Altpapier vom Mittwoch - St. Aust ist wieder da!
| Veröffentlicht: | 13 Januar 2010 09:22 |
| Verändert : | 13 Januar 2010 10:27 |
Der, nun ja: Nachrichtensender N 24 soll verkauft werden, und zu den Käufern könnte ein Medien-Mann des Jahres 2009 gehören.
Ja, sie lebt noch: die gute alte Mediennews, in der exklusive Infos aus großen Konzernen das Zitatekarussell in Schwung bringen, in der Medien-Männer des Jahres Geschichte schreiben und allein schon die Erwähnung ihrer Namen elektrisiert.
"Die Meldung des Jahres", "die die Branche elektrisiert" (Süddeutsche) und heute die gedruckten Medienseiten rockt, ist die Beteiligung des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust an einem Kaufangebot für den, nun ja, Nachrichtensender N 24.
Auf Austs "mysteriöses Magazin-Projekt" für die WAZ-Gruppe, diese mutmaßlich Mischung aus Spiegel und Stern (für das die relativ elektrisierendsten Personalien weiterhin das ViSdP-PDF bietet), wird ja eh schon gespannt gewartet, und nun auch noch das.
Die im Lauf des Dienstags verbreitete Meldung geht zurück auf ein Interview des Chefs der ProSiebenSat1-AG, Thomas Ebeling, bzw. auf eine "hastig einberufene Betriebsversammlung" bei N 24, deren Grund laut SZ aber wohl ebenfalls das Interview war. Dieses Interview also steht heute in der gedruckten FAZ. Frei online ist weiterhin bloß die Fließtext-Zusammenfassung von gestern zu haben, die heute zu kurzen (TAZ), mittellangen und äußerst ausführlichen Meldungen (derselbe Ulrike Simon-Text in KSTA bzw. BLZ) führt.
Da Aust selbst gestern nicht für Interviews, sondern bloß für einzelne Zitate zur Verfügung stand ("Ja, ich bin dabei", "journalistische Vielfalt", "Beitrag zur Vielfalt im deutschen Journalismus"), verfiel der Tagesspiegel auf die Idee, Austs weniger elektrisierenden, aber auskunftsbereiten Geschäftspartner bei diesem Vorhaben "Stimmt das, Herr Rossmann?" zu fragen.
Torsten Rossmann (Foto oben) arbeitet derzeit bei P7S1 als N 24-Geschäftsführer und gibt die aktuellen Sprachregelungen, die zum Verkaufsplan gelten, souverän wieder. Und hat immerhin ein programmliches Detail: "Links – rechts“, die Talkshow mit Hajo Schumacher und Hans-Hermann Tiedje (sowie gestern Jürgen Drews),"stellen wir am Abend ein und führen es tagsüber in veränderter Form weiter."
Noch ein Blick ins schwungvoll sich drehende Newskarussell: Während N24-Sprecherin Kristina Faßler gegenüber dem Handelsblatt "einen Bericht der 'Berliner Zeitung' und der 'Frankfurter Rundschau'" bestätigte, fasst die Rundschau wiederum Rossmanns TSP-Interview zusammen. Und in der Randspalte unter "verwandten Artikeln" offeriert handelsblatt.com auch noch den Bericht "Rossmann kündigt neues Rekordergebnis an". Aber, Investoren, aufgepasst!, dort handelt es sich nicht um N 24 (das ist "dauerhaft defizitär"), sondern um die bekannte Drogeriemarktkette.
Lohnt denn nun das Original-Ebeling-Interview der FAZ (S. 31) zum Lesen? Ohne paid content-Modelle unterminieren zu wollen: nur für wahre Fans. Auf harte Fragen des Interviewers Michael Hanfeld ("Stehen andere Interessenten auf der Matte? Springer, Burda oder Murdoch?") antwortet Ebeling so, wie es seine Pflicht als Vorstandschef eines börsennotierten Unternehmens ist: gar nicht.
Umgekehrt legt er in gewundenen Sätzen wiederholt nahe, gern nach frischen Programmideen gefragt werden zu wollen ("Ich stelle mir lediglich die Frage, ob es sinnvoller wäre, auch Zielgruppen, die wir mit traditionellen Nachrichten eben nicht erreichen, mit anderen Formaten für gesellschaftlich relevante Themen zu gewinnen", "Mir scheint es genauso wichtig, denjenigen, die sich von der Politik vollkommen entfernt haben, auf attraktive Weise Orientierung anzubieten, wie sie zum Beispiel Stefan Raab auf Pro Sieben mit seiner Sendung zur Bundestagswahl gegeben hat.") Aber den Gefallen tut die FAZ Ebeling nicht.
Noch rasch einen Blick in die genannten deutschen Medienkonzerne, die sich eventuell für einen N 24-Kauf erwärmen könnten: Bei Springer arbeitet man emsig auf den kommenden Sonntag hin, an dem das Internet um 5900 zeitgenössische "Original-Artikel zum Thema 1968“ bereichert werden soll - als "Angebot für alle, sich selbst ein Bild zu machen". Oder eine Bild.
Die TAZ steigt schon mal auf psychoanalytisch-allegorischer Ebene in die Diskussion ein:
"Dass 'Sichabarbeiten' an 1968 und den Folgen eint Mathias Döpfner, Thomas Schmid und Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Doch warum? Vielleicht hilft ein Satz weiter, den Döpfner gern mal zitiert, wenn nachgeborene 1968er an den Gewinnzahlen der Welt zweifeln: 'Oscar Wilde hat, glaube ich, den Satz geprägt: Die Deutschen sind das einzige Volk, bei dem der Neid stärker ausgeprägt ist als der Sexualtrieb.'"
Und bei Burda... (weiter im Altpapierkorb)
| © Altpapier/ Christian Bartels |
Altpapierkorb
Im Fürstentum Burda-Offenburg sollten eigentlich die Vorbereitungen zu Fürst Huberts 70. Geburtstag am 9. Februar auf die Zielgerade schreiten. Doch "hat sich ein Schatten über sein Reich gelegt", und daran sei der Helmut Kohl immer ähnlicher werdene Helmut Markwort schuld. Sueddeutsche.de berichtet aus dem Hofstaat. Ja mei, ist da jemand nicht zum Bambi eingeladen worden? +++ In den USA seien "Talkshows längst in einer Existenzkrise", berichtet SPON zum Thema Jay Leno. Diesen Medientrend bitte sofort vollumfänglich importieren und auf Beckmann, Maischberger usw. ausweiten! +++ Das Internet wird nicht nur um 5900 Artikel von anno '68 reicher, sondern nun auch um "Tatorte" zum Abruf, zumindest für sieben Tage nach Erstausstrahlung (TSP). +++ ... sowie um lange Texte freier Journalisten im Magazin der Autoren (magda.de). Z.B. zum Schießen: das Wortspiel "E-Mail + Die Detektive". +++ "Dahinter steckte auch der Wunsch, etwas Eigenes zu schaffen. Das hat ein Freier ja sonst nicht", diese im Internet-Zeitalter recht steile These äußerte dazu Dominik Baur vom Netzwerk Autoren+Reporter zur DPA.+++ Aber auch ärmer wird das Netz. "Es ist unter wirtschaftlichen Aspekten nicht verantwortbar, das Projekt weiter zu führen", schreibt galore.de-Chefredakteur Sascha Krüger zum Ende des Interview-Portals. Das es ja auch mal als Zeitschrift gab. Bis 31. Januar besteht die "letzte Chance, Galore-Hefte und das Galore-Buch nachzubestellen!" +++ Schön für freie Journalisten: die Mehrfachverwertung ihrer Texte. Zum Beispiel plagt den DPA-Chefredakteur Wolfgang Büchner "die Laune eines durstigen Kamels", die ihn in der TAZ plagte, nun auch bei meedia.de. +++ "Die Aufschneiderei von Jörg Kachelmann, dem Wetterpropheten in Diensten der ARD, hat etwas Maßloses", glossiert Michael Hanfeld in der FAZ: "Die Panik, über deren Unangemessenheit er fortwährend doziert, verbreitet allein er". Es geht um Kachelmann bei Beckmann, nicht bei Niggemeier. +++ Die Süddeutsche rezensiert schon mal den Dieter-Wedel-Zweiteiler "Gier", der am Freitag auf Arte und in einer Woche in der ARD läuft, unter betriebswirtschaftlichen Aspekten ("Obwohl die Geschichte vom Hochstapler Harksen eigentlich von selbst wirkt, hat Wedel dick aufgetragen, ganz dick."). +++ Aber auch den heutigen ARD-Film "Sechs Tage Angst" ("...zum Schluss ist selbst der Zuschauer überrascht..."). +++"Dass Medienhäuser die Wertigkeit ihrer selbst produzierten Inhalte im Web regelmäßig überschätzen - und den Wert nicht professionell erstellter Inhalte unterschätzen", teilt das "Mediencluster NRW" bei Carta mit. +++ "Laser zum Ausklappen" heißt die neue Ausgabe der Digital-Kolumne "Verlinkt" in der Berliner Zeitung. Nicht ausklappen lässt sich, was davon automatisiert online gestellt wurde. +++ Aber die TAZ-Kriegsreportage, heute wieder besonders fulminant ("Liebe taz-Medienredaktion, ich kann die Zeit nicht zurückdrehen - aber ich möchte mit dir schlafen. Ja, da staunste, wa?!? Ich auch...."), die sich u.v.a. auch mit der Lage der Zeit in der ehemaligen DDR, wo die Wochenzeitung "müde, lustlos und ohne Hoffnung, ergriffen zu werden, am Kiosk liegt", befasst, die lässt sich auch online lesen.
Frisches Altpapier gibt's wieder am Donnerstag gegen 9.00 Uhr.
Weitere Nachrichten: Altpapier
- Altpapier vom Dienstag - Vorsorge und Früherkennung
- Altpapier vom Montag - Virales Marketing
- Altpapier vom Freitag - Unreine Haut
- Altpapier vom Donnerstag - Krieg der Illustrierten
- Altpapier vom Mittwoch - Blanke Nerven
- Altpapier vom Dienstag - Weiter bis wolkig
- Altpapier vom Montag - Über die Matte
- Altpapier vom Freitag - Die Milch macht´s nicht
- Altpapier vom Donnerstag - Im Netz des Gesetzes
- Altpapier vom Mittwoch - Kalter Medienkrieg
- Altpapier vom Dienstag - Im Angesicht der Häusle-Schleicher
- Altpapier vom Montag - Eine Frau gibt nicht auf
- Altpapier vom Freitag - Diszipliniert
- Altpapier vom Donnerstag - Land der Zeitungs-Schönheit
- Altpapier vom Mittwoch - Die Nase meiner Ollen
- Altpapier vom Dienstag - Nerdverbunden
- Altpapier vom Montag - Darf Online alles?
- Altpapier vom Freitag - Mediensport bei Olympia
- Altpapier vom Donnerstag - News and Shoes
- Altpapier vom Mittwoch - Endlich Neues von Google
- Altpapier vom Dienstag - Wer an der Werra war
- Altpapier vom Montag - Check oder Gegencheck?
- Altpapier vom Freitag - Nur eine einzige Frage
- Altpapier vom Donnerstag - Das Wunder von Düsseldorf
- Altpapier vom Mittwoch - Nationale Aufgabe
- Altpapier vom Dienstag - Clementine Diekmann
- Altpapier vom Montag - Wo ist "hier"?
- Altpapier vom Freitag - Augenwischerei
- Altpapier vom Donnerstag - Es ist ein Apple!
- Altpapier vom Mittwoch - Raus aus den Schubladen
- Altpapier vom Dienstag - Heimatkunde und Effizienz
- Altpapier vom Montag - Durchschnittchen
- Altpapier vom Freitag - Tipps gegen die Kälte
- Altpapier vom Donnerstag - Schwerter gegen Schnipsel
- Altpapier vom Mittwoch - Brutale Selbst-Aufklärung
- Altpapier vom Dienstag - Kauf dir eine Meinung
- Altpapier vom Montag - Unter der Haut
- Altpapier vom Freitag - Hoffnung und Seele
- Altpapier vom Donnerstag - Ein Managerkopf rollt
- Altpapier vom Mittwoch - St. Aust ist wieder da!
- Altpapier vom Dienstag - Balti und more
- Altpapier vom Montag - Antikapitalistische Tiefschläge
- Altpapier vom Freitag - Von der Rolle
- Altpapier vom Donnerstag - Die digitale Dampfmaschin
- Altpapier vom Mittwoch - Superphones & Mediendarlings
- Altpapier vom Dienstag - Händereiben über neue Bezahlmodelle
- Altpapier vom Montag - Den Maschinen vertrauen?
- Altpapier von Silvester - Willkommen in den Zukünften
- Altpapier vom Mittwoch - Das Nuller-Gefühl
- Altpapier vom Dienstag - Irre: gratis und zu teuer!
Dienstags-Artikel
1.) Die Fehler der Wirtschaftspresse (Brenner-Stiftung/ PDF)
2.) ... und auch konstruktive Vorschläge (Storz im meedia-Interview)
3.) Lockere Konkurrenz-Analyse der Sternchefs (TAZ)
4.) Große Verlagskoalition? (sueddeutsche.de)
5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
2.) Der Freitag schlägt 19 Prozent MwSt für die Bunte vor
3.) Der Spiegel-Text von 2009, den der Spiegel heute (vorerst nur Print) quasi zurückzieht






Twitter
Facebook
Kontakt