Altpapier vom Montag - Blick zurück nach vorn
| Veröffentlicht: | 28 Dezember 2009 07:53 |
| Verändert : | 28 Dezember 2009 08:48 |
Rückblicke, Ausblicke, und die Frage, welche tollen Ausreden Burda im nächsten Jahr für Nichtqualitätsjournalismus präsentiert
2009 geht Ende und also wird zurückgeschaut. Carta etwa hat eine Linkliste von 35 Texten eingestellt, die im vergangenen Jahr auf dem Portal eingestellt wurden. Zeit-Online liefert dagegen eine so genannte internetaffine Rückschau, die sich mit der Performance von Online-Aktivismus und Datenschutz 2009 befasst.
Weil der Rückblick journalistisch gesehen aber etwas Ranzig-Pflichtschuldiges hat, ist die Königsdisziplin des Rückblicks der Ausblick.
Und da müssen wir leider feststellen, dass nicht alle Prognosen so lustig sind wie die der letzten Mediatheke-Kolumne der nunmehr automatisierten Netzeitung (was wir jetzt nicht nur sagen, weil das Altpapier bei der Netzeitung seinen Anfang nahm, als da noch Menschen arbeiteten, und der Autor der der Kolumne auch Mitarbeiter dieser Kolumne ist):
"September
+++ Auf dem Zeitungskongress 2010 in Anklam stellt Kanzler zu Guttenberg sein Zeitungszukunftssicherungsgesetz vor: Ab Januar 2011 können Betreiber von Hotels, Pensionen oder Gasthöfen pro Übernachtungseinheit jeweils eine überregionale Qualitätszeitung und eine lokale oder regionale Tageszeitung abonnieren. Die Kosten für die Gutscheine übernehmen anteilig Bund, Länder, Kommunen und die Europäische Union. +++"
Es hat vielmehr damit was zu tun, dass der Text sich mehr Mut und Irrsinn leistet als etwa der Spiegel (Seite 84 ff.), der vorhersagt, was aus den Medienstars 2009 wird.
Der Disclaimer steht allerdings schon in der Unterzeile: "Eine nicht ganz ernst gemeinte Prognose." Achtung, es geht also durchaus ironisch zu. Im Fall von Nikolaus Brender liest sich das dann etwa so:
"2010 wird Brender das Zweite derart aufrecht verlassen, dass er kaum noch durch die Tür passt. Er wird zum Symbol von mutiger Zivilcourage im Journalismus, jeden verfügbaren Medienpreis einsammeln und noch lange auf Podien seine Rente aufbessern können. Im ZDF wird's derweil deutlich ruhiger, die Anstalt auf dem Lerchenberg gehört wieder der Nachtigall Carmen Nebel."
Lerche, Nachtigall, haben Sie mitbekommen, den Witz. Sonst wird es vermutlich genauso kommen. Es ist ja verständlich, dass sich eine in Automatisierung sterbende Randzone des Internets mehr Übertreibung und Insidertum leisten kann als ein großes Nachrichtenmagazin.
Aber das selbst das FAS-Feuilleton als Testamentsvollstrecker des von einigen geschätzten "Tempo"-Journalismus bei seinen geträumten "Teledialogen Ultra" derart bieder daherkommt, überrascht dann schon.
"Frank Plasberg
'Lassen Sie mich, bevor wir uns dem heutigen Thema von 'Hart, aber fair' widmen, noch einmal auf die vergangene Sendung zurückkommen. Wir hatten uns der Pharma-Industrie gewidmet und dabei auch eine angebliche Wundersalbe gegen Neurodermitis vorgestellt. Wir sind dafür scharf angegriffen worden, und nach einer genauen Überprüfung muss ich Ihnen sagen: nicht zu Unrecht. Der Eindruck, den wir erweckt haben, dass zahlreiche wissenschaftliche Studien die Wirkung dieser Salbe bestätigen, war falsch. Zu meinem Verständnis von verantwortungsvollem, kritischem Journalismus, für den ich seit Jahren nicht zuletzt mit dieser Sendung stehe, gehört es auch, eigene Fehler einzuräumen, und deshalb wollen wir uns jetzt noch einmal eine Viertelstunde lang selbstkritisch mit dem Thema beschäftigen. Übrigens kann ich Ihnen versprechen, dass diesmal auch kritische Zuschauerkommentare in unserem Sendungsforum im Internet nicht gelöscht werden.'
Sind Sie noch wach? Aufregender liest sich dagegen die Agenda des Verzichts (FDP, Internet), die das gesamte Feuilleton ausmacht, in der Online-Variante aber nur 3 der 32 Posten aufführt.
So stehen die Fernseh- und die Journalistenpreisschelte nur in der Zeitung. Hübsch dagegen der Gag in der unkommentierten "Unverzichtbar"-Spalte (Seite 22): Das sind laut FAS unter anderem Anne Will und "Anne Will".
Aber unser Lamentieren macht es sich auch etwas leicht. Denn wie soll man Witze machen über eine Medienwirklichkeit, die einziger Schenkelklopfer ist. Bestes Beispiel: Burda-Erklärungen für das Entschuldigen von Qualitätsjournalismusverstößen in einem Haus, dessen Patriarch den Qualitätsjournalismus immer hoch hält, wenn es um seine Gewinne geht.
Den Fall der ungefragt gerippten Fotos der Modebloggerin Mary Scherpe (Altpapier vom 18. Dezember) entschuldigte ein Burda-Sprecher mit Verweis auf Tradition und menschliches Versagen:
"Wir sind seit Jahrzehnten im Geschäft und veröffentlichen Hunderttausende Fotos, da geht schon mal was schief."
Nun hat Marvin Oppong in der TAZ herausgefunden, dass Burda die Trennung von Redaktion und Anzeige nicht ganz so ernst nimmt und undeklariert für eigene Geschäfte (Elite-Partner) wirbt. Die Entschuldigung ist auch diesmal ein Kracher:
"Eine Focus-Sprecherin erklärte auf Anfrage, man achte 'immer darauf, transparent zu berichten und gerade im Falle von Beteiligungen unseres Unternehmens diese auch zu erwähnen'. In diesem Fall sei dies 'wohl aus Platzgründen ausnahmsweise nicht möglich gewesen'."
Aus Platzgründen hören wir hier mal auf. Freuen uns aber schon darauf, was Burda 2010 noch alles vom Pferd erzählt.
| © Altpapier/Matthias Dell |
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+++ Apropos Pferd: Steffen Grimberg stellt in der TAZ fest, dass der Ruf nach staatlicher Unterstützung für Verlage vom "Löwen von Köln", Alfred Neven DuMont, ungehört verhallt ist. Und präsentiert keine guten Zahlen der FR im vergangenen Jahr. +++ Im kommenden Jahr soll mit den Synergien bei den DuMont-Blättern ernst gemacht werden. Auf den Medienseiten gibt's seit Monaten den Vorgeschmack. FR und Berliner heute über die Quizsucht der ARD. +++ Die SZ schaut nicht nur auf 15 Jahre Webdesign zurück ("Keine Experimente"), sondern erkennt in MTV nach Jahrzehnten der Jugendverblödung ein Ressort des Helptainment (Seite 15). +++ Ebenda der Hinweis, dass Kulturstaatsminister Neumann, der jetzt gegen das Tagesschau-App ist, für das Ende von Nikolaus Brender gestimmt hat. +++ CNN hat in den USA mit sinkenden Einschaltquoten (FTD) zu kämpfen. +++ Solche Sorgen hat das "Traumschiff" nicht, wie der Tagesspiegel weiß. +++ Über mediale Verbreitung freut sich Mercedes nach der Schumacher-Rückkehr (SZ). +++ Der Tagesspiegel stellt das Portal Wikileaks.org vor. +++ Stefan Niggemeier kritisiert falsches Lob für Norbert Lammert. +++ Die FAZ lobt eine SWR-Kunsterklärsendung (Seite 29). +++ Und was man auch in einem Jahr noch lesen kann: Die evangelische Ratsvorsitzende Margot Käßmann klagt über mediale "Tabubrüche" im Spiegel-Kurzinterview (hier die DDP-Meldung aus dem KSTA). +++
Neues Altpapier gibt's morgen wieder ab 9 Uhr.
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
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