Altpapier vom Donnerstag - Die digitale Dampfmaschin
| Veröffentlicht: | 7 Januar 2010 09:28 |
| Verändert : | 7 Januar 2010 10:35 |
FrischeTrends: Mit Killer-Apps gegen die deutsche Presse oder die Taliban. Mit slow media gegen Facebook und Twitter. Oder bloß versuchen, das Unvermeidbare zu verstehen.
Also, wat is en App? Da stelle mer uns ma janz dumm und sagen:
"Bei 'Apps' handelt es sich um eine Software für bestimmte portable Geräte, um Angebote aus dem Internet besser verfügbar zu machen.
Diese unterliegen meines Erachtens nicht den Anforderungen des Rundfunkstaatsvertrages bezüglich des 3-Stufen-Tests. Allerdings ist für das zu Grunde liegende Telemedienangebot (hier: Tagesschau.de) der 3-Stufen-Test im Rahmen der Bestandsüberführung vorzunehmen. Dort ist auch die Art der Verbreitung zu beschreiben.“
Diese ministerialbürokratische Definition gelangte gestern aus der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei per E-Mail (Betreff: "Klarstellung") in die Welt, weil sich Staatssekretär Martin Stadelmaier in einer DPA-Meldung mit der Überschrift "Kein 3-Stufen-Test für 'Tagesschau'-App" (z.B. hier) missverständlich "und in dieser Form nicht durch seine Ausführungen gedeckt" zitiert fühlte.
Daher liegen nun auch Meldungen in Stadelmaiers Sinn vor (z.B. hier). Sowie die Vorabmeldung "Staatssekretär fordert Dreistufentest für Tagesschau-App", mit der gestern die Zeit vorpreschte. Insofern hat, wer die Dreistufentests überhaupt ernst nimmt (das sind außerhalb der öffentlich-rechtlichen Anstalten und ihrer Gremien bislang noch wenige), die Qual der Wahl.
Jedenfalls befasst sich die Zeit heute auf fast einer ganzen Seite (21, nicht frei online) mit dem Winterloch-Thema der "Tagesschau"-App. Unter der Überschrift "Große Angst vor kleinem Service" definiert Anna Marohn:
Apps "können kleine Spiele mit hüpfenden Rüsselmonstern für 79 Cent sein, bei denen man mit dem Telefon hin und her wackelt. Auch Praktisches ist im App Store zu haben wie die kostenlose Anwendung der Bahn, die Preise und Verbindungen anzeigt. Oder Applikationen für Nachrichtenseiten, die an den kleineren Bildschirm angepasst werden. Die Verlegerherzen lässt dieser neue Markt höherschlagen".
Später heißt es: "Vermutlich ist die App-Debatte ohnehin nur ein mediales Warmlaufen für das, was noch kommt: die nächste ganz große Gebührendebatte."
Den unaufgeregten Artikel flankiert ein kleines Interview, in dem der für die ARD-"Tagesschau" zuständige NDR-Intendant Lutz Marmor die schöne Definition "Eine App ist wie ein Tropfen Wasser im Ozean des Internets" schöpft, was allegorisch bedeutet: "Sie wird nicht marktentscheidend sein“ (ebenfalls als Vorabmeldung zu haben).
Falls Ihnen das zu friedlich sein sollte - eine weitere App-Definition lässt sich heute dem Artikel "Mit dem Handy in die Schlacht" auf der Titelseite der Süddeutschen entnehmen:
"Tüftler haben mehr als 100.000 Miniprogramme für das Handy des US-Technologiekonzerns Apple geschrieben, sogenannte Apps. Mit ihnen kann man Kinokarten kaufen, Blumen verschicken, Restaurants finden - und neuerdings auch Krieg führen. Eine App, die Scharfschützen dabei hilft, die Flugbahn ihrer Projektile zu berechnen, wird von westlichen Soldaten in Afghanistan benutzt."
Freilich sei die App namens "Bulletfight" "nicht nur für Soldaten gedacht. Auch deutsche Jäger finden Gefallen an dem Programm. 'Früher habe ich nach Gefühl geschossen', sagt etwa Christian Farhumand aus Seelscheid. Jetzt berichtet er von Traumtreffern wie diesem: ein Fuchs, 350 Meter entfernt und sofort tot."
Wem das doch wieder zu unkriegerisch ist, der mag zum sympathischen Daily Mirror klicken ("Soldiers in Afghanistan using £19 iPhone app to kill Taliban fighters"). Vielleicht sollte, wenn Reinhold Beckmann aus der Weihnachtspause kommt, er Karl-Wilhelm zu Guttenberg mal so ein iPhone in die Hand drücken und bei der Gelegenheit darauf hinweisen, dass die Apps des NDR auch im wörtlichen Sinne keine Killerapplikationen sind.
Ganz vielleicht entschleunigt sich aber auch alles sowieso wieder von selbst. Diese Meinung vertritt Tyler Brûlé wiederum in der Zeit in einem lesenswerten Interview (S.18, Vorabmeldung). Da sagt der britische Zeitschriftenmacher (Monocle) Sätze wie:
"Wann haben denn die Leute wirklich zum letzten Mal ihre Facebook-Seite aktualisiert? Die meisten nutzen die Website doch nur noch, um vor einem Interview oder einem Vorstellungsgespräch nachzuschauen, wie ihr Gegenüber aussieht. Diesem ganzen Hype um digitale soziale Netzwerke wird die Luft ausgehen..."
Und (zu Twitter): "Es gibt da diese Hysterie, hip und modisch und jugendlich wirken zu wollen – jede neue Sache, die ein Fernsehdirektorenkind ausprobiert, muss dann auch der Sender haben.“
Und: "Ich glaube, Zuschauer würden sich über den Luxus von weniger Auswahl freuen. Es gibt viele, die sich nach den Zeiten zurücksehnen, als man zum Beispiel BBC 2 oder das ZDF einschalten konnte und einen Abend mit guten, solide gemachten Programmen verbrachte und einfach nur auf der Couch saß."
Den Luxus von weniger Auswahl gibt es im Medien-Business in Zeiten wie diesen natürlich noch nicht. Wenn Sie, statt die hochpreisige Wochenzeitung zu erwerben, lieber frei online kräftiges Holzpresse-Bashing lesen wollen, wäre aktuell "Warum Journalisten sich einen neuen Beruf suchen sollten" von Dominic Grzbielok empfehlenswert.
Wenn Sie lieber mit einem komplett durchstrukturierten Revolutionsmodell gegen slow media-Propagandisten à la Brûlé anargumentieren wollen, könnte Martin Oettings Beitrag auf Carta ("In ihrer bestehenden Form wird unsere Medienlandschaft nicht weiter existieren... Dieser Text ist daher auch keine Utopie oder Brandrede, sondern nichts als ein weiterer Versuch, das Unvermeidbare zu verstehen") etwas für Sie sein:
"Ebenso wie es in der Welt der Wissenschaft immer und immer wieder Paradigmenwechsel gegeben hat, gibt und gab es sie in den verschiedensten Bereichen unseres technischen Lebens. Die Elektrizität ersetzte die Dampfmaschine. Das Pferd wurde ..."
Und anschließend vielleicht nochmal den eingangs verlinkten "Feuerzangenbowle"-Ausschnitt anschauen.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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+++ "SPD-Politiker will werbefreie Öffentlich-Rechtliche": Da nimmt die Berliner Zeitung aus dem gestern im Hamburger Abendblatt veröffentlichen Artikel Marc Jan Eumanns die dort zwar titelgebende, aber auch ödeste Forderung auf (die Eumann so auch schon 2007 in der BLZ folgenlos erhoben hatte). Vermutlich dürfte auch dieser Anlauf damit enden, dass die Sendervertreter im Gegenzug für Werbeverzicht noch höhere GEZ-Gebühren fordern und die entsprechenden Politiker das dann (mit Recht) auch nicht wollen. +++ Während die FAZ heute als Titelseitenbild (nur an diesem Donnerstag online) eine Szene aus der u.a. aus alten Mad-Heften bekannten Serie "Spion & Spion“ bringt, berichtet der Tagesspiegel auf der Medienseite über die gestern via DPA verbreitete Rückkehr eines "deutschen Kultcomics": "Am Freitag wird die Website www.fixundfoxi.de freigeschaltet, auf der neben dem neuen Heft bereits über 300 ältere Ausgaben zum Download verfügbar sind. Sie können auf Endgeräten wie E-Book-Readern, Smartphones, Spielkonsolen oder einfach dem Computer-Bildschirm gelesen werden". Ja, "diese Füchse scheinen das ewige Leben zu haben", meint der TSP, was aber auch nötig ist, wenn ihre Jäger iPhones einsetzen. +++ Über die mit DPA konkurrierende Agentur, deren Name sich nach APD und DAPD nun bei APN einpendelt, berichtet Daniel Bouhs in der Rundschau: Das "Kürzel-Wirrwarr" ist nicht das einzige Problem. APN, "das sei, hieß es beim DAPD, ein Kürzel ohne Bedeutung" (SZ, S. 13). +++ "Fast das ganze Elend des Journalismus von heute" bringt mit einem Beispiel aus der Bild-Zeitung auch Stefan Niggemeier auf den Punkt, es hat mit dem "Zahlenfetisch der Massenmedien" zu tun. +++ Was macht Konstantin Neven DuMont? Er soll mit Berliner Kurier, Berliner Zeitung, Hamburger Morgenpost und Frankfurter Rundschau ins Handy-Geschäft einsteigen wollen (wuv.de). +++ Die SZ berichtet vom Stand der Dinge beim Kinderfilm und dem Streit um staatliche Millionensubventionen unter franzöischen Onlinemedien. Dazu frei online: Lutz Meier in der FTD. +++ "Selten wurde ein designierter Chefredakteur vom Vorgänger öffentlich so beschädigt" wie Wolfram Weimer noch vor seinem Start beim Focus von Vorgänger Helmut Markwort (meedia.de). +++ Programmänderung bei der ARD: "Das Erste entspricht damit einem persönlichen Wunsch Harald Schmidts, der zwei Tage nach dem Tod seines Vaters noch keine satirische Late-Night-Show präsentieren möchte“ (TSP). +++ Während deutsche Medien Enttäuschung ob des neuen Google-Handys übermittelten (siehe Altpapier gestern), ist die amerikanischen Presse recht begeistert. "Für Frank Ahrens von der 'Washington Post' startet mit dem am Dienstagabend in Kalifornien vorgestellten Smartphone Google Nexus One 'nun endlich das 21. Jahrhundert'“ (TSP). Dazu eine sehr hübsche TAZ-Überschrift: "Google legt ein i". +++ "Ganz leicht im Plus" lagen trotz allgemeiner Krise im Zeitschriftenmarkt Eltern- und Frauenmagazine (TSP). +++ "Eine junge Frau, die kein Kopftuch über ihren schwarzen Locken trägt, unverheiratet im liberalen Haifa lebt" und im israelischen Radio "mit Arabern in ihrer Muttersprache gesellschaftliche Probleme diskutiert", Makbula Nassar, porträtiert die TAZ. +++ "Die israelische Website ynet zeigt Videos aus Gaza" (BLZ). +++ Mit den Worten "Am Ende des ersten digitalen Jahrzehnts stehen wir immer noch am Beginn des digitalen Jahrtausends, sind die Folgen der Internetrevolution für unser Leben noch kaum abschätzbar" leitet die FAZ-Medienseite eine Warnung vor zu leichtfertig gewählten Passworten ein. +++
Frisches Altpapier gibt's wieder am Freitag gegen 9.00 Uhr.
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
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3.) Der Spiegel-Text von 2009, den der Spiegel heute (vorerst nur Print) quasi zurückzieht






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