Altpapier vom Montag - Den Maschinen vertrauen?
| Veröffentlicht: | 4 Januar 2010 09:02 |
| Verändert : | 4 Januar 2010 10:41 |
Stefan Niggemeier richtet einen Sandkasten für Konstantin NevenDuMont ein, die Maschine übernimmt die Netzeitung, und Ernst Elitz sagt, was sich ändern muss
Was ist passiert, seit damals, als das letzte "Altpapier" des vergangenen Jahrzehnts erschien?
Die Antwort wird jetzt vielleicht einige überraschen, aber: Manches hat sich geändert. Und manches nicht. Bei der Netzeitung zum Beispiel, das hat sich geändert, arbeitet nun wirklich kein Mensch mehr. Dort hat am 31. Dezember um 19.57 Uhr der letzte das Licht ausgemacht, und seit heute haben die Roboter das Sagen. Ungefähr so, wie es James Cameron in "Terminator" sich ausgemalt hat. Okay, zugegebenermaßen nicht ganz so. Eher so, wie es Zeit Online Anfang Dezember kommen sah – wobei die Autorin damals die Netzeitung mit Doppel-z schrieb. Ein menschlicher Fehler, der in dieser Form vielleicht nicht mehr vorkommen wird, wenn ein Arnold Schwarzenegger den Content redigiert.
What else is neu?, wie wir in den neumodischen Zehnerjahren verstärkt zu sagen gedenken werden.
Nun, ein gewisser "Konstantin NevenDuMont" hat zum Beispiel laut Kommentaren in Stefan Niggemeiers Blog folgendes vor: "Im Jahr 2010 werde ich einen Videoblog aufmachen. In diesem Blog werde ich politische Lieder singen. Damit das Ganze nicht zu eintönig wird, gibt es zwischendurch auch Liebeslieder."
Aber man kennt das ja mit der Reality im Internet: Da nennt sich einer irgendwie, und dann stimmt es doch nicht. In diesem konkreten und durchaus nicht ganz unerstaunlichen Fall aber verhält es sich wohl so, dass der Kommentator tatsächlich... – was man wiederum deuten kann wie Detlef Guertler in den, wiederum, Kommentaren: Er liest die Geschichte als "neues Argument für Blogs (...): Prominente können dort ein echtes Feedback auf ihre Meinungen bekommen. Wer in einem Konzern würde sich denn trauen, dem Juniorchef Kritik direkt ins Gesicht zu sagen?"
Wobei wir, wenn wir zu den Stichworten Reality und Internet zurückkommen, bei zwei anderen Themen wären, an denen sich nicht die Bohne was geändert hat, nur weil wir zwischendurch den Kalender mit den Sinnsprüchen auswechseln mussten.
Erstens: Das Verhältnis von Wirklichkeit und Reality bleibt kurz vor Beginn der zehnten "Big Brother"-Staffel ein Thema. Der Spiegel (S. 64ff.) erinnert daran, wie schlimm das damals alle fanden, als Anfang 2000 die Containershow in Deutschland startete, und distanziert sich zwischen den Zeilen von der Aufregung (die man damals bei Spiegel Online mit erstaunlich regelmäßigen Updates über die Containergeschehnisse übrigens durchaus zu füttern wusste): "Der endgültige Beweis schien erbracht, dass Fernsehen nichts ist als die unaufhörliche Barbarisierung abendländischer Kultur."
Heute aber, so Der Spiegel, "ist Alltag, was im Jahr 2000 nur ein paar Kandidaten betraf: Man ist nicht sicher vor den kleinen Kameras des Internet, der öffentlichen Überwachung, des Reality-TV. (...) Internetnetzwerke wie Facebook oder Twitter und TV-Casting-Formate wie 'Bauer sucht Frau' oder 'Das Supertalent', der Amateurjournalismus der Leserreporter (...) – sie alle sind Teil einer zwiespältigen gesellschaftlichen Entwicklung zwischen totaler Kontrolle und völligem Exhibitionismus sowie den nicht enden wollenden Warnungen vor beidem."
Frage: Wenn heute in der Regel abgewunken wird, wenn vom einst großen Aufreger "Big Brother" die Rede ist, werden dann in zehn Jahren ebenfalls die meisten nur abwinken, wenn von Persönlichkeitsrechten die Rede ist, die im Internet einem Wandel unterzogen sind?
Oder anders gefragt: Worum wird die digitale Debatte in zehn Jahren kreisen? Im Wirtschafts-Kommentar der Süddeutschen Zeitung vom Samstag (S. 21) wies Thorsten Riedl nicht nur darauf hin, dass der AOL-Spot mit dem Slogan "Bin ich schon drin?" (hier eine Version bei Youtube) gerade einmal zehn Jahre alt ist, was subjektiv durchaus einiges darüber auszusagen scheint, was im vergangenen Jahrzehnt alles geschehen ist. Er wagte auch einen – freilich von den Fragen der Gegenwart inspirierten – Ausblick:
"Jeder Nutzer wird Strategien entwickeln müssen, mit der Digitalisierung seines Lebens klarzukommen. Dazu gehört, seine Daten in eigener Obhut zu halten oder dem Stress durch die ständige Erreichbarkeit zu entgehen. Wem das nicht gelingt, der verliert den Anschluss. In Gefahr sind vor allem jene, denen Wirtschaftskraft und -macht der Schwellenländer oder Industriestaaten versagt bleiben. Die digitalen Schluchten werden am Ende des gerade anbrechenden Jahrzehnts größer sein als je zuvor."
Und was das zweite oben angekündigte Thema angeht: Sascha Lobos Text im Tagesspiegel, bereits im vergangenen Jahrzehnt im "Altpapier" verlinkt, hat im ebenfalls Tagesspiegel eine Replik nach sich gezogen, die der Autor, der Literaturwissenschaftler Tobias Boes, mit den folgenden einigermaßen harten Worten beginnt: "Der Journalist und Werbetexter Sascha Lobo". Harter Tobak. Journalist und Werbetexter. Es gab eine Zeit (nennen wir sie ausnahmsweise einfach mal die gute alte), da ging so eine Formulierung durch als ein... Frage an alle Literaturwissenschaftler: Nennt man das Oxymoron?
Anschließend vergleicht Boes Lobo mit Benjamin, Kisch und Döblin:
"Was Journalisten wie Walter Benjamin, Egon Erwin Kisch oder Alfred Döblin (...) von Sascha Lobo unterscheidet (außer dem glücklichen Umstand, dass sie ihre Mitteilungen nie auf 140 Zeichen und ein 'TwitPic' reduzieren mussten), ist, dass sie in der Hoffnung agierten, mit ihren Aufsätzen, die oftmals ebenfalls mediale und persönliche Informationen aufs Interessanteste kombinierten, mehr als nur eine neue Perspektive auf die 'diffuse Wortwolke' (Lobo) des Zeitgeistes zu eröffnen. Sie wollten stattdessen aufklären, vielleicht sogar die Welt verändern."
Hmm. Uneingeschränkte Zustimmung für diesen doch eher cheapen Diss darf Boes an dieser Stelle nicht erwarten, doch am Ende wird klar, worum es ihm wirklich geht. Dort verweist er darauf, "was persönliche Stellungnahme im Zeitalter der unbestreitbaren Macht sozialer Echtzeit-Netzwerke bedeuten könnte, wenn es ihr nur gelänge, sich vom Zynismus der Twitterati zu befreien". Weniger Zynismus – das geht als ernsthaftes Anliegen absolut durch.
Und ergänzt Ernst Elitz’ "zwölf Thesen für einen besseren Journalismus“ in der Berliner Zeitung; Thesen, die – das ist ja auch der Sinn solcher Texte – zum Teil streitbar sind, etwa Nummer 2 und 11. Die aber, gerade im Zusammenhang mit der kleinen Lobo-Boes-Debatte oder auch mit der Übernahme der Netzeitung durch die Maschine gelesen, auf der Höhe der Zeit sind. Nehmen wir zum Beispiel These 7:
"Damit aus der Vielzahl von persönlichen Eindrücken und Gerüchten, von Ausgedachtem und Weitergesagtem verlässliche Information wird, bedarf es professioneller Sichtung und Überprüfung. Der Begriff der Echtzeit sagt gar nichts über die Echtheit der Information. Damit aus Zufallskommunikation Verlässlichkeitskommunikation wird, müssen Journalisten lebende Sortiermaschinen sein, die mit ihrer Fachkompetenz Glaubwürdigkeits-Testate erteilen oder die Löschtaste drücken."
| © Altpapier/Klaus Raab |
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+++ Wobei man Elitz' Thesen wiederum im Zusammenhang mit dem FAZ-Interview mit Geert Lovink lesen kann: "Nihilismus heißt für mich der Umstand, dass Medien das Massenbewusstsein nicht mehr lenken können. Es heißt auch, dass die Leute nicht mehr an die Medien glauben." +++ Das Thema des Tages aber ist die dritte Staffel der ARD-Reihe "Liebe an der Macht" mit Filmen über die Kohls, die Obamas und Sarkozy/Bruni. "Liebe an der Macht" I: Der Film über die Kohls komme, lobt Michael Hanfeld in der FAZ (S. 27), "auch dank unveröffentlichter Aufnahmen aus dem Frühjahr 1998, die der Produzent Stephan Lamby beisteuert, Hannelore Kohl so nahe wie kein Filmporträt zuvor" +++ "Liebe an der Macht" II: Johanna Adorján in der FAS über die Kohls: "Die Zeiten haben sich geändert, die 'Frau an seiner Seite' gibt es nicht mehr. Nicht einmal in den höchsten konservativen Kreisen." +++ "Liebe an der Macht" III: "Hannelore Kohl wird allzu sehr auf die Rolle des Opfers reduziert und bleibt auch in dieser Lesart letztlich die Frau an seiner Seite", kritisiert der Tagesspiegel +++ "Liebe an der Macht" IV: "Die böse, voyeuristische Hoffnung auf den Superinsider wird enttäuscht, keiner, der auspackt. Stattdessen erfahren wir von der großen Liebe mit nur ein wenig Inszenierung, sind halt Medienprofis, wer hätte das gedacht", so die TAZ über die Obama- und Sarkozy-Filme +++ "Liebe an der Macht" V: "Gegen die Dominanz der Kohl-Folge fallen die anderen beiden Beiträge ab, denn natürlich kommen deutsche Autoren den Obamas und den Sarkozys nicht so nahe wie dem deutschen Paar", so die SZ (S. 13) +++ Wechsel an der Spitze der türkischen Dogan-Gruppe: Dem Vater folgt die Tochter (SZ, TAZ) +++ Ulrich Meyer öffnet seit 15 Jahren die "Akte" bei Sat.1 (SZ, S. 13) +++ Nils Minkmar treibt in der FAS, Stichwort Castingshows, eine ganz andere Frage um als den Spiegel: "Nun haben wir in Europa zwar ein politisches und juristisches Gebilde von einst unvorstellbarer Ausdehnung und besonderer Tiefe, aber im Fernsehen – Nachrichten ausgenommen – ist davon nichts zu spüren. (...) Warum also enden beispielsweise die Castingshows immer an den alten Grenzen? Warum suchen Heidi oder Dieter ihre neuen Kollegen nicht auch mal auf Sizilien, in Irland oder Schweden? Warum gibt es kein europäisches Dschungelformat mit Brigitte Bardot, John Cleese und Roberto Benigni?" +++ Ist im Grunde gegessen, Teil 1des ARDZDF-Films, um den es geht, lief am Sonntag. Dennoch erwähnenswert wegen gültiger Aussagen: die Texte über v.a. Veronica Ferres. Zum Beispiel in der SZ. Oder in der FR. Oder, getarnt als Pro und Contra, als Doppel-Contra in der FAS. Hier ein Ausschnitt aus dem Pro: "Im deutschen Kino und Fernsehen hat sie schon Thomas Mann gespielt, Albert Einstein, einen Rettich, Schneewittchen und das Superweib. Und anschließend ist sie in die Talkshows gegangen, als Expertin für die DDR, als Fachkundige für gute Taten, kluge Gedanken, als Telefonjoker, als Expertin für Amyotrophe Lateralsklerose." +++ Die "erste Brigitte ohne Models" beschäftigt Welt und TAZ +++ Auf dem Titel der Brigitte übrigens, und hier wird es wirklich lächerlich: eine Diät +++ Nachzutragen, da jetzt auch online, ist das Dieter-Althaus-Interview im Zeit Magazin. Waren die Signale denn nicht deutlich genug? +++ Harald Keller in seinem Blog mit einem weiteren Rückblick aufs Fernsehen 2009 +++ Weitere Medienthemen seit das letzte "Altpapier" erschien: Der SWR sendete im Radio eine alte Neujahrsansprache von Ministerpräsident Kurt Beck (Originalquelle Rhein-Zeitung online nicht auffindbar, daher z.B. FTD) +++ Z.B. ebd.: über den Beschwerdeansturm beim Presserat +++ Thomas Osterkorn benennt im Stern-Editorial sein Unwort (kress) +++
Das Altpapier stapelt sich wieder am Dienstag gegen 9 Uhr.
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Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
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