Altpapier vom Freitag - Von der Rolle
| Veröffentlicht: | 8 Januar 2010 08:50 |
| Verändert : | 8 Januar 2010 09:03 |
Ist das Internet an den Idioten schuld? Aber nein: Die Frontstage ist die neue Backstage, und da lässt sich Focus Money natürlich nicht lange lumpen.
Da hatten wir nun endlich verstanden, wie das mit dem Syllogismus funktioniert, und dann kommt dieses Internetdings, und plötzlich will nichts mehr aufgehen.
Die Kreuzung der ersten Prämisse
Vor dem 6. August 1991 gab es irgendwie viel weniger Idioten.
mit der zweiten Prämisse
Das World Wide Web wurde am 6. August 1991 öffentlich.
bedeutet nämlich offenbar nicht:
Das World Wide Web ist irgendwie schuld an den Idioten.
Zum Glück hat die Jungle World die Dozentin Jessie Daniels um Rat gefragt. Und die sagt: "Das Konzept des Soziologen Erving Goffman ist da ganz hilfreich, er unterscheidet zwischen 'Frontstage'- und 'Backstage'-Verhalten – 'Frontstage' zeigen wir beste Manieren, und 'Backstage' sagen wir, was wir wirklich denken. 'Backstage' war früher für die meisten Menschen die Familie oder der Freundeskreis, heute ist es das Internet."
Eine recht ähnliche Theorie bekam man vor knapp einer Woche im Deutschlandfunk zu hören. Als dort behauptet wurde, dass Thilo Sarrazin in seinem Interview mit dem Du-Magazin das private Sprechen mit dem öffentlichen verwechselt habe, untermauerte die SZ-Redakteurin Evelyn Roll diese These so anschaulich wie bereitwilligst.
Das sei, erklärte sie, "genauso, wie wir uns unterhalten würden, wenn wir gerade mal kein Interview geben. Natürlich sagen wir: Berlin muss aufpassen, dass die Türken das nicht so mit uns machen wie die Kosovaren mit dem Kosovo, die kriegen die vielen Kinder, wir haben im Durchschnitt ein halbes Kind, und die kriegen sieben Kopftuchmädchen, um jetzt mal die provozierendsten Stellen zu sagen, wenn Sie das jemandem vorlesen, der Berlin kennt, die nicken alle."
Ist das jetzt noch der ganz banale Rassismus? Oder doch schon die Dekonstruktion der Goffman´schen Theorie (siehe Symbolfoto)?
Und überhaupt: Wenn die Frontstage die neue Backstage ist, was geschieht dann eigentlich noch Backstage? Tummeln sich dort wenigstens noch die Jungs, die einfach nicht müde werden, irgendetwas Unverständliches über die Lügen des teuflischen Mainstreams zu brabbeln und im selben Atemzug (bewundernswert, ehrlich!) die Wahrheit dieser Welt zu verkünden? Ach, die sind jetzt bei Focus Money? Na, dann ist´s gut.
Treten wir also lieber back auf die Frontstage. Zur FAZ, genau. Von wem diese Worte stammen, ahnen Sie ja wohl:
"Die deutsche Internet-Debatte ist auf dem Stand der neunziger Jahre. Eine digitale Avantgarde von eigenen Gnaden, die entscheiden möchte, wer dazugehört, tut so, als wäre Kommunikation im Netz nicht kinderleicht und als genügte es in einer Zeit, da selbst 'Die Grauen' im Netz unterwegs sind [Beispiele dafür hat die TAZ], einen Blog zu besitzen, um sich als Kenner auszuweisen."
Und weil das so nicht sein kann und nicht sein darf, bringt die FAZ die Debatte mal schnell auf den Stand des Jahres 2010, indem sie einige Antworten auf die legendäre Frage des Jahres von edge.org veröffentlicht, die in diesem Jahr also lautete: "How is the internet changing the way you think?" (Die FAZ übersetzt: "Wie verändern Internet und vernetzte Computer die Art, wie wir denken?" Wir werden´s als gelungenes Beispiel für Redundanz in die Wikipedia eintragen.)
Da unsere Aufmerksamkeit leider allzu flatterhaft ist, gibt es die Antworten hier im Schnelldurchlauf (nein, Sie müssen nirgends anrufen, wenn Ihnen eine Aussage gefällt, sondern einfach nur darauf klicken. Kostet auch gar nichts.):
Willkommen in einer trostlosen Welt, die ziemlich an 'Blade Runner' erinnert und in der russische, ukrainische, nigerianische und amerikanische Cybergangster das Sagen haben und jede unserer Regungen und Bewegungen von einer Schar Großer und Kleiner Brüder überwacht wird. Damit wird die Urteilsbildung von einem individuellen und anekdotischen zu einem sozial dezentralisierten und statistischen Vorgang. Mein Wissen ist damit prekärer geworden. Für jedes allgemein akzeptierte Wissenspartikel, das ich finde, ist sofort jemand zur Hand, der es in Abrede stellt. Also habe ich mich mittlerweile auf Internetdiät gesetzt, um die Welt ein bisschen besser zu verstehen.
| © Altpapier/Katrin Schuster |
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+++ Ihrer Frontstage-Rolle bestens bewusst, ist sich immerhin die Welt. Das neue Einnahme-Prinzip von DSDS erklärt sie so: "Immer, wenn das Wort 'Sch…' fällt, wandert ein Euro in die Sau." Das Problem an der Sache: Es geht hier nicht um das Wort "sch…", sondern, genau: um "Scheiße". Weniger verklemmt, und zwar in jedem Sinne, ist dagegen stern.de. "Wie Bohlen aus Scheiße Geld macht", weiß Björn Erichsen. Und wie stern.de sich verzweifelt bemüht, dem Bohlen das nachzumachen, indem man aus eben dieser Scheiße Klicks zu generieren versucht, kann man sich gleich mehrfach zu Gemüte führen. +++ Nur der Tagesspiegel hat mal wieder richtig hingesehen: "Das ging schon damit los, dass es überhaupt nicht losging, um Viertel nach acht begann ein vierminütiger Trailer. In diesem Trailer wurde auch die sogenannte Jury vorgestellt – als ob es eine Jury geben würde. Es gibt diesen Typ und dieses Mädchen, die außer Sitzen keine Funktion haben. Und es gibt Herrn Dieterbohlen." +++ Wer außerdem noch zugeguckt hat, erfährt man bei den DWDL-Straßenquoten. +++ By the way: Save the Bratwurstjournalismus! +++ Arte war angeblich immer schon anders, wird jetzt aber nochmal anders, siehe u.a. KSTA und TAZ. +++ Und da die Welt sich überhaupt dauernd ändert, erfindet Frankreich gleich mal eine neue Steuer, die FTD ist dagegen, die Zeit weiß, wer´s bekommen soll, das viele Geld. +++ Der Satz, Nachrichten dienten allererst der Politik, lässt die FAZ nicht los. Nun hatte sie offenbar Einblicke in ein Positionspapier (FAZ, S.35, siehe Meedia). +++ Auf eben derselben Seite 35 der FAZ sind wir dann urplötzlich ziemlich müde geworden: "Brigitte ist zweifellos ein PR-Coup gelungen. Doch sollte es sich allein als solcher erweisen, schlüge das auf die Redaktion zurück." +++ Und auch die ebenda zu findende Erkenntnis, dass Sportjournalismus oft nurmehr als Boulevard vorhanden ist, hat uns nicht viel wacher gemacht. +++ Ob ein Boykott was bringt? Der Staatsrechtler Hubertus Gersdorf will´s (vielleicht) versuchen (Telepolis). +++ Ob Paid Content was bringt? Der Merkur sieht darin immerhin "Eine Handvoll Hoffnung". +++ "Kerner schauen erinnert auf eine dramatische Art daran, dass einem der absolut größten Kulturprodukte der Neuzeit die Luft ausgeht: dem Fernsehen." (Freitag) +++ Die SZ berichtet wenig Überraschendes über die evangelikalen Medien in den USA. +++ BLZFR dagegen über russische Blogger. +++ (Ja, stimmt, es gibt aufregendere Tage.)
Frisches Altpapier stapelt sich wieder am Montag gegen 9 Uhr.
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
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