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Altpapier vom Mittwoch - Nationale Aufgabe

Veröffentlicht: 3 Februar 2010 09:21
Verändert : 3 Februar 2010 10:29

Stefan Raab vereint öffentlich-rechtliches und Privatfernsehen zum Zweck der Musikantensuche. Die GEZ spaltet die Gemüter nun auch im eigenen Internetauftritt.

Gestern abend nahm Stefan Raab auf Pro Sieben seine große "Nationale Aufgabe" in Angriff, für das Privatfernsehen und die öffentlich-rechtliche ARD zugleich den diesjährigen deutschen Vertreter beim Eurovision Song Contest (Schlager-Grand Prix) zu ermitteln. Hier die Videos.

Medienressortmäßig wurde das Ereignis gestern Nachmittag von einem inoffiziellen Pro und Contra eingeleitet: Faz.net brachte, ganz leicht zur tagesaktuellen Fernsehvorschau umgemodelt, Stefan Niggemeiers FAS-Artikel "Sterne, die nicht gleich verglühen" mit klarer Raab-Schlagseite.

Das neue Medienressort von sueddeutsche.de konterte mit der Einschaltquoten-Analyse "Der Maulheld hat Probleme", die sich überdies über die deftig ironisch-patriotischen Sprüche lustig macht, mit der Raab wie auch ARD-Programmdirektor Volker Herres ihre Zusammenarbeit begleiten.

Inzwischen sind erste Spät- und Frühkritiken der tatsächlichen ersten Liveshow eingetrudelt. Peter-Philipp Schmitt, der für faz.net randurfte/ -musste, hat sich, natürlich, sehr genau durchgelesen, was Niggemeier schrieb (z.B. über Hoffnungen der Veranstalter, dass "die Ernsthaftigkeit als Ernsthaftigkeit erkannt wird"), und meint: "Vor lauter Ernsthaftigkeit konnte ... schon in der ersten Sendung von Unterhaltung kaum die Rede sein."

"Raab macht eine Castingshow, der alle Elemente fehlen, von der solche Shows leben", würde Matthias Kalle (tagesspiegel.de) sogar sagen und meint das negativ ("Bitte erspart uns das"). Dieselbe Beobachtung lässt sich, wie fast alles, aber auch ins Positive wenden (Christian Pohl, welt.de: "Nichts erinnert an aufgeblähte Formate wie "Deutschland sucht den Superstar".)

Man kann aus denselben Gründen sogar in fast schon besinnungsloses Schwärmen geraten ("Klasse Show. Ein spannender Auftakt. Eine kluge Jury. ... etwas bezauberndes, und zwar grundsätzlich. ... Beste Fernsehunterhaltung mit europäischen Absichten. Mehr davon!"). Das tut der altbewährte Grand Prix-Experte Jan Feddersen, und es trifft sich einerseits geradezu gut, wenn man im Namen eines der Veranstalter derart ins Schwärmen gerät. Schließlich ist "Feddersens Grand Prix-Blog" ein offizieller NDR-Blog, der in einer Reihe mit dem Anne Will- und dem Tagesschau-Blog steht.

Eben daher lässt sich andererseits auch kritisieren, dass das Gebühren-finanzierte Fernsehen seine eigenen Sendungen in programmbegleitenden Blogs hochjubeln lässt. Schließlich äußern sich Kritiker der Rundfunkgebühren oft und gern in den Kommentarspalten des Internet. "Na und wieviele eingetriebene GEZ - Millionen gehen für diesen Quatsch wieder drauf?", warf zum Beispiel szleser1172 bei sueddeutsche.de in die wieder lebhafte Debatte.

Dritterseits soll genau diese starke Community der GEZ-Kritiker nun offenbar auch für kräftiges (ergo reichweitenstarkes) Kommentieren auf Webseiten, die aus GEZ-Gebühren selbst finanziert wurden, begeistert werden.

Seit gestern ist gez-meine-meinung.de neu online. "Wir freuen uns auf Ihre Beteiligung und wünschen allen Nutzern viel Spaß beim Meinungsaustausch!", lautet das Motto der freundlich grinsenden jungen Leute auf den die Seite flankierenden Symbolfotos. "630 Mitglieder - 411 Themen - 1.423 Beiträge" sind eine eindrucksvolle Zwischenbilanz. Falls User Trolli nicht doch recht haben sollte ("habt ihr nur am ersten Tag geblogt?/ ich warte gespannt auf Beiträge von Lisa S. Mathilde M. und Hilde B. haben die Ladies heute frei oder bloggen sie zu später Stunde in der Nachtschicht?") sollte man dieses Forum unbedingt beobachten.

Die Meinung der Fachmedien dazu ist selbstverständlich geteilt. Während meedia.de bereits ein "gebührenfinanziertes PR-Fiasko der GEZ" wittert und die SPON-Netzwelt die GEZ-Initiative zum Anlass für ein sehr sehr sehr lustiges Plädoyer für eine Globalisierung der GEZ-Gebühren und die Einführung einer GEZ-Programmzeitschrift u.v.a.m. (zum Durchklicken) nimmt, notiert der Tagesspiegel nüchtern: "Das Interesse des GEZ-Volkes am Forum ist vorhanden, die Beteiligung ist rege."

Immerhin wächst auf diese Weise das Verständnis der klassischen öffentlich-rechtlichen Medien und ihrer Gebühreneintreiber für die vielfältigen neuen digitalen Medien. Und da herrscht weiter Bedarf, konstatiert zumindest die Süddeutsche am Beispiel des Kultursenders 3sat:

"Es muss ein Experiment sein, das bei 3sat gerade läuft: Ob man auch ohne eigenen Internetanschluss Filme übers Netz drehen kann. Anders sind der 110-minütige 'Wissensabend' zum Thema Leben im Netz und die Folgesendung Digital Natives kaum zu erklären", meint Johannes Boie.

© Altpapier/ Christian Bartels

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+++ "Aus dem Dom, aber nicht pro domo", "das Wahre als Ware", aber "welcher Theo steckt in 'Theologie'“? Ganz ganz ganz große Wortakrobatik bietet Chrismon-Chefredakteur Arnd Brummer im Tagesspiegel zu einem allerdings auch großen Anlass: "Die älteste bestehende deutsche Nachrichtenagentur", der Evangelische Pressedienst epd, wird 100 Jahre alt. +++ "Demnächst Untreue für die Umwelt, Klauen für das Klima?" Dr. Mathias Döpfner vertraut in seinem Bild-Zeitungs-Kommentar (wider den Ankauf der Schweizer Steuerfuchs-CD) auf die gute alte Alliteration. +++ Eben noch von Frank Schirrmacher persönlich zitiert, schreibt Schockwellenreiter Jörg Kantel nun selbst unmittelbar ein gewaltiges Stück für die FAZ-Medienseite. Und zwar über das iPad. Es endet entschuldigend mit den Sätzen: "Ich sehe die Datenkrake Google durchaus kritisch und bin ein begeisterter Nutzer der Apple-Computer. Aber das Internet ist schon eine seltsame Welt. In ihr muss man Apple mit Google austreiben", denn Kantel argumentiert kräftig gegen die Applephorie an (z.B.: "Das iPad ist also kein Computer im Sinne einer Universalmaschine mehr, sondern eine Abspielplattform für die Inhalte der Medienkonzerne. Das iPad macht aus dem Two-Way-Web wieder eine Einbahnstraße und zwar eine, für deren Nutzung gezahlt werden muss"). +++ Das deutschsprachige Internet wurde gerade ex negativo ein ganzes Stück sympathischer: Kai Diekmann bloggt nicht mehr. Siehe BLZ, faz.net. Wer Diekmann immer noch ernst nimmt, sollte sich mal 90 Sekunden den Platzhalter auf kaidiekmann.de antun. +++ "Fernsehserien auf DVD" heißt heute eine ganze Seite im FAZ-Feuilleton. Es geht u.a. um "Mad Men", und Dominik Graf schreibt über "zwei frühe Folgen von 'Der Alte'“: "Wie reich an Erotik, an innerer Spannung, an schöner Trivialität, an Tragik, an sarkastischer Ungeheuerlichkeit sind diese kleinen Filme doch... ...". +++ "Von solchen Experimenten", wie Jan-Rüdiger Vogler sie anhand des Kinderkanal-Echtzeicht-Schockers "Allein gegen die Zeit“ lobt, "sind die Großen zurzeit weit entfernt" (TSP). +++ Deutschland ist "das einzige Land im weltweiten Vergleich mit einem Web2.0 Angebot aus der Kategorie Essen & Kochen in der Top-10 Social Media Liste" (meedia.de). Und das dank des Gruner+Jahr-Angebots chefkoch.de. +++ Den ARD-Fernsehfilm "Die Spätzünder" mit Jan Josef Liefers und Joachim Fuchsberger nennt Klaudia Wick (BLZ usw.) "missraten". Aber: "Es wurde lange nicht mehr so viel geraucht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wie hier" (Lena Bopp, FAZ dazu). +++ Dann schon lieber "Wolke 9“ (TSP). Aber "wenn Libgart Schwarz mit doggigem Gesicht sagt 'Sie heißen Rocco? Klingt wie ein Pornostar", ist das eben wunderbar" (TAZ). +++ Äußerst ausführlich berichtet nun auch die FAZ von den vielfältigen Problemen um die Nachrichtenagentur DDP und ihre Neuerwerbung DAPD (S. 31). +++ Die Schweizer Wissenschaft warnt vor Facebook-Sucht (Süddeutsche). +++ Sowieso Achtung mit den privaten Daten, die man ins Internet gibt. Das macht die BLZ anhand eines von der New York Times erstellten Mashups sinnfällig. +++ "3D ist für uns daher ein zusätzlicher technischer Schutz vor Piraterie im Kino" (Constantin Medien-Chef Bernhard Burgener im HB-Interview). +++ "Es brächte das Fernsehen und die Gesellschaft weiter, Annie Sprinkle eine Talkshow moderieren zu lassen als Amelie Fried" (schreibt TAZ-Medienkriegsreporterin Silke Burmester, um "mit diesem Satz ... beim Mediendienst von Peter Turi (zu) stehen, dem Steigbügelhalter der Schumachers, Winterbauers und Meyer-Luchts dieser Branche." +++
 

Frisches Altpapier gibt's wieder am Donnerstag gegen 9.00 Uhr.

 

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