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Altpapier vom Freitag - Viele schöne Spielflächen

Veröffentlicht: 4 Dezember 2009 09:05
Verändert : 4 Dezember 2009 09:45

Da war er einfach weg, der Monat Dezember: Die Raum-Zeit-Konstellation ist in Unordnung, es werden Rekorde gebrochen und Himmelfahrtskommandos gestartet.

Sowas: Sie sind ja auch noch da.

Schon komisch, denn laut TV – immer noch das meist gesehene und für Frauen gar das "emotionalste" Medium (dpa via FR) – befinden wir uns gerade in einer Zeit, die es gar nicht gibt. Wobei man, wir erinnern uns, aktuell nicht den Oktober des Korrektionsjahres 1582 schreibt, sondern, wie mittlerweile wirklich jeder analog native bemerkt haben dürfte, die letzten Wochen des Jahres 2009.

Auch haben bei dem temporalen Verlust diesmal kein Papst und kein Aloisius ihre Finger im Spiel, sondern ZDF, RTL und SAT.1. Und denen kann man nicht einmal ein metaphysisches Streben unterstellen, die gucken höchstens aus profanen Gründen in den Himmel. Marcus Bäcker konnte jedenfalls bei allen dreien nur "eine gewisse Nähe zur Luftfahrt" feststellen.

Der Volksmund nennt diese irgendwie verlustig gegangene Zeit recht lapidar "Dezember", unter Fernsehfachleuten jedoch heißt sie (aber das muss jetzt wirklich unter uns bleiben) "die Zeit, in der wir möglichst viel von unserem Programm noch einmal wiederholen, ohne dass es einer merkt, weil wir, geschickt wie wir sind, einfach 'Jahresrückblick' drüber schreiben und deswegen auch nichts anderes Relevantes mehr passiert".

Womit man dann auch endlich selbst Historie schreiben kann: "Knapp vier Stunden brutto dauert Kerners Rückblick und wird damit einer der längsten in der Fernsehgeschichte sein" (TSP). Die Aufzeichnung dauerte sogar noch eine Stunde länger: Das Hamburger Abendblatt war nämlich dabei!

Ein Fall für den im kommenden Frühjahr geplanten "History Monat" von Pro Sieben? Oder doch ein Fall für Kerner selbst? Wird er sich im kommenden Jahr womöglich selbst einladen wegen dieses Rekords? Und dafür das doppelte Honorar verlangen? Und beim Befragen dann dauernd die Plätze wechseln? Und dabei vielleicht sogar die Haltung (die körperliche Haltung ist gemeint, nicht die moralische, denn über deren Existenz bestehen laut Experten erhebliche Zweifel)?

Die Familie Moorstedt (SZ, S. 17) würde das vermutlich nicht weiter verwundern. Denn die weiß: "Fernsehen ist ein selbstreferentielles Medium. Einen Großteil der Skandale, über die es berichtet, produziert es selbst. Der Blick zurück ist also auch ein Blick in den Spiegel." (Das morgendlich unerträglich reflektierende Möbel ist gemeint, nicht das Nachrichtenmag … – hm, egal: Die Gleichsetzung passt eigentlich auf beides.)

Oder anders, noch einmal in den Worten von Joachim Huber gesagt: "Es menschelt also wieder allüberall." Eine Formulierung, die nicht sonderlich überraschte, folgte ihr nicht die Ausnahme der Regel in Form des pointiert punktierten Satzes "Außer bei der ARD." auf dem Fuße.

Obwohl: Nicht einmal das verwundert uns mehr in Zeiten wie diesen, die ja gar keine sind. Die ARD braucht eben kein "Kontinuum des Ausnahmezustands" (Moorstedts) in Form eines Jahresrückblicks. Sie hat ja Beckmann. Der eine beinahe erotische Beziehung zu diesem Sender zu pflegen scheint: "Bei der ARD gibt es noch viele schöne Spielflächen, und wir werden uns in den nächsten Jahren auf ein paar neue Abenteuer einlassen", sagte er der SZ im Hinblick auf seine Vertragsverlängerung. Immerhin könnte damit ausnahmsweise kein Jahresrückblick gemeint sein, denn das würde wohl nicht einmal ein Beckmann als "neu" und "Abenteuer" bezeichnen.

Oder doch? Herrje. Zur Sicherheit gehorchen wir besser dem Freitag (die Wochenzeitung ist gemeint, nicht der Wochentag). Der befiehlt nämlich heute "Abschalten!". Auch ein mögliches Kontinuum des Ausnahmezustands. Zumindest so lange das Fernsehgerät nicht ebenfalls schon im Zeitloch verschwunden ist.

© Altpapier/Katrin Schuster

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+++ Im Gegensatz zur Berliner Zeitung schont der Freitag die ARD nicht: "Insofern kommt der Tagesschau sogar ein hoher Informationswert zu: besser kann man kaum abbilden, was wir nicht wissen sollen."+++ Der "Kopf des Tages" (FTD): Brian Sullivan, genannt Inspektor Gadget, der´s bei Sky nun richten soll (z.B. FAZ/S.18, SZ/S.17) +++ Ebenfalls in der FTD, allerdings ohne Antwort (auch wenn die Überschrift mal wieder anderes suggeriert): "Was bleibt ist nicht nur die Frage, ob Sky in Deutschland überhaupt noch eine Chance hat, sondern ob Bezahlfernsehen in einem Land, in dem es dualen Rundfunk gibt, überhaupt in großem Stil existieren kann." +++ Der Freitag fragt sich beinahe dasselbe. +++ Ebd.: ein Interview mit Siegfried Weischenberg. +++ Mit Google Verbrecher suchen? Die Berliner weiß, wie´s geht. +++ Viel Neues im Westen: Die WAZ baut noch mehr Stellen ab (TAZ), der WDR hat eine neue Rundfunkrat-Vorsitzende sowie ein neues Gesetz (SZ, S.17) und auch das Landesmediengesetz wurde renoviert (Der Westen). +++ Und bald auch im Osten, z.B. detektor.fm (TAZ). +++ Na sowas: Laut SZ (S.17) steht "der begründete Verdacht im Raum, dass Finanzinvestoren als Betreiber von Medienunternehmen überhaupt keine medienethische und medienpolitische Verpflichtung verspüren." +++ Neue Theorien über die Causa Brender bzw. Koch gibt es bei SPON und V.i.S.d.P. +++ Wie viel Öffentlichkeit muss ein Journalist ertragen können? ist keine doofe Frage, sondern Ausgangspunkt eines Interviews, das Hans Hoff für das Magazin Journalist mit Stefan Niggemeier geführt hat und nun auf Niggemeiers Website auch für Nicht-Journalist-Abonnenten zu lesen steht. +++ Der deutsche Presserat hat gerügt (KSTA), der Bildblog wundert sich, dass sich nicht auch die Humorpolizei zum Einschreiten gezwungen sah. +++ "Klatsch kennt keinen Schlaf": der Tagesspiegel über das Klatschportal tmz.com und dessen Macher. +++ Immer nur Fernsehen und Internet! "Wie es ums Radio bestellt ist, spielt in der Öffentlichkeit dagegen kaum eine Rolle." Obwohl es allen Grund dazu gäbe, wie René Martens findet (Merkur).

 

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