Altpapier vom Donnerstag - Es ist ein Apple!
| Veröffentlicht: | 28 Januar 2010 09:10 |
| Verändert : | 28 Januar 2010 10:28 |
Ersetzt der (das?) neue iPad das alte Papier? Das Dings ist zwar nicht multitasking-fähig, soll neben anderen Jobs aber auch die Zeitungszukunftsrettung erledigen.
Das vielleicht schon jetzt bestdokumentierte Ereignis in der Geschichte der Menschheit oder wenigstens ihrer Medien begann gestern gegen 19.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit.
Und trotzdem zieren Fotos von Steve Jobs und seinem neuesten Dings nicht nur das unendliche Internet (die meisten wohl bei engadget.com, siehe auch dnews.de), sondern auch gedruckte deutsche Zeitungen.
In der Süddeutschen zum Beispiel auf Seite 3. Dort haben Jörg Häntzschel, Andrian Kreye und Johannes Kuhn aus der Apple-Vorgeschichte, all dem, was sich vorab so weit verdichtet hatte, dass am Ende nur noch überraschend gewesen wäre, wenn Jobs keinen ultraflachen, nur aus Bildschirm bestehenden Computer hochgehalten hätte, sowie dem gestern abend verkündeten Neuen (dem Namen, dem Preis...) einen ganzseitigen Artikel montiert. Im dritten Absatz heißt es:
"Um 10:04 Uhr steht Apple-Chef Steve Jobs dann endlich auf der Bühne. Aus den Lautsprechern dröhnt Bob Dylans 'Mr. Tambourine Man'. Die geladenen Journalisten und Branchenkenner, sie jubeln... "
Und acht Absätze drunter, aber immer noch mitten im langen Text:
"Die größten Hoffnungen setzten jedoch die Printmedien in das Gerät, deren Geschäftsmodellen das Internet vor allem in den USA so zugesetzt hat. Und so betritt an diesem Mittwoch auch Martin Nisenholtz die Bühne, er ist einer der Leiter der digitalen Geschäfte bei der New York Times. 'Wir sind ziemlich begeistert, Pioniere der nächsten Generation des digitalen Journalismus zu sein', sagt er. Was dann auf dem Schirm zu sehen ist, wirkt wie eine Art Superzeitung. Das Layout ist das alte. Doch die zusätzlichen Funktionen machen den Unterschied, die Bildfolgen, die man mit den Fingerspitzen abrufen kann, die Querverweise und Videos."
Und noch ein paar Absätze drunter:
"Aber eines fehlt bei dieser Vorführung. Es gibt keinen 'Wow'-Effekt, keinen Moment, an dem den Zuschauern der Atem stockt, weil sie so etwas noch nie gesehen haben..."
Zwischen diesen Polen, dem Jubel und der größten Hoffnung, der ziemlichen Begeisterung und dem Bemängeln des ausbleibenden Wow-Effekts (das es mit dem letztem Google-Handy verbindet, siehe Altpapier) bewegt sich das Medienecho zum iPad. Der SZ-Artikel selbst steht nicht frei online, aber Kuhns Anteil ("Das unperfekte Perfektionsgerät").
Hier eine völlig unvollständiger Überblick: Einen deutschsprachigen Liveticker bot und bietet SPON, die vielleicht pragmatischste Übersicht wie auch die offiziellen Apple-Filme kress.de.
Überzeugte Apple-Aficionados sollten, sofern sie nicht schon ein iPad gewinnen wollen (bild.de), zu zeit.de klicken ("Die Show in San Francisco war grandios", Apple "zwingt ...Verbraucher, Medienhäuser und Programmierer nun zum Umdenken"). Wer zu Skepsis neigt, zu Carta (Matthias Schwenk: "Es hätte der ganz große Wurf werden sollen.... Statt dessen ist das iPad nur ein hübsches Gadget, das weder dem Internet im Allgemeinen noch dem Mediensektor im Speziellen eine klare Richtung weist").
Ein multimediales Universalmedium wie die FAZ bietet all das und noch mehr natürlich aus einer Hand bzw. Plattform. Für EuphorikerNicholas Carr ("Wir [sind] in eine neue Ära der Computertechnik eingetreten, in der Medien und Programme in der Internetwolke verschmolzen sind"), für Skeptiker Holger Schmidt ("Auch Steve Jobs kann nicht zaubern").
Und für noch Unüberzeugte einen interessanten Bericht aus dem südlichen China, wo dieses Dings produziert wird, wo aber auch nicht die Lichter ausgingen, falls sich doch noch ein anderes wie etwa Amazons Kindle durchsetzen würde:
"In Shenzhen hat der taiwanesische Elektrokonzern Foxconn eine der größten Fabriken der Welt geschaffen, in der Handys, Computer und Spielkonsolen gebaut werden. Fast 250.000 Menschen arbeiten auf dem Werksgelände, heißt es. Arbeiter schlafen in Sälen mit bis zu hundert Menschen in Etagenbetten. Sechs Tage in der Woche arbeiten sie, ein Monatslohn von rund 200 Euro gilt als üblich. ..."
Doch zurück zur Zukunft der Zeitung, einer der Aufgaben, die das (nicht multitasking-fähige) iPad erledigen soll. Der eben verlinkte Holger Schmidt schreibt dazu:
"Zeitungsretter? Apple hat parallel zum Gerät den Online-Buch- und Zeitungsladen iBook entwickelt, ähnlich wie iTunes für Musik. Verlage können ihre Bücher und Zeitungen für iBook optimieren. Das iPad ist zwar deutlich eleganter als Amazons Kindle und es kann auch viel mehr, aber gerade darin liegt die Tücke: Mit dem Gerät können die Nutzer schnell und bequem ins Internet. Warum also für Zeitungsinhalte bezahlen, wenn der freie Content nur einen Klick entfernt liegt?"
Das längst schon ganz alte Lied also. Gebongt ist sie weiterhin noch nicht, die Zukunft der Zeitung.
In diesem Sinne hat Markus Ehrenberg im Tagesspiegel ganz ohne Apple-Bezug eine recht alarmierend formulierte Bestandsaufnahme angestellt. Sie packt die klassischen Berliner Leser bei dem, was sie stets gern lesen ("Der Berliner Markt hat sich an die Spitze ... gesetzt") und rüttelt sie gleich wach, denn die "Spitze der Zeitungsauflagenkrise" ist's, an der Berlin rangiert.
Dann erörtert Ehrenberg gemeinsam mit Zeitungsforscher Horst Röper dieses und jenes, natürlich zukunftsweisende Ideen auch aus der eigenen Verlagsgruppe, und hat am Ende diesen Rat für die Zeitungen: "mehr Copytests, mehr Marktanalysen, wie sie eigentlich bei jedem Lebensmittel gängig sind."
Denn Lebensmittel, für die keine Marktanalysen gemacht werden, werden irgendwann zu Gunsten anderer Lebensmittel nicht mehr gekauft?
| © Altpapier/ Christian Bartels |
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+++ Was immer man über die obskuren Apple-ianer denkt: Stilvoller als die Gemeinschaft der Google-ianer sind sie wohl doch. Die FAZ-Medienseite berichtet heute ausgeruht vom DLD in München und schildert, wie am Ende die Mahnung des Nobelpreisträgers Muhammad Yunus ("dass Technologie im Dienste der Menschen stehen und nicht nur Profit erzeugen müsse") im "großen, sehr undigitalen Gedränge und Geschiebe" unterging, das die Verteilung der kostenlosen Google-Handys erzeugte. +++ Vielleicht keine ganz präzise Definition, Qualitätsjournalismus, vom "durchschnittlichen Journalismus" zu unterscheiden, wie es Volker Lilienthal, Rudolf-Augstein-Professor für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg, tut. Sicher keine gute Idee von meedia.de, das Interview mit "Häufig nur durchschnittlicher Journalismus" zu überschreiben. Dazu der erste Kommentar: "Der Durchschnitt ist per Definition ziemlich häufig, wenn man eine halbwegs normal verteilte Qualität hat. So besehen ist die Aussagekraft des Titels eher unterdurchschnittlich..." +++ Gleich mehrere internationale Finanzinvestoren greifen nach Deutschlands größtem Kabelkonzern Kabel Deutschland (HB, FTD). +++ "Es wird Zeit, sich darauf einzustellen, dass jeder von jedem nahezu alles weiß": Dirk Burmester sieht in der FTD die Ära der FDK ("Freidatenkultur") kommen. +++ Gestern ganz vergessen: die Reportage der TAZ-Medienkriegsreporterin Silke Burmester (u.a. mit Ernst August von Hannover, dem Stern und Thomas Gottschalk). +++ Wie auch die Bildzeitungs-Titelseitenkampagne "So werden unsere Gebühren verpulvert", inkl. ganz kleinem Peter Boudgoust-Interview. welt.de legte dann nach. +++ Dazu heute die BLZ: "Springers Skandaljäger machten es sich ... ziemlich einfach - wie schon die Gebührenkommission selbst. Diese Zahlen allein sagen nämlich nur äußerst wenig aus". +++ Was sagt Heinz Fischer-Heidlberger, Vorsitzender der KEF wie auch Präsident des Obersten Bayerischen Rechnungshofs? Interview im KSTA. +++ Der Vorstoß der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz zur Novellierung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages "ist etwa so absurd, als würde man Kommunen und Ladenvermieter dafür verantwortlich machen, wenn eingemietete Buchhandlungen Zeitungen vertrieben, in denen an versteckter Stelle eine anrüchige Zeichnung steckte." Schreibt Oliver Jungen in der FAZ (S. 35, Überschrift: "Internet nur noch nachts"). Weniger Brisanz erkennt vorerst die DPA darin (TSP). +++ DPA-Chefredakteur Wolfgang Büchner konnte "erste Früchte seiner Arbeit ernten" (TAZ). +++ Michael Hanfeld in der FAZ: "Zu sehen ist 'The Beast' bei uns leider nur auf dem Abosender AXN, der zu Sony Pictures Television gehört, auf fast allen digitalen Bezahl-Plattformen angeboten und nach eigenen Angaben von zwei Millionen Zuschauern empfangen wird. Diese haben anderen in den nächsten Wochen einiges voraus: Sie sehen Patrick Swayze in seiner letzten, härtesten und besten Rolle." +++ "Schwulensender Timm vor der Insolvenz" (TSP gestern). +++ Auch BLZ und TSP berichten bereits ausführlich zur Apple-Show. +++ Südafrikas einziger Privatsender Etv ein "crime-kisser"? (TAZ). +++ Und was ist "immersive Berichterstattung"? Simon Rothöhler und Ekkehard Knörer (Cargo) im österreichischen Standard.
Am Freitag komplettiert das Altpapier wieder ab 9.00 Uhr das Informationsbedürfnis.
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
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