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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Dienstag - Karriere in Gänsefüßchen

Veröffentlicht: 8 Dezember 2009 09:22
Verändert : 8 Dezember 2009 09:55

"Jetzt müssen wir dann nur noch klären, was das wirkliche Leben ist": über ehrliche Werbung, falsche Versprechungen und andere scripted realities.

Manche Reklamefritzen können das ja: treffende Bilder finden, Selbstironie beweisen, um die ein oder andere Ecke denken. Und andere können das eben nicht.

Was machen Letztere also, wenn sie einen Auftrag bekommen, in dem davon die Rede ist, dass man die Konkurrenz am liebsten in der Luft zerreißen wolle? Genau: Die nehmen ein Blatt, auf dem dutzendfach "Konkurrenz" steht, und zerreißen dieses Blatt.

So wirbt jedenfalls (und zwar gleich doppelt) die Schweizer Gratiszeitung News auf der Website (bitte scrollen!) des ebenfalls zum Hause Tamedia gehörenden Tages-Anzeigers für sich.

In dem Riss der multiplen Konkurrenz bzw. "Konkurrenz" erscheint dann der Slogan "Schon 276'000 Leser im ersten Jahr". Was da, pardauz!, eindeutig fehlt, ist die Information, dass es am Ende des zweiten Jahres nurmehr um die 100.000 Leser waren und es ein drittes Jahr nicht geben wird. Denn News wurde mit der Ausgabe vom vergangenen Freitag eingestellt.

Hätte es oben dann nicht in der korrekten Vergangenheitsform "So warb die Schweizer Gratiszeitung …" heißen müssen?

Nein, nein, denn die Trennung zwischen Werbung und redaktionellem Inhalt scheint bei Tamedia tatsächlich vorbildlichst: Der Tages-Anzeiger vermeldete zwar das Ende von News, promotet die U-Bahn-Lektüre auf seiner Website aber weiterhin. So ernst meint man es bei unseren volksbegehrenden Nachbarn also mit dem Gratiscontent: Der ist tatsächlich umsonst, i.e. nicht einmal mehr zu irgendetwas nütze. (Das war mal anders, ja.)

"'News' ist nicht nur endlich gestorben, 'News' hätte gar nie gemacht werden sollen. Der 'Kannibale' frass sich nach genau zwei Jahren selbst auf", sagt Ronnie Grob in seinem Blog, der schon der Geburt des hässlichen kleinen Zeitungsfressers ähnlich begeistert beigewohnt hatte.

"Nichts ist spannender, nichts ist aufregender als das wirkliche Leben", schrieb der erste News-Chefredakteur Philippe Pfister damals, in seinem ersten Editorial. "Jetzt müssten wir dann nur noch klären, was das wirkliche Leben ist", notierte Grob darunter. Nun, das wissen ja jetzt in jedem Fall die 27 Mitarbeiter, die ab sofort nicht mehr für News tätig sind. (Zumindest, wenn sie besser informiert sind als die Tamedia-Anzeigenabteilung.)

RTL wiederum weiß natürlich längst, ganz ohne entlassen worden zu sein: Nichts ist öder, nichts ist langweiliger als das wirkliche Leben. Weil das nämlich keine Überschriften wie "Hochhausschlampe steht unter Mordverdacht", "Mann lebt zusammen mit Ehefrau und deren Lover" oder "Unzufriedene Mutter ist megaaggressiv" trägt.

"Authentizität fasziniert offenbar umso mehr, je künstlicher sie ist", folgert Alexander Kissler entsprechend messerscharf über den Einbruch der "scripted reality" ins Nachmittagsprogramm. Als ob der verzweifelte Abglanz des Realen nicht immer schon ein wenig müffelte und mehr oder weniger hart erarbeitet gewesen wäre. Zum Beispiel per Frauentausch, also ehrlich!

Und es hört ja auch nicht auf: Seit gestern ist das scripted-reality-Portal – "Deine Stars. Deine Meinung" – top.de online, das sich selbst als "faszinierende Innovation" bezeichnet: "Die Zielgruppe besteht überwiegend aus kommunikativen, lifestyle-orientierten Frauen zwischen 20 und 49: weltoffen und trendy, style-, beauty und fashionaffin und konsumorientiert! Top.de ist eine faszinierende Innovation und von Anfang an ein breitenwirksames und werbe-freundliches Top-Interest Umfeld. In diesem Umfeld erwartet Sie die gesamte Bandbreite an Online-Werbeformen und Integrationsmöglichkeiten!" Faszinierend.

Vielleicht eine neue Chance für die Ex-News-Redakteure? Denn "Mitmachen bringt Status: Leser und Autoren können 'Karriere' machen und sich vom 'Fan' bis hinauf zum 'Klatsch-Chef' entwickeln" (siehe Mediadaten-PDF). Ob Karriere oder "Karriere" ist schließlich auch schon egal. Die enden nämlich, und seien sie noch so jung, per definitionem alle irgendwann.

© Altpapier/Katrin Schuster

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+++ Bleiben wir doch noch ein wenig in der Schweiz, auch wenn das keineswegs erholsam ist. Die Journalisten vom Tages-Anzeiger dürften indes gut informiert sein", meint Rudolf Walther in BLZ/FR: Die Basler Zeitung, die sich einst ebenfalls bei News engagierte, wird wohl von der NZZ übernommen oder mit ihr fusionieren . +++ Geradezu das Gegenteil, nicht nur geografisch: The Namibian, der schon einmal draufzahlt, um seine Zeitung auch im tiefen Westen des Landes an Mann und Frau zu bringen. "Dort wird The Namibian wie überall sonst im Land für drei namibische Dollar verkauft. Der Transport aber ist so teuer, dass jedes verkaufte Exemplar in Westnamibia den Verlag acht Dollar kostet." (FAZ, S.35) +++ Und wieder zurück in die Schweiz, weil´s gar so schön unangenehm ist: "Aufklärer, Schönredner und Prediger" seien die deutschen Journalisten, meint die NZZ, die sich die hiesige Debatte über die Minarett-Abstimmung angesehen hat. "Die Sorge, durch realitätstüchtige Berichterstattung negative Affekte auszulösen, ist zur Obsession vieler deutscher Medien geworden. Offenkundig wirkt hier die nationalsozialistische Geschichte nach und führt zu einer spezifischen Verzerrung bei der Wahrnehmung des Integrationsproblems: Integration erscheint in dieser Betrachtung als Modernisierungsproblem der Einheimischen." Die "deutsche Volksseele" kommt in dem Artikel natürlich auch noch vor, eh klar. +++ Auch heute wird freilich Thomas Ebelings Satz von den Nachrichten, den Politikern und dem Publikum zitiert und zwar mal wieder in der SZ (S. 15). +++ Auch der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet nun über N24. +++ Und noch eine Änderung am Nachrichtenmarkt: DDP kauft den deutschen Dienst von AP: "Der Deal werde die Medienlandschaft umwälzen. Das behauptet zumindest Peter Löw. 'Wir werden die beste Voll-Agentur in Deutschland sein', sagt er. Na ja." (SZ, und auch frei online, na sowas) +++ "Dieses Jahr, 2009, war einfach ein unglaublich blödes Jahr, ein Rückblick kann eigentlich nur schlechte Laune machen, vielleicht hätten sich die Senderverantwortlichen bereits vor Wochen darauf einigen können, diesmal auf Jahresrückblicke zu verzichten." Haben sie nicht, wir wissen´s, und deshalb hat sich der Tagesspiegel Gottschalks Variante auch angesehen und "Wetten, dass ...?" gleich mit drauf gepackt. +++ Ebenda: Neue ZDFneo-Zahlen und erstmals Apps bei StudiVZ. +++ Tops und Flops ("wir müssen auch verzeihen können") der ARD kennt die FAZ (S.35). +++ Wie geht es mit dem Playboy weiter? (BLZ) +++ Und wer wird am Donnerstag der neue Brender? Gäbler und Huber überlegen. +++ Grimberg meint: "Mit dem Hauruckverfahren soll zudem offenbar eine Debatte im ZDF-Fernsehrat über den vom Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) initiierten Brender-Abschuss verhindert oder zumindest wirkungslos gemacht werden. Der Fernsehrat tagt am Freitag und wollte die Causa Koch und die laufende Debatte über zu viel Einfluss der Politik beim ZDF zum Thema machen." +++ "Hochaktuell - das bedeutete damals, mit einem Ereignis spätestens eine Woche später im Kino zu sein": FR und BLZ über 60 Jahre Deutsche Wochenschau. +++ Noch etwas Schönes zum Lesen, so am Schluss? Aber gerne (PDF)!

 

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