Altpapier vom Dienstag - Clementine Diekmann
| Veröffentlicht: | 2 Februar 2010 08:39 |
| Verändert : | 2 Februar 2010 10:18 |
Kritik hieß einmal, was heute PR für sich selbst ist: Spex, TAZ, Kai Diekmann, Welt, RTL, Dieter Wedel in der SZ.
In der Tat: Die TAZ war auch schon mal besser drauf.
Die Musikkritik, wie wir sie kennen, geht ihrem Ende entgegen - Spex will keine Plattenkritiken mehr drucken, Visions irgendwie daran festhalten -, und das, was dem TAZ-Text dazu einfällt: diese Positionen zu resümieren.
Mag sein, dass man dem Leser erstmal erklären muss, worum es überhaupt geht. Mag sein, dass es vielleicht noch zu früh ist, um sagen zu können, ob der Spex-Weg nicht vielleicht doch der richtige ist. Mag sein, dass es von einer Tageszeitung auch etwas viel verlangt ist, immerfort in die Tiefen eines jeden Gegenstands vorzudringen.
Und trotzdem wünscht man sich irgendwie mehr, als einen Verlautbarungsjournalismus, der sich weitgehend darauf beschränkt, Absichtserklärungen zu zitieren.
"Für Max Dax ist klar, dass die Spex 'die Musikkritik damit auf eine ganz andere Ebene bringt'. Das sei auch dringend nötig gewesen. 'Ich persönlich lese auch keine Plattenkritiken mehr', sagt Dax. Zu spät, zu subjektiv. Es bedurfte eines Formates, das robust genug ist, sich der monatlichen Musikveröffentlichungsschwemme und der Geschwindigkeit des Internets zu widersetzen. Der Vorteil des Pop-Briefings liege darin, dass es drei bis vier Einstiege ermögliche."
Klingt ein wenig wie Geschäftsführerprosa. Man muss ja nicht Diedrich Diederichsen heißen, um eine Kritik der schwindenden Musikkritik äußern zu können, auch wenn die Meinung von Diedrich Diederichsen naturgemäß immer sehr schön klingt. Zur Erinnerung zitieren wir aus dem Text, den Diederichsen zum gleichen Thema vor einiger Zeit in der FAS veröffentlicht hat:
"Die Verbindung zum Leben, zur Rezensentensubjektivität als Testarena der Rezeption stellt nicht mehr Schnelligkeit her, sondern eine qualifizierte Langsamkeit, die antikapitalistische Tiefe eines ungehetzten Lebens im Dienste ästhetischer Reflexion."
Apropos ungehetzt: Immerhin hat die TAZ jetzt Ruhe vor Kai Diekmann, der heute nacht das Bloggen einstellt. Im Gespräch mit Meedia.de gibt der Bild-Chefredakteur sich gönnerhaft bezüglich seines liebsten Feindes:
"Wir hätten die Genossen noch hundert weitere Tage vor uns hertreiben können. Aber wenn einer am Boden liegt, tritt man nicht noch einmal zu."
Der rührende Ritter. Zum Glück gibt es Stefan Niggemeier, der zwar nicht mehr Bild-Blog macht, sich in seinem Blog aber weiterhin die "schroffe Ablehnung des ganzen Scheiß" (Diederichsen) leistet. Und sich zum Beispiel fragt, ob das Etikett "selbstironisch" auf den Bild-Chef überhaupt zutrifft.
"Ja, gelegentlich demonstriert er eine gutgelaunte Distanz zu sich selbst, und manchmal karikiert er auch die Karikatur, die seine Kritiker von ihm zeichnen. Aber das waren nur Spurenelemente und Ablenkungen in einem Blog, das im Wesentlichen dazu diente, mit seinen Gegnern abzurechnen."
Auf Ticket des Verlags, der für die Rechtskosten aufkommt, die er verursacht, wie Diekmann freimütig zugibt. Allein daran kann man erkennen, dass es eben nicht um Kai Diekmann als Kai Diekmann geht, sondern um Kai Diekmann als Bild-Kasperle, das in einer Reihe mit beliebten Werbefiguren wie dem HB-Männchen, Clementine und dem Wüstenrotfuchs steht.
Oder wie er wiederum Meedia.de gegenüber erklärt:
"Doch mit dem Blog konnten wir eine ganz besondere Aufmerksamkeit erreichen. Es hat sich gezeigt, dass das Internet ein guter Ort für solch eine Art von Humor ist."
Haha in the name of PR.
Auch die Fernsehkritik hat ihre Probleme, wie Antje Hildebrandts Text auf Welt-Online zeigt. Es geht um das neue Inka-Bause-Dschungelcamp-Ersatz-Format von RTL namens Die Farm.
"Das kommt eben dabei heraus, wenn sich das Fernsehen bis zum Gehtnichtmehr selber recycelt. Doch solange Millionen Menschen das sehen wollen, ist der Tiefpunkt noch immer nicht erreicht."
Auf den ersten Blick mag man darin die besagte "schroffe Ablehnung des ganzen Scheiß" vermuten. Auf den zweiten Blick erkennt man die Unmöglichkeit, der Sendung gerecht zu werden, solange der Text, der dauernd die RTL-Attribute für die Kandidaten zitiert, den Blick der RTL-Redakteure auf die Kandidaten nur reproduziert.
Ganz zu schweigen davon, dass Springers heiße Site sich gerade an den scheinbar schlimmsten Fernsehformaten in the name of Klickzahlen ja immer auch berauscht.
Eine Kritik des Fernsehens müsste ähnlich wie die Diekmanns gerade das Offensichtliche hinterfragen. Das tut Torsten Körner in der Funkkorrespondenz am Beispiel der Berichterstattung zu Dieter Wedels Zweiteiler "Gier". Fernsehkritiker, heißt es da,
"müssen ihre Kritiken als Events anlegen, sie müssen auf Teufel komm raus unterhalten, sie sind vielfach eher Entertainer als Kritiker, sie verhalten sich zu ihrem Gegenstand eher wie Dieter Bohlen sich zu den Kandidaten seiner Castingshows verhält, sie klopfen Sprüche, gehobene Sprüche freilich."
Das galt laut Körner besonders für die Süddeutsche.
| © Altpapier/Matthias Dell |
Altpapierkorb
+++ Für die FAZ (Seite 15) gilt noch immer: iPad. Technikkulturkritik kommt heute von John Markoff, der in Steve Jobs, wenn nicht einen Bösewicht, jedenfalls einen Agenten des Haptischen erkennt. +++ Apples Odem paralysiert schon jetzt die Konkurrenz, Amazon lenkt gegenüber Macmillian ein (FTD). +++ Carta betrachtet in dieser Konkurrenz die Rolle der Verlage. +++ Michael Hanfeld erkennt auf der FAZ-Medienseite (Seite 31) in DuMonts Zentralredaktion überhaupt nichts Böses: "Das klingt nach der Quadratur des Kreises, und das ist es auch. Doch wird man leichtere Wege, die Qualität von Zeitungen bei sinkenden Werbeerlösen und stagnierenden Auflagen zu bewahren und neu zu organisieren, so schnell nicht finden...DuMont hat eine regional aufgestellte Zeitungsgruppe von Rang: Diesem Verlag könnte es gelingen." +++ Was gelingt Stefan Niggemeier als nächstes? Ein eigenwillig-melancholischer Text über den Status quo vadis des gewesenen Bild-Bloggers in Berliner und FR. +++ Und noch ein Vorgeschmack auf angewandte Geometrie: Der Michael-Naumann-vor-dem-Antritt-bei-Cicero-Text aus der Berliner von gestern steht heute im KSTA. +++ Von Hacker-Attacken gegen die Nowaja Gaseta, berichtet die SZ (Seite 15). +++ Wird Eckart von Hirschhausen bei der ARD ein Teil davon, was Pilawa war? Der Tagesspiegel weiß Bescheid. +++ Ebenda nimmt ein Journalistenschüler am Bundeswehr-Kriegs-Training für Journalisten teil: "'Geiselhaft, Stressbewältigung', heißt diese Einheit am letzten Tag des Seminars, es ist die Königsdisziplin hier in Hammelburg." +++ Der "mutigste Launch des Jahres" (Meedia.de)? Grazia. +++ "Durch die Nacht mit Daniel Kehlmann und Josef Hader" (23.15 Uhr, Arte): Die FAZ (Seite 31) findet's müde, die TAZ auch, die SZ hat ein "gewitztes Geplänkel" gesehen. +++ Und im MDR läuft ein Film über die größten Erfolge der DDR im Sport: "So erklärt Heinz Florian Oertel im Gespräch, er sei immer gegen das Zählen von Medaillen gewesen, wird aber in einem TV-Ausschnitt beim Bejubeln des Medaillenspiegels gezeigt. Warum hat ihn der Autor nicht direkt nach diesem Widerspruch befragt? Mal davon abgesehen: Auch Oertels Kollegen von ARD und ZDF werden nach jedem deutschen Sieg in Vancouver wieder stolz die Länderwertung präsentieren."
Neues Altpapier gibt es morgen wieder ab 9 Uhr.
Weitere Nachrichten: Altpapier
- Altpapier vom Dienstag - Vorsorge und Früherkennung
- Altpapier vom Montag - Virales Marketing
- Altpapier vom Freitag - Unreine Haut
- Altpapier vom Donnerstag - Krieg der Illustrierten
- Altpapier vom Mittwoch - Blanke Nerven
- Altpapier vom Dienstag - Weiter bis wolkig
- Altpapier vom Montag - Über die Matte
- Altpapier vom Freitag - Die Milch macht´s nicht
- Altpapier vom Donnerstag - Im Netz des Gesetzes
- Altpapier vom Mittwoch - Kalter Medienkrieg
- Altpapier vom Dienstag - Im Angesicht der Häusle-Schleicher
- Altpapier vom Montag - Eine Frau gibt nicht auf
- Altpapier vom Freitag - Diszipliniert
- Altpapier vom Donnerstag - Land der Zeitungs-Schönheit
- Altpapier vom Mittwoch - Die Nase meiner Ollen
- Altpapier vom Dienstag - Nerdverbunden
- Altpapier vom Montag - Darf Online alles?
- Altpapier vom Freitag - Mediensport bei Olympia
- Altpapier vom Donnerstag - News and Shoes
- Altpapier vom Mittwoch - Endlich Neues von Google
- Altpapier vom Dienstag - Wer an der Werra war
- Altpapier vom Montag - Check oder Gegencheck?
- Altpapier vom Freitag - Nur eine einzige Frage
- Altpapier vom Donnerstag - Das Wunder von Düsseldorf
- Altpapier vom Mittwoch - Nationale Aufgabe
- Altpapier vom Dienstag - Clementine Diekmann
- Altpapier vom Montag - Wo ist "hier"?
- Altpapier vom Freitag - Augenwischerei
- Altpapier vom Donnerstag - Es ist ein Apple!
- Altpapier vom Mittwoch - Raus aus den Schubladen
- Altpapier vom Dienstag - Heimatkunde und Effizienz
- Altpapier vom Montag - Durchschnittchen
- Altpapier vom Freitag - Tipps gegen die Kälte
- Altpapier vom Donnerstag - Schwerter gegen Schnipsel
- Altpapier vom Mittwoch - Brutale Selbst-Aufklärung
- Altpapier vom Dienstag - Kauf dir eine Meinung
- Altpapier vom Montag - Unter der Haut
- Altpapier vom Freitag - Hoffnung und Seele
- Altpapier vom Donnerstag - Ein Managerkopf rollt
- Altpapier vom Mittwoch - St. Aust ist wieder da!
- Altpapier vom Dienstag - Balti und more
- Altpapier vom Montag - Antikapitalistische Tiefschläge
- Altpapier vom Freitag - Von der Rolle
- Altpapier vom Donnerstag - Die digitale Dampfmaschin
- Altpapier vom Mittwoch - Superphones & Mediendarlings
- Altpapier vom Dienstag - Händereiben über neue Bezahlmodelle
- Altpapier vom Montag - Den Maschinen vertrauen?
- Altpapier von Silvester - Willkommen in den Zukünften
- Altpapier vom Mittwoch - Das Nuller-Gefühl
- Altpapier vom Dienstag - Irre: gratis und zu teuer!
Dienstags-Artikel
1.) Die Fehler der Wirtschaftspresse (Brenner-Stiftung/ PDF)
2.) ... und auch konstruktive Vorschläge (Storz im meedia-Interview)
3.) Lockere Konkurrenz-Analyse der Sternchefs (TAZ)
4.) Große Verlagskoalition? (sueddeutsche.de)
5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
2.) Der Freitag schlägt 19 Prozent MwSt für die Bunte vor
3.) Der Spiegel-Text von 2009, den der Spiegel heute (vorerst nur Print) quasi zurückzieht






Twitter
Facebook
Kontakt