Altpapier vom Dienstag - Irre: gratis und zu teuer!
| Veröffentlicht: | 29 Dezember 2009 09:21 |
| Verändert : | 29 Dezember 2009 09:59 |
Franz-Josef Wagner verabschiedet sich von den 00-Jahren, "wo das Handy ans Ohr gewachsen ist", und seine Bild-Zeitung macht vorne drauf das App-Fass auf
Ist eigentlich gerade Sommerloch?
Da hilft ein Blick in die Tageszeitung Bild und ihren alten Kumpel Bild am Sonntag, denn im Sommerloch ist bei Bild oder BAMS verlässlich vom Gähn-TV die Rede, wie auch Bildblog einst aufgeschrieben hat.
1999 schrieb BAMS zum Beispiel: "Der Blick ins sogenannte Programm — ein Dauerärgernis. (…) Gähn-TV in den schönsten Monaten des Jahres."
2000: "Gähn-TV!“
2001: "Gähn-TV immer schlimmer: Das Sommer-Gähn-TV.“
2004: "Weniger Gebühren für Gähn-TV im Sommer!"
2007: "Gähn-TV! Politiker will Gebühren-Erhöhung stoppen"
(Ach so, nicht dass noch ein falscher Eindruck erweckt wird: 2003 war keineswegs von "Gähn-TV" die Rede. Damals ging es um "TV-GÄHN".)
Und heute? Titelt Bild: "Der Irrsinn mit unseren TV-Gebühren!" und schreibt:
"Der Vorwurf: Mit Gratisangeboten für Smartphones, Internet-Seiten und zahllosen Sparten- und Sonderkanälen gehen ARD und ZDF immer weiter über ihren gesetzlichen Auftrag der 'Grundversorgung' hinaus – finanziert mit 7,6 Mrd. Euro GEZ-Zwangsgebühren pro Jahr."
Und im Kommentar legt das Kampagnenfachblatt nach: "Was soll als Nächstes kommen? Ein Spartenkanal für rothaarige Linkshänder und deren Nöte im Alltag? Eine gedruckte Gratis-'Tagesschau’?“
Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet also: Nein, es ist nicht Sommerloch, es geht ja nicht darum, wie langweilig das Programm ist, sondern darum, a) wie hinterhältig kostenlos und b) wie hundsgemein teuer. Das klingt doch eindeutig eher nach Winterloch.
Winterloch, so nennt jedenfalls Steffen Grimberg in der TAZ den Streit um die "Tagesschau“-App, der für Bild ja eigentlich der Stein des Anstoßes ist. Der ist tatsächlich das größte Medienthema des Tages, und das war er auch schon mal vor Weihnachten. Bereits am Montag, 21.12., lief diese ARD-Ankündigung über die Ticker:
"Auch die ARD-'Tagesschau' wird wie andere große Medien demnächst als App auf dem iPhone auftauchen. Das sagte der Erste Chefredakteur von ARD aktuell, Kai Gniffke, der Deutschen Presse-Agentur dpa in Hamburg."
Um was es geht:
"'Mehrere Hunderttausend iPhone-Nutzer dürfen von uns erwarten, dass wir sie auch unterwegs mit seriösen Nachrichten versorgen', so Gniffke. Die Inhalte für diese Anwendung stellt ARD-aktuell im Gegensatz zu anderen Apps auf dem Endgerät kostenlos zur Verfügung, da sie bereits aus der Rundfunkgebühr finanziert sind. Noch im ersten Quartal soll Tagesschau.de für mobile User abrufbar sein."
Anders gesagt, es geht darum, dass die Leute in den 00-Jahren, "wo das Handy ans Ohr gewachsen ist und wir uns nur noch über E-Mails verständigen“ (Franz-Josef Wagner, Bild, in seiner Post ans Jahrzehnt), allen Ernstes damit angefangen haben, dieses lustige Yuppiegerät, mit dem man sogar mobil telefonieren kann, überall mit hinzuschleppen. "Wir hatten ein Jahrzehnt, das der Menschheit nicht wirklich weiterhalf", urteilt Wagner. "Es wurde gemordet und es wurde gelacht." Und (bitter, aber vielleicht ja ein neues Geschäftsmodell für Ärzte?) das Handy wuchs am Ohr fest.
Aber jetzt mal "im Ernst" (Bild): Grimberg fasst die Konstellation der App-Diskussion, die sich entbrennt, so zusammen: Die "ARD mit gewohnt souveränem Dilettantismus“ gegen "die üblichen Verdächtigen“ um Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner.
Was die Diskussion so durchsichtig macht, ist, dass nur die sog. Experten zu Wort kommen, die genau das sagen, was eine Redaktion auch ohne diese Experten genauso schreiben wollen würde. In Bild sind es heute etwa Jürgen Doetz, der Vorsitzende des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), der das Ende der öffentlich-rechtlichen Werbung fordert, ein FDP-Medienpolitiker und ein Professor, der in dieser Frage offensichtlich die Blattlinie vertritt. Wenn das nicht so vorhersehbar und plump wäre, könnte man beinahe auf die Idee kommen, sich mal mit den Argumenten auseinandersetzen.
Denn natürlich ist die Kritik der Verlage ja auch nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. Die TAZ:
"Außerdem, aber das verschweigen die ARD-Granden lieber, liefern solche Anwendungen natürlich die beste Rechtfertigung für die geplante vollumfängliche Gebührenpflicht für 'neuartige Empfangsgeräte'. Denn dann ist ja wirklich Gebührenfinanziertes auf PC und Handy angekommen."
Dennoch gäbe es ja vielleicht den einen oder anderen Punkt, der, jetzt mal eher so qualitätsjournalistisch betrachtet, nicht vollkommen untergehen müsste. Etwa diesen Punkt, den ebenfalls die TAZ erwähnt: "Die Internetangebote der Öffentlich-Rechtlichen sind auf sogenannten Smartphones wie dem iPhone via Internet ohnehin verfügbar. Ob eine App nun dem Zugriff so rasend auf die Beine hilft, sei mal dahingestellt."
Ein kleiner Hinweis also an alle Freunde des Kampagnenjournalismus in eigener Angelegenheit: Diese Intransparenz ist so wahnsinnig 00er Nineties!
| © Altpapier/Klaus Raab |
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+++ Klaudia Wick blickt für die Berliner und die Frankfurter zurück auf die Entwicklungen, die das Fernsehen des ablaufenden Jahrzehnts prägten +++ "Kommt jetzt doch der Nacktscanner?" (Bild). "Kommt jetzt der Nacktscanner?"(Kurier). "Kommt der Nacktscanner?"(GMX). Drei Überschriften, die zeigen: GMX gewinnt diese Konkurrenz um die kürzeste Überschrift gegen Bild und Kurier. Unser Vorschlag übrigens: "Kommt Nacktscanner?" +++ Oder vielleicht noch besser: "Nacktscanner?" +++ Auch die FAZ legt mit Kritik an den App-Plänen der ARD nach, wenn auch im Vergleich zu Bild sehr unauffällig, mit einer Meldung auf der Medienseite. Dort heißt es: "Die Kritik an einer kostenlosen 'Tagesschau'-Anwendung (App) für iPhones wächst. Der Bund der Steuerzahler kritisierte die entsprechenden Pläne der ARD scharf. 'Zunächst müssen die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten ihrem Auftrag gerecht werden', sagte der Bundesgeschäftsführer des Steuerzahlerbundes, Reiner Holznagel, in Berlin." +++ Ebenfalls in der FAZ: Harald Keller bespricht DVDs. "Straßenfeger“ laute "der Titel einer DVD-Edition der Vertriebsabteilung von Studio Hamburg, die (...) Fernsehklassiker peu à peu verfügbar macht. Zeitgleich mit 'Das unsichtbare Visier' erschien dort eine zweite Spionagereihe: 'Die fünfte Kolonne', von 1963 an im damals neu gegründeten ZDF produziert." +++ Und Jochen Hieber bespricht "Moment, das wird Sie interessieren!“, das "Hörspiel des Jahres 2009" +++ Der Aufbau wird 75 (BLZ) +++ Die ARD hoffe auf die Rückkehr von Monica Lierhaus, so die FR +++ Der HR spart und schaltet die Mittelwelle ab, schreibt, wie die SZ, die FR +++ Die ARD ist Marktführer 2009, so der Tagesspiegel +++ Die SZ stellt Anna Planken vor, die neue Hauptmoderatorin im "Morgenmagazin" der ARD +++ Und sie bespricht einen RTL-Catterfeld +++ Und schreibt über einen Lauterbach, der von ARD zu RTL wandern könnte +++ Der Tagesspiegel über Heidi Klum zwischen Welt und hier. Auch ohne die ersten zwei Worte verständlich +++ Nach der SZ verabschiedet auch die TAZ Karl-Heinz Heimann vom Kicker in den Ruhestand +++ Und beschwert sich über Redundanzverdummung +++ Der KSTA interviewt Christopher Lambert +++ Und berichtet, nach einer Mitteilung des WDR übernehme die Verbraucherzentrale NRW ab 2010 landesweit, also in NRW, die Bürgerberatung zum Thema Rundfunkgebühr +++
Das Altpapier stapelt sich wieder morgen gegen 9 Uhr.
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Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
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