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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Mittwoch - Mutter Teresa, Habermas und Freibier

Veröffentlicht: 16 Dezember 2009 09:24
Verändert : 16 Dezember 2009 10:38

Der Springer-Verlag startet schon wieder durch. Endlich kann man für Online-Lokalnachrichten aus Hamburg und Berlin auch bezahlen.

"Ach, die Generation Facebook, die Heerscharen an Usern weltweit in den sozialen Netzwerken", seufzt es heute im Tagesspiegel: "Millionenfach strömen sie täglich, nächtlich an ihre Computer, Laptops, i- und sonstige Smartphones, um soziale Kontakte zu pflegen. Was gäben die Fernsehsender darum, diese Zielgruppe auch wieder oder weiter fürs Fernsehen zu interessieren."

Der Anlass des Seufzens ist ein eher unspektakulärer. Ab 10. Januar zeigt Arte eine neue, von den einstigen "Polylux"-Machern produzierte Fernsehsendung namens "Yourope“ (deren Titel nicht bedeutet, dass Du dir einen Strick nehmen sollst, sondern "ein Kompositum aus Youtube und 'My Europe'“ ist).

Der TSP stellt sie schon mal vor: "Die Themen ... treffen durchaus den Nerv der Zeit: Wie Polit-Flashmobber ihre Konsumentenmacht nutzen, Studentenprotest 2.0 oder Facebook für Haustiere..."

Facebook für Haustiere, Facebook für Haustiere, da war doch was, auf das man überall stößt - die flippige, teils sogar treffende Werbekampagne des Springer-Konzerns für seine Welt Kompakt-Zeitung. "Wir melden unsere Lieblinge bei Facebook an".

Springer startet derzeit richtig durch. Kaum, dass letzte Woche die cool kostenpflichtige Bildzeitungs-App fürs i-Phone in die Welt kam (am Rande: Wer sehen möchte, wohin es im Medienjournalismus geht, muss sich leider ansehen, wie auf der entsprechenden Präsentation der bloggende bzw. vloggende Kai Diekmann seine "lieben Kollegen" filmte), da zündet der Verlag bereits die nächste Stufe seiner Bezahloffensive.

Und zwar mit gewaltigem Pathos:

"Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt. Doch vor allem ist es eins: Es ist alternativlos."

Schreibt Matthias Iken, stellvertretender Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt, im langen Erklärartikel (gratis), warum Artikel "aus Hamburg und dem Norden" bei abendblatt.de jetzt mit einem orangefarbenen Euro-Symbol gekennzeichnet sind. Das bedeutet: Nicht-Abonnenten der Papierzeitung sollen 7,95 Euro monatlich zahlen, um sie lesen zu können. (Bei der Berliner Morgenpost verhält sich das ähnlich, bloß den Lebenshaltungskosten in der Hauptstadt angepasst. Hier kostet's 4,95 Euro).

Außer Pathos hat Iken aber auch das Stilmittel der Polemik drauf.

"15 Jahre nach dem Massendurchbruch des World Wide Web regiert dort noch immer ein großzügiges wie groteskes Geschäftsmodell - das 'Mutter-Teresa-Prinzip': Alles muss umsonst sein." Doch "Qualitätsjournalismus ist per se eben nicht kostenlos, sondern kostenintensiv. Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus."

Und wen das nicht überzeugt, den überzeugen vielleicht Argumente großer Philosophen, die Iken direkt ("Jürgen Habermas warnt seit Langem vor den Folgen eines ausgehöhlten Journalismus") bzw. indirekt ("Ist es zu viel verlangt, in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet... , für das Produkt Qualitätsjournalismus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?" variiert Mathias Döpfners "Wenn eine Zeitung weniger kostet als eine Tasse Kaffee, dann stimmt etwas nicht" von 2003) zitiert. Was irgendwie mit der ebenfalls erwähnten "Freibiermentalität" korreliert...

Nun ist einerseits der sog. Qualitätsjournalismus ein weites Feld, außer vielleicht in Hamburgs Lokalzeitungslandschaft, andererseits haben wir ohnehin die sehr lebhafte Totholz- vs. Digitalmedien-Debatte.

Insofern prasseln Hohn und Häme in allen Güteklassen auf abendblatt.de ein - auch und gerade unter Ikens Artikel (derzeit 485 Kommentare). Die wortgewaltigste Entgegnung verfasste bereits, mit keineswegs kleinerem, bloß heutigerem Pathos, Stefan Niggemeier:

"Die einzige Chance, die der Journalismus hat, liegt darin, den Menschen etwas anzubieten, das sie lesen wollen. Das einen Wert hat für sie, weil sie sich gut informiert fühlen oder gut unterhalten oder beides. Das sie so gut und so wichtig finden, dass sie darauf nicht verzichten wollen und bereit sind, dafür etwas zu geben: Zu allererst ihre Zeit. Das ist der eigentliche Tausch, der da stattfindet: Leser belohnen Medien dadurch, dass sie ihnen Aufmerksamkeit schenken, ein rares Gut", schreibt er.

Polemik ("Ikens Text ist ein notdürftig als Werbetext getarnter Abwasserrohrbruch") ist aber auch dabei.

Unter diesem Beitrag stehen bereits 165 Kommentare. Wer allein die Texte von Iken und Niggemeier und die insgesamt über 600 Kommentare lesen will, und anschließend die seit Beginn des Lesens dazugekommenen, hat für diesen Mittwoch bereits sehr gut zu tun. Womit aber keineswegs vom Lesen der Kommentare abgeraten sein soll. Viele sind lesenswert. Z.B. macht Niggemeier-Kommentator Sanníe darauf aufmerksam, dass Springers welt.de ihren Hamburg-Teil gelöscht hat, nicht direkt elegant, aber gründlich.

Wir kehren aber nochmal, ach, zur Generation Facebook zurück. Eines von deren speziellen Problemen behandelt Marin Majica heute in der Berliner Zeitung:

"Vor Kurzem habe ich einmal wegen Facebook sehr schlecht geschlafen. Ein Vorgesetzter hatte mir eine Freundschaftsanfrage geschickt... Es fühlte sich ein bisschen so an, als hätte er mir vorgeschlagen, dass wir uns in der Sauna gegenseitig unsere Tagebücher vorlesen."

Was tut die Generation F in so einem Fall, in dem jener Vorgesetzte ja in Echtzeit Antwort erwartet? Und wer mag dieser vorgesetzte Möchtegern-Freund gewesen sein? Uwe Vorkötter? (Wenn Sie mehr Facebook-Freunde Vorkötters sehen wollen, aktualisieren Sie die Seite mehrmals) Gar Konstantin Neven DuMont?

Majica klärt letztere Frage nicht, aber erstere, und schildert schön, wie er diesen anonymen Vorgesetzten "entfreundete", ohne dadurch bislang berufliche Nachteile erlitten zu haben.

Im Grunde bietet für diese Lebenslage wiederum die Welt Kompakt-Werbung Rat. Man darf überlieferte Begriffe halt nicht mehr so ernst nehmen, bzw.: "Wir haben online so viele Freunde, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen." Was der Springer-Verlag tut, ist nicht immer ganz dumm.

© Altpapier/ Christian Bartels

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