Altpapier von Silvester - Willkommen in den Zukünften
| Veröffentlicht: | 31 Dezember 2009 09:17 |
| Verändert : | 31 Dezember 2009 10:21 |
Wer weiß, vielleicht konnte man am Montag im Berliner "Café Liebling", als Sascha Lobo öffentlich einen Jahrzehnts-Rückblick verfasste, die Zukunft des Journalismus sehen.
Am letzten Tag der Nuller Jahre bleibt die Dichte der jahres- und jahrzehntsweisen Rück- und Vorschauen hoch. Eine Auswahl:
"Für 2010 habe ich übrigens mit der Onlineplattform der Zeitung Freitag einen klaren Kandidaten für wenigstens ein Ende vieler Bloghoffnungen", schreibt der FAZ-Blogger Don Alphonso am Ende eines eigentlich auf 2009 zurückblickenden, gewohnt nicht so galanten Eintrags in seiner Blogbar.
"Vielleicht ist es ja auch wirklich so, dass wir seit ein paar Jahren nur noch umbruchverdächtige Jahre erleben", sinniert noch einen Tick tiefer im Süden Christian Jakubetz in seinem blog-cj.de.
Aktuelle Paradoxien kommen zur Geltung: "Ich weiß ja, wie wichtig es ist, mit Lesern und Zuschauern zu kommunizieren, aber dafür bräuchte man kein Facebook und kein Twitter, wenn man es denn wirklich wollen würde" (Jakubetz).
"Die Wohnzimmer stehen voller riesiger HDTV-Bildschirme, trotzdem werden Filmchen und sogar Filme meist bei YouTube angesehen. Moderne Fotoapparate können schärfer aufnehmen als je zuvor, aber das Netz ist voller Bilder, die mit Mobiltelefonen gemacht wurden, mit denen man noch nicht einmal zoomen kann", heißt es in einem unter vielen Schlaglichtern im SZ-Feuilleton.
"Falls jemand einen letzten Vorschlag für das 'Unwort' des Jahres brauchte, könnte man mit Blick auf die vergangenen Tage noch schnell auf den Begriff 'Nuller-Jahre' hinweisen", leitet Michael Hanfeld seinen gewohnt elaborierten Zustandsbericht zur Lage des Fernsehens ein (FAZ-Medienseite 40).
Aber, hey, lasst es uns positiv sehen! Wir sind mitten drin in der Schnittstelle zwischen Vergangenheit und "den Zukünften", in denen Sascha Lobo uns am Ende einer ebenso gewaltigen wie experimentellen Rückschau auf "Die Digitale Dekade" (Tagesspiegel) willkommen heißt.
Gewohnt eloquent und dennoch in geradezu Horst-Köhler-haftem Konsensstreben lässt Lobo "die Erinnerung an die entscheidenden Entwicklungen im Internet Revue passieren". Z.B. dürfte ein neuer, womöglich schönerer Name für die Nuller gar nicht mehr gebraucht werden. "Die Einteilung der Erinnerung in Jahrzehnte ist eine praktische Erfindung, die das kollektive Gedächtnis für den Einzelnen greifbarer macht", zum Beispiel, "um sich gemeinsam zu erinnern, ob man schon Karottenhosen oder noch Schlaghosen anhatte, als die erste Platte von Depeche Mode herauskam".
Inzwischen aber hat all das "an Bedeutung verloren, weil sich in Sekunden alle Daten und Fakten herausfinden lassen. Die Erinnerung gerät vom Gefühl zur Googlebarkeit", argumentiert Lobo.
Falls Sie sich nun fragen, ob Lobo von Google, dem "Über-Unternehmen" (Lobo), so gut bezahlt wird wie von Vodafone - das sind Fragen, die einer wie Lobo launig mitdenkt und der interessierten Öffentlichkeit, falls sie sich das doch nicht fragen sollte, im Selbstchat ("Google hier, Google da - Hand auf's Herz, sind Sie Google-abhängig?" - "Kein Kommentar") zur Verfügung stellt.
Hier zitieren wir nun von der experimentellen Ebene des Textes, der nämlich als "öffentlicher Text" "vor 3000 Zuschauern", teils im eher kleinen Café Liebling in Berlin, größerenteils "in the Cloud“, wie das Internet laut TSP "auch genannt wird", entstanden ist.
Die dort genannte URL des Online-Dokuments der "Textgenese", http://j.mp.liveartikel, führt - kleine Tücke an der Schnittstelle zwischen Print und Online - zu nichts. Aber über Lobos Onlinepräsenzen lässt sich der Weg zur docs.google.com-URL "Das Liveartikel-Experiment" natürlich leicht finden. Den Text in der Form, in der der Auftraggeber ihn erhielt, flankieren u.a. die "Erläuterung der Umstände samt Konzepterklärung" und die (moderat prokrastinativen) Verlängerungen der Deadline von 17.00 Uhr auf 18.17 und 18.32 Uhr.
Ist das die Zukunft des Journalismus? (Weitere Zukünftemodelle gleich unten im Altpapierkorb). Zumindest ist's ein "Vorbote der nächsten großen Welle nach dem Web 2.0: des Echtzeit-Netzes", um nochmal Lobo zu zitieren.
Für Nichtberliner, die sich fragen sollten, was da im Selbstchat mit "Sind Sie das eigentlich, da auf dem Cover vom aktuellen–" gemeint ist - Lobo und einige digital mit Lobo-Iro verzierte Damen und Herren zieren gerade das Cover des Berliner Tip-Magazins. In dessen Liste der "100 peinlichsten Berliner" errang Lobo Platz sieben und hat sogar Kai Diekmann klar distanziert.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
Altpapierkorb
+++ Zukünfte des Journalismus I: Hardy Prothmanns Heddesheim-Blog, heute in der Berliner Zeitung vorgestellt ("Sein Lohn dafür liege inzwischen auf 'gutem studentischen Niveau', seine Autoren bekommen noch nichts. Aber Prothmann ist zuversichtlich"). +++ Zukünfte des Journalismus II: Wenn die Zeit "eine der erfolgreichsten Zeitschriften im Land" vorstellt, handelt es sich verblüffenderweise mal nicht um die Landlust. Sondern um die Apotheken Umschau. Katrin Wilkens' lesenswerter Text "Stützstrumpf der Nation" (S. 23) ist noch nicht frei online verfügbar. +++ "Tatsächlich bedeutete Digitalisierung lange Zeit vor allem technische Herausforderung. Künftig wird es jetzt - auch das gehört zur Debatte, die 2010 geführt werden wird - auch mal um ihren Preis gehen. Und darum, wer ihn dann bezahlt." (Claudia Tieschky, SZ-Medienseite 23, am Ende eines Artikels über die Frage, wann Kabel Deutschland HDTV übertragen wird). Frei online zu diesem Streit mehr bei heise.de. +++ "Die ARD ist da ohne Einsicht, vor allem ist sie aber ohne Weitsicht" (Christopher Keil ebenfalls in der SZ, aber in anderem Zusammenhang - dem der Apps). +++ "Holla", bloggte dazu Dr. Kai Gniffke von ARD-Aktuell und beweist mit Argumenten wie "Wir beschränken uns dabei auf das harte Nachrichtengeschäft und werden dem 'interaktiven BILD-Girl' sicher keine Konkurrenz machen" nochmal, dass die ARD-Hierarchen in puncto Ignoranz voll wettbewerbsfähig sind. +++ "Wenn ein ARD-Korrespondent in Iran oder in Afghanistan Kopf und Kragen riskiert, um für die Tagesschau zu berichten, dann darf es doch nicht darum gehen, auf welchem Endgerät der Zuschauer dessen Beitrag empfängt" (aus einem langen Offenen Brief des freien ARD-Mitarbeiters Richard Gutjahr zum selben Thema). +++ Womit wir sinngemäß bei den Reportern ohne Grenzen und ihrer traurigen Rückschau (PDF) sind: 2009 stieg die Zahl getöteter Journalisten um 26,67 Prozent auf 76. Siehe auch TAZ. +++ "Berlins Börsen-Firmen schlagen den Dax". Ja welche Börsen-Firmen sitzen denn in Berlin? Na, neben der Landesbank Berlin vor allem "der Medienkonzern Axel Springer" (Berliner Morgenpost). +++ "Einer bleibt 2010, wie er war: Tarik El-Kabbani, ZDF-Meteorologe aus der Wetterdynastie des deutschen Fernsehens" (die SZ-Medienseite 23 setzt ihre Reihe erstaunlicher Porträts fort). +++ Die FAZ-Medienseite erfreut mit den "schönsten dpa-Berichtigungen 2009". +++ Nach Günter Netzer nun Mehmet Scholl als ARD-Fußball-Kommentator? (TSP) +++ Interessieren Sie sich bitte auch für die Wandlungsfähigkeit des Fernsehdarstellers Florian Martens, der seit 15 Jahren in der ZDF-Krimireihe "Ein starkes Team" spielt (TAZ). +++ Ebd.: Multilinguale Radiosender werden immer weniger. +++ "Und auch wenn es schon tausend Mal bemotzt wurde: Ich sähe im Ersten selbst am Samstagabend eine steinernste Darfur-Dokumentation tausend Mal lieber, als dass ich über Hansi Hinterseer zusammenschrecken muss" (ARD-Mitarbeiter Jörg Thadeusz in der BLZ). +++ Das ZDF im Bett mit dem Media Markt (medienpiraten.tv). +++
Frisches Altpapier gibt's anno 2010 wieder am Montag gegen 9.00 Uhr.
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
2.) Der Freitag schlägt 19 Prozent MwSt für die Bunte vor
3.) Der Spiegel-Text von 2009, den der Spiegel heute (vorerst nur Print) quasi zurückzieht






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