Altpapier vom Montag - Unter der Haut
| Veröffentlicht: | 18 Januar 2010 09:05 |
| Verändert : | 18 Januar 2010 10:32 |
Ist es, fünf Jahre nach dem Tsunami, zeitgemäß, noch Diskussionsbedarf zu empfinden angesichts der Bilder und der Berichterstattung aus Haiti?
"Überall hört und liest man, man habe gerade mal genug von den geschmäcklerischen Beschwerden über die triefenden Spendengalas und über die schleimigen Beckmann-Kerner-Flutopferrunden“, schrieb Tom Holert schon nach dem Tsunami 2005 in der TAZ.
Ist es verbissen, jetzt wieder darauf hinzuweisen, dass ein Laufband, auf dem die Namen von Spendern aufgeführt sind, niemandem hilft außer dem Ego der Spender? Dass es nervt, Simone Thomalla und Tochter auch noch im Zusammenhang mit einer Spendengala sehen zu müssen? Ist diese Kritik zeitgemäß, fünf Jahre nach dem Tsunami? Darf man noch Diskussionsbedarf empfinden angesichts der Bilder und der Berichterstattung aus Haiti und der medialen Nachbereitung, roter Teppich inklusive?
Die Frage, ob Diskussionsbedarf besteht, beantworten wir einfach mal selbst: ja. Was nicht heißen muss, dass Medienkritik nicht oft genug ein unbedachter Reflex wäre. Denn natürlich wäre Nichtstun die schlechteste Lösung. Und wenn es doch nun einmal so ist, dass – der "CNN-Effekt" – erst Fernsehbilder aus einer Katastrophe ein Ereignis machen, das zum Handeln drängt?
Schließlich folgt die Abbildung von unverpixelten Gesichtern, abgetrennten Gliedmaßen und von Leichen immer auch einem aufklärerischen Ziel: Den Bildern von zerstörten Häusern muss das Bild der Folgen hinzugefügt werden, damit die Hilfsbereitschaft geweckt wird, an deren Notwendigkeit ja kein Zweifel besteht – auch wenn wie nach dem Tsunami möglicherweise wieder nach Wegen, Organisation, Maß und Kurzfristigkeit der Hilfe gesprochen werden muss (FAZ.net fängt heute schon an: "Sobald der Medientross abzieht, wird auch Haiti mit den Folgen dieser Katastrophe allein gelassen werden.")
Trotzdem: Wäre die intensive Beschreibung, wie sie heute auf Seite 3 der Süddeutschen Zeitung geschieht (wo auch vier Fotos zu sehen sind, auch Fotos von Leichen und Kindern), nicht eigentlich besser geeignet? Sind alle Fragen nach Wegen der Abstumpfung und Mobilisierung, aber auch alle Fragen nach Pietät und Pornografie und ihrem Verhältnis beantwortet? Selbst Susan Sontag hat einst empfohlen, sich heimsuchen zu lassen von den Bildern. Mit den Bildern ist immerhin vermittelbar, dass "Haitis Diktatoren das Land so ruiniert (haben), dass es der Naturkatastrophe hilflos ausgeliefert war", wie der Spiegel (S. 76) in der Titelgeschichte ("Haiti. Ein Land stirbt") schreibt.
Der Bildredakteur der Berliner Zeitung, heimgesucht offensichtlich von zu vielen Close ups des Grauens, meint dennoch: Es ist zu viel.
"Noch nie fiel es mir so schwer, den Bilderdienst der Agenturen auf dem Monitor zu ertragen wie bei dieser Katastrophe. (…) Machen Fotografen die Aussichten auf einen World Press Photo Award oder einen Pulitzer Preis derart skrupellos? Ist es der Druck eines harten und gnadenlosen Nachrichtengeschäfts, der sie ohne Scham solche Aufnahmen machen lässt? Und sind diese wirklich jeden Preis wert, dass jegliche Moral dabei auf der Strecke bleibt? Fragt sich eigentlich niemand mehr, ob auch er jemals so aufgeschichtet, aufgedunsen, fliegenübersät, nackt und schutzlos auf den Straßen liegend dem Voyeurismus der Berichterstatter in die Hände fallen möchte?"
Joachim Huber wertet im Tagesspiegel dagegen nicht das Bildangebot, sondern die Bildauswahl der deutschen Sonntagszeitungen aus – und entdeckt darin eine sehr viel vorsichtigere Herangehensweise:
"Der 'Tagesspiegel am Sonntag', die 'Welt am Sonntag' oder die 'Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung' zeigen Bilderstrecken von der Situation in Haiti nach dem verheerenden Erdbeben. Die Auswahl in den drei Blättern ist alles andere als identisch, und doch folgt sie einer Richtschnur: (…) Es ist, als hätte der Pressekodex des Deutschen Presserates das Sortiment der ausgewählten Motive bestimmt: 'Die Wahrung der Menschenwürde' steht im Zentrum der täglichen journalistischen Arbeit."
Wobei er zwischen Zeitungs- und Fernsehbildern unterscheidet:
"Das Fernsehbild ist der Superlativ, dem stillstehenden Pressebild ist Distanz eingeschrieben. Es ist herausgehoben aus dem Zeitfluss, es ist ein Dokument zur Zeit. Nach dieser Bilder- und Medienlogik können Zeitungen auf den konzentrierten Leser mit fokussierter Vorstellungskraft setzen. Mehr und drastischere Bilder wäre unnötige Bilderstürmerei."
Womit wir also beim Fernsehen wären. Und bei "Anne Will extra“ am Sonntagabend – mit dem Bundespräsidenten, dem Außenminister am Stehtisch, einer spendenden Schauspielerin ("In aller Freundschaft“, morgen auch bei Beckmann!) und Sabinechristiansen, die 2008, wie Bild.de zeigt, ausgerechnet in Haiti mal ein Kind auf dem Arm hatte. Und, so FAZ.net:
"Auch sonst waren alle Elemente vorhanden, die das Genre verlangt: eine Telefonzentrale, in der Fernsehmenschen den Hörer bedienten wie Tom Buhrow, Johann Laufer [sic!] und Olli Dittrich; eine Couch für den Überlebenden, dem das Grauen noch ins Gesicht geschrieben stand (…). Dazu Live-Schaltungen mit dauerhafter Hubschrauber-Beschallung und musikalisch unterlegte Zeitlupenaufnahmen, kurz: 'Bilder, die unter die Haut gehen, auch wenn man sie in den letzten Tagen schon einige Male gesehen hat.'"
Nach alldem noch einmal: Welche Fragen sind zeitgemäß?
Die Süddeutsche befindet heute im Feuilleton-Aufmacher von Richard Fleming, der darin unter anderem über einen Twitterstrom aus Haiti berichtet, etwa die Nachrichten von Richard Morse: eher die nach dem Verhältnis von Kurzfristigkeit des Interesses der traditionellen Medien und nach der dauerhaften Anbindung Haitis an die Welt über soziale Medien:
"Am Samstag war Haiti der Top-trending topic bei Twitter. Das wird sicher nicht so bleiben. Aber sind die neuen Medien in dieser Hinsicht wie die alten? Die haitianische Krise, die Jahre und Jahrzehnte von Hilfe und Wiederaufbau brauchen wird, wird schnell und unausweichlich von den Titelseiten der Zeitungen in aller Welt verschwinden. Die virale News-Verbreitung von Twitter und Facebook ist im Kern demokratisch. Twitter ist der Welt größte Zeitung, redaktionell betreut von den Lesern. Jene, die Richard Morses Datenstrom zu folgen begannen, mit einer Rate von mehr als tausend pro Tag, werden ihn nicht plötzlich wieder abdrehen. Diejenigen, die dabei Interesse und Engagement entwickelten, werden ihre eigene Auswahl treffen und Haitis Genesung weiter verfolgen, wann immer sie sich einklicken. Und diese News werden von Haitianern ins Netz gestellt, die endlich einen Fuß fest in die digitale Tür bekommen haben."
| © Altpapier/Klaus Raab |
Altpapierkorb
+++ Youtube-Bilder, allerdings ganz andere? Peter Glaser hat sie in seinem Blog verlinkt +++ Die mediale Aufmerksamkeitsverstärkung nimmt sich Stephan Ruß-Mohl u.a. bei Carta in einem anderen Zusammenhang vor: Medien und Terror als Partner +++ Das Springer-Medienarchiv68 ist online +++ Was nicht nur Springers Abendblatt, sondern auch Medien aus anderen Verlagen interessiert: Willi Winkler (SZ) zitiert Vorstandschef Döpfner: "Die These, das Haus Axel Springer sei eine zentral gelenkte Meinungsmaschine gewesen, welche die Studentenbewegung verhindern wollte, bestätigt sich jedenfalls nicht." Und schreibt selbst: "Das ist erfreulich, allerdings hatte bisher niemand behauptet, dass Springers Meinungsmaschine zentral gelenkt gewesen sei.“ +++ In BLZ und FR kritisiert Andreas Förster, ähnlich wie Steffen Grimberg in der TAZ: Das Unternehmen "inszeniert sich (...) als verfolgte Unschuld.“ Sei es Springer „ernst mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und Verantwortung, sollte es endlich unvoreingenommene Historiker und Medienwissenschaftler mit einer Analyse der damaligen Veröffentlichungen und Unternehmenspolitik beauftragen.“ +++ N24 bleibt in den Nachrichten. Die FAS analysierte: "Mit Sparzwängen allein jedenfalls kann man nicht erklären, warum ein Sender seine Seriosität so schonungslos selbst parodiert. Dazu gehört schon auch ein ordentlicher Wille zur Irrelevanz." +++ Die N24-Schwester Sat.1 nimmt sich der Spiegel (S. 130) vor, der die fehlende Identität herausarbeitet, den Senderchefs aber auch handwerkliche Fehler vorwirft: "Dass Late-Night-Shows nicht an Freitagen gesendet werden sollten und wenn überhaupt, dann nur wirklich spät, also nach 23 Uhr, war auch vorher bekannt. Das anvisierte Publikum ist am Wochenendvorabend schlicht nicht zu Hause." +++ Die Krimireihe "Nachtschicht", besprochen von Berliner, Tagesspiegel, FAZ und SZ (S. 13) +++ Ebenfalls in der SZ: der neue Sender DRadio Wissen, auch in der TAZ +++ Neon-Chef Michael Ebert im Welt-Interview +++ "Wie der Parteienproporz in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kam", schreibt die Funkkorrespondenz +++ Und am Samstag: Die TAZ über die Freischreiber +++ Und, Ergänzung 10.30 Uhr: Das ist das Twitter-Thema der Stunde. Womit wir wieder bei den popligen Diskussionen über Apps wären. Heute über die der SZ +++
Das Altpapier gibt es morgen wieder gegen 9 Uhr.
Weitere Nachrichten: Altpapier
- Altpapier vom Dienstag - Vorsorge und Früherkennung
- Altpapier vom Montag - Virales Marketing
- Altpapier vom Freitag - Unreine Haut
- Altpapier vom Donnerstag - Krieg der Illustrierten
- Altpapier vom Mittwoch - Blanke Nerven
- Altpapier vom Dienstag - Weiter bis wolkig
- Altpapier vom Montag - Über die Matte
- Altpapier vom Freitag - Die Milch macht´s nicht
- Altpapier vom Donnerstag - Im Netz des Gesetzes
- Altpapier vom Mittwoch - Kalter Medienkrieg
- Altpapier vom Dienstag - Im Angesicht der Häusle-Schleicher
- Altpapier vom Montag - Eine Frau gibt nicht auf
- Altpapier vom Freitag - Diszipliniert
- Altpapier vom Donnerstag - Land der Zeitungs-Schönheit
- Altpapier vom Mittwoch - Die Nase meiner Ollen
- Altpapier vom Dienstag - Nerdverbunden
- Altpapier vom Montag - Darf Online alles?
- Altpapier vom Freitag - Mediensport bei Olympia
- Altpapier vom Donnerstag - News and Shoes
- Altpapier vom Mittwoch - Endlich Neues von Google
- Altpapier vom Dienstag - Wer an der Werra war
- Altpapier vom Montag - Check oder Gegencheck?
- Altpapier vom Freitag - Nur eine einzige Frage
- Altpapier vom Donnerstag - Das Wunder von Düsseldorf
- Altpapier vom Mittwoch - Nationale Aufgabe
- Altpapier vom Dienstag - Clementine Diekmann
- Altpapier vom Montag - Wo ist "hier"?
- Altpapier vom Freitag - Augenwischerei
- Altpapier vom Donnerstag - Es ist ein Apple!
- Altpapier vom Mittwoch - Raus aus den Schubladen
- Altpapier vom Dienstag - Heimatkunde und Effizienz
- Altpapier vom Montag - Durchschnittchen
- Altpapier vom Freitag - Tipps gegen die Kälte
- Altpapier vom Donnerstag - Schwerter gegen Schnipsel
- Altpapier vom Mittwoch - Brutale Selbst-Aufklärung
- Altpapier vom Dienstag - Kauf dir eine Meinung
- Altpapier vom Montag - Unter der Haut
- Altpapier vom Freitag - Hoffnung und Seele
- Altpapier vom Donnerstag - Ein Managerkopf rollt
- Altpapier vom Mittwoch - St. Aust ist wieder da!
- Altpapier vom Dienstag - Balti und more
- Altpapier vom Montag - Antikapitalistische Tiefschläge
- Altpapier vom Freitag - Von der Rolle
- Altpapier vom Donnerstag - Die digitale Dampfmaschin
- Altpapier vom Mittwoch - Superphones & Mediendarlings
- Altpapier vom Dienstag - Händereiben über neue Bezahlmodelle
- Altpapier vom Montag - Den Maschinen vertrauen?
- Altpapier von Silvester - Willkommen in den Zukünften
- Altpapier vom Mittwoch - Das Nuller-Gefühl
- Altpapier vom Dienstag - Irre: gratis und zu teuer!
Dienstags-Artikel
1.) Die Fehler der Wirtschaftspresse (Brenner-Stiftung/ PDF)
2.) ... und auch konstruktive Vorschläge (Storz im meedia-Interview)
3.) Lockere Konkurrenz-Analyse der Sternchefs (TAZ)
4.) Große Verlagskoalition? (sueddeutsche.de)
5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
2.) Der Freitag schlägt 19 Prozent MwSt für die Bunte vor
3.) Der Spiegel-Text von 2009, den der Spiegel heute (vorerst nur Print) quasi zurückzieht






Twitter
Facebook
Kontakt