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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Freitag - Out of Focus-TV

Veröffentlicht: 18 Dezember 2009 08:03
Verändert : 18 Dezember 2009 08:11

Focus-TV, Beckmann, Jan-Eric Peters: Der Begriff des Politischen ist der erste Verlierer in der Krise. Burda zeigt derweil, wo das eigene Qualitätsjournalismusblabla aufhört.

Auch das noch: ProSieben stellt unsere Lieblingssendung Focus-TV ein!

Zum Glück erklärt uns Daniel Bouhs in FR und Berliner noch einmal, warum sie uns im Laufe der immerhin 13 Jahre ihres Bestehens so ans Herz gewachsen war:

"Statt sich mit den Problemen zu beschäftigen, die Deutschland bewegen, wie es sich für den Fernsehableger eines Nachrichtenmagazins gehört, waren sie gerade erst mit 'den starken Armen des Gesetzes' unterwegs: den Kopfgeldjägern in Oklahoma City. Oder sie riefen 'Die Russen kommen!' und warnten in einem Beitrag vor "Menschen aus der Ex-UdSSR' ('auffällige Touristen')."

Und damit wären wir auch schon beim Thema: Was gehört sich für den Fernsehableger eines so genannten Nachrichtenmagazins? Oder anders gefragt: Ist das Ende von Focus-TV mehr als ein Dämpfer unserer privaten Passionen?

Bouhs spricht von "Informationsdefensive" und bringt sich damit selber in Erklärungsnot:

"Mit dem Aus für 'Focus TV' setzt sich dennoch eine traurige Entwicklung fort: die Informationsdefensive der ProSiebenSat.1-Gruppe, die derzeit offenbar alles infrage stellt, was keine Unterhaltung ist. 'Wenn das so weitergeht – und ARD und ZDF sind für die Zielgruppe keine Alternative – sehen junge Leute bald nur noch Tokio Hotel statt hin und wieder auch mal Kyoto-Protokoll', sagt Matthias Pfeffer, der Chef der Produktionsgesellschaft. Nun ließe sich freilich ausgiebig darüber streiten, ob seine Sendung überhaupt zur Meinungsbildung taugte. Denn auch das auf Boulevard und Sensation gebürstete Format riss zumindest vereinzelt gesellschaftliche Entwicklungen an."

Vielleicht ist viel trauriger als das Aus von Focus-TV (Pfeffer wird auch weiterhin für ProSieben schocking Beiträge produzieren) der Umstand, dass vom Anspruch auf Nachricht und Information und Meinungsbildung dieser, mit Verlaub, Furz übrig bleibt: "...riss zumindest vereinzelt gesellschaftliche Entwicklungen an."

Der Begriff des Politischen ist auf den Hund gekommen. Da müssen wir zum Beispiel im SZ-Text zum Quotenerfolg von Anne Will -

"2009 schloss sie tatsächlich wie schon 2008 besser ab als die Konkurrenten mit durchschnittlich 13,4 Prozent (3,8 Millionen Zuschauer")

- lesen, nein, ertragen, wie ARD-Programmdirektor Volker Herres diesen Umstand bejubelt:

"Mit ihr und Frank Plasberg haben wir zwei - in der Chefredaktion angesiedelte - politische Gesprächsformate, die beide sehr erfolgreich sind. Wenn man genau hinsieht, haben wir sogar vier Gastgeber politischer Gespräche, weil man ja Reinhold Beckmann und Sandra Maischberger nicht als unpolitisch bezeichnen kann."

Stimmt, lieber Volker Herres, das kann man nun wirklich nicht - Reinhold Beckmann als unpolitisch bezeichnen. Immerhin sitzen in seiner schmierlappigen Sendung ja auch ab und an Politiker, und Politiker sind, das sagt ja schon der Name, politisch und das auch dann, wenn man den Menschen hinter dem Poltiker zeigen will. What a Logik!

Wenig tröstlich ist der Kommentar des von uns mindestens so sehr wie Focus-TV geliebten Georg Altrogge, bekanntlich Chefredakteur des eifrigsten Mediennewsvermeldedienstes Meedia.de. Der traut sich im Aufbereiten der neuesten Springer-Personalie (Jan-Eric Peters wird wieder Chef der "Welt"-Gruppe, Thomas Schmid deren "Herausgeber") einen Funken Meinung:

"Diese publizistische Dimension dürfte Schmid auch künftig als Herausgeber bedienen, denn sein Nachfolger ist gewiss kein politisches Schwergewicht."

Um nach einem Kommentar unter dem Text, der diesen Ausdruck ("kein politisches Schwergewicht") beanstandet, gleich wieder zurückzurudern:

"Politische Schwergewichte gibt es in der Branche nur sehr wenige; es ist keinesfalls ehrenrührig, wenn man nicht dazu gehört. Man kann trotzdem ein erfolgreicher Chefredakteur sein."

Oder zum Frisör gehen. Und wo wir gerade dabei sind: Frisör, äh, Journalist des Jahres, nach Meinung von Horizont, unserer nun wirklich allerliebsten "Zeitung für Werbung, Marketing, klassische und neue Medien", ist: aber lesen Sie selbst.

Wenn der Bild-Chef für seine "Nonkonformität" gelobt wird, dann ist Focus-TV in Wahrheit die bessere Tagesschau.

Vielleicht muss erst wieder Weihnachten werden und Horst Köhler uns daran erinnern, dass Nonkonformität nicht die Verlängerung des Bild-Ekels ins Internet bedeutet.

Vielleicht könnte uns Horst Köhler die Geschichte der Mary Scherpe erzählen, die sich als Modebloggerin einen Namen gemacht hat und die, als sie entdeckte, dass eine Burda-Zeitschrift - die ja, weil sie aus dem Hause Burda kommt, automatisch eine Burda-Qualitätszeitschrift ist - kostenlos ihre Bilder aus dem Netz druckte, eine Rechnung samt Gebühr für Verletzung der Urheberrechte schickte - für deren Zahlung sie sogar klagte.

Horst Köhler findet die Geschichte, die der Autor Jan Söfjer schon für den Freitag aufgeschrieben hatte, in ihrer aktualisierten Version in der Berliner.

"Vermutlich wird Hubert Burda, immerhin ein großer Gegner der Gratiskultur im Internet, nichts von dem Fall gewusst haben. Konzernsprecher Nikolaus von der Decken sagt dazu: 'Wir sind seit Jahrzehnten im Geschäft und veröffentlichen Hunderttausende Fotos, da geht schon mal was schief.' Er sagt, er könne Scherpe verstehen: 'Es gab Versäumnisse von uns.' Durch spitze Bemerkungen am Telefon und in Mails wird aber deutlich, dass sein Verständnis für den Kampfgeist der Fotografin eher begrenzt ist."

Geht schon mal was schief, selbst bei ausgewiesensten Qualitätszeitungen. Nee, ist klar, Burda!

© Altpapier/Matthias Dell

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+++ Zur Springer-Personalie findet sich eine Meldung von Michael Hanfeld in der FAZ (Seite 39), die so vermutlich nicht mal Springer rausgegeben hätte: "Jan-Eric Peters hat ein Gespür für Themen und Prozesse, tritt dezent, smart und sportlich auf." +++ Wer es etwas differenzierter mag - Ulrike Simon in der FR: "Wer weiß, womöglich wird wahr, was aktuell wieder lauter erzählt wird: dass die Welt auf Tabloid-Format schrumpft." Die FR ist es ja schon. +++ Das Welt-Tabloid "Kompakt", auch grandioser Qualitätsjournalismus, weil ja aus dem Hause Springer, macht derweil Werbung für sich und Werbung auf Seite 1, worin wiederum der Freitag eine Reminiszenz an die Geburtsstunde des Journalismus erblickt: "Anzeige und Nachrichten bedeuteten ursprünglich beide 'Zeitung'." +++ Gespart wird da, wo sich die wenigsten beschweren, und in der Wahrnehmung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind das die Migrantenprogramme wie die türkische Radiosendung "Köln Radyosu" des WDR-Funkhaus Europa. Roland Reuss in der SZ (Seite 15): "Der RBB machte Ende vergangenen Jahres sein Radio Multikulti dicht, am 1. Januar folgt der Hessische Rundfunk (HR), der bisher die Spanier, Lateinamerikaner und Griechen versorgt. Damit wiederum hat man den WDR beliefert, der nun den RBB spanische und griechische Beiträge produzieren lassen will - auf Kosten der Türken eben. Der HR begründet die Streichung mit Sparvorgaben - bis 2012 fehlten 64 Millionen im Etat. Nach Protesten verschonte man dort die Kindersendungen, bei den Migranten blieb man hart." +++ Immerhin, Radio Multikulti in Berlin ist nicht ganz verschwunden, sondern als Multicult2.0 ins Internet abgewandert und das nicht ohne Erfolg, wie der Tagesspiegel schreibt. +++ Der Spiegel goes TAZ - was die Erlösmodelle betrifft, Ralf Mielke schildert die Entwicklung noch einmal in Berliner und FR. +++ Carta begrüßt ein wenn auch noch nicht recht ausgereiftes Erlösmodell für Paid-Content im Netz (man beachte auch das amazing Foto von der Kachingle-Chefin samt Hund!). +++ "Die Richter würdigten damit einen Vorzug des digitalen Fortschritts", steht in einem TAZ-Text über ein BGH-Urteil zu der Frage, ob die Namen der Sedlmayr-Mörder aus alten Texten, die online noch zu lesen sind, wieder entfernt werden müssen. +++ Und die Welt fragt Bastian Pastewka, was er zu Weihnachten macht. +++

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