Altpapier vom Mittwoch - Das Nuller-Gefühl
| Veröffentlicht: | 30 Dezember 2009 09:20 |
| Verändert : | 30 Dezember 2009 10:23 |
Zwischen den Jahren versucht die Presse, dem Charakter der Nuller Jahre und ganz besonders dem Teufels- bzw. Gottesdings iPhone auf die Spur zu kommen.
Gerade geschieht etwas, was durchschnittliche Menschen nach heutigem Stand der Technik nicht einmal zehn Mal im Leben erleben: Ein Jahrzehnt geht zu Ende.
Insofern bietet sich den am Jahresende üblichen Rückblicken und Vorausschauen Spielraum für Purzelbäume über Jahres- wie auch Jahrzehntsfrist. Z.B. welt.de: "Gibt es ein spezielles Nuller-Gefühl, Nuller-Musik oder Nuller-Gesichter?", HAB: "Warum das Fernsehjahr zum Abschalten war", incl. 45 separat durchklickbaren Sprüchen von Dieter Bohlen (online gratis!).
"In der Kultur setzten Globalisierung und Digitalisierung enorme Kräfte frei... seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war in den Künsten keine solche Aufbruchsstimmung mehr zu spüren", jubelt das Feuilleton der Süddeutschen rückblickseinleitend neben dem Foto des von Damien Hirst geschaffenen Platin-/ diamantenen Totenkopfs (S. 11).
"Britt Hagedorn ist die letzte Daily-Talkerin im deutschen Fernsehen. Besuch in einem Museum der privaten Unterhaltungsindustrie", überschreibt vier Seiten später die Medienredaktion einen Bericht von einem Besuch im Studio Hamburg, "heute, zehn Jahre nachdem der Talkshowboom 1999 seinen Zenith erreicht (und dann auch ziemlich bald überschritten) hatte".
Einen knallhart pragmatisch durchdrehenden "letzten Schulterblick auf das Bombenjahr 2009" wirft indes TAZ-Medienkriegsreporterin Silke Burmester: "Viele tolle, überraschende Worte wurden in Umlauf gebracht, um hunderten von Medienleuten mehr Freizeit zu gönnen. Sie wurden 'freigestellt' und 'abgefunden', 'in Altersteilzeit entlassen', in den 'Vorruhestand geschickt', ihre Verträge 'aufgehoben'."
Und wo bleibt das wirklich Positive? Bei der TAZ eher nicht ("...Nein, bitte nicht wieder 3,99 Euro abziehen, dann bleiben doch nur 21,80 Euro für diesen Text. ..."), aber bei der Zeit: "Dort wurde nicht nur keiner, umhüllt von euphemistischem Sprachmurks, vor die Tür gesetzt, nein, jeder der 424 Angestellten bekam dieser Tage 1000 Euro überwiesen. Einfach so. Als Gute-Laune-Macher."
Das erklärt dann auch gleich die spezielle Weltwahrnehmung der Wochenzeitung, die heute auf ihrem Feuilleton (S. 43) vorn drauf mit den "Requisiten des Jahrzehnts" verblüfft: "Fünf Alltagsdinge, die zum Symbol der 'nuller Jahre' wurden", sind: der Coffee to go, das Ritalin, der Porsche Cayenne, der "Manufactum"-Katalog ("Bibel der Neuen Bürgerlichkeit"), sowie das iPhone:
"An die Stelle des scharfen Nachdenkens über die Welt tritt das scharfe Betrachten der Welt, der Superzoom - ist er nicht wie der Blick eines ausruhenden Gottes? Wer die Welt mit Google Earth erobert, für den verlieren Begriffe wie Gemeinschaft, Nachbarschaft, Mitleid ihre Bedeutung. Ihm öffnen sich neue Wege der Erfahrung: die Welt-Stichprobe, der Augenblitz, der folgenlos in Rio oder Osaka einschlägt",
dichtet der sonst vor allem mit Theaterdingen befasste Zeit-Redakteur Peter Kümmel (und flicht kurz darauf auch ein Zitat aus dem "Faust" ein).
Damit sind wir zumindest beim aktuellen Winterloch-Thema (siehe Altpapier). Zum iPhone ist erstens zu vermelden, dass nun ein weiteres Winter-Interview der DPA mit einem hochrangigen ARD-Vertreter vorliegt. All die App-Aufregung begann ja mit einem Interview des ARD aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke (siehe ebenfalls Altpapier). Jetzt sprach die DPA mit dem noch höherrangigen ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust. Heraus kam ein unaufgeregt unaufregender Überblick über die aktuellen Sprachregelungen in den Anstalten (z.B. bei ksta.de, zeit.de).
Im Tagesspiegel bringt Joachim Huber im Rahmen einer GEZ-Gebühren-Diskussions-Vorschau Gegenargumente ("Überall, wo ARD & Co auftauchen, kreieren sie eine Gebührenpflicht zu ihren Gunsten").
Zweitens bescheinigt die Bild-Zeitung ihrer gestern heftig geäußerten Kritik an den ARD-Plänen "schon Wirkung", weil das ZDF keine seine Nachrichtensendungen begleitende "heute"-App plant und auch Vertreter von ARD-Anstalten zwischen den Jahren keine weiteren eigenen Apps ankündigen möchten.
Drittens rät Thomas Lückerath (dwdl.de) "frei nach John F. Kennedy" der Bild-Zeitung: "Frage nicht, was die Politik für Dich tun kann. Frage, was Du für Deine Leser tun kannst." Und viertens versucht der TSP die Trends zur iPhone-App und zur Jahresvorschau irgendwie ("Januar: Essen", "Februar: Gesundheit"...) zu verknüpfen.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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+++ Kai Diekmann ventiliert derzeit ca. zwei Blogeinträge pro Tag. Einem davon, "der Ministerin (bzw. ihrem Anwalt)", entnimmt die Süddeutsche Streitigkeiten zwischen der jungen Ministerin Dr. Kristina Köhler und der Bild-Zeitung, die womöglich zuviel recherchierte. +++ Selbstverständlich bleibt die Bild-Zeitung sie selbst und recherchiert auch weiterhin anderswo, z.B. im Höschen der "schönen Schweden-Schnitte" Victoria Silvstedt (35). +++ Ebenfalls irre auf der gestrigen Bild-Zeitung: dass gleich links neben der Haupt-Titelstory "Der Irrsinn mit unseren TV-Gebühren" ein, nun ja, Artikel über "Christine Neubauer, Deutschlands fleißigste Schauspielerin" (bild.de: "Das Vollweib startet also auch 2010 wieder voll durch ...") stand. Aber eine Verbindung zwischen den beiden Irrsinnen zog niemand, obwohl doch sämtliche Neubauer-Filme via GEZ finanziert werden. +++ Die Süddeutsche ist beeindruckt und beschert der süddeutschen Darstellerin (offenbar als Wiedergutmachung) ein äußerst nettes S. 4-Porträt (..."2009 war ein Christine-Neubauer-Jahr. Die 47-Jährige war, laut Statistik eines Mediendienstleisters aus Saarlouis, die Schauspielerin, die am häufigsten im Fernsehen zu sehen war: 10 373 Minuten oder 115-mal oder: fast jeden dritten Tag. Wiederholungen inklusive"). +++ Man muss ja nicht immer zurück oder ganz grundsätzlich nach vorn schauen. Die Berliner Zeitung war am Set der Anfang 2010 im Internet anlaufenden Webserie "Kollegium - Klassenkampf im Lehrerzimmer", in der "der einstige Schullümmel" Hansi Kraus als Lehrer auftritt. +++ Und sprach mit Fernsehschauspieler Armin Rohde, der gerade das Buch "Größenwahn und Lampenfieber. Die Wahrheit über Schauspieler" herausbrachte und sich in den Traditionen Michelangelos und Bert Brechts sieht. +++ Bei der Onlinestellung der Kolumne "Verlinkt", die sich aktuell mit Robert Basics Plan befasst, seinen Twitter-Account zu verkaufen, ist bei der BLZ etwas schief gelaufen (Tücken der Automatisierung?). +++ Aber bei der FR, da klappte es. +++ Voll auf Fernsehen ist die FAZ-Medienseite eingestellt: "Zu Silvester gibt es bei 3sat wieder 'Pop around the clock'. Die Aufnahmegeräte laufen heiß", berichtet ausführlich Harald Keller, Michael Hanfeld notiert allerlei über "Dinner for One", und der "märchenhafte Krisenfilm" der ARD namens "Pizza und Marmelade“ (heute, nicht Silvester) wird auch empfohlen. +++ "Sehr melancholisch und zart erzählt", meint die Süddeutsche und findet bloß den Titel "ziemlich doof". +++
Frisches Altpapier gibt's auch zu Silvester wieder gegen 9.00 Uhr.
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
2.) Der Freitag schlägt 19 Prozent MwSt für die Bunte vor
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