Altpapier vom Dienstag - Glanz und Tragik von 3sat
| Veröffentlicht: | 1 Dezember 2009 09:18 |
| Verändert : | 1 Dezember 2009 10:26 |
Ach, 3sat. Ausgerechnet zur großen Kleinkunst-Geburtstagsgala mitten in Berlin mehren sich Signale, dass der sympathische Zettelkastensender ausgekippt werden könnte.
"Wenn ich Sie jetzt naiv wie ein Kind fragen würde", hebt ein ungenannter Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Kulturnischensenders 3sat an, "was ist 3sat, wie würden Sie mir das erklären?"
Und Dr. Gottfried Langenstein, seines Zeichens Vorsitzender der 3sat-Geschäftsleitung und Direktor Europäische Satellitenprogramme beim ZDF, aber auch amtierender Arte-Präsident, zieht den von ihm aus gesehen linken Mundwinkel leicht nach oben zu einem faszinierenden Lächeln und erklärt:
"Ein aufregender Sender, den vier Fernsehsender aus drei deutschsprachigen Ländern betreiben: Deutschland, Österreich und die Schweiz. Vor allem aber ein Sender, der ungewöhnliches und geistig erfrischendes Fernsehen macht."
Am heutigen 1. Dezember feiert dieses 3sat seinen 25. Geburtstag, und zwar aus irgendeinem Grund mit einer kleinkünstlerischen Kabarettgala in Berlin. Insofern richten sich, nachdem gestern bereits das ZDF-"heute-journal" einen für naive Kinder gewiss interessanten Geburtstags-Crosspromo-Beitrag sendete, die Blicke zumindest der Berliner Blätter auf den hauptsächlich in Mainz ansässigen Sender und sein Jubiläum.
In der TAZ erinnert Daniel Bouhs an den Rat, den der damalige ZDF-Intendant Dieter Stolte der Neugründung seinerzeit auf den Weg gab: "Wenn ihr am Abend mehr als 3 Prozent holt, schalten wir euch ab!" Wer 3sat ein wenig kennt, weiß, dass es dem Sender nie in den Sinn käme, solch gründerväterlichen Rat in den Wind zu schlagen. "Mit einem Marktanteil von 1,1 Prozent feiert der Sender neben seinem Geburtstag die beste Quote überhaupt."
Insofern wäre noch viel Spielraum für organisches Wachstum in den kommenden Vierteljahrhunderten und alles prima. Doch wer z.B. an dieser Stelle öfters den Altpapierkorb durchstöbert, könnte gerade kürzlich auf Meldungen wie "Geburtstag im Zeichen der Krise" (Der Standard aus dem 3sat-Land Österreich) gestoßen sein. Und in der Tat:
"Es ist schon tragisch..." (BLZ, FR, s.u.) bzw.: "Es ist eine Ironie der Geschichte, dass nun, an der Schwelle einer neuen, der digitalen Medienwelt offenbar gerade 3sat als Steinbruch für die nächste Exoten-Generation dient", schreibt Thomas Gehringer im Tagesspiegel. "Das Jubiläum, so scheint es, läutet den Abgesang ein". Dann erläutert er mit Zahlen aus der Funkkorrespondenz (nicht frei online, schließlich zählt die FK zu den funktionierenden paid content-Angeboten im deutschen Web), dass 3sat bis 2012 "nur noch 74,4 statt 98,8 Millionen Euro... zur Verfügung" stehen.
Im Interview mit der FAZ vom vergangenen Freitag (auch nicht frei online) bemühte sich der eloquente Gottfried Langenstein solche Befürchtungen zerstreuen ("Ich glaube nicht, dass die Tage von 3sat gezählt sind. ... Jetzt werden lediglich die Fremdkosten zu einem Teil aus dem Etat von 3sat in denjenigen des Theaterkanals verlagert. In summa steht genauso viel Geld zur Verfügung wie zuvor"). Und wer würde bezweifeln, dass solch Kosten-Umtopfung in den Rundfunkanstalten reine Routine ist.
Doch schließt der TSP heute: "Was das für die praktische Arbeit im 3sat-Biotop auf dem Lerchenberg bedeutet, darüber herrscht große Unsicherheit."
Naja, es wird vermutlich bedeuten: mehr von dem, was 3sat ohnehin schon ist, Klaudia Wick (BLZ, FR) zufolge: "ein Sender wie ein Zettelkasten: Jeder wirft etwas hinein, das woanders noch nicht oder nicht mehr Platz findet."
Wick also findet "tragisch, dass ausgerechnet der Digitalsender ZDFneo nun der Zukunft von 3sat so zu schaffen macht." Solch ungewöhnliches, geistig erfrischendes Fernsehen, wie es das ZDF selbst selten sendet und daher in Satelliten- und digitalen Nischen umso lieber ausprobiert, ist Neo ja auch. 3sat sei "ein wenig konturiertes Nischenprogramm." "Und so wird eines Tages selbst der schönste Zettelkasten umgedreht, ausgekippt und aufgeräumt".
Die journalistische Sorgfalt gebietet zu erwähnen, dass die zuständigen Hierarchen, ZDF-Intendant Markus Schächter, ARD-Vorsitzender Peter Boudgoust, ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und SRG/ SSR-Verwaltungsratspräsident Jean-Bernard Münch inzwischen eine "Berliner Erklärung" verabschiedet haben ("3sat wird in den kommenden Jahren für seine Zuschauerinnen und Zuschauer ein wertvoller und verlässlicher Begleiter sein, der anspruchsvolles Qualitätsfernsehen auf der Höhe der Zeit präsentiert. ... ihr Engagement für dieses Gemeinschaftsangebot konsequent fortführen und weiterentwickeln"), die sich zwar unter den sonstigen Berliner Erklärungen noch erst durchsetzen muss, aber vielleicht ja schon bald neben Hamburger Erklärung, Heidelberger Appell und Internet-Manifest stehen wird.
Wer sich dafür interessiert, könnte heute 3sat gucken. Außer Kabarett schenkt der Sender "seinem Publikum zum Geburtstag eine Intendantenrunde (22 Uhr 25). Daraus spannendes Fernsehen zu machen, dürfte selbst für die flotte Katrin Bauernfeind eine Herkules-Aufgabe werden" (TSP).
Wobei Markus Schächter im Lichte der Brenderdebatte derzeit ja eine sehr gefragte Persönlichkeit ist. Damit geht es, nach einem Schlenker über Erfurt, in Kürze weiter im Altpapierkorb.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
Altpapierkorb
+++ Die Thüringer Allgemeine hat online eine eigene Überblicksseite zur Abberufung ihres Chefredakteurs Sergej Lochthofen (siehe Altpapier) durch die WAZ eingerichtet. Laufend kommen neue Lesermeinungen (z.B.: "Wirtschaftliche Entscheidungen sollten stets auch vor dem Hintergrund von Ethik und Moral getroffen werden. Nur so zeichnen wir in einer sozialen Marktwirtschaft ein positives Unternehmerbild auch für künftige Generationen", mahnt der Präsident der IHK Erfurt an) hinzu. +++ "Die hochgradige Erregung in der Redaktion über den Rauswurf Lochthofens kennt wohl, neben der zum Teil sehr persönlichen Emotionalität, noch einen anderen Grund: Es ist das Ende der Illusionen", schreibt Henryk Goldberg, bereits zu DDR-Zeiten renommierter Filmkritiker, nicht ohne eigene persönliche Emotionalität, auf freitag.de. Einen Lageüberblick bietet die TAZ. +++ Zum ZDF. Es gibt dort nicht bloß Verwaltungs- und Fernsehrat, sondern natürlich auch einen Personalrat. Dessen Vorsitzender Edgar Rößler lässt verlauten: "Der künftige Chefredakteur wird, wie alle Kolleginnen und Kollegen im ZDF, auch in Zukunft ein unparteiisches und von politischen Interessen unabhängiges Programm machen" (TAZ). +++ Woher Rößler das weiß - unklar. Schließlich ist der künftige Chefredakteur selbst noch unbekannt. Einen Kandidatennamenüberblick gibt Ralf Mielke in der BLZ. Allen Namen voran geht weiterhin Peter Frey ("im Sender und in der Politik gleichermaßen gut vernetzt und ...über die Parteigrenzen hinweg geschätzt" - zumindest bis zur Parteigrenze der Linkspartei, die freilich bei Postenbesetzung vorerst keine große Rolle spielt). "Die Bild am Sonntag nannte darüber hinaus noch Zeit-Chefredakteur Giovanni Di Lorenzo und Ex-Spiegel-Chef Stefan Aust." +++ Die Süddeutsche schreibt jetzt auch mal ausführlich auf, unter welchen Umständen es zu einer Normenkontrollklage kommen könnte und endet in dem Orakel: "Wenn man [Markus]Schächter allerdings richtig versteht, glaubt er in der Machtfrage mit der Politik an eine politische Lösung. Das wäre eine Lösung alter Schule." (S. 15). +++ Gerade kommt ein neuer ZDF-Imagetrailer rein. +++ Der "gewiefte Sitzungsroutinier, Aktenfresser" und SPD-Politiker Reinhard Grätz ist nicht mehr dabei, dafür wollen "Graue“ wie Friedhelm Wixforth an die Macht: Der KSTA berichtet über einen "Umbruch" im WDR-Rundfunkrat. +++ Die Kölnische Rundschau ist verlagsmäßig mit dem KSTA verbandelt, macht noch einen eigenen Zeitungsmantel, aber nicht mehr lange. Bald übernimmt das der Bonner General-Anzeiger. Wie Herausgeber Helmut Heinen seine Belegschaft damit "eiskalt überraschte", schildert die FAZ (S. 35; frei online bei kress.de). Umso interessanter, weil Heinen auch Präsident des Zeitungsverleger-Verbandes BDZV sowie an der BLZ beteiligt ist. +++ "News, Videos, Bilder, das Wetter" , aber auch Wissenstests, Rechner für Tagesgeld-Vergleich und Renditeberechnung, oder ein ganzes Spiegel-Heft: Der TSP informiert über Verlagsangebote auf dem iPhone. +++ Zwölf Zeitungen in Katalonien haben den identischen Leitartikel "Die Würde Kataloniens" veröffentlicht, berichten ein längerer Artikel auf der FAZ-Medienseite und ein offenbar heftig gekürzter auf der SZ-Medienseite (jeweils nicht frei online). +++ Die FAZ geht ferner dem "Welterfolg der zivilen Militärserie 'Navy CIS'“ nach, die SZ gibt einen Überblick über Epigonen der Zeitschrift Landlust (Liebes Land, LandIdee, Landleben, und Burda ließ "sich jetzt den Titel Landglück schützen"). +++ Im Internet kooperiert Burda mit der Telekom (FAZ-Netzökonom). +++ "Killt die Gema die Video-Portale?" (TSP gestern).
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
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