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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Donnerstag - Grautöne

Veröffentlicht: 3 Dezember 2009 09:04
Verändert : 3 Dezember 2009 10:00

Früher vs. Heute? Kathrin Passig sagt, so einfach sei das nicht. Heuschrecken vs. Verleger alten Schlags? Aber was ist dann die WAZ? Es lebe der Grauton.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde – das kann man getrost glauben, das steht in Michael Rutschkys Blog. Dann schuf Gott Mann und Frau. Und zu guter letzt das Alte und das Neue Testament.

Saubere Linie also: oben-unten, er-sie, früher-später.

Keine Ahnung, ob Kathrin Passig mittlerweile was aus dem Bereich Gender Studies geschrieben hat. Aber Oben-Unten und Einst-Jetzt hat sie durch. Gerade erschienen zum Thema Einst vs. Jetzt (zugegeben, eher so im Printzeitungsverständnis von "gerade“, nämlich schon vor ein paar Tagen): ihre Nullen-und-Einsen-Kolumne im Merkur, die von "Standardsituationen der Technologiekritik“ handelt. Oder wie wir heutzutage sagen: von der Sorge vor der völligen Verblödung.

Weil ihr Text gerade im Rahmen der jüngst schon wieder intensiv geführten Diskussion über Beschleunigung, Verblödung, Verflachung und Powerpoint-Karaoke so tadellos als Widerrede gegen die Argumentation, das Neue wirke zerstörerisch, funktioniert – bitte, trotz all der Sorgen, die noch Mitte des 19. Jahrhunderts die Verbreitung des Lesens bereitete: Die Lektüre ist hiermit gestattet, sogar während der Arbeit. Aber anschließend wird sofort weiter gegoogelt!

Und nur eines merken, trotz des Multitaskings: Grautöne! Gut-Böse-Schema reicht manchmal nicht.

Wir gehen da gleich mal mit gutem schlechtem einem Beispiel voran: Wo zum Beispiel wäre denn die WAZ zu verorten, wenn es wirklich nur Heuschrecken und die sog. Verleger alten Schlags gäbe? Tja, gar nicht so einfach, wie der Fall Lochthofen und vor allem seine Hintergründe zeigen (s. auch "Altpapier" vom Freitag). 

Erkannt, dass eine Einordnung mit Schwarz und Weiß allein nicht weiterbringt, hat Die Zeit (S. 11), die den Fall Lochthofen mit dem Fall Brender vergleicht, allerdings nur, um ihm die Vergleichbarkeit prompt abzusprechen:

"In diesem Fall geht es nicht um die klare Blockkonfrontation Politik gegen Journalismus, Macht und Gegenmacht, sondern um den weit verzwickteren Gegensatz zwischen Verlag und Redaktion, zwischen Eigentümer und Angestellten also, zwischen Geldmacht und Wortmacht."

Worum geht es aktuell? Eine nachrichtliche Zusammenfassung der jüngeren Ereignisse steht etwa heute im Tagesspiegel. Statt, wie zunächst vorgesehen, am Jahresende, wurde Sergej Lochthofen, knapp 20 Jahre lang Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, bereits am Dienstag von seinen Aufgaben entbunden. Dass seine Frau Antje-Maria Lochthofen, die stellvertretende Chefredakteurin der TA, mit ihm gehen solle, nannte Sergej Lochthofen im Interview mit Spiegel Online "Sippenhaft wie bei den Nazis“ oder "unter Stalin“.

Historische Vergleiche dieser Art kommen nicht bei jedem gut an. Offensichtlich auch nicht bei der WAZ-Geschäftsführung, wie sie den TA-Mitarbeitern zur Erklärung nun schrieb, zusammengefasst unter anderem von der TAZ:

"Die 'in ihrer offenbar beabsichtigten Wirkung außerordentlich verlagsschädigenden Vergleiche mit der nationalsozialistischen oder stalinistischen Gewaltherrschaft' weise man 'in aller Form zurück'."

"Diese Äußerungen“, zitiert die FAZ indirekt, "hätten das Verhältnis zwischen Geschäftsführung und Chefredakteur erheblich belastet.“ Fragt sich andererseits freilich, ob Lochthofens Absetzung dem Verhältnis zwischen Geschäftsführung und Chefredakteur so dienlich war.

Antje-Maria Lochthofen bleibt nun übrigens erst einmal stellvertretende Chefredakteurin – "Mit ihr würde über eine Perspektive bei der Zeitung gesprochen“ heißt es etwa in der Frankfurter Rundschau.

Bleibt aber doch vor allem die Frage, was der Vorgang nun, jenseits der Personalie Lochthofen, für die Thüringer Allgemeine bedeutet. Die Berliner Zeitung schreibt:

"Aus der Geschäftsführung bekam die Redaktion zu hören, es seien Umstrukturierungen, jedoch kein Stellenabbau geplant. Dennoch interpretieren die Mitarbeiter die aktuellen Vorgänge so, dass die Abberufung des autark agierenden Lochthofen ähnlich wie bei den Zeitungen der WAZ-Gruppe in Nordrhein-Westfalen der Beginn eines massiven Stellenabbaus und das Ende der eigenständigen Zeitungsproduktion bedeute."

Die bereits zitierte TAZ sieht das ähnlich und hat auch noch einmal nach dem internen Briefverkehr zwischen Lochthofen und WAZ-Chef Bodo Hombach gegoogelt:

"Lochthofen gilt als Gegner der Zentralisierungsbestrebungen, habe sich gegen einen geplanten zentralen Newsdesk für die 14 TA-Lokalausgaben gewandt und war auch gegen die vom Konzern durchgedrückte Abbestellung der Nachrichtenagentur dpa. Mit ihm sei das nicht zu machen, sei das klare Signal nach Essen gewesen, sagen TA-Mitarbeiter. Dafür habe Lochthofen seit zwei Jahren ein ums andere Mal eigene Vorschläge an Konzernboss Bodo Hombach geschickt. Anstelle einer inhaltlichen Reaktion folgt jetzt die knallharte personelle Antwort."

Im Verlagsjargon ist übrigens von einem "Erneuerungsprozess" die Rede. Was – vergessen wir nur an dieser Stelle ganz kurz einmal Passigs Kolumne – ausnahmsweise nichts Gutes bedeuten muss.

© Altpapier/Klaus Raab

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+++ Weitere Grautöne des Tages, zum Beispiel zur Konstellation privater vs. öffentlich-rechtlicher Rundfunk: in der FAZ. Im Interview (S. 39, derzeit nicht frei online) sagt Thomas Langheinrich, der Vorsitzende der Landesmedienanstalten: "RTL macht ja Nachrichten, denen man den publizistischen Mehrwert kaum absprechen kann. Und Sat.1 greift beispielsweise in seinen Fernsehfilmen immer wieder Themen auf, die sehr wohl für die Gesellschaft relevant sind – das geht genauso mit unterhaltenden Programmen, zumal die Zielgruppe nicht nur aus Professoren und Journalisten besteht." +++ Und ebd. schreibt Peer Schader, der sich im FAZ-Fernsehblog auch mit dem Erfolg von RTL bei der jungen Zielgruppe auseinandersetzt, über – Vorsicht, noch ein Grauton – Bewegung bei der ARD: "Um jüngeres Publikum zu erreichen, müsse man über Innovationen in den bestehenden Programmen der ARD sprechen, anstatt neue Angebote zu planen, so [Volker] Herres: 'Ich will sie wirklich haben, die jungen Menschen.'" +++ Und wo wir schon bei der ARD sind: Dass die Öffentlich-Rechtlichen so reich seien, will man dort nicht auf sich sitzen lassen. Der Tagesspiegel über ARD-interne Kooperationen, die die Süddeutsche (S. 17) als Vorboten der "Veränderungen der föderalen Struktur" interpretiert +++ Und wo wir schon bei Geld waren: Die FR nimmt sich noch einmal des, ja richtig, Erneuerungsprozesses bei ProSiebenSat.1 an +++ Und weil wir schon beim Privatfernsehen waren: Jürgen Klinsmann arbeitet während der Fußball-WM für RTL (TSP) +++ Und dann noch PayTV: Führungswechsel bei Sky +++ Bildblog über die Bebilderung des Schweizer Minarettverbots +++  Suchmaschinen vs. Verlage: Neues zur Paid-Content-Diskussion, in der FTD +++ Und im KSTA +++ Augstein feat. WalserDie Zeit liest "bundesrepublikanische Kulturgeschichte als unkonventionelles, völlig untragisches Märchen" +++ Das ZDF arbeite nicht exklusiv mit Bild, schreibt Intendant Markus Schächter an Carta +++ Die FAZ (S. 39) über "Die Brüder Grimm" im SWR-Fernsehen +++ Die TAZ über die Zukunft des "Kleinen Fernsehspiels" +++ Und die täglichen 15 Minuten Klimakonferenz bei Eins Extra +++ Die Süddeutsche (S. 17) über Katarzyna Mol, die sich erst bei Gruner+Jahr für Emotion einsetzte (die Zeitschrift!) und sie nun kaufte +++ Und im "Panorama"-Ressort über u.a. TV-Nachmittagsmagazine, die von Unfallstellen berichten +++

 

Das Altpapier stapelt sich wieder am Freitag gegen 9 Uhr.

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