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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Dienstag - Normalno wie immer

Veröffentlicht: 22 Dezember 2009 07:59
Verändert : 22 Dezember 2009 08:06

Wie spät ist es eigentlich? 2001? 1986? 1960? 1950? Die schönsten Wiederholungen

Es ist Weihnachtszeit, und das merkt man auch daran, dass es fast ausschließlich um die Glotze geht.

Alle Vorfreude auf das Superprogramm zu den Festtagen macht allerdings Jens Schröder auf Meedia.de zunichte, der schon mal die Programmzeitungen oder das Medium, in dem Fernsehprogramm heute zum Zuschauer findet, gescannt hat. Um festzustellen:

"Christmas TV: Alle Jahre Wieder(holungen)"

Als Überschrift, zugegeben, nicht ganz so knackig wie unser aktueller Favorit aus dem reichen Welt-Online-Angebot ("Junge Deutsche sind dick, süchtig und leben allein") beziehungsweise die neueste Folge von Kaisers-Klassik-Kunde auf Sueddeutsche.de, die unser Player einfach nicht abspielen will ("Russisches Leichtgewicht").

Aber der Tenor von Schröders Recherche stimmt: Es gibt einfach nichts Neues. Heute etwa läuft in der ARD ein neuer "Afrika"-Film, und Michael Bitala, einst SZ-Korrespondent in Nairobi und Kapstadt, will sich über das Nächstliegende an dieser, mit Verlaub, kryptokolonialistischen Scheiße schon gar nicht mehr aufregen:

"Wenn nun an diesem Dienstag Christine Neubauer erneut für die ARD in Namibia aufschlägt, um gleich mal den ganzen Kontinent in Beschlag zu nehmen (der Film heißt 'Meine Heimat Afrika'), dann muss man das Offensichtliche gar nicht mehr kritisieren. Das andere ist nämlich noch viel schlimmer: Afrika dient nur als Kulisse für weiße Schmonzetten? Geschenkt. Afrikaner sind nur Staffage? Ebenso geschenkt. In Namibia gibt es gefährliche Schlangen? Ist so. Taxifenster lassen sich nicht schließen, weil sie kaputt sind? Kommt vor. Ein Weißer setzt sich zeitlebens für die Rechte der Ureinwohner ein, weil sie sich selbst nicht helfen können? Soll es schon gegeben haben."

Ihn interessiert nur mehr, dass RTL es schafft, einen "Afrika"-Film zu senden ("Ausgerechnet Afrika", 4. Januar), der wenigstens Spuren von menschlichem Bewusstsein aufweist, derweil man sich angesichts des öffentlichen-rechtlichen Films frage,

"ob es bei der Degeto irgendjemanden gibt, der den Film ansieht, bevor er in der ARD ausgestrahlt wird (es soll ja der Degeto-Chef persönlich sein, Wolfgang Jurgan, ein vollbärtiger Mann, der sich gefällt mit dem Satz: 'Wir verkaufen Träume und Märchen')".

Was man sich allerdings auch fragen kann: Ob das Afrika-Bild der Degeto auch deshalb so schlicht sein kann wie sonst nichts, weil die Afrika-Bilder in Deutschland generell nicht sooo differenziert sind.

Die Tagesspiegel-Rezension des Christine-Neubauer-Films von Hendrik Feindt etwa nimmt den Film, wenn auch ironisch, ernst:

"Afrika ist im Kommen, nicht allein sportpolitisch wegen der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika."

Und Jan Freitag bemängelt in Berliner und FR zwar die verzerrte Afrika-Wahrnehmung des besagten Films, schreibt aber auch diesen Satz:

"Unter dem Deckmantel historischer Chronistenpflicht kritisiert er etwa Rassismus in einer Zeit, als Farbige noch Neger hießen."

"Als Farbige noch Neger hießen" - das war in sechziger Jahren state of the art.

Damals auch schon aktiv: Gerd Ruge. Der fährt, wie Weihnachten üblich, in den Osten, den anderen großen Projektionsraum deutscher Sehnsüchte.

In der Berliner und FR schreibt Holger Reischock (amüsanterweise unter zwei verschiedenen Titeln, "Normalno" und "Alles ganz normal" - offenbar traut man bei DuMont nur der zum Teil ostdeutschen und also mit Russisch sozialisierten Leserschaft das Verständnis eines russischen Wortes zu, das sich vom deutschen so sehr nicht unterscheidet):

"Was sagt man, wenn einem im dicksten Feierabendstau aus dem Van in der Nebenspur plötzlich ein Mikrofon vor die Nase gehalten wird und ein älterer, sehr grauhaariger Mann die tiefsinnige Frage stellt: 'Wie ist das Leben bei Ihnen?'"

Während Reischock zwar mit diesem bezeichnend komischen Mittel der Ruge-Reportage einsteigt (in der FR-Version geht's gleich im zweiten Absatz los, Tabloid!), macht er mit Ruge dennoch seinen Frieden. Während Hans Hoff in der SZ in gegebener Kürze vom Leder zieht:

"Es gibt Dinge, die immer zum Jahresende wiederkehren. Der Nikolaus gehört dazu, der Weihnachtsmann und Gerd Ruge. Eigentlich müsste es schon öffentlich-rechtlich sozialisierte Kinder geben, die gar nicht mehr unterscheiden können, wer von den bärtigen Männern welcher ist. Da kann man helfen: Gerd Ruge ist der mit dem blauen Hemd und dem blauen Mikrofon, der Fragen stellt, die jedem Volontär um die Ohren gehauen würden. 'Wir sind aus Deutschland. Wie ist das Leben bei Ihnen', fragt er, und manchmal bekommt er auch Antworten. Die Menschen sagen dann, dass das Leben früher besser war oder dass es jetzt normal ist oder dass sie leben, wie Menschen überall leben. Ruge strickt daraus Sätze, die immer passen. 'Ganz einfach ist auch in Russland das einfache Leben nicht', sagt er und liefert damit eine Erkenntnis, die in fast jede seiner Reportagen aus dem großen Land im Osten gepasst hätte."

Um den Überdruss an den begrenzten Möglichkeiten der Weltillustrierung an einem letzten Beispiel zu zeigen. Die TAZ weist auf den satirischen Jahresrückblick im ZDF hin. Sie findet ihn nicht schlecht, kommt aber im Laufe des Textes zu dem Schluss, dass vieles so ist, wie man es erwarten durfte:

"Und wenn Doyé und Wiemers mal nichts Spezielles einfällt, bleiben ihnen immer noch die Genre-Standards: ein süffisanter Sprecherstil, Bild-Text-Scheren mit markantem Archivmaterial und lustige Politikerzitate (Trittin: 'Wenn der Mond ein Käse ist, dann würde er tropfen'), dazu Boing- und Floing-Geräusche und die übliche Musik, von 'Forrest Gump' über die 'Muppet-Show' bis zum "Rosaroten Panther'. Bloß auf die unvermeidliche 'Sendung mit der Maus'-Persiflage hätte man auch mal verzichten können - haben wir 2009 oder 2001?"

2001 war übrigens das Jahr, in dem Caroline Links Film "Nirgendwo in Afrika" ins Kino kam.

© Altpapier/Matthias Dell

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