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Altpapier vom Montag - Durchschnittchen

Veröffentlicht: 25 Januar 2010 08:46
Verändert : 25 Januar 2010 09:16

Der Schnittchensender SWR benennt "Durchschnitt" um in "Programm für Bürgerliche Mitte". Und dann wäre da noch der Durchschnitt, der das Netz dominiert

Es soll nicht mehr nur Late-Night oder Kabarett pur im deutschen Fernsehen geben, sondern endlich auch Witz und Humor – und alles für den Zuschauer in der Mitte: Der SWR treibe "eine zweifelhafte Programmreform für das Dritte voran", schreibt Der Spiegel (S. 136, online in Zusammenfassung). "Selbst die Unterhaltung soll quotenförmiger werden." Und, wie es "beim SWR", und zwar in einem "als 'streng vertraulich' eingestuften Papier der Geschäftsleitung", heißt: Der angestrebte Zuschauer sei "'stark an Witz und Humor orientiert, weniger an intellektueller Satire, Kabarett pur oder schrägen Late-Night-Formaten'".

Wer ist dieser angestrebte Zuschauer, der ein Programm schätzt, das "sketchbasiert, bodenständig und lustig" sei? Die "Bürgerliche Mitte", auf die man beim SWR in der Gestalt von Fernsehchef Bernhard Nellessen medienforschungsgestützt setze, sei "nicht mehr nur politikverdrossen, sondern politikverachtend", sie möge "'keinen Information-Overload', sie werde 'durch zu hohe Komplexität' abgeschreckt und bevorzuge stattdessen 'Infotainment und unterhaltsame Formen'".

Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, auf solche Programmreformideen zu reagieren:
Möglichkeit 1: dagegen sein.
Möglichkeit 2: mehrfach die Konfettitaste rechts auf der SWR-Fastnachtsseite betätigen, denn mit Witz und Humor sieht die Welt gleich wieder anders aus. (Scharfe App, SWR!)
Möglichkeit 3: Die Bürgerliche Mitte wechselt einfach geschlossen zu Sat.1, wo z.B. Herr Kerner das passende Programm bereits macht; dann wäre eigentlich allen geholfen.
Oder Möglichkeit 4: Die Kritiker hören auf, qualitätsjournalistische Maßstäbe an die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender anzulegen, es sind schließlich nur in zweiter Linie journalistische Medien. Sie versuchen in erster Linie mit auch streng unjournalistischen Formaten eine Abbildung dessen, was gefühlt, nicht, was gedacht wird.

Denn Emo, Emo, Emo – da sind wir auch bei anderen öffentlich-rechtlichen Plänen: Henryk M. Broder soll, als hätte er nicht schon genug Bühnen, auf denen er seine verkürzte Weltsicht darlegen kann, eine eigene Sendung in der ARD erhalten, hieß es am Samstag u.a. in der SZ.

Weiterhin: Thomas Gottschalk wird irgendwann 60, und zu diesem Anlass soll, so Christopher Keil in seiner "Wetten, dass..?!"-Kritik in der Süddeutschen (S. 13), "eine musikalische Mottosendung" ausgestrahlt werden. Da freuen wir uns doch schon mal auf ein emotionales Wiedersehen mit Status Quo.

Und noch eine Emotionalisierungsmaßnahme wurde soeben öffentlich dargelegt, und zwar von Stefan Raab, ProSieben/ARD, und ARD-Programmdirektor Volker Herres anlässlich des bevorstehenden europäischen Minnewettbewerbs. Bei der Pressekonferenz im Reichstag soll immer wieder davon die Rede gewesen sein, dass die beiden Sender die Deutschen "wieder für den Song Contest 'emotionalisieren'" wollten. "Das Wort fiel an diesem Abend so oft, dass man von Autosuggestion ausgehen muss", schrieb die Berliner Zeitung / Frankfurter Rundschau am Samstag.

Über Emostrategien und die Internetseite des SWR herzuziehen, ist nun, zugegeben, nicht besonders schwierig. Nicht verschwiegen werden soll auch an dieser Stelle, dass Markus Brauck, der Spiegel-Autor, in seinem Text über den Zustand der Dritten Programme "auch Positives" entdeckt, etwa dass beim Song-Contest-Sender NDR, wo das Dokuformat "45 Min" derzeit eine Chance erhalte, und "auch andernorts" Redakteure nach neuen Ideen suchen, "dem doppelten Auftrag von Quote und Anspruch gerecht zu werden". Oder dies: "Die Dritten sind immer noch Informations-Bastionen" – wenn sie auch "bröckeln".

Allerdings steht im Zentrum seiner Ausführungen dann doch dieses Zitat eines sog. ARD-Hierarchen: "Das Starren auf die verfluchte Quote führt dazu, dass die Dritten am Ende alle gleich aussehen. Keiner wagt mehr etwas."

Und wo wir schon beim Durchschnitt sind, bleiben wir auch kurz noch da: Jaron Lanier sieht nach wie vor dessen Diktatur im – ganz was Neues – Internet aufziehen: "Der Durchschnitt setzt sich immer mehr durch, Qualität geht verloren", sagt er über Wikipedia im SZ-Interview.

Wer dieser Lanier ist? Da hilft es, die Schwarmintelligenz zu befragen: Er ist "Internet-Pionier" (SZ), "Internet-Pionier" (FAZ.net) und: "Computerpionier" (Spiegel, S. 128).

(Mehr Internetkritik im Altpapierkorb.)

© Altpapier/Klaus Raab

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+++ Auch unter dem Lanier-Interview im SZ-Feuilleton ging es am Samstag um das Internet, dort speziell um Google. Alexander Kissler kritisiert: "Die Wertung der Suchergebnisse nach Relevanz etwa, die sich wiederum nach der Verlinkungshäufigkeit bemisst, führt zum Regiment des Populären." Und: "Wenn der Eindruck sich verfestigen sollte, statt eines neutralen Algorithmus walte hier womöglich die ordnende Hand der Werbewirtschaft, hätte Google seinen Nimbus und damit sein Geschäftsmodell eingebüßt." +++ Mehr dazu, wie sich dieser Eindruck womöglich verfestigen könnte, schreibt Niklas Hofmann in den "Nachrichten aus dem Netz" von heute (SZ, S. 9): "Von Spiegel bis Zeit, von Brand Eins bis FAZ zieht eine neue Welle der Googlephobie durch die Blätter der Republik. Wie der Zufall es will, fällt sie zusammen mit der Kartellklage der deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverleger wegen des Nachrichtenaggregators Google News. Die Verleger sprechen von Hinweisen darauf, dass der Konzern Suchergebnisse anders als nach ihrer (vom hauseigenen Algorithmus ermittelten) Relevanz sortiere und etwa Kooperationspartner bevorzuge." Übrigens, so Hofmann, kranke "ein Großteil der Attacken auf Google daran, dass die womöglich marktbeherrschende Stellung in vielen Feldern durch echte Ideen- und Qualitätsvorsprünge erarbeitet wurde." +++ Zum neuen Focus. Worum es geht, in wenigen Worten: die TAZ +++ Michael Hanfeld interviewte Herausgeber Helmut Markwort bereits am Samstag in der FAZ +++ Chefredakteur Uli Baur dagegen im Interview bei Kress, wo er über den Neuen, Wolfram Weimer, sagt: "Ich bin ihm gegenüber - neudeutsch gesprochen - vollkommen 'open-minded'" +++ Tagespiegel und DWDL mit Blattkritiken +++ Auch Kai-Hinrich Renner befasste sich im Hamburger Abendblatt mit dem neuen Focus, aber auch mit dem Sparen bei DuMont (Hamburger Morgenpost, FR, BLZ, Berliner Kurier) +++ Der Focus selbst, äh, besticht mit einer Guido-Knopp-Enthüllungsgeschichte +++ Die Knopps Arbeitgeber, das ZDF, zurückweist (KSTA) +++ Zurück zum Durchschnitt im Fernsehen: Matthias Kalle schreibt im Tagesspiegel über die jüngste "Wetten, dass..?!"-Ausgabe, die quotentechnisch deutlich erfolgreicher war als Dieter Bohlen bei RTL: Dass es nichts gebe, was "Wetten, dass ...?" den Rang streitig machen könne, auch "Schlag den Raab" auf ProSieben nicht, "beweist wieder einmal nur, dass die Quote kein Indiz für Qualität ist – im Negativen nicht und im Positiven auch nicht." Wurde schon oft gesagt, aber deswegen stimmt es ja trotzdem +++ Den Aspekt, dass Thomas Gottschalk auch mit der frühzeitigen Anwesenheit von Heidi Klum – und damit der Konkurrenz von ProSieben – ein paar Quotenprozentpunkte machte, sowie eine darüber hinausgehende Kooperation beim nächsten Topmodel-Casting behandelt WeltOnline +++ Über die Raab-ARD-Verbindung berichtete u.a. auch Spiegel Online +++ Die SZ (S. 13) über die unabhängige Berichterstattung bei Amman.net +++ Harald Staun in der FAS über Kriegs- und Krisenberichterstatter - und ihre eigene Betroffenheit +++ Die ersten 500 Jahre Sendungen "Bericht aus Berlin" sind vorüber. Ulrich Deppendorf gab dem Tagesspiegel am Sonntag ein Interview und sagte, was man besser machen wolle: Man wolle "(ü)berraschender bei Themen, Dramaturgie und Gesprächspartnern" werden +++ "Er gab uns 39!" Der MDR übersetzt eine Rede von Michael Jacksons Schwester LaToya. Eine Abschrift bei Stefan Niggemeier +++ Günther Jauch produziert zwei Unterhaltungssendungen zum 60. ARD-Geburtstag, schreibt Der Spiegel +++ In Russland, so BLZ + FR, gibt es den Kabelsender "Nostalgia, der sich seit fünf Jahren komplett der Sehnsucht nach der Vergangenheit verschrieben hat. Im Logo des Kanals steht anstelle des Buchstaben O eine Sichel, in der ein Hammer hängt" – auch eine Alternative zur Status-Quo-Rockshow +++ Im ZDF läuft die Ken-Follett-Verfilmung "Eisfieber" (heute und Mittwoch, je 20.15 Uhr), und die FAZ (S. 29) findet keinen Spannungsbogen: "Nachdem die Fronten klar sind, kommt es zu diversen Handgemengen und der einen oder anderen blutigen Nase. Heiner Lauterbach (...) agiert mit einer solchen Gelassenheit, als sei er nicht gerade in den größten Albtraum seines Lebens geraten, sondern habe nach dem Familienessen noch ein Beruhigungsmittel geschluckt." +++ Die ARD-Dokumentation "Natascha Kampusch - 3 096 Tage" (21 Uhr) besprechen Tagesspiegel, BLZ, KSTA, TAZ, Welt Online; die FAZ berichtete am Samstag +++ Und das Programm des SWR von heute (13.30 Uhr): "Nachdem er seinen Militärdienst abgeleistet hat, kehrt der Jäger Friedl in sein Heimatdorf Fall zurück, um seine seine geliebte Modei zu heiraten. Doch die hat sich in der Zwischenzeit mit dem Wilderer Huisentoni eingelassen und sogar ein Kind mit ihm." Titel: "Der Jäger von Fall“ +++

 

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