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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Montag - Die Gretchenfrage

Veröffentlicht: 21 Dezember 2009 09:22
Verändert : 21 Dezember 2009 10:24

Nun sag, wie hast du's mit der Religion? Der Spiegel jedenfalls wird rechtzeitig zu Weihnachten wieder heilig. Und wie hast du's mit dem Körperfett? Die FAZ empfiehlt Training per Konsole.

Endkrass: Bild-Chefredakteur Kai Diekmann wird in die Vorstandsetage des Axel-Springer-Verlags hochdegradiert. Das liegt offenbar nicht an den "überragenden Zahlen von Bild“, deren Auflage heute immer noch beinahe so hoch ist "wie 1961“, sondern an Unzufriedenheit über Diekmanns Blog: Im Haus heißt es, es gebe Kritik, weil er der Seriösität des Konzerns schade. Die Nachfolge soll noch vor Weihnachten geregelt werden. Im Gespräch ist eine offen lesbische Frau mit Migrationsvordergrund aus der Anti-Atom-Bewegung; sie soll Bild endlich wieder mainstreamfähig machen.

Halt! Finger weg vom Twitteraccount: Das ist natürlich eine Falschmeldung. Aber wenigstens ist es eine Meldung! Irgendwie hat sich schon wieder so eine vorweihnachtliche Bräsigkeit übers Land gelegt. Das erkennt man zum Beispiel daran, dass Der Spiegel etwas Heiliges vorne drauf hat.

Nach "Abraham: Christen, Juden, Muslime: Wem gehört der Urvater der Religionen?“ (2008), "Der Koran. Das mächtigste Buch der Welt“ (2007), "Gott kam aus Ägypten“ (2006), "Gott gegen Darwin“ (2005), "Mythos Heiliger Gral“(2004), "Martin Luther“ (2003), "Die Erfindung Gottes“ 2002, "Der Glaube der Ungläubigen“ 2001 und "Jenseits des Wissens“ 2000 ist es diesmal: "Wer hat den stärkeren Gott? Islam und Christentum: Der ewige Zwist“.

Zweifellos ein Thema, das "die Menschen da draußen“ bewegt, wie auch der von Welt Online überlieferte Aufruf des Kardinals Meisner beweist, der rechtzeitig zum Fest der Liebe eine Debatte anzustoßen versucht. Nach dem Motto: Endlich sagt’s mal wieder einer, jetzt, wo der Ruf des Sarrazins verhallt ist. Die 282 Kommentare (Stand 7.40 Uhr) unter dem Text durften wir uns aus Zeitgründen sparen.

Trotzdem: herrje, Spiegel!

Und damit zu den Medienseiten des Tages, die sich heute zusammen genommen dadurch auszeichnen, dass die zusammenhängende Erzählung fehlt – es gibt kaum Überschneidungen bei den Themen. Mag an der Nachrichtenarmut liegen. Vielleicht auch nicht. Ach ja, jedenfalls alle so: gähn.

Die FAZ (S. 29) zum Beispiel befasst sich auf ihrer Drittelseite, die der Medienredaktion an Montagen zur Verfügung steht, mit der Nintendo-Spielkonsole, "bei der man das Spiel mit bewegungsempfindlichen Controllern steuert“ und dem Fitnessstudiospiel "Wii Fit Plus“:

"Man stellt sich auf das 'Balance Board', das wie eine intelligente Waage funktioniert und die Gewichtsverlagerungen registriert. Durch Yoga, Muskelübungen, Balancespiele und Aerobic kommt man so vor dem Fernseher ins Schwitzen."

Wenn man aber unbedingt Zusammenhänge zwischen den Medienseiten herstellen will, muss man wohl sagen, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen mal wieder das einzige Bindeglied ist. Nicolas Richter und Klaus Ott vom Ressort "Investigative Recherche“ der Süddeutschen berichten zum Beispiel über "die bizarre Geschichte einer der besten Fernsehserien für Kinder“ (S. 13): die Serie "Little Amadeus“.

"Die Serie, die jetzt" – jetzt im Sinn von freitags bis sonntags"in der ARD wiederholt wird, ist eine der erfolgreichsten deutschen Comic-Produktionen. Was sich seit den Anfängen aber hinter den bunten Bildern abgespielt hat, mutet an, als habe dort ein unsichtbarer Devilius Regie geführt. Es hat Redakteure und Produzenten an den Rand der Verzweiflung getrieben, etliche Gerichte beschäftigt und jetzt auch einen Insolvenzverwalter und die Revision beim NDR. Die Höhen und Tiefen von Little Amadeus offenbaren alle Fallstricke im TV-Geschäft, sie zeigen, welcher Kraftakt nötig ist, um ambitionierte Zeichentrickserien durchzusetzen."

Was wäre noch im Angebot? Ein Nachtrag zum öffentlich-rechtlichen Fußballmoderationsduo Günter Netzer und Gerhard Delling: Netzer arbeitet bekanntlich nach der Fußball-WM in Südafrika nicht mehr für die ARD und sagt im Spiegel-Interview: "An Delling verzweifle ich jedes Mal aufs Neue, das ist Alltag. Ich hoffe aber, dass bei ihm jetzt die Altersweisheit eintritt und er sein Leben alleine meistert. Er lernt jetzt alleine laufen."

Immerhin: Daraus könnte man doch ein kleines Ehedrama machen, um die Saure-Gurken-Zeit nachrichtenfreie Zeit den Redaktionsurlaub zu überbrücken. Es gab schließlich im vergangenen Jahr um Netzer und Delling sogar schon einen Pornoskandal.

Dann hätten wir da: Joachim Króls Wechsel zum HR-"Tatort“, über den Sueddeutsche.de am Freitagnachmittag schrieb:

"Króls Wechsel zur ARD ist pikant, er gibt dafür seine Krimi-Reihe "Lutter" im ZDF auf. Im Zweiten hat man sich vergeblich bemüht, Król zu halten und begreift die Abwerbung durch die ARD als unfreundlichen Akt."

Und über Günther Jauch schrieb Hans-Jürgen Jakobs ebenda:

"Wenn die ARD besondere Ereignisse journalistisch bewerten will, setzt sie gerne auf einen besonderen Gast - der in der Hauptsache sein Geld beim Privatsender RTL verdient. Günther Jauch hat sich allem Anschein nach einen besonderen Status im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erarbeitet."

Ergibt aber alles zusammen irgendwie nicht so recht das große Bild; es bleibt bei Mosaiksteinen. Bleibt für die große Erzählung nur, auf die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zurückzugreifen, für die Harald Staun im Medienseitenaufmacher ("Die Rundfunkgebühr wird zur Zwangsabgabe“, S. 31) systemkritisch tätig wurde:

"Wenn … bald das Geld für ARD, ZDF und Deutschlandradio nicht mehr allein von jenen kommen soll, die deren Programme einschalten, sondern sogar von Nutzern multimediatauglicher Geräte, die womöglich weder ahnen noch wollen, dass ihre Wundermaschinen auch 'Das Sommerfest der Volksmusik' übertragen können, dann erweist sich die Basis für die Bemessung der Gebühren als reine Willkür. An Beliebigkeit jedenfalls kann es die Kategorie 'Geräte mit Rundfunkempfang' locker mit den Gattungen aus Borges' berühmter chinesischer Enzyklopädie aufnehmen, wie 'Tiere, die dem Kaiser gehören' also, solche, 'die von weitem wie Fliegen aussehen'."

Man könnte vielleicht sagen, dass es sich bei der Gebührenfrage um die Gretchenfrage des Medienjournalismus handelt, wenn diese abgelutschte Formulierung nicht längst durch wäre. Deshalb muss man festhalten, dass das Medium, von dem man sagen kann, dass es die Gretchenfrage tatsächlich stellt, traditionell kurz vor Weihnachten das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel ist, schnarch.

© Altpapier/Klaus Raab

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+++ Frank Schirrmacher über Google, die Echtzeit und die virtuelle Realität, im Feuilletonaufmacher der FAS. Und auch mit dieser richtigen Erkenntnis: "Das Öde an der deutschen Internetdebatte ist, dass sie weitgehend eine Mediendebatte ist. Jeden Tag neue 'zehn Thesen über die Zeitung' sind erfreulich, aber auf Dauer auch etwas langweilig." +++ Es gibt Neues in dieser Guardian-Geschichte vom Oktober ("The spy who loves media“), wie SZ und TAZ berichten: "Der Spion, der Zeitungen liebt“, der russische Milliardär Alexander Lebedew, sei nun offiziell am britischen Independent und dessen Sonntagsableger interessiert +++ Der Tagesspiegel berichtet über nicht hoch aufgelöste, aber doch erkennbar lange Gesichter  +++ Und über Reisereportagen im Fernsehen +++ Mehr Gebührenmeinungen: Jürgen Doetz im KSTA-Interview +++ Ebd.: Markus Schächter wolle ZDF-Intendant bleiben +++ Und noch mehr Gebühren und noch mehr Schächter: Die Funkkorrespondenz über den erwarteten ZDF-Überschuss +++ Google greife nach der kleinen Suchmaschine Yelp, berichtet die FTD +++ Noch nicht online, aber dazu passend: Die "Nachrichten aus dem Netz" der SZ (S. 9): "Formspring, im Netz erreichbar unter www.formspring.me, liegt eine sehr einfache Idee zugrunde: Wer sich registriert, kann auf der Seite die Fragen anderer Menschen öffentlich beantworten ", schreibt Johannes Boie. Auch der Pressesprecher von Google in Deutschland, Stefan Keuchel, sei unter denen, die sich dort herumtrieben: "'Wann kauft Google Formspring? ;)' ist eine Frage, die er bereits beantwortete. Und zwar so: 'kann nicht mehr lang dauern . . . :-) das ist natürlich ein WITZ!' Man möchte hinzufügen: Kann aber auch sein, dass es kein Witz war." +++ Ebenfalls in der SZ (S. 13): Karl-Heinz Heimann verlässt nach 57 Jahren den Kicker +++ Peer Schader für FAZ.net und Antje Hildebrandt für Welt Online über Wolfgang & Anneliese bei Sat.1 +++ Berlusconi gewinne in Spanien an Einfluss, berichten die Frankfurter Rundschau und die SZ +++ Robin Meyer-Lucht bei Carta über einen Paid-Content-Ansatz, mit dem man arbeiten könne +++ Der Spiegel feiert die "heute show" im ZDF (S. 164) als ernstzunehmende Konkurrenz für Harald Schmidt +++ Und berichtet über die Konkurrenz, die die Nachrichtenseite Politico der Washington Post mache (S. 166) +++ Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau über den US-Serienmarkt"Vor zehn Jahren luden sich erst die Bezahl-Sender, dann auch die frei empfangbaren Networks noch aufwendige, anspruchsvolle Serien auf, gaben Machern und Markt Gelegenheit, sich zu entwickeln. Man setzte auf Renommier-Projekte, die ihre Kosten spätestens durch internationale Verkäufe und auf DVD refinanzierten. Inzwischen hat sich längst Kater-Stimmung breit gemacht." +++ Und Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau über den eigenen Fernsehsender eines Getränkeherstellers in Österreich +++

 

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