuilletonchef Sigurd Schwager und in Leserstimmen. In eindrucksvollen Spagat ging ferner Geschäftsführer Klaus Schrotthofer im Interview des eigenen Blattes. +++ Zurück zum Brennpunkt Brender/ Koch. In der heutigen FAZ passiert etwas ganz Erstaunliches, das zum Zusammenwachsen von Holz- und digitalen Medien vielleicht entscheidend beitragen wird: Michael Hanfeld greift zum "ich" (in der Online-Fassung: sechster. Absatz). +++ Ansonsten geht er, völlig zurecht, d'accord mit dem RTL-Vertreter Tobias Schmid, den die SZ in ihrer heutigen Umschau zitiert ("Das ZDF bedient sich bei allen Themen - von Werbung nach 20 Uhr, genannt Sponsoring, über ZDF Neo bis hin zur Schleichwerbung - der Politik als Schutzschild. Wer glaubt, das koste keine Gegenleistung, ist naiv"). +++ Carta ärgert sich über Infografiken in öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen. +++ Ein bisschen Spaß muss auch sein. Die TAZ, die die ganze Geschichte gerade erst als Brettspiel erzählte, erzählt sie nun als Märchen vom tapferen Schächterlein (und damit ist nicht Roland Koch gemeint, der die Rundfunkfreiheit geschächtet hat). +++ Erich Böhme ist tot. Im Süddeutschen schreiben die Chefredakteure die Nachrufe: online Hans-Jürgen Jakobs ("Er war einer, der ruhig, ironisch die Dinge verfolgte - um dann final zuzuschnappen"), auf der gedruckten Medienseite Hans Werner Kilz ("Jetzt sind sie allesamt tot, gestorben innerhalb weniger Jahre. Drei große Journalisten, die Freunde, Wegbegleiter, Kollegen und Konkurrenten waren: Rudolf Augstein, Günter Gaus und Erich Böhme"). +++ ""Was sich ein eitler Mensch wie er auf dem Grabstein wünsche, ist er einmal gefragt worden: 'Möglichst nicht das Geburtsdatum'“ (Peter Pragal auf der BLZ-S. 3). Vielleicht ja "Ich bin" bzw. war "ein unheilbarer Journalist“, wie die FAZ ihn zu zitieren weiß. +++ Siehe auch TSP. +++ +++ Während der Focus (hier verkürzt) schildert, wie der Ingolstädter Verleger Georg Schäff wg. "Streetview“ Google attackiert, verfasst Gabor Steingart im Spiegel (S. 120ff) ein Dramolett über Rupert Murdoch: "Der Medienzar ... verweigert sich nicht der Realität, er bekämpft sie. US-Präsident Obama ist ihm zu links, Google zu mächtig. Gegen beide lässt er seine Blätter und Sender antreten." Ende: "An manchen Tagen hat es den Anschein, als ob die Welt des Rupert Murdoch gerade untergehe." +++ "Im Wettkampf mit [Kai] Diekmann wirkt sie wie jemand, der versucht barfuß einem Ferrari hinterherzurennen", so Thomas Hüetlin im Spiegel (S. 184ff) über Ines Pohl, und zwar im Bericht über den "bizarren Kulturkampf" zwischen TAZ und Springer wg. des Pimmels über Berlin. Offen bleibt die Frage, wo sich in diesem Wettrennen, falls es das gibt, die Herren Mascolo und von Blumencron befinden. +++ Die FAZ testet ein Wochenblatt für junge Leser, der Focus enthüllt dazu (nur gedruckter paid content) Dummy-Ansichten. +++ "Solange man in den Medien arbeitet, sollte man mitgestalten, Gas geben oder bremsen, ganz egal, aber sich in jedem Fall aktiv einbringen. Wenn es dann vorbei ist: Mund halten. Ruhestand heißt ja nicht zufällig Ruhestand. Nachträgliche Klugscheißereien ringen mir im besten Fall ein müdes Lächeln ab" (Günter Struve im So.-TSP über Uli Wickert). +++ Andreas Fritzenkötter scheidet vom Bauer-Verlag wegen "unterschiedlicher Auffassungen über die Weiterentwicklung der Öffentlichkeitsarbeit". "Worin diese ...bestehen, soll man Fritzenkötter aber nicht gesagt haben", weiß Kai-Hinrich Renner in der Abendblatts-Kolumne "Medien-Macher". +++ "Menschen & Medien" in der WAMS gibt's auch immer noch. Dort schlägt Matthias Wulff als Cicero-Chefs u.a. Ines Pohl (!) und Nikolaus Brender (!) vor. +++ "Das vierzig Jahre alte Internet ist offenbar immer noch nicht alt genug, dass sich Legislative und Exekutive darüber klargeworden wären, was für ein Wechselbalg da auf die Menschheit losgelassen wurde. ... (FAZ-Kommentar, S. 10 zu Horst Köhlers Nichtunterschreiben des sog. Zugangserschwerungsgesetzes). +++
 

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