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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Mittwoch - Brutale Selbst-Aufklärung

Veröffentlicht: 20 Januar 2010 09:24
Verändert : 20 Januar 2010 10:42

Die Medienseite der Süddeutschen Zeitung nimmt das iPhone-PR-Desaster ihrer Online-Marketing-Abteilung ins Blatt. Anderswo sieht man das als win-win-Situation.

"Ob sich die Besser-Journalisten der Süddeutschen Zeitung auf ihrer Medienseite dem Thema wohl auch so investigativ annehmen, wie sie das bei ihren Wettbewerbern immer tun?", fragte gestern bei kress.de Kommentator Joh Keller. Gemeint war die missglückte Werbekampagne für die iPhone-Apps der Süddeutschen (siehe Altpapier).

Tun sie. Ehrensache. Heute auf der Medienseite der Papierzeitung und seit gestern nachmittag, 17.50 Uhr unter der Überschrift "Viral, letal" (statt "Falsches Lob") , online, wird brutale Selbstaufklärung betrieben.

Marc Felix Serrao aus der Print-Medien-Redaktion macht erstens deutlich, dass es all die Kritik "zu Recht" hagelte, und zweitens:

"Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung war über die Trigami-Kampagne ebenso wenig informiert wie die Redaktion von sueddeutsche.de. Beide verurteilen den Versuch, über bezahlte Blog-Einträge Werbung zu treiben."

Klar. Man muss immer trennen zwischen Werbebotschaften und den Angestellten der Unternehmen, in denen einzelne andere Angestellte diese Botschaften in Auftrag gegeben haben. Im Media Markt, nur zum Beispiel, beharren ja auch kaum Kunden darauf, wirklich nicht blöd zu sein.

In den beiden letzten Absätzen des SZ-Artikels ist von individuellen Fehlern die Rede, einem "internen" beim Schweizer Auftragnehmer Trigami, und einem des Marketingchefs von sueddeutsche.de, Peter Bilz-Wohlgemuth: "Er habe nach den mündlichen Vereinbarungen nicht mehr geprüft, was sich hinter dem Begriff 'Advertorial' im Falle von Trigami verberge. 'Das', sagt er, 'war ebenfalls ein großer Fehler.'"

Die Onlinefassung des Artikels verlinkt direkt in den Trigami-Blog, in dem fabelhaft deutlich wird, was Marketingchefs an diesem Unternehmen fasziniert: die checkability dank jeder Menge in Echtzeitanmutung kommentiert upgedateter Links.

Zum Beispiel hat Trigami, 20 Minuten bevor gestern der heutige Papierzeitungsartikel  online ging, "der sueddeutsche.de GmbH die gesamten Kosten der Kampagne (100%) zurückerstattet. Die Blogger-Honorare und Mitarbeiterkosten zahlen wir aus der eigenen Tasche. Dies hat die Trigami-Geschäftsleitung bereits gestern beschlossen. Eine so hohe Rückerstattung haben wir noch nie gewährt."

Wer der Meinung ist, dass die negativen Kosten der Kampagne höher sein dürften als die einst positiv vereinbarten, kann das ja in die Kommentare schreiben. Gleich als erster Kommentator zog am Montag caschy aus Bremerhaven, bekanntlich einer der reichweitenstärksten Blogger Deutschlands, seinen Hut vor soviel Offenheit.

Und als bislang letzter Kommentator notierte Gentle Rocker aus München gestern: "Jetzt weiß ich auch, weshalb meine Bewerbung abgelehnt wurde - der kritische Ton gegen iPhone und Apps hätte durchaus nicht in die Kampagne gepasst^^"

Das wohl nicht. Aber außerhalb der Kampagne wären kritische Töne gegen iPhone und Apps derzeit ein ziemlicher uniquer selling point.

Derweil macht die FAZ knapp auf 32 Zeitungszeilen ihrer Medienseite 33 das Beste draus: eine win-win-Situation für sich selbst. Haben sich doch der Mitbewerber im engsten Sinne (der überregionalen Qualitätszeitung) und derjenige im weitesten Sinne, das Internet an sich, blamiert:

"Bei Blogeinträgen im Internet gibt es solche und solche. Es gibt die echten, von realen Usern, und es gibt solche, die von irgendjemandem bestellt und eingekauft worden sind, um Stimmung zu machen. Letztere sind ein verstecktes und leider verbreitetes Mittel verkappter Werbung im Internet...".
Und "verrucht" sind sie überdies, schreibt Michael Hanfeld mit feuilletonistischer Freude an betagten Wörtern.

Auch stern.de, ein anderes Medium, das seinen in einigen Zielgruppen klangvollen Namen aufs Smartphone bringt, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, das "Desaster" der Konkurrenz einzuordnen. "Gekaufte Rezensionen im Internet" sind "kein neues Phänomen", weiß Katrin Blum und rückt die Süddeutsche in eine Reihe nicht nur mit dem "Computerperipheriehersteller Belkin", sondern gar auch, was manche SZ-Journalisten besonders schmerzen dürfte, der Deutschen Bahn.

Unter Aspekten der Markenführung und der Kernkompetenz des Nutzwerts vorbildlichst, flankiert stern.de diesen Bericht mit seinem praktischen Infokasten "Tipps zu Kundenrezensionen". Darin heißt es u.a.:

"Bei extrem positiven oder negativen Äußerungen sollte man auf die weiteren Beiträge eines Autors schauen und prüfen, wie viele Beiträge er zu welchen Themen er veröffentlicht hat und wie ausgewogen seine Meinung sonst ist."

© Altpapier/ Christian Bartels

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