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Altpapier vom Dienstag - Kauf dir eine Meinung

Veröffentlicht: 19 Januar 2010 08:16
Verändert : 19 Januar 2010 08:24

Charlotte Roche hört bei "3 nach 9" schon wieder auf. Die Kartellamtsklage gegen Google fängt gerade an. Und die SZ ist mittendrin im Schlamassel.

"Giovanni di Lorenzo kriegt 'ne Neue."

Das ist eine Überschrift, die, vorerst, keiner geschrieben hat zur Trennung Charlotte Roches von der RB-Talksendung "3 nach 9". Stattdessen titelt die SZ: "Trockengelegt". Ist klar.

Der Abgang zeigt, dass die Charlotte-Roche-Wahrnehmung der Medien ambivalent bleibt. Im Agenturtext, den die SZ bearbeitet hat, wird das Bild der laisser-faire-esken und zugleich kalkulierten Aufmerksamkeitsgeneratorin bedient:

"Die Frau ließ begleitend zu ihrer TV-Tätigkeit kaum eine Provokation aus: So empfahl sie in einem Interview in der Dezember-Ausgabe des Magazins Neon den Gebrauch von Ecstasy. Dieses Rauschgift bringe 'wenig Nebenwirkungen, große Glücksgefühle', behauptete Roche."

Andererseits gibt es, bei aller Lust an solchen Überschriften wie "Trockengelegt", eine gewisse Sympathie für Roche, die sich etwa darin äußert, ihr nicht uneitles Fragen und ihr nicht sprecherzogenes Sprechen über Bande zu kritisieren:

"Nicht alle Zuschauer waren jedoch von der piepsigen Stimme und vom unkonventionellen Interviewstil der Moderatorin angetan, auch wenn sich Roche in der Sendung spürbar zurückgenommen hatte."

Zitiert der Tagesspiegel "3 nach 9"-Redaktionsleiter Helge Haas. Wobei "piepsig" irgendwie nicht das richtige Wort ist.

Über die Gründe von Roches Abschied nach fünf Sendungen verlautet bislang nur, dass es unterschiedliche Auffassungen gegeben habe und die Trennung einvernehmlich erfolgt sei. Sollte es an der Zuschauergunst gelegen haben?

"Auch die Einschaltquoten der dienstältesten deutschen Talkshow schnellten nicht in die Höhe", wie der KSTA schreibt, was man, wie der Tagesspiegel, auch anders sehen kann: "Die Quote hat sich mit Roche ... kaum nach unten verändert."

Wie auch immer. Am 26. Februar wird Giovanni di Lorenzo wieder im Fernsehen sitzen. Und neben ihm eine neue Frau.

Neu, um zu etwas völlig anderem zu kommen, ist der Brass, den die deutschen Verlage auf Google haben, nicht. Die Kartellamtsklage dagegen schon. Der erste Satz aus dem SZ-Text darüber ist sehr hübsch:

"Die deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverleger verdächtigen den Suchmaschinenkonzern Google, Suchergebnisse nicht ausschließlich neutral, sondern teilweise nach kommerziellen Interessen zu gewichten."

Darauf muss man erstmal kommen. Unsere Freunde von der FDP würden normalerweise sagen, das ist unsere anständige Marktwirtschaft und Gewinnmaximierung kein Verbrechen.

Während wir, die wir den Kapitalismus immer nur moralisch verstehen wollen, bislang immer gedacht hatten, dass Google so eine Art Weltschiedsrichter ist, der karitativ, uneigennützig und so weiter den Verkehr im Internet regelt und dafür jeden Monat einen Scheck von den Eltern oder dem Staat bekommt.

Aber wir hatten natürlich auch gedacht, dass die Geschäftsführung der SZ mindestens so investigativ ist wie Hans Leyendecker und so redlich wie Heribert Prantl. Aber dann müssen wir lesen, dass für das neue SZ-App Blogger bezahlt wurden, die es gutfinden solllen.

Thomas "Indiskretion Ehrensache" Knüwer ist auf seinem neuen Zusatzblog "Mind the App" entsetzt. Und fasst dieses Entsetzen zu Beginn in folgende Worte:

"Die 'Süddeutsche Zeitung' ist für mich eine der unfassbarsten Angelegenheiten des deutschen Journalismus."

Während Upload-Autor Jan Tißler die Blogger nicht bloßstellen will, die das Angebot angenommen haben ("Das muss jeder für sich selbst entscheiden"), hat die Berliner die Agentur Trigami im Auge, über die Unternehmen Blogger fürs Marketing gewinnen können:

"Ungeachtet der schnellen Beteuerungen, man habe Online-Bewertungen nie manipulieren wollen, wirft die Enthüllung ein Schlaglicht auf die Geschäfts-Praxis von Firmen wie Trigami."

Für Knüwer liegt der Fall klar:

"Journalistische Institutionen, die Geld für Bestechung in die Hand nehmen, die versuchen, die öffentliche Meinung zu manipulieren, finde ich eklig. Weshalb ich vom Kauf der App abrate."

Das haben wir verstanden. Nur über den dann folgenden letzten Satz in all seiner erratischen Schönheit grübeln wir noch heute:

"Nicht, dass sie überhaupt kaufenswert wäre."

© Altpapier/Matthias Dell

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