Altpapier vom Mittwoch - Zeitgeist in der Nudelfabrik
| Veröffentlicht: | 2 Dezember 2009 09:06 |
| Verändert : | 2 Dezember 2009 09:44 |
Es spukt auf deutschen Medienfluren, der Zeitgeist geht um und fragt: Nachrichten? Braucht es die denn unbedingt (siehe Symbolfoto)?
Die Kategorien "Schnellst wachsende Suchbegriffe", "Meist gesuchte Personen", "Die häufigsten Suchbegriffe", "Beliebteste Bildersuchen" sowie "Beliebte Produkte", in die Google sein "Zeitgeist 2009"-Ranking unterteilt, sind wahrlich nicht schwer zu verstehen.
Aber "Meist gesuchte Nachrichten"?! Verstand man unter einer Nachricht nicht eigentlich dieses Zeug, das man per definitionem gar nicht kennen und folglich unmöglich bei Google googlen konnte, weil´s dann gar keine Nachricht mehr gewesen wäre?
Egal, die posthumen Handlungsanweisungen sind jedenfalls deutlich: Wer im fast schon vergangenen Jahr nach Aufmerksamkeit begehrte, dessen Nachrichten hätten am besten von 1. schweinegrippe, 2. michael jackson, 3. lotto, 4. windows7, 5. dsds, 6. iphone, 7. abwrackprämie, 8. handball wm, 9. eurovision 2009 und 10. opel handeln sollen. Oder kurz gesagt: von Toten und falschen Hoffnungen.
Davon handeln ohnehin alle? Na dann bleibt wohl nurmehr die Frage: Wozu braucht es überhaupt noch Nachrichten?
Womit wir, was uns so umstandlos wohl noch nie gelang, bei Thomas Ebeling wären, denn der hat vor nicht allzu langer Zeit im Interview mit der SZ eine kaum weniger unanständige Frage gestellt. "Die Frage lautet: Wie differenziert man sich, damit das Nachrichtengeschäft profitabel ist?" Was ungefähr so viel bedeutet wie: Nachrichten?! War das nicht diese Cashflow-Verstopfung zur besten Sendezeit? Diese Verunmöglichung der geschmeidigen Integration von Werbekunden?
"Eine interessante Frage." Urteilt Christopher Keil entsprechend lakonisch – er hat Ebeling wohl ähnlich verstanden: "Er glaube nicht, soll Ebeling mitgeteilt haben, dass mit Nachrichten noch etwas anzufangen sei. Er bezog sich dabei wahrscheinlich auf die finanziellen Aspekte." – in seinem heutigen Artikel (SZ, S.15) über den Spar- bzw. Wachstumszwang (alles nur eine Frage der Perspektive) von P7S1. In dem sich außer jener Selbstreferenzialität, das wollen wir hier keinesfalls verschweigen, auch das schöne, aber leider nicht näher begründete Zitat "Rundfunk darf keine Nudelfabrik sein." findet.
Eine weitere Folge des Interviews ist, klar, ein offener Brief der N24-Mitarbeiter an den "sehr geehrten Herrn Thomas Ebeling!": "Wenn der Vorstand seine Pläne verwirklicht, würde ein Großteil der Zuschauer von privaten Fernsehsendern nur noch billige Feigenblatt-Nachrichten sehen", wird darin behauptet. Was uns, Gott weiß warum, an die Sache mit der bedrohten Rundfunkfreiheit erinnert.
Weniger Tote und falsche Hoffnungen finden sich immerhin in der FAZ (die ganz ohne freilich auch nicht auskommt, siehe die Rede von der "seriösen Berichterstattung"):
"Es ist ein seltsames Verständnis von Nachrichten, das sich bei N24 etabliert hat, ein ständiges Schwanken zwischen Aufgeregtheit und Überforderung, das oft wenig mit seriöser Berichterstattung zu tun hat […] 'Der Durchschnittszuschauer wird nicht verzweifeln, falls es bei N24 Veränderungen geben sollte', glaubt Thomas Ebeling. Wenn er damit die Zuschauer meint, die einschalten, um Spitzenreportagen wie etwa 'Deutschland, deine Autonarren' zu sehen, hat er vermutlich sogar recht."
Ach, diese hiflos hoffnungsvollen Medienkritiker. Sind wirklich die letzten, die immer noch und weiterhin an den alten Idealen hängen. Da fehlte nun nur noch, richtig, Joachim Huber vom Tagesspiegel:
"Kommt es auf die Kreativität an, wird es mau bei ARD und ZDF, da wird 2009 zum Schwächeanfall. Mehr Transpiration als Inspiration. Eine, aber nur eine Initiative gab es: ZDFneo ersetzte ZDFdoku, und das in einem Moment, in dem der kommerzielle Nachrichtensender N 24 an der Klippe hängt. Der öffentlich-rechtliche Auftrag zur Grundversorgung – zur Information! – wuchert weiter zu. Als Antwort auf RTL & Co. wird das Plagiat eines kommerziellen Programms platziert. Schief, richtig schief."
Doch damit längst noch nicht genug, wie Daniel Bouhs in der Berliner Rundschau und Jürn Kruse in der TAZ feststellen müssen …
| © Altpapier/Katrin Schuster |
Altpapierkorb
+++ Wie bei der TAZ Nachrichten gemacht werden, erklärt CvD Klaus Hillenbrand im TAZ-Blog. +++ Betreffs Tote: Die FAZ (S.37) findet das Dönhoff-ARD-Porträt zu Ehren von deren 100. Geburtstag "eine weich gezeichnete Galerie historischer Momente". Der Tagesspiegel sieht´s nüchterner. +++ Betreffs falsche Hoffnungen: Silke Burmester verzichtet in der TAZ nun auch offiziell auf den Posten des ZDF-Chefredakteurs, und Google gibt sich transparenter (TSP) bzw. kommt den Verlagen entgegen (Google-Blog). +++ "RT @mauisurfer25: Ermittelt gegen unbekannt, nicht gegen Bild. RT @turi2: Justiz ermittelt gegen "Bild" http://bit.ly/8UA0Rc #heckhoff" (twitter.com/cjakubetz). Sueddeutsche.de und Berliner Zeitung überlegen, wie es zu der Bild-Nachricht kommen konnte. +++ Noch die seltsamsten Details taugen offenbar zur Neuigkeit: 10.000 Bewerbungen ganz normaler Frauen habe die Brigitte bereits erhalten. Und gibt dennoch nicht Ruhe, sondern sucht auch selbst eifrig nach dem Durchschnittmodel. Beweis: "So sei eine Lehrerin in der Nähe von Hamburg an einer Bushaltestelle von einer Mitarbeiterin der Zeitschrift angesprochen worden." (FAZ, S.37) +++ Über Obamas ungebetene Gäste, die nun mithilfe des amerikanischen Frühstücksfernsehens an ihrer TV-Karriere basteln, berichten SZ (S.3) und FAZ (S. 37), wollen wir hier aber eigentlich kein weiteres Wort mehr verlieren und verbuchen diese Nicht-Nachricht deshalb ganz schnell in die Kategorie "Falsche Hoffnungen". +++ "Geht der Plan auf, entstünde aus dem Zusammenschluss von Comcast und NBC das nach Disney zweitgrößte Medienunternehmen der Welt." (SZ, S.15) +++ Heute ist wohl die letzte Gelegenheit, sich das WoZ-Special zur Medienkrise zu Gemüte zu führen. +++ Harald Keller kann die Medienkrise sogar beim Namen nennen und scheut sich in seinem Blog nicht, das auch zu tun. +++ "Der Türkei droht wegen der Sperrung zahlreicher Internetseiten ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg", nachrichtet die FR. Chef Erdogan hält sich ohnehin nicht daran, "ich besuche YouTube und empfehle Ihnen, es auch zu tun", rät er Journalisten. +++ Die FAZ (S.37) widmet sich dem Fall Ben Brik und damit der Pressefreiheit in Tunesien. +++ Auch so ein Gespenst: das Apple Tablet, das durch allerlei Gazetten geistert (umsonst online bei FR wie BLZ, Sie haben die freieste aller Wahlen!). +++ Weder Tote noch falsche Hoffnungen und womöglich deshalb richtig schön geworden: ein Porträt des Schauspielers Andreas Schmidt im Tagesspiegel. +++ Nun gratuliert auch der Stadt-Anzeiger zu 3Sats Geburtstag. +++ Lochthofen muss noch früher als erwartet gehen (SpOn). +++ Wüssten wir nicht alle gerne, was der normale Mensch am Samstagabend so gemacht hat? dwdl hat nachgefragt, Ergebnis: die Straßenquoten. +++
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
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