Altpapier vom Donnerstag - Sisyphos & Sisi
| Veröffentlicht: | 17 Dezember 2009 09:22 |
| Verändert : | 17 Dezember 2009 10:34 |
Wenn bejohlte Pitbulls auf einarmige Rentner treffen, dann ist der Web-Kommunismus nicht weit, und es geht aggro zu. Zum Glück zeigt das Fernsehen wieder was Schönes.
"Denn das Wichtigste ist/
dass das Feuer nicht aufhört zu brennen/
Denn sonst wird es ganz bitterlich kalt/
Ja, die Flammen im Herzen/
Die sind durch nix zu ersetzen/
Darum halt sie am Laufen mit aller Gewalt!",
..äh... singt der Entertainer Jan Delay in einem aktuellen Schlager.
Daher muss regelmäßig Öl in dieses Feuer gegossen werden, sofern man nicht neues Totholz hineinwirft. In ungefähr diesem Sinne schaltete sich Georg Altrogge, Chefredakteur des derzeit umtriebigsten Mediennewsvermeldedienstes meedia.de, in die gestern auch an dieser Stelle skizzierte Debatte zwischen Stefan Niggemeier und der Springer-Presse ein.
"Alpha-Journalist auf Aggro" alliteriert Altrogge. Weil Niggemeier über den stellvertretenden Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, Matthias Iken, schrieb, dieser schimpfe "wie ein einarmiger Rentner 1968 über die langhaarigen Studenten", nennt Altrogge ihn einen "medialen Pitbull ohne Beißhemmung..., dessen Attacken von einer großen Fangemeinde bejohlt werden".
Unter dem durchaus differenzierten Artikel entspinnt sich ein auch nicht unköstlicher Kommentar-Schlagabtausch (Robin Meyer-Lucht: "Verehrter Herr Altrogge, ich bin sprachlos... Es wäre ehrlicher und angemessener gewesen, Niggemeier einfach eine Mail zu schicken - oder mal anrufen."/ stefan niggemeier: "@Robin Meyer-Lucht: Warum hätte Herr Altrogge mich anrufen sollen? ... Worin besteht der Vorteil darin, solche Auseinandersetzungen nicht-öffentlich auszutragen?")
Im ersten Kommentar äußert Martin Hufner die vernünftige Ansicht, dass eben "der eine ohne den anderen nicht kann. Springer nicht ohne Niggemeier, Niggemeier nicht ohne Springer."
So niggemeiert inzwischen auch Springer-Chef Mathias Döpfner, würde turi2.de sagen. In diesem Tweet des noch vor einem Jahr umtriebigsten Mediennewsvermeldediensts geht es um die gestern publizierte Online-Vorab-Zusammenfassung des allerjüngsten Döpfner-Interviews, das am Freitag im Manager-Magazin erscheint.
Darin geht's um das Übliche, sog. Qualität im Journalismus. Geradezu lustig wäre, wenn das Thema nicht zumal im Enkejahr so ernst wäre, wie Döpfner hier wieder die Deutungshoheit über das Sprachbild des Selbstmords aus Angst vor dem Tod gewinnen möchte ("Es sei keine Antwort auf die Herausforderungen, 'wenn man Selbstmord begeht aus Angst vor dem Tod'"), das einem zuletzt bei Niggemeier begegnete ("Anscheinend glauben die Verantwortlichen beim 'Abendblatt', die Redensart vom 'Selbstmord aus Angst vor dem Tode' sei keine Warnung, sondern ein Ratschlag"), aber eigentlich schon seit Jahren exklusiver Original-Döpfner ist (siehe Altpapier).
Ein aktuellerer Schlager Döpfners, den er zuletzt vs. Ariana Huffington in Monaco interpretierte, ist auch wieder dabei und inhaltlich wichtiger (der Sisyphos-Job eines Springer-Chefs ist eben auch, in jedem Jahrzehnt gegen die Linke in ihren jeweiligen Gewändern anzutreten):
"In scharfer Form wendet sich Döpfner gegen die Forderungen, nur Gratisinhalte im Internet anzubieten: Dies seien 'abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten'".
Das zitiert wiederum auch Niggemeier gern, verlinkt aber nur kurz einen SPON-Artikel, der Döpfners "Quatsch-Argumentation" entlarve. Darin argumentiert Christian Stöcker zum Gratis-Streit um den Journalismus:
"Döpfner sagte nicht, ob er auch die Anteilseigner der ProsiebenSat.1 Media AG für Wahnsinnige hält. Oder die Eigentümer der RTL Group. Wo die doch seit Jahrzehnten die Kostenloskultur des privaten Rundfunks nähren mit ihren Angeboten".
Falls jetzt jemand argumentieren wollen würde, dass das deutsche Privatfernsehen zurzeit nicht der exzellenteste Anknüpfungspunkt ist, um rein werbefinanzierten Journalismus zu propagieren, er fände die bestbeobachteten Beispiele im FAZ-Fernsehblog (Stefan Niggemeier/ Peer Schader).
Aber erstmal lodert das Feuer ja auch so.
Und eigentlich sollte es im heutigen Altpapier auch noch um die neue "Sisi" gehen, das Topthema der papierenen Medienseiten, schon um das hübsche Foto zu rechtfertigen. Es entstammt dem ZDF-Presseportal. Die offizielle Bildunterschrift lautet: "Sisi (Cristiana Capotondi) spricht Franz (David Rott) Mut zu beim Staatsbesuch im Pulverfass Italien" und charakterisiert bestens das historische Bewusstsein des fürchterlichen Films.
Dass seinerzeit Italien womöglich ein "Pulverfass" war, aber erst ein entstehender Staat, und dass Mailand, wo diese Szene spielt, zu dem Zeitpunkt gerade nicht dazu, sondern zu Sissis Kaiserreich gehörte (was einen Teil der politischen Probleme dieses Kaiserreichs darstellte), das ist dem ZDF völlig gleichgültig.
Mehr zur neuen Sisi im Altpapierkorb.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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+++ Xaver Schwarzenberger, Regisseur des Zweiteilers, "drehte als Kameramann von Rainer Werner Fassbinder unter anderem 1980 die Literaturverfilmung 'Berlin Alexanderplatz'. Der Kontrast zur strahlenden 'Sisi' könnte nicht größer sein, und doch ist der 63-Jährige seinem Lehrmeister RWF ewig dankbar: 'So verhuscht Fassbinder damals erschien, so wirr oder was auch immer, so unheimlich klar und praktisch und ökonomisch denkend war er beim Filmemachen. Und das ist ein goldenes Vermächtnis für mich.'“ (Tagesspiegel). Es wird, Xaver Schwarzenberger, auch wieder eine Zeit kommen, in der der Quatsch, den Sie heute immer anstellen, als verhuscht und wirr erscheinen wird! +++ "Übereifrig soll Sisis politisches Interesse und ihr Einfluss auf die Entscheidungen des Kaisers dargestellt werden, doch bleibt es meist bei nachdenklichem, erschrockenem, ablehnendem Staunen über all das, was so passiert in der Welt. Darüber muss man natürlich reden. Viel reden" (TAZ). +++ "Dreieinhalb Stunden bestes Fernsehen" (FAZ, S. 35) +++ "Melodramatisch schluchzen die Geigen, als sei das 'Traumschiff' in einer irren Reise durch Zeit und Raum in den Alpen gestrandet" (BLZ). +++ "Musste es der Regisseur mit der Ikonisierung derart übertreiben? ... Viel fehlt nicht, um zwischen blutigen Stümpfen und Geschrei in 'Sisi' einen Seelenzwilling der englischen Prinzessin Diana zu erkennen" (Senta Krasser, SZ). +++ Dies. interviewt die Hauptdarstellerin: Signorina Capotondi, "haben sich die vielen Reitszenen im Film für Sie gut angefühlt?" Capotondi: "Mein Pferd und ich hatten anfangs keine gute Beziehung. Es schaute mich an: Was? Du willst mich reiten?.." +++ Zurück zur paid content-Debatte: "Scheitern die Verleger bei diesem Projekt, ist eine 100-jährige Ehe geschieden. Vielleicht ist dies dann der Beginn eines modernen Bürgerjournalismus, wie ihn einige Apologeten des Web 2.0 herbeisehnen. Auf jeden Fall wäre es das Ende des professionellen Journalismus, wie wir ihn kennen" (lesenswerter, historisch fundierter Artikel von Thomas Birkner vom Hamburger Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft, FTD). +++ Was macht Matthias Iken vom Hamburger Abendblatt? Er beantwortet ("Aber genauso wenig, wie die Coffeeshops ihren Kaffee verschenken, verschenken wir fortan unsere Inhalte. Auch das gehört zur Freiheit") einige der 100e Leserkommentare, vor allem die nicht so zahlreichen netten. +++ "Die Nachricht traf sogar die eigene Redaktion wie aus heiterem Himmel", dass die linke polnische Tageszeitung Trybuna, Ex- Trybuna Ludu eingestellt wird (BLZ). Doch "man stehe in Verhandlungen mit verschiedenen Investoren, erklärt Ostrowski, sodass sie rechtzeitig zum 20. Geburtstag am 1. Februar 2010 wieder an den Kiosken zu kaufen sei." Ostrowski? Nicht Hartmut aus Gütersloh, sondern Arkadiusz, "Chef des Verlages Ad Novum". +++ Dass das deutsche Privatfernsehen zurzeit nicht der beste Adresse für Journalismus im engeren Sinn ist, schrieb der Redaktionsausschuss von N24 per Post an die 622 Bundestagsabgeordneten (TSP). +++ Die Rundfunkkommission der Länder will bis Februar prüfen, "inwieweit Nachrichtenprogramme bei Privatsendern sicher gestellt werden können" und eventuell den Rundfunkstaatsvertrag umformulieren (SZ, S. 15). +++ Wer sind eigentlich Gerhard Delling und Günter Netzer? (BLZ) +++ Wer Netzers Nachfolger werden könnte: "die beiden gerne auch grantelnden Ex-Profis Stefan Effenberg und Matthias Sammer oder Noch-Trainer Ottmar Hitzfeld. Vielleicht sogar Jürgen Klopp... " (TSP). +++ Ihm ging es "um mehr als die Pose": Johnny Cash, heute "at Folsom Prison" auf Arte (TAZ). +++ 20 Jahre "Die Simpsons" werden gewürdigt von SZ (S. 15) und DPA/ TSP. +++ Noch mehr Aufregung? "Jedes Gerät, das Rundfunk empfangen kann, unterliegt der Bezahlpflicht, also auch das Handy, der Blackberry, der iPod. Diese Grundsatzentscheidung ist längst gefallen, nur ist sie den wenigsten bewusst. Könnte man mit einem Toaster die Programme von ARD und ZDF aufwärmen, taute sie der Kühlschrank auf, wären auch diese Gerätschaften rundfunkgebührenpflichtig" (Michael Hanfeld, "Die totale Gebühr", FAZ, S. 29) +++
Frisches Altpapier gibt's wieder am Freitag gegen 9.00 Uhr.
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4.) Große Verlagskoalition? (sueddeutsche.de)
5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
2.) Der Freitag schlägt 19 Prozent MwSt für die Bunte vor
3.) Der Spiegel-Text von 2009, den der Spiegel heute (vorerst nur Print) quasi zurückzieht






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