Altpapier vom Donnerstag - Die Kollegen sind begeistert
| Veröffentlicht: | 10 Dezember 2009 09:21 |
| Verändert : | 10 Dezember 2009 10:52 |
Early Adoptors schütteln das Seite 1-Girl nackt. Aber auch andere News rocken die Branche: der neue "Journalist des Jahres" (Foto, l.), der neue Hubert Burda.
Jede Menge los heute. Von herausragenden Medien-Wirtschaftskapitänen, die überraschend Personalien zur Bestellung ihres Lebenswerks regeln, über große Gesten zugunsten des Journalisten des Jahres bis zur Pionier-Killer-App, die zumindest ihre Zielgruppe im allerwahrsten Wortsinne rockt.
Also, die Bild-App (rockige bild.de-Präsentation) und die Welt-App (App-Store: "Mindestalter zum Herunterladen dieses Spiels: 17 Jahre"), jene Applikationen fürs i-Phone, mit denen das Haus Springer im Kampf gegen die Gratiskultur des Internet voranpreschen möchte, sind auf dem Markt. Und alle, alle sind begeistert, von sich selbst und einander (welt.de, bild.de: "Nutzer und Kollegen sind begeistert").
Na gut, nicht ganz alle. Aber die klassischen Papiermedien berichterstatten heute wenigstens neutral, wie etwa die TAZ, die ja auch "in einer solchen Form seit kurzem verfügbar [ist] - als digitales Abo im 'EPUB'- Format, das sich auf vielen Handys, aber auch direkt am Rechner lesen lässt. Der Preis beträgt 10 (Standardpreis) bzw. 20 Euro (Politischer Preis) im Monat", es kann "bereits am Vortag heruntergeladen werden."
Dies. weist darauf hin, dass "Springers neue Bezahl-Initiative nur der Auftakt [ist]. Andere Verlage planen ähnliche Projekte. So will etwa die MDS-Gruppe ... Bezahldienste einführen, eventuell sogar pro abgerufener Seite". Die MDS-Gruppe zeigt sich ob Springers Apps entsprechend wohlwollend begeistert, die Süddeutsche ("Auch die Süddeutsche Zeitung arbeitet derzeit an einem kostenlosen sowie einem bezahlpflichtigen Angebot für das iPhone und an weiteren Anwendungen für mobile Nutzer") eher wohlwollend neutral.
Die Killer-Applikation innerhalb der Bildzeitungs-App, die von schüttelnden early adoptors "im Anschluss an die Präsentation auch ausgiebig getestet" wurde (kress.de), fasst am schönsten meedia.de-Chefredakteur Georg Altrogge in Worte:
"...die mobile Variante des 'Bild'-Girls... Auch hier zeigten sich die Content-Entwickler um den stellvertretenden Chefredakteur Michael Paustian in ihrem schlüpfrigen Element: Durch das Hin- und herbewegen des Phones entledigt sich eine Dame nach und nach ihrer Kleidung. Paustian: 'Das ist die Aufforderung an die Nutzer: Schüttel' mich nackich.'"
Die kostenpflichtige Applikation namens "SchLACHzeil-O-Mat" indes, die gibt es schon längst als kostenfreien "Schlagzeil-o-mat", ruft das Bildblog in Erinnerung.
Damit zur Personalie, die die Entscheider in den Managementetagen heute rockt: Hubert "Bambi" Burda ließ der FAZ (heute übrigens vor allem wg. Otto Graf Lambsdorff mit zweieinhalb Seiten Familienanzeigen im ersten Buch) die Ehre zuteil werden, als erste seinen Nachfolger als Vorstandschef seines Konzerns vermelden zu dürfen: Paul-Bernhard Kallen ist's. Der Originalartikel des Wirtschaftsressorts (S. 20) steht inzwischen auch frei online und brachte dem Blatt jede Menge breaking Zitationen bei den Mediennewsvermeldediensten ein (meedia.de, kress.de usw.)
Was man über Kallen schon mal wissen sollte (FAZ):
"Der Volkswirt Kallen hat nach Studium und Promotion zunächst als Assistent der Geschäftsführung für die PHB-Weserhütte gearbeitet, bevor er für acht Jahre bei der Unternehmensberatung McKinsey anheuerte. ... Kallen gilt eher als introvertierter Investmentbanker und Strippenzieher denn als Medienmann. ...'Ich tue das, was dem Haus nutzt - sonst nichts', wird Kallen zitiert, dessen öffentliche Auftritte sich bisher auf die Bilanz-Pressekonferenz beschränkt haben."
Es werden also nicht die sog. Erste Journalisten, wie ein anderer Ehrentitel des Hauses Burda lautet, sein, die künftig das Sagen haben.
Der Journalist des Jahres aber ist, wie u.a. dnews.de meldete, gefunden worden, und zwar zum idealen Zeitpunkt: einen Tag vor dem, an dem (heute) sein Nachfolger bestimmt werden soll. Noch-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender erhält den Ehrentitel des medium-magazins, der in diesem Jahr seine klangvolle Wirkung umso schöner entfalten kann, weil der bekannte Goldene Prometheus heuer nicht mehr an "Die Journalisten des Jahres" vergeben wird.
Heute also tagt der kürzlich zu (Mediennischen-)Prominenz gelangte ZDF Verwaltungsrat, um voraussichtlich den neuen Chefredakteur küren, der voraussichtlich Peter Frey sein wird. An dieser Stelle muss daher unbedingt auf die TAZ-Titelseite mit dem zornigen Mainzelmännchen hingewiesen werden (nur an diesem Donnerstag hier als PDF).
"Wir wollen das Fernsehen zurück!", schreibt daneben Steffen Grimberg im Leitartikel und beklagt bereits: "Der Rundfunkfreiheit erweist dieses Hauruckverfahren einen erneuten Bärendienst." Man mag sich über das staats- bzw. anstaltstragende Pathos ("Auch der ZDF-Fernsehrat ist ausgebremst. Dort sitzen die Vertreter der Gesellschaft, der Gebührenzahler, der ZuschauerInnen, von uns allen") ein wenig wundern.
Aber gerade in diesem ZDF-Fernsehrat mag das durchaus ankommen. Und schmecken muss der Köder ja immer vor allem dem Fisch.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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+++ Noch mehr Ehre für Brender. Als er gestern im Rahmen seines derzeit noch zu erledigenden Jobs in Berlin den gewohnt gewaltigen Umfang der öffentlich-rechtlichen Fernsehberichterstattung von den nächsten Olympischen Winterspielen präsentierte, da setzte ARD-Programmdirektor Volker Herres "mit seiner orangenen Krawatte ein deutliches Zeichen - für den Kollegen im Zweiten, für ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender" (Tagesspiegel). Sozusagen als orangene Revolution im Öffentlich-Rechtlichen. +++ Herres sollte mal bei Johannes B. Kerner anrufen, ob der "Lust hätte, zurück zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu kommen und Jörg Pilawa zu ersetzen, der zum ZDF geht. So absurd die Personalrochade auch klingt: Es wäre die einfachste Lösung für alle Beteiligten" (BLZ). +++ Falls der Marktaustritt des Goldenen Prometheus eine Lücke in die Front der zahllosen deutschen Journalistenpreise gerissen haben sollte: Der Deutsche Reporterpreis ist schon hineingesprungen. Heute bringen Deutschlands größte Qualitätszeitungen jeweils eine Reportage von der Jurysitzung, die FAZ ("Und weil aus vielen Jurysitzungen Ungutes über Absprachen, Verhandlungen mit sachfremden Argumenten und andere dunkle Machenschaften zu hören ist, sollten diesmal zwei Journalisten in der zweiten Reihe zuhören und gleichsam die Öffentlichkeit herstellen, außer mir saß also noch Herr Arntz von der 'Süddeutschen' auf der Bank") und eben die Süddeutsche ("Draußen, vor den Fenstern des Hotel de Rome, fährt jetzt der zwölfte Reisebus vorbei, der zwölfte Fremdenführer erzählt seine Geschichten über Berlin. Und drinnen werden die Überraschungen nicht größer.") +++ Ja, die Preisträger waren leider sogar "genauso berechenbar wie die Streitpunkte bei Omas 80." (TAZ). +++ Die beiden Reporterpreis-Reportagen stehen derzeit nicht frei online, aber Nils Minkmars Interview mit Cordt Schnibben. Zum selben Preis und v.a. der Kategorien Web-Reportage, siehe auch Stefan Niggemeier ("Es hatte für mich auch etwas Dekadentes zu sehen, wie die Großjournalisten nacheinander auf die Bühne kamen und Preis-Quartett spielten"). +++ Der KSTA interviewt die neue Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats, Ruth Hieronymi ("Meine umfassende Erfahrung in der Medienpolitik insgesamt war da wohl ausschlagend, nicht Schwarz oder Rot"). +++ ... und wird von Carta kritisiert: "Wie sollen sich Blogs noch refinanzieren, wenn ihre teuer recherchieren Geschichten durch Presseerklärungen der Zeitungsverlage einfach vollkommen 'enteignet' werden?... Die Vorgänge zeigen: Blogs benötigen dringend ein 'Verlegerschutzrecht'." +++ Zum GEZ-Thema, um das es da inhaltlich geht, interviewt der TSP Ernst Elitz und erhält Antworten, die mindestens so überraschen wie die Preisträger beim Dt. Reporterpreis. +++ Sueddeutsche.de sprach u.a. mit Rechtsanwalt Udo Vetter von lawblog.de. "Das ist eine äußerst heikle Sache", "eine kafkaeske Situation", sagt der u.a.. +++ Ebd. Wolfgang Hoffmann-Riem, bis 2008 der am öff.-rechtl. Fernsehen meist interessierte Richter am Bundesverfassungsgericht, zur Brender- bzw. Koch- bzw. ZDF-Frage. +++ Die Netzeitung aus der Verlagsgruppe DuMontSchauberg streikt (techfieber.de, meedia.de), kurz bevor sie automatisiert wird. +++ "In diesem 'verdammt schweren' Jahr rechnet der Spiegel-Verlag alleine mit einem Anzeigenrückgang von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (2007 bis 2008: zehn Prozent Minus)", zitiert die SZ Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe. +++ "Au Backe! Arte hat die Kulturgeschichte des Pos verfilmt ... Was folgt, ist eine von allen guten Geistern verlassene - Entschuldigung - Arschrevue. Zum Interview geladen wurden (wir sind bei Arte) Kunsthistoriker, Dichter, Anatomen oder Evolutionsbiologen, die durchgehend und zuverlässig Ideen zum Thema beisteuern, für die man auf gar keinen Fall Kunsthistoriker, Dichter, Anatomen oder Evolutionsbiologen gebraucht hätte" (FAZ-Fernsehkritik von Julia Voss zur Sendung, deren Besprechung die TAZ "Hintergründiges zum Hinterteil" überschreibt.)
Frisches Altpapier gibt's wieder am Freitag gegen 9.00 Uhr.
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4.) Große Verlagskoalition? (sueddeutsche.de)
5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
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3.) Der Spiegel-Text von 2009, den der Spiegel heute (vorerst nur Print) quasi zurückzieht






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