Altpapier vom Dienstag - Balti und more
| Veröffentlicht: | 12 Januar 2010 09:02 |
| Verändert : | 12 Januar 2010 10:08 |
Baltimore ist, wo die Kannibalen leben: Printmedien sorgen für Nachrichtennachschub, neue Medien schreiben ab, heißt es in einer Studie. Ein dicker Hund, dieser alte Hut.
Was geht eigentlich gerade in Baltimore so ab, der Stadt, in die Hannibal Lecter 1973 zog, um, war es nicht so, die Kannibalisierung der Medien zu erfinden?
Nun, in Baltimore gibt es ganz allgemein wenig bis nichts Neues. Jedenfalls verhält es sich laut einer Studie des vom Pew Research Center betriebenen "Project for Excellence in Journalism" so, dass in "acht von zehn Mediengeschichten einfach bereits veröffentlichte Informationen wiederholt oder neu verpackt" würden. "Von den Geschichten, die neue Informationen enthielten, stammen beinahe alle, 95 Prozent, von den traditionellen Medien – vor allem von Zeitungen."
Das ist nun eigentlich eher ein etwas älterer Hut, es dominiert jedoch irgendwie die Wahrnehmung als dicker Hund.
Zum Beispiel in der SZ, S. 15: "Die Tageszeitung ist in den USA weiter die wichtigste Informationsquelle für lokale Ereignisse, also zum Beispiel über die Finanzpläne des Bundesstaates oder Kriminalität."
Oder in der NZZ: "Die Tageszeitung ist in den USA weiterhin die wichtigste Informationsquelle für lokale Ereignisse."
Oder in der FAZ: "Wer sagt, die Zeitungen, die amerikanischen zumal, seien tot? Außer den Apologeten im Internet, die ihr eigenes, nicht vorhandenes Geschäftsmodell bewerben? Eine Studie des Forschungsinstituts Pew, die am Montag veröffentlicht wurde, hat festgestellt, dass Lokalzeitungen weiter die mit Abstand wichtigste Nachrichtenquelle für Regionales sind."
Mag ja auch alles sein, auch das vielfach überlieferte Zitat von Projektleiter Tom Rosenstiel, der "sagte, die Studie lege den Schluss nahe, dass es im Internet kaum etwas zu 'aggregieren', also aus verschiedenen Quellen zusammenzutragen gebe, wenn es keine Zeitungen mehr geben sollte", ist hübsch formuliert.
Nur ist es doch nebenbei auch so: Erstens ist dieser Mediensport zwischen Print und Online einfach eine überflüssige Disziplin; da kann Pew noch so viel forschen – das Internet ist einfach kein Schnupfen, der wieder weggeht. Zweitens behauptet doch niemand seriös, dass Journalisten in Zukunft voraussichtlich vollkommen unnötig sind. Und drittens, und an dieser Stelle vor allem, ist der US-Zeitungsmarkt doch erst einmal der US-Zeitungsmarkt und der deutsche Zeitungsmarkt ist der deutsche Zeitungsmarkt. War es nicht so? Oder anders gefragt: Gelten Erkenntnisse aus Baltimore auch zwangsläufig für den Landkreis Waldeck-Frankenberg?
Die SZ, die sich das wohl auch fragt, zitiert immerhin auch eine Allensbach-Umfrage vom Herbst. Ihr zufolge werden "klassische Medien wie Tageszeitungen und TV von Verbrauchern weiter als wichtigste und seriöseste Quelle zur Informationsbeschaffung angegeben, dies gilt nicht nur für Lokalnachrichten".
Trotzdem wirft die Baltimore-Studie die Frage auf: Was treibt eigentlich der deutsche Lokaljournalismus so (oder wie Fachleute – sogenannte Blogger – sagen: der Bratwurstjournalismus)?
Die Journalismuszeitschrift Message hat sich dieses Themas angenommen und befindet im Aufmachertext über Strategien des Lokaljournalismus (S. 15, hier ein Auszug):
"Erfolgversprechend könnte eine Strategie sein, die nach Expertenmeinung noch viel zu selten angewendet wird: das oft beschworene 'Herunterbrechen' von Nachrichten. (…) Konkret heißt das: Nachrichtenredakteure sollten nicht – wie es heute vielfach noch gängige Praxis ist – einfach Agenturnachrichten umschreiben. Vielmehr müssen sie relevante Nachrichten um den Lokalbezug ergänzen, um einen Mehrwert zu schaffen. Zum Beispiel können sich Sportler aus Emden zum Tod von Robert Enke äußern. Oder Gastwirte aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg erzählen der Zeitung, wie sie ganz pragmatisch das hessische Rauchverbot lockern."
Schauen wir uns einfach mal an, wie man das in Baltimore macht: In Baltimore ist zum Beispiel Winter, was die Baltimore Sun allerdings nicht einfach aus einer Agentur abschreibt, sondern selbst mit Recherchen vor Ort belegt. Durchaus vorbildlich, wie sie die große Geschichte aufs Lokale herunterbricht. Lernen von den USA also?
Da sind wir ganz flott wieder beim Paid Content und bei Rupert "Your mama wears army boots" Murdoch. Und beim Tagesspiegel, der sich mit den Onlinenutzungszahlen vom Dezember und mit einer doppelten Überraschung beschäftigt:
"'Surprise, Surprise', kommentiert Hans-Joachim Fuhrmann vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) die Dezemberzahlen der Paid-Content-Anbieter. 'Es ist überhaupt nicht verwunderlich, dass die Traffic-Zahlen runtergehen, wenn sich die Bezahlschranke schließt.'"
Fuhrmann findet, und da sind wir schon wieder beim Lokaljournalismus: "Es ist Zeit für mutige und kreative Experimente. (...) Warum kein App zum lokalen Fußball-Club oder Lokalnachrichten angereichert um den schnellsten Weg zum nächsten freien Parkhausplatz?"
Tja. Der Unternehmensberater Hasso Mansfeld sieht die Lage etwas düsterer und schreibt in einem Beitrag für die FR, die mit Zusammenschlüssen ja nun gewisse Erfahrung hat: "Fatal wirkt sich die Tendenz aus, verschiedene Medienformate aus einer einzigen großen Redaktion zu beliefern: Das Profil der betroffenen Medienmarken geht dabei verloren."
Ach, machen wir's doch einfach so: Wer eine Lösung hat, meldet sich, okay?
| © Altpapier/Klaus Raab |
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+++ "Krise? Welche Krise?" So viel zum Pluralismus: ebenfalls in FR (und BLZ)+++ In eigener Sache: Die Automatisierung der Netzeitung hat Folgen +++ Stefan Niggemeier im Radio-Fritz-Interview, zum Download +++ Der "Kriminaldauerdienst" geht (dienstags, Arte, 22.15 Uhr) in die voraussichtlich letzte Staffel. Die TAZ interviewt Autor Orkun Erkener, der sagt: "'KDD' hat die Quotenerwartungen des ZDF für den Freitagabend einfach nicht erfüllt." - "Ihnen wäre also schon noch was eingefallen?" - "Ich denke schon, dass da noch Stoff für eine vierte und auch eine fünfte Staffel gewesen wäre." +++ Klaudia Wick bespricht "KDD" für die Berliner +++ Markus Ehrenberg tut das für den Tagesspiegel +++ Und Michael Hanfeld schreibt für die FAZ (S. 31) über Arte und wie sich der Sender möglicherweise (wie die Ausstrahlung der britischen Serie "Suburban Shootout“ möglicherweise zeige) zum Knallbunten verändere. In diesem Rahmen schreibt er auch ein paar Zeilen über "KDD": "Charaktere, mit denen man sich identifizieren könnte, findet man hier schwerlich, es herrscht allgemeine, schwerste Depression, alle sind korrumpierbar – heute Abend ist zu sehen, wie ein Polizist einen anderen an einen Gangsterboss verrät, der mit dem Kollegen auf seine Art umzugehen weiß. Da kommt kein Held um die Ecke geritten, um die Welt zu retten, sie ist und bleibt aus den Fugen." +++ Die SZ (S. 15) findet "Suburban Shootout" übrigens "völlig übertrieben, total an den Haaren herbeigezogen - und sehr lustig" +++ Huch, na sowas, wie sind denn die sportbild.de-Zahlen da reingeraten? +++Jochen Staadt schreibt in der FAZ (S. 31), wie "die 'taz' sich im Jahr 1987 von der Stasi einen Bären aufbinden ließ" und schließt: "Zur erfolgreichen Desinformation gehört nach einer alten Stasiregel auch die Bereitschaft der Irregeführten, sich betören zu lassen." +++ Ebd.: Einslive soll das neo der ARD werden +++ Die TAZ über die DPA +++ Die SZ befasst sich mit der Zukunft des Focus und einem knirschenden Gebälk: "Chefredakteur Markwort hat sich auf den letzten Metern seines Schaffens eine Generalüberholung seines Werks einfallen lassen. Mit der Ausgabe vier am 25. Januar (möglicher Titel: die Finanznot der Kommunen) soll zu sehen sein, wie er den Niedergang seines Focus aufhalten will. Da aber spätestens im Juni - vielleicht auch viel früher - der bisherige Cicero-Chefredakteur Wolfram Weimer als Nachfolger bereitsteht, soll sich Burda intern gegen vorherige große Sanierungsarbeiten ausgesprochen haben." +++ Und was noch einmal die Paid-Content-Geschichte betrifft: Der Artikel über ByteFM im Hamburger Abendblatt ist online for free +++
Das Altpapier stapelt sich wieder am Mittwoch gegen 9 Uhr.
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Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
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