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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Montag - Antikapitalistische Tiefschläge

Veröffentlicht: 11 Januar 2010 09:07
Verändert : 11 Januar 2010 12:58

Spiegel kritisiert Google, Diederichsen kritisiert Spex, Seidl kritisiert Islamkritiker, Kachelmann kritisiert die Wettervorhersager: Es geht was.

Letzte Woche bei Dr. Oetting auf Carta noch gelernt, dass das was wir Medien nennen, in vier Subsysteme sich untergliedert (Verteilungssystem, Finanzierungssystem, Produktionssystem, Filtersystem). Und vor allem:

"Der Fehler vieler Debatten über den Medienwandel ist es, eine zwingende Verknüpfung zwischen diesen vier Subsystemen zu vermuten. Dies ist ein Irrtum."

Und nun? Liegt der aktuelle Spiegel vor uns ("Google - Der Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie selbst"), und alles ist für die Katz.

Die Titelgeschichte (Seite 58) mehrt alles zusammen, was sich in diesem ewig raunenden Spiegel-Sound, in dem wie im Krimi immerzu alles verdächtig ist, zu Google zusammen mehren lässt. Anstatt einfach mal zu darzulegen, was Datenschutz in Tagen wie den unseren sein kann.

(Und apropos Überwachungsterror und Datensammeln: Unsere schönen alten Altpapiere sind seit der Netzeitungsumstellung auf ohne Menschen alle futsch! Cache they, if you can, Google!)

Das Lustigste dabei ist, dass durch dieses Nicht-Auseinanderhalten im Spiegel en passant der Kapitalismus under attack gerät.

"Die Methode, die nicht zum ersten Mal Schrecken verbreitet, ist immer die gleiche: Der Nutzer bekommt ein bislang teures Angebot kostenlos; finanziert wird es mit passender Werbung."

Krass, oder? Ist es der gleiche Schauder, der den Leuten so was von eiskalt den Rücken runterläuft, die Billigflieger benutzen und bei Discountern einkaufen? 

Passend zum Titel gibt's ein Gespräch mit Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Seite 32), die zu Google auch einen Burner raushaut:

"Mich stört dieses Vorpreschen, diese Gigantomanie."

Jetzt kann man Leutheusser-Schnarrenberger nicht vorwerfen, zu den marktradikalen Heißspornen der FDP zu zählen. Aber in jeder anderen Diskussion ließen sich "Vorpreschen" "Gigantomanie" ersetzen durch "Innovation", "Dynamik", "Wachstum" und was sonst alles noch an Begriffen gegen so genannte Neid-Debatten in unserer anständigen Marktwirtschaft verteidigen werden kann.

Vielleicht sollte der Spiegel mehr Plattenkritiken alter Manier lesen, Plattenkritiken, die "Spex" verkündet hat, jetzt nicht mehr zu drucken, und die sich Diedrich Diederichsen in diesem schönen Diedrich-Diederichsen-Satz in der FAS von gestern etwa so vorstellt:

"Die Verbindung zum Leben, zur Rezensentensubjektivität als Testarena der Rezeption stellt nicht mehr Schnelligkeit her, sondern eine qualifizierte Langsamkeit, die antikapitalistische Tiefe eines ungehetzten Lebens im Dienste ästhetischer Reflexion."

Die antikapitalistische Tief unseres ungehetzten Lebens – wie gern würden wir da verweilen, müssen aber weiter hetzen zu Claudius Seidl, der sich ebenfalls in der FAS Gedanken macht über die Determinanten unseres Daseins:

"Und wenn schon wir verwöhnten Westler manchmal leiden am Tempo, dem Druck und der Kälte der westlichen Verhältnisse, sollten wir nicht allzu heftig fordern, dass jeder syrische Bauer aber diese Verhältnisse ganz dringend herbeisehnen möchte."

Das ist aber eher eine Randbemerkung in einem Text, der in sich dauernd in elegant selbst unterbrechenden Claudius-Seidl-Sätzen eine Kritik an den so genannten Islamkritikern formuliert, die in der Unterzeile als "Broder und seine Schwestern" bezeichnet werden.

"Ja, klar, die allermeisten Muslime, 99,9 Prozent, wie Broder kurz mal schätzt, seien friedliche Menschen, welche von den 0,1 Prozent nur als Geiseln genommen würden. Aber, so Broder weiter, da müsse man doch mal 'die logische Anschlussfrage stellen, warum sich 99,9 Prozent von 0,1 Prozent missbrauchen und als Geiseln nehmen lassen, ohne die kleine radikale Minderheit in Schranken zu weisen . . . ' Mal abgesehen davon, dass, was Broder da als Logik bezeichnet, so absurd ist, dass man sich fragt, ob der Autor wirklich selber daran glaubt, ist die Aussage, die in der Frage steckt, nicht nur falsch, sie ist auch zynisch."

Wenn wir uns jetzt was wünschen könnten, würden wir tatsächlich gern von Broder erfahren, ob er, wie Seidl vermutet, seinen Unsinn selbst nicht glaubt. Aber so wie wir Broder kennen, gibt er am Ende nur wieder mit seinem besseren Leben an; dass er gerade durch Amerika fährt, wo der Schnee so schön liegt.

Oder so.

© Altpapier/Matthias Dell

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+++ Den Schnee vom Wochenende als Warnung und Vorstellung, also Daisy, lässt der Deutsche-Wetterdienst-Kritiker Jörg Kachelmann auf Stefan-Niggemeier.de Revue passieren. +++ Die TAZ hat, ebenfalls am Wochenende, ihre Stasi-Vergangenheit aufgearbeitet, in der Stefan Heym, der KGB und das Aids-Virus vorkommen. +++ Darüber berichten Tagesspiegel und Berliner-FR. +++ In der FAZ blickt Jürg Altwegg in Schweizer Zeitschriften, die sich dem Niedergang Schweizer Feuilletons widmen (Seite 25). +++ "Big Brother" siecht dagegen immer noch, und zwar in mittlerweile 10. Auflage. Die Aufregung ist geringer geworden, wie Thomas Gehringer im Tagesspiegel erinnert. +++ Das ist auch der Tenor eines Texts auf Welt-Online, der mit dem Hinweis auf eine "ausführliche Kritik" zur ersten Folge endet, die sich erfahrungsgemäß vor allem an dem delektieren wird, was sie kritisiert. Wir sind schon gespannt, welcher Qualitätspraktikant zur gefühlsechten Nacherzählung randarf. +++ Der KSTA greift bei der "Big Brother"-Würdigung dagegen auf den großen Tilmann P. Gangloff zurück, der in seinen Text einsteigt mit einem Literaturhinweis auf, halten Sie sich fest: Richards Sennetts "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Tyrannei der Intimität". Müssen wir uns mal besorgen, scheint ein gutes Buch zu sein. +++ Die TAZ hat am Wochenende Seymour Hersh besucht. +++ Und disst Dieter Wedel, der mit seinen Sexualabenteuern prahlt, weniger konsequent als Stefan Niggemeier das in seiner FAS-Kolumne Teletext tut (Seite 24). +++ Nochmal in der TAZ: Übernahme des "Independent" durch Lebedew stockt. +++ Im Spiegel (Seite 136): "Economist" als Erfolgsmodell. +++ FAZ erklärt, wann 3-D TV sein können soll. +++ Die SZ stellt fest, dass sich in Frankreich nach dem Werbeverbot in den Öffentlich-Rechtlichen am Abend eigentlich nicht viel geändert hat (Seite 15). +++ Und diese Meldung vermelden wir exklusiv mit unserem Lieblingsmedianewsvermeldedienst Meedia.de: Es gibt aus dem gleichen Hause (Manthey) jetzt auch EatSmarter.de. +++

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