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Altpapier vom Donnerstag - Das Wunder von Düsseldorf

Veröffentlicht: 4 Februar 2010 09:04
Verändert : 4 Februar 2010 09:58

Gabor Steingart wird endlich Chefredakteur. Und einer, der kürzlich aufrüttelnd Angst um den Qualitätsjournalismus bekundete, ist es bald nicht mehr.

Solch eine Hammer-Personalie hatten wir lange nicht mehr: Gabor Steingart, der Mann, den die Kollegen vom Spiegel einst nicht zum Chef der so einflussreichen Mitarbeiter KG gewählt hatten, der "talkshow-sichere" (sueddeutsche.de) Starjournalist, dessen Bestseller-Bücher wie "Weltkrieg um Wohlstand" auch unter Titeln wie "Välståndskriget" und "O Conflito Global ou a Guerra da Prosperidade" vorliegen (worauf Gabor Steingart hinweist) ... .... Steingart also wird endlich Chefredakteur. Beim Handelsblatt.

Und sein Vorgänger Bernd Ziesemer, der kürzlich in einer befremdlichen Werbekampagne quasi Wange an Wange mit Großindustriellen posierte, der gerade erst zum "Chefredakteur des Jahres" gekrönt wurde und dabei eine Dankesrede (MP3) hielt, in der auf eine eher schräge Metapher über Haare, die einst preußische Aristokratinnen im Befreiungskrieg gegen Napoleon opferten, sein durchaus aufrüttelndes Bekenntnis folgte, dass er "zum ersten Mal in meinem Leben Angst um unseren Berufsstand", den Journalismus, ja den Qualitätsjournalismus habe ... .... Ziesemer also geht zu Hoffmann und Campe Corporate Publishing.

Bei einer solchen Personalie mag selbst ein zurückhaltender Branchendienst wie kress.de nicht die üblichen Auskünfte über neue Herausforderungen zitieren, sondern wird mächtig meinungsfroh:

"Fast wie Fahnenflucht" mute es an, "wenn Ziesemer sich nun ins das Corporate Publishing-Geschäft begibt. Sicher, auch dort wird Journalismus betrieben, und ganz oft nicht der Schlechteste. Mit dem Geld von Unternehmen ist gelegentlich sogar möglich, was im verlegerfinanzierten Journalismus gar nicht mehr machbar ist. Doch: Kritischer Journalismus sieht anders aus."

Dagegen fällt meedia.de-Chef Georg Altrogge ab, wenn er unter kräftigem Klopfen auf die Schultern aller Beteiligten hypothetisch fragt, ob Ziesemer, "von den vergangenen Monaten zermürbt und womöglich amtsmüde", denn "der Richtige für die Zukunft gewesen wäre".

Ziesemer war übrigens einer der frühestbloggenden deutsche Chefredakteure, hat diese Angewohnheit aber anno 2008 aufgegeben.
Steingart dagegen hat auf gaborsteingart.com aus dem freudigen aktuellen Anlass eine Ansprache vorbereitet ("Die heutige Zeit ist ökonomisch schwierig, aber publizistisch reizvoll"), die vor Herausgefordertheit nur so brummt. Was er beim Handelsblatt offenbar erreichen soll: "Das, was viele in der Branche" angeblich "'das Wunder von Hamburg' nennen", die rare Print-Erfolgsgeschichte der Wochenzeitung Die Zeit, in Düsseldorf allerwenigstens zu wiederholen.

Die gedruckte Presse zeigt sich neutral überrascht ob Steingarts Karrieresprung ("2009 zirkulierte sein Name, wenn es um Spekulationen über die Nachfolge von Helmut Markwort beim 'Focus' ging. Allerdinsg bekam Wolfram Weimer en Job", FTD). Glaubt, dass Ziesemer zum Zeitpunkt seines aufrüttelnden Appells Mitte Januar "gewusst haben (muss), dass er das Handelsblatt verlässt" (BLZ). Oder zitiert Ziesemer von der gestrigen HB-Redaktionskonferenz, dass er "schon im vergangenen November seine Entscheidung getroffen" habe (SZ, S. 15).

Oder verknüpft die Meldung mit weiteren Personalien im selben Zusammenhang, einen neuen Geschäftsführer beim Tagesspiegel (da, so die BLZ nochmal, Frank Lüdecke "bei der Tagesspiegel-Mannschaft keine Akzeptanz fand".

Recht neu im Club derer, die "die Qualität im Journalismus zu erhalten und zu fördern" sich anstrengen: Tabea Rößner.

"Da heißt es jetzt abwarten", sagt die medienpolitische Sprecherin der Bundestags-Grünen zupackend in einem von zwei aktuellen Interviews (taz.de). Gestern stellte sie ihre "Antragsschrift zum ZDF-Normenkontrollantrag" anlässlich der ZDF/ Koch/ Brender-Aufregung vor, mit dem sich das Bundesverfassungsgericht beschäftigen wird, sofern ein Viertel der Bundestagsabgeordneten die Chose unterstützt.

Weil die Grünen und die Linkspartei dafür zu wenige sind, wird das an der "Mövenpick-Partei" (Rößner) bzw. der SPD hängen, die wiederum nur dann mitmachen wird, wenn Kurt Becks eher kleine Reformideen fürs ZDF nicht in einer rundfunkpolitischen großen Koalition mit der CDU verwirklicht werden.

Falls das Abwarten allein nichts nützt, "haben wir Signale einzelner Abgeordneter, auf die wir persönlich zugehen werden", so Rößner zur FAZ. Grundsätzlich zeigt sich Rößner also in der Praxis der Mehrheitsbeschaffung so fit wie  in der Dialektik der Rundfunkgremien ("Die Parteien sind dagegen natürlich eine gesellschaftliche Gruppe, und diese Gruppen sollen in den Gremien ja ausdrücklich vertreten sein", zur TAZ). Wahrscheinlich könnte sie sich sogar selbst mit Beck einigen.

Das kann durchaus eine gute Nachricht sein, schließlich zählte Medienpolitik bisher eher nicht zu den Top 10 der Politikfelder, auf denen die Grünen hervortraten.

© Altpapier/ Christian Bartels

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+++ Die frischen Grimme-Nominierungen sind da. U.a. ist der im Vorjahr nicht nominierte Michael Ballack des Grimme-Preises, Kurt Krömer, wieder dabei. Wenn in der Unterhaltungskategorie "die aus unerfindlichen Gründen nominierte Plattwitzreihe 'Broken Comedy'" (Süddeutsche, Hans Hoff) und sogar Harald Schmidt nominiert sind, kann gegen Krömer auch niemand etwas haben. +++ Auch im Rennen (HAB): die in Hamburgs neuem Trendviertel Wilhelmsburg ("Soul Kitchen"!) produzierten, auch online zu habenden "Konspirative Küchen-Konzerte" des lokalen Senders Tide. +++ Vormerken für den Grimme-Preis 2011, schon weil von Nico Hofmann produziert (in diesem Jahr ungewöhnlichsterweise unnominiert): der unter  "strenger Geheimhaltung abgedrehte" ARD-Film "Bis nichts mehr bleibt", der am Dienstag in Hamburg der Presse vorgestellt wurde. welt.de weckt schon Spannung, obwohl der Film erst Ende März ins TV kommt und "trotz aller Brisanz seine Längen hat". Es geht kritisch um Scientology, das daher in Kürze "einen eigenen Scientology-Sender im Internet starten" will und dem Mitwirkenden Kai Wiesinger jetzt alle Chancen auf eine Hollywood-Karriere verbauen würde. +++ Zurück zur Politik. Ein medienpolitischer Sprecher der SPD namens Martin Dörrmann äußerte SPON gegenüber die Hoffnung, das Normenkontrollverfahren tauge als "Drohkulisse" für eine Einigung von SPD- und unionsgeführten Ländern. +++ NDR-Justitiar Werner Hahn unterbreitet nun auch in der Süddeutschen Vorschläge für Reformen (wie zuvor in HAB und FAZ). +++ "Eine fast endlose Reihe an Preisen ziert Alexander Kluges Leben" (faz.net). Da will der Grimme-Preis auch nicht fehlen und ehrt den "Filmemacher und Quotenkiller von eigenen Gnaden" (H. Hoff nu wieder) fürs Lebenswerk. +++ Dieter Meichsner, Chef des NDR-Fernsehspiels in dessen richtig guten Zeiten, ist gestorben (HAB). +++ Jeff Jarvis ist Jakob Augstein in dessen Rolle als meistinterviewter Medienmensch dicht auf den Fersen: “Die Zukunft des Journalismus ist unternehmerisch” (medialdigital.de via Carta). +++ Weitere Meinungen zu Stefan Raabs Grand Prix-Casting-Show (siehe Altpapier gestern): Raab "befindet sich seit Dienstagabend auf einer humanitären Mission" (KSTA) "Diese Show, Casting ohne Dieter-Bohlen-Elend, aber mit Respekt vor musikalischem und performativen Talent, hat Zukunft" (Jan Feddersen nun auch bei taz.de). Aber nicht in der gedruckten TAZ, die sich dennoch von Nora-Tschirner-Lookalike Lenas "astreiner Authentizität" bezaubern ließ. Am späteren Abend rockte Raab "die Anspannung einer großen Aufgabe" heraus, indem er "so dreckig, wie Westernhagen es kaum noch kann", sang (Hans Hoff/ SZ). "Wie eine normale Castingshow - nur langweiliger" (BLZ). +++ Immer noch kein Chefredakteur: Matthias Matussek macht weiter Fernsehen. "Trotz allem hat die Sendung einen Unterhaltungsfaktor" (Peter Unfried, TAZ). +++ "Die Münchner Abendzeitung ist im Besitz der Verlegerfamilie Friedmann, die auch mit 18,75 Prozent am Süddeutschen Verlag (Süddeutsche Zeitung) beteiligt ist", steht völlig korrekt im Artikel der SZ über die Nürnberger Abendzeitung, die bald nicht mehr im Besitz der Münchner Abendzeitung sein wird. +++ Nur en passant streift Thomas Knüwer den Chefredakteurswechsel bei seinem Ex-Host Handelsblatt. +++ Im heutigen Wunder von Hamburg, der Zeit (S. 44) gratuliert Peter Handke Hubert Burda zum 70. Geburtstag. +++ Hübscher da die Idee des Freitag (S. 13, nicht online), Christian Wulffs Forderung "Migranten in Spitzenämter“ auf das Feld der Kultur umzumünzen und zehn Neubesetzungen vorzuschlagen. So soll Birol Ünel die sowieso vakante Position Harald Juhnkes übernehmen, und als Nachfolgerin des Berlinalechefs Dieter Kosslick wird die frühere Filmhändlerin bei Telepool, Yoko Higuchi-Zitzmann, empfohlen, die derzeit bei Ziegler-Film "für die Kinoaktivitäten der renommierten Produktionsfirma verantwortlich zeichnet" (wobei sich über das gegenwärtige Renommee der Christine- Neubauer-Homebase schon streiten ließe). +++


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