Altpapier vom Donnerstag - Ein Managerkopf rollt
| Veröffentlicht: | 14 Januar 2010 09:17 |
| Verändert : | 14 Januar 2010 10:31 |
ProSiebenSat1 settet weiter die Agenda 2010 und feuert den Chef des Kerner- und Pochersenders Sat.1: Manager, die keinen Querkopf haben, müssen ihn trotzdem hinhalten.
"Ich schätzte Guido Bolten als kompetenten Manager, und er wird uns ja als Berater weiter zur Verfügung stehen", sagt Andreas Bartl, seines Zeichens "Vorstand German Free TV der ProSiebenSat.1 Group", über den frisch gefeuerten Sat.1-Chef.
Und jeder im höheren Management wird einschätzen können, ob das eher "Er hat die Aufgaben im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit erledigt" bedeutet, oder "hat die ihm übertragenen Arbeiten mit großem Fleiß und Interesse durchgeführt".
Doch die Süddeutsche Zeitung, die die Bartl-Bolten-Personalie gestern vormittag als erste vermeldete und heute das einzige Bartl-Interview bietet, und die zumindest immer dann in Form ist, wenn der Brennpunkt des Geschehens in Unter- (oder Ober-)föhring liegt, setzt dem Manager zu. Zur Nachfolgeregelung, dass Bartl künftig neben seiner übergeordneten Aufgabe auch Boltens etwas untergeordnetere Aufgabe selbst übernimmt, sagt sie:
"Die neue Konstruktion ist kurios: Sie müssten nach unten wie nach oben ständig mit sich selbst diskutieren."
Bartl: "Ja, ich werde wohl mehr Zeit für mich selbst veranschlagen müssen."
"Bartl steht unter Druck, weil seine Gesellschafter unter Druck stehen und weil sein Vorstandsvorsitzender unter Druck steht", erklärt Christopher Keil im Fließtext zum Thema (SZ-Medienseite 15).
Zum Ablauf der Ereignisse: Nachdem gestern Boltens Ablösung bekannt wurde, brachte die "German Free TV Holding" der ProSiebenSat1-AG eine Pressemitteilung heraus, die man unbedingt einmal laut lesen sollte. Sätze wie "Karl König (43) bisher kommissarisch Senior Vice President Content Strategy wird ab sofort Operating Officer German Free TV" machen unabhängig von ihrem Inhalt einfach Spaß. "Sie haben sich alle Mühe gegeben, die unangenehme Personalie so gut wie möglich zu verstecken. ... Erst in Absatz fünf steht die wahre News", analysiert Kai-Hinrich Renner (Hamburger Abendblatt).
Und wenn bei P7S1 halb so viele Ideen ins Programm flössen wie in die Kreation anglofon klangvoller Operettenposten, wäre die Sendergruppe in puncto Innovation bestens aufgestellt. Freilich wäre dann kein Platz mehr für Oliver Pocher und zumal Johannes B. Kerner. Vor allem diese beiden teuren Neuzugänge von den öffentlich-rechtlichen Sendern abgeworben zu haben (beziehungsweise anschließend mit ihnen dennoch keine besseren Quoten zu holen als vorher ohne sie), das war wohl der hauptsächliche Vorwurf an Bolten.
Laut Insidern sei die Maß der .... pardon: "das Maß der Misserfolge bei Sat.1 inzwischen einfach zu voll gewesen", meint meedia.de. Bolten ist ein "Kerner-und-Pocher-Opfer", würde der Tagesspiegel sogar sagen. Und erinnert daran, dass Bartl & Bolten, die sich beide von Geschäftsführerposten des kleinen Sendergruppensenders Kabel eins in der immer noch komplexer werdenden Sendergruppe-Hierarchie emporgearbeitet hatten, einst "wie eine Boygroup in der Sendergruppe" agierten.
Der größte Strukturalist unter den Papierzeitungsjournalisten, FAZ-Medienseitenchef Michael Hanfeld, äußert sich natürlich ebenfalls zum Thema. Und verknüpft in großem Bogen sowohl die gestrige P7S1-News, den Plan zum Verkauf des Senders N24 (siehe Altpapier), wie auch die Entwicklung der letzten Jahre, den Übergang der Sendergruppe von Leo Kirch zu diesen und jenen Finanzinvestoren, damit:
"Mit den Eigentumsverhältnissen veränderte sich nicht nur die Struktur des Unternehmens, es änderte sich auch das Denken. Die Rendite, der Dienst an den Aktionären, steht heute im Vordergrund, zu Zeiten eines Leo Kirch war das noch anders. ...
Vorbei sind die Zeiten querköpfiger Senderchefs, wie sie Martin Hoffmann und nach ihm insbesondere der agile Roger Schawinski bei Sat.1 darstellten, die ihren Kopf durchsetzten, aber auch im Fall des Misserfolgs hinhielten."
Bloß, und das sollten amtierende Medienmanager daraus bitte lernen, wer eher keinen Querkopf hat (wie Bolten), muss ihn dennoch hinhalten. Und hinterher wäre es ja schon schöner, wenigstens einen Querkopf gehabt zu haben.
Hanfelds Text (derzeit nicht frei online, FAZ, S. 35) mündet in eine Eloge auf Stefan Aust, den ehemaligen Spiegel-Chefredakteur, der zu den N24-Kaufinteressenten zählt. Aust wiederum bescherte der FAZ sein bisher farbigstes Zitat zu den Plänen mit dem, nun ja, Nachrichtensender: "Und ehrlich gesagt, glaube ich auch, dass es auch einen Höllenspaß machen wird. Was wir vorhaben, habe ich mit Spiegel TV, XXP und für Vox schon einmal gemacht. Ich weiß, dass es gelingen kann.“
Dazu noch zweierlei: "Dieses Konzept ist mittlerweile weit gediehen", wer noch dabei ist, steht im HAB. Wer eher nicht glaubt, dass es gelingen kann, sondern meint: "Es geht also um die Rettung eines Kanals, den eigentlich keiner braucht. Schade wäre es deshalb nur um die Arbeitsplätze", ist die TAZ.
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
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