rss

- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Dienstag - In der Wechselfalle

Veröffentlicht: 15 Dezember 2009 09:13
Verändert : 15 Dezember 2009 10:57

Heute ist wieder einer dieser Tage, an denen man lieber nicht hätte wissen wollen, was dieser oder jener Journalist so denkt. Zum Beispiel über Natascha Kampusch oder über Obdachlose.

In Deutschland, wir wissen´s längst, müssen Opfer nachher immer etwas gelernt haben.

Und zwar nicht, dass die Menschheit ebendiesen Namen oft gar nicht verdient, sondern dass die Opfer dieser sog. Menschheit ihr in Zukunft unbedingt mit gutem Beispiel voran zu gehen haben.

Als hätten sie nicht einen brutalen Ausnahmezustand erlebt, sondern wären sie einer notwendigen pädagogischen Lektion unterzogen worden.

In Österreich, wir wissen´s längst, will man uns da freilich nicht gerne in viel nachstehen. Wofür sich aktuell Natascha Kampusch bestens anbietet. "Inzwischen verteidigt sie sich sogar, wenn sie gar nicht angegriffen wird", versucht wenigstens Ralf Wiegand in der SZ (S.15) den Zustand dieses Opfers einer über acht Jahre andauernden Sklaverei sachte zu beschreiben.

Verteidigt hat sich Kampusch auf der Pressekonferenz, die eine Dokumentation über ihre Gefangenschaft vorstellte, auch dafür, dass nicht der ORF, sondern der NDR den Film produzierte. Sie sprach zudem von der Missgunst und der Aggressivität, die ihr in Österreich entgegen schlage, sowie davon, dass österreichische Journalisten dazu tendierten, immer "gleich etwas Unangenehmes, Intimes" zu fragen.

Das mag zu viel des Lobes für die deutsche Journaille sein. Auf jeden Fall aber Grund genug für die österreichische, die altbekannten Argumenten noch einmal vom Kompost zu ziehen, wo sie gerade so schön begannen, vor sich hin zu verrotten.

"Bravo!", kommentiert folglich Isabella Wallnöfer in der Presse und unter der Überschrift "Wer ist penetrant, Frau Kampusch?"

Und weiter: "So macht man sich Freunde. In den Medien und in der Bevölkerung. Das wohl berühmteste Entführungsopfer der heimischen Kriminalgeschichte hat aus den bitteren Erfahrungen nichts gelernt."

Es muss nun leider dahin gestellt bleiben, ob sich Natascha Kampusch überhaupt Freunde wünscht, und wenn ja, ob tatsächlich solche Freunde. Klar ist: Eine 30-teilige Bilderserie über die Entführung des Mädchens geht bei der Presse natürlich trotzdem. Favoritenstatus hat zweifellos jenes Bild mit der Nummer 14, das einen vorbei rauschenden Zug zeigt und daneben mit dem Satz "Priklopil ist sofort tot." erklärt wird.

Da liegt uns doch die eine Frage ganz weit vorne auf der Zunge: Wer war nun gleich nochmal penetrant, Frau Wallnöfer? Und: Nein, da kriegen Sie jetzt ausnahmsweise keinen Tipp von uns.

Nur so viel vielleicht: Die Formulierung, dass eine "bis zur Penetranz vor die Kameras springt" ist nicht nur falsch und gerade in diesem Fall so unflätig wie obszön, denn dieses Talent eignet üblicherweise nur Pornostars. Sondern wäre – sinngemäß! – stattdessen in ach so zahllosen anderen Fällen angebracht. Dann nämlich, wenn Medien gar nicht genug von Tätern bekommen können und nicht schon wieder die Opfer die dankbarsten Opfer abgeben. Aber wen interessiert das schon, gell?

Des Tagesspiegels Überschrift "In der Wechselfalle" passte also auch auf 'Nestbeschmutzerin' Kampusch. Und sogar die darunter stehende Rede vom "Quotendoping" ließe sich auf Presses Umgang damit anwenden. Allein, darum geht es in Joachim Hubers Artikel gar nicht. Sondern um das muntere, jedoch nur leidlich erfolgreiche Rotieren deutscher Moderatoren.

"These: Die Schwäche eines Kerner ist generell, die eines Pocher strukturell. Insofern ist Pocher das größere Problem. Der gehört zu Pro 7 und dem trotz seiner 35 Jahre ewig pubertierenden Publikum überstellt. Pocher bei Sat 1 weiter 'entpochern' hieße, dem Mario Barth seine Freundin wegzunehmen."

Ach ja, wie geil wär´ das denn ...

© Altpapier/Katrin Schuster

Altpapierkorb

 

+++ Komplimente bekommt von Huber übrigens nur Jauch ob seiner Sender-Treue. +++ Und auch Jauchs Jahresrückblick fand der Tagesspiegel ganz okay. Dwdl und Welt stimmen (im Fall Welt mit dem Schein der Faktizität angereichert) in dieses Lob ein. +++ "Was stand noch auf dem Transparent, das Redakteure kürzlich bei der Versammlung des ZDF-Fernsehrats entrollten: 'Wir sind kein Regierungssender.' Nein?" fragt Michael Hanfeld in der FAZ (S.35) anlässlich des Kotaus von Markus Schächter vor dem chinesischen Botschafter und der Entferung von Martins Sonneborns Satire aus der Mediathek. +++ Jan Phillip Hein hat auch wieder was gelernt, Günter Wallraffs Film "Unter Null" sei Dank (man achte auf das eklig gemein machende "wir"): "Er zeigt Menschen, an denen wir in den Innenstädten sonst nur vorbeigehen. Über die wir denken, dass die Wodka-Flaschen in ihren Händen doch zu diesem Schicksal führen mussten. 'Unter Null' lehrt, dass es sich vielfach umgekehrt verhält: dass der Alkohol am Ende des sozialen Abstiegs steht – weil er diesen oder die winterliche Kälte erträglicher macht." Oha! (KSTA) +++ Ihr wollt "Mehrwert"? Dann bekommt ihr Extras! (Carta). +++ Ihr wollt Nachrichten? Dann wollen wir auch etwas dafür haben! (BLZ) +++ Ebenda: ein Porträt des amerikanischen Gesichts der BBC. +++ In der Zeit dagegen eines des deutschen Wikileaks-Mitglieds Daniel Schmitt. +++ Die TAZ berichtet heute über die bedrohte weißrussische Journalistin Irina Chalip. +++ Und dwdl per Fotostrecke über die Preisträger des Goldenen Günters. +++ Keine Nachricht ist in der TAZ eben auch eine Nachricht: "In der Rubrik 'Unter Freunden' wollten wir die individuelle Meinung der ZDF-Fernsehräte zum Fall Koch und den Folgen präsentieren. Nachdem das wichtigste ZDF-Gremium am Freitag auf Geheiß der Union für eine 'Klappe zu, Affe tot'-Haltung gestimmt hat, macht dies allerdings keinen Sinn mehr." (TAZ) +++ Was dagegen Sinn macht: der Austritt von Peter Voß aus der CDU. +++ Wo Twitter noch für Unruhe sorgt: in Niedersachsen (SPON). Und wo offenbar nicht mehr viel: im ehemals Iran-affizierten Deutschland (FAZ, S.5). +++ Über Freud und Leid des Preiswesens denkt die Mediatheke der Netzeitung nach. +++ Neues über die Analogabschaltung. +++ Noch Fragen? Ein Focus-Portal müht sich im intelligenten Antworten.

 

Frisches Altpapier stapelt sich morgen gegen 9 Uhr.

RSS-Feed erstellen:

Weitere Nachrichten: Altpapier