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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Freitag - Hoffnung und Seele

Veröffentlicht: 15 Januar 2010 09:05
Verändert : 15 Januar 2010 09:56

Der Kölner Stadt-Anzeiger denkt lieber nicht nach. Die TAZ formuliert derweil unfreiwillig den Unterschied zwischen Print und Online. Und entdeckt nicht minder zufällig die silver surfer.

Der Timo, der weiß eben nicht, wie der Hase läuft. Der war am Mittwoch beim DSDS-Casting und konnte gar nicht verstehen, dass der Dieter ihn nicht recallt. Weil: "Ich war auch in den Kieler Nachrichten und so." Und: "Ich kann aber wirklich gut tanzen. Ich war wirklich in der KN." Und: "Sogar die Kieler Nachrichten haben gesagt, dass ich sehr gut getanzt hab. Und deswegen bin ich auch in die Kieler Nachrichten `rein gekommen."

Leider, leider ist der Timo mit seiner Treue und seinem Glauben an die Medienwahrheit ein Einzelfall. Und daran ist heute zum Beispiel der Kölner Stadt-Anzeiger schuld.

Erst dachten wir ja, es handle sich bei diesem Artikel über Pro Siebens neuestes Biopolitik-Projekt um – nein, zugegeben: für eine Kritik haben wir das von Anfang an nicht gehalten. Dann eben eine fade Inhaltsangabe? Weit gefehlt! Denn schließlich wurde einem ganz schwindlig von dem gerüttelt Maß an pointierter Selbsterkenntnis, auf das – vermutlich ohne die sprichwörtlichen Folgen der Besserung – dies am Ende zulief.

Da bemüht sich die Journaille nun seit Jahrhunderten, das Geheimnis zu hüten, dass Journalisten lieber doof daher reden als kluge Dinge schreiben und lieber saufen als denken. Und dann plaudert die Traumdress-Jurorin, Benzin-Zockerin und Ehekrachexpertin Stefanie Schmidt das so mir-nichts-dir-nichts einfach aus:

"Ob wahr oder nicht wahr, ist hier nun wirklich nicht die Frage. Wer Germany’s next Topmodel mag, wird auch die Model-WG weiter verfolgen, ohne dabei einen Gedanken an den Realitätsbezug der Sendung zu verschwenden. Freundinnen einladen, Sekt kaltstellen und dann die Klatschmäuler ganz weit auf – nächsten Donnerstag wieder."

Tatsächlich! Für diesen Artikel wurde wirklich kein einziger Gedanke verschwendet. Eine wahrlich bewundernswerte Deckungsgleichheit zwischen Inhalt und Form: diese prosetschogleich perlende Leichtigkeit der Sätze, die im Hirn sofort wie ein Hauch warmer Luft zergeht und von der am nächsten Morgen höchstens Kopfschmerzen und Mundgeruch zeugen. (Also bitte Zähneputzen und Klatschmaulwiederzu nicht vergessen!)

Bei dem neuen Wedel wird eine solche mimetische Anverwandlung ja nicht so gern gesehen. Auch wenn keiner das Wort "différance" in den Mund nimmt, ist´s den meisten dann doch zu viel des ewigen Sinn-Aufschubs: "'Gier' handelt vom Warten wie auf Godot, von der Sehnsucht nach dem Zaster, der nie kommt. Irgendwann hat zumindest der Zuschauer das kapiert. Und dann möchte er nicht mehr mitwarten." (TSP) Ergo: "Drei Stunden Wedel sind dieses Mal fast zwei Stunden zu viel." (FAZ, S.37)

"Was ist zu halten von einem Regisseur, der vor den Folgen von allgemeiner Geldgier einerseits warnt in seinem Film, anderseits eine persönliche Liebesgier so hemmungslos ausbreitet in seinen Memoiren." Fragt sich dagegen ohne Fragezeichen die SZ auf ihrer Seite 3.

Deutlich investigativer übrigens die TV Digital: "Dieter – der Film! Könnte 'Gier' auch so heißen? Immerhin trägt Ihr Hochstapler den gleichen Vornamen wie Sie …"

Unter dem Titel "Sender ohne Hoffnung" berichtet Steffen Grimberg allerdings nicht von Arte, wo es die beiden "Gier"-Teile heute direkt hintereinander zu sehen gibt, sondern, klar: über Sat.1. Wobei die Hoffnung diesmal offenbar als erstes starb, in der Onlineversion wurde daraus nämlich der "Sender ohne Seele".

Da würden wir nun gar zu gerne drüber sinnieren, ob es eine tiefere Bedeutung hat, dass sich der Unterschied zwischen Print und Online als Differenz zwischen "Hoffnung" und "Seele" manifestiert. Können wir aber leider nicht, das wäre nämlich Gedankenverschwendung und unser Sekt wartet doch schon im Kühlschrank auf uns.

Deshalb nur so viel: "Es kann nicht gut um einen Sender stehen, wenn man kaum noch über sein Programm, sondern nur noch über die Zahlen spricht", behauptet Grimberg gleich zu Beginn. Wie gut es um die Zeitungen steht, weiß man nun nicht erst seit den neuesten IVW-Zahlen. Reden wir also trotzdem darüber.

© Altpapier/Katrin Schuster

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+++ Und wo wir gerade bei der TAZ sind: Sie hat´s nun tatsächlich geschafft, ihren Online-Auftritt zu renovieren. Behauptet sie zumindest. Wir dachten ja erst, wir hätten einfach nur die Schriftgröße falsch eingestellt bzw. die TAZ hätte endlich die silver surfer als Zielgruppe entdeckt (mehr Neuerung sind uns nicht aufgefallen, `tschuldigung.) +++ Was damals schon ein Nachruf war, ist es nun tatsächlich geworden und sei aus diesem traurig aktuellen Anlass deshalb hier noch einmal verlinkt: "Was geschah mit Petra S.?" +++ Google sind doch nicht die Einzigen, die in China keinen Stich machen!, weiß die FAZ (S.17). Die FTD scheint darob beinahe ein wenig neidisch und die SZ (S.20) mutmaßt, es könne sich um ein PR-Manöver handeln (sowas aber auch!). Eine europäische Presseschau zum Thema findet man bei Eurotopics. +++ Sowas aber auch, die Zweite: Stephan Russ-Mohl über die Symbiose von Medien und Terror (Carta). +++ Ebenda: ein Interview mit dem "Journalisten des Jahres". +++  "Wir müssen uns ernsthaft der Frage stellen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der kleine und größere Übertretungen von moralischen und rechtlichen Normen nicht mehr verborgen bleiben ... Es bedarf konkreter Gegenwehr. Die Algorithmen müssen auf Datendünger-Diät gesetzt und vergiftet werden. Im Privaten hilft digitale Selbstverteidigung. Wir sollten alle davon ausgehen, dass jedweder Datensatz, den wir irgendwo angeben, gegen uns verwendet wird. Sei es im Rahmen einer unerwünschten Profilerstellung, sei es, wenn er beim nächsten Datenskandal 'verlorengeht'." (Frank Rieger vom Chaos Computer Club in der FAZ; leider nicht frei online, sondern auf S.33) +++ Nicht auf Youtube: Die US-Verhandlung über die sog. Homo-Ehe (FAZ, S.37). +++ Ab heute schon auf Youtube: das Aktuelle Sportstudio (siehe kress). Die Sportschau ärgern derweil Nachwuchsprobleme (TSP). +++ Helfer ersetzen Korrespondenten (evangelisch.de) +++ Kai Gniffke macht sich im Tagesschau-Blog ähnliche Gedanken. +++ dpa vs. ddp, die nächste Stufe (SZ) +++ Ebenda: WAZ-Karussell dreht sich wieder. +++ Diekmann redet bütte und Schmitz antwortet ihm. +++ Zwist gibt´s auch bei den US-Late-Night-Talkern (KSTA, BLZ) +++ Mehr über die von CDU/CSU vorgeschlagene Enquete-Kommision bei Zeit Online sowie netzpolitik. Den Antrag gibt´s bei Carta (PDF). +++ "Eine striktere organisatorische Trennung zwischen 'Schreibern' und 'Produzenten' wäre sachfremd und schädlich" und andere Bedenken der Redaktion der Berliner Zeitung gegen ihre aktuelle Führung hat sie nun in einem offenen Brief (PDF) formuliert.

 

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