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- Altpapier: Nachrichten auf einen Blick.

Altpapier vom Freitag - Augenwischerei

Veröffentlicht: 29 Januar 2010 09:02
Verändert : 29 Januar 2010 10:03

Wie die FAZ einmal mit einem Kosmetikartikel verwechselt wurde. Und dann tatsächlich für einen klaren Blick sorgte.

Wie jeden Morgen krümelte uns auch heute noch der Schlaf in den Schlupflidern, begaben wir uns deshalb mit wie immer arg getrübtem Blick auf die Suche nach den Augenwischerei-Pads, entdeckten sie unerwarteterweise auf dem Fußabstreifer vor der Wohnungstür, griffen trotzdem danach und – hielten plötzlich die FAZ in den Händen.

Ja, schon klar, liebe digital natives, das wäre euch natürlich nie passiert, weil ihr euch längst alle möglichen Körperpflege-Apps `runtergeladen habt. Das "Altpapier" hingegen (Tipp: allein das Wort schon …) hängt irgendwie an dem analogen Kosmetikkram.

An Titelblättern zum Beispiel, die sich jeden Morgen wieder die Mühe machen, für uns gut auszusehen, indem sie Schlagzeilen toupieren, Kolumnen und Nachrichten drapieren, Weltgeschehen, Girls und zugehörige Unterschriften schön arrangieren.

Womit wir wieder bei der FAZ wären. Nein, nicht wegen der Girls, sondern wegen des überraschenden Auftauchens des Wattepads, das in der BU direkt darunter äußerst einleuchtend erklärt wird:

"Auf jeden Fall empfiehlt es sich, die Augen – und sei es mit kosmetischem Gerät (unser Bild) – gut zu reinigen, bevor man sich auf Einkaufstour zur Firma Apple begibt. Die dreht für das 'iPad' das ganz große Werberad. Für Aufmerksamkeit ist also gesorgt. Und da 'man' nun einmal über das Gerät spricht, wird auf Seite 17 dessen Designer porträtiert. Was die Welt zur Neuentwicklung sagt, ist auf den Seiten 31 und 33 zu lesen."

Womit sie wohl als einzige Zeitung nicht nur wortreich, sondern auch auf den ersten Blick sichtbar darauf aufmerksam gemacht hätte, dass Gadget-Journalismus und PR eigentlich zwei verschiedene Dinge sein sollten und auch sein können.

Und es dafür nicht genügt, das Dings jetzt wieder `runter zu schreiben bzw. als Dings für depperte Frauen abzuurteilen, nachdem man es wochenlang hochgejazzt hatte und dann Bildergalerien bastelte, die in ihrer Sinnfreiheit jedem PR-Manager zu Ehren gereichten. In den Worten Georg Altrogges:

"Natürlich ist das iPad nicht vollkommen, wird die erste Generation noch Macken und Unzulänglichkeiten haben. So war es auch beim iPhone. Das ist Teil der Apple-Produktstrategie, die Begehrlichkeiten auf jede nachfolgende Generation wecken muss, um das atemberaubende Wachstum des Unternehmens nicht zu verlangsamen."

Ach, wenn das mit der Print-Produktstrategie nur auch so einfach wäre! Und die Leser jeden Tag wieder zum Kiosk rennen würden, weil die gestrige Ausgabe so elend mangelhaft war! Ist es aber nicht.

Eben daher scheinen wohl FAZens Dünkel und die unüberlesbare Trauer über die Aufmerksamkeitshoheit zu rühren. Weshalb dieses dubiose Zeug namens Volk von den Frankfurter Meinungsführern auch nur mit den spitzen Fingern der Anführungszeichen angefasst wird, um mit dem Seufzer der Ohnmacht die Seiten 17, 31 und 33 dem Willen der Masse zu opfern. "Da 'man' nun einmal über das Gerät spricht …"

Auf der Medienseite 37 wird diese strategische Neuausrichtung von Oliver Jungen ein weiteres Mal untermauert – mit einem wahrlich unschlagbaren Argument:

"Und hatte nicht schon der andere Messias seinen Erfolg auf die einfache Bevölkerung gestützt? Na also."

Ja, manchmal muss man tatsächlich erst ganz tief sinken, um anschließend Höchstleistungen zu erbringen.

Jetzt noch ausstehende Fragen zum Zustand des Fernsehens, der Medien im Allgemeinen und des Qualitätsjournalismus im Besonderen sowie zu den Inhalten der jener mysteriösen Masse geopferten FAZ-Seiten beantwortet wie immer der Altpapierkorb. Na also.

© Altpapier/Katrin Schuster

Altpapierkorb

 

+++ Auch auf der Seite 17 (hier online) wahrt die FAZ beim Porträt des Apple-Chefdesigners die Perspektive des deutschen Durchschnittsbürgers: "Ive lebt zurückgezogen mit seiner Frau und seinen Zwillingssöhnen in einem Vorort von San Francisco. Zu den wenigen Extravaganzen, die er sich leistet, soll ein Aston Martin gehören." +++ Mit ein paar wenigen Änderungen hätte man Ben Macintyres Text von der 31 – These: "Und so darf, während die intellektuelle Sturzflut des Internets mit jedem technischen Fortschritt reißender wird, nur ein Geschöpf darauf vertrauen, sich weiterhin über Wasser halten zu können: der Fuchs, der im Einbaum paddelt." – auch schon vor 550 Jahren publizieren können, anlässlich der Erfindung des Buchdrucks. Das Original findet sich frei online, wenn auch auf Englisch, in der Times. +++ Auf der 33 (Thema: internationale Reaktionen) wird man dann wieder einmal darin bestätigt, dass nationale Stereotypen eben nicht von ungefähr kommen: Die Italiener haben längst ein eigenes Wort für das Dings erfunden ("Tavoletto"), die Franzosen hoffen derweil auf die passend schicke Kleidung. +++ "Das Zeitalter des digitalen Imperialismus hat begonnen", urteilt Ibrahim Evsan schließlich auf der 37 sowie frei online. +++ ipad-frei ist dagegen heute die SZ-Medienseite 17 (wer wirklich noch etwas erfahren will über das Dings, muss die Wissensseite aufschlagen). Dafür ist dann Platz für allerlei Dinge, die man üblicherweise unter Qualitätsjournalismus versteht. Zum Beispiel für einen exklusiven Einblick in eine interne E-Mail von Norbert Lehmann, Redaktionsleiter von ZDF.reporter, der sich über die Programmierung seiner Sendung beschwert, die quasi nicht mehr stattfinde: "'Unterm Strich würden wir im ersten Halbjahr an 25 Donnerstagen ganze zwölf Mal senden – also wären wir dann nicht ein wöchentliches Magazin, sondern ein 14-tägiges.' Das widerspreche 'allen professionellen Vorgaben in Sachen Sendeplatzkontinuität'." +++ Und: "Wie die SZ nun aus dem Umfeld der Mediengruppe DuMont erfuhr, plant diese bis Mai die Gründung einer Firma, in der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung der Zeitungsgruppe gebündelt werden sollen – was dem Statut der Berliner Zeitung widerspräche, dort ist von einer 'Vollredaktion' die Rede. Die DuMont-Redaktionsgemeinschaft, so der Arbeitstitel, soll Politik von Berlin, Wirtschaft von Frankfurt aus betreuen. Etwa 25 Journalisten der DuMont-Blätter sollen für die Firma arbeiten." +++ Sowie: Die bisherige Radio-NRW-Programmchefin und -Geschäftsführerin "Schneiderbanger soll nach Informationen der Süddeutschen Zeitung oberste Chefin von ARD Sales & Services werden, dem großen Werbezeitenvermarkter des Verbunds." +++ Der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet derweil über das `68er-Archiv von Springer, das nach Aussage dieses Artikels kaum Bedeutung habe. Hm. +++ Auch V.i.S.d.P. (PDF) will Helmut Markwort zum Gehen bewegen. Dabei kommt der doch heute Abend schon wieder als Cameo zurück (derwesten). +++ "Nach der Übernahme des Kabelkonzerns Unitymedia durch Liberty Global verlässt CEO Parm Sandhu das Kölner Unternehmen." (HB) +++ "Nach den Verlegern steigen nun auch Deutschlands Privatsender in die Bütt, um die neue Bundesregierung von ihren Forderungen zu überzeugen." (TAZ) +++ Sollte das klappen, dann könnten Sie ja vielleicht auch mal ...? Ist auch gar nicht schwer, dieses Fernsehmachen. Wie´s geht, erläuert Charlie Brooker bei Youtube. +++ Schon eher schwer haben es laut FRBLZ dagegen die Musikzeitschriften und Timm. +++ DPA wirbt weiter ab, und zwar an pikanter Stelle (kress). +++ HD kommt! (TSP) +++ Dafür kein Bußgeld für die FR (DWDL). +++ Und außerdem kommt: die 200. Folge von "Karambolage" (TAZ), "Die Wannseekonferenz" (TSP), "Der Popolski-Show" (FAZ, S.37) und ein Arte-Themenabend über Dichter und Alkohol (SZ, S.17). +++ Und sollte zwischendrin noch ein wenig Zeit bleiben, dann könnte man sich auch einen Text vom vergangenen Wochenende zu Gemüte führen, weil der gar so hübsch offenbart, mit welcher Rhetorik hier Debatten geführt werden und Einer dem Anderen die Hände wäscht. In Unschuld, natürlich.

 

Frisches Altpapier gibt es wieder am Montag, gegen 9 Uhr.

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