Altpapier vom Freitag - Nur eine einzige Frage
| Veröffentlicht: | 5 Februar 2010 09:05 |
| Verändert : | 5 Februar 2010 09:52 |
Eine Frage, so viele Antworten: Wenn die Altsteinzeit plötzlich der neuen Steinzeit hinterher hinkt und Tote gar nicht tot sind, stimmt vielleicht irgend etwas nicht. Nur was?
"Sagt mal, FDP: Wenn ihr jetzt nach 100 Tagen euer Wahlergebnis fast halbiert, löst ihr euch dann nach 200 Tagen einfach auf?" twitterte extra3 gestern kurz vor Mitternacht.
Und heute Morgen möchte man das fast auch der gedruckten Süddeutschen Zeitung zurufen. Da fragt DRadio-Ex-Intendant Ernst Elitz in seinem Text auf sueddeutsche.de doch satte zehn Mal "Wozu Journalismus?" – und in der Printausgabe (S. 23) bleiben davon nurmehr Fünfe übrig.
Unseren täglichen Jeff Jarvis scheint sueddeutsche.de jedenfalls verstanden zu haben: Die Onlineversion ist länger und metaphernreicher, vor allem aber auf vier Seiten verteilt; und zwischen Text und "Nächste-Seite"-Button hat man schön Platz gelassen für eine schöne Anzeige. Ach, peinliches Geschäftsmodell des Onlinejournalismus´, das in der Hoffnung besteht, dass einer aus Versehen auf eine Werbung klickt.
Achten Sie also bitte sorgsam auf Ihren Mousepfeil, es lohnt sich, denn Elitz´ Trommelwirbel ist ein echter Wachmacher: Klick um Klick steigert sich die Taktung von "Wozu Journalismus?" – von null Mal (Überschriften, Teaser und ähnliches mal außen vor gelassen) auf zwei Mal auf drei Mal und schließlich auf fünf Mal pro Seite. Ein wahrhaft stilsicheres Eröffnungsfeuerwerk für die neue Reihe des neuen sueddeutsche.de-Medienressorts, die den Namen – na, Idee? Genau: "Wozu noch Journalismus?" trägt.
Der zugehörige, sich über fünf Seiten erstreckende Prolog, der die historische Korrektheit fröhlich dem öffentlichkeits-wirksamen Slogan opfert –
"Stellen wir uns der Einfachheit halber vor, wir seien die Bewohner einer neuen Steinzeit, die mit der Erfindung des Internet begann: Gemessen daran, wie wenig die Potenziale der Netzkommunikation heute erst genutzt werden, sind Journalisten die Neandertaler der digitalen Ära." –
(und trotzdem nicht bei Turi zitiert wird), stammt von dem Herausgeber der Reihe StephanWeichertundLeifKramp. Für Nachschub an Fragen, die wortreich nicht beantwortet werden, auf dass sie weit, weit ausdenAugenausdemSinn geraten, dürfte also gesorgt sein.
Ohnehin verrät ja der Elitz-Vorspann bereits, wo die Probleme liegen:
"Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt."
Okay, nochmal zum Mitschreiben (oder meinetwegen auch zum Welche-Aussage-passt-nicht zu-den-anderen-?-Mitraten): Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr, weil
1. Journalisten zu Handlangern der Politiker werden
2. Journalisten im Netz bloggen
3. Journalisten durch Laien ersetzt werden
Hui! Das Bloggen ist also mindestens genauso berufsschädigend wie die Depravation und die Deprofessionalisierung? Da liegt uns doch tatsächlich und plötzlich eine irre brennende Frage auf der Zunge. Und die lautet: "Wozu noch Journalismus?" Beziehungsweise, ebenfalls in den Worten von sueddeutsche.de: "Wie ist der Journalismus zu retten – und wieso sollten wir das überhaupt tun?" Wegen der geilen gebührenpflichtigen Jungfrauen vielleicht?
Ernst Elitz´ abschließende Antwort lautet online: "Die tägliche journalistische Arbeit ist Antwort genug." In der Printausgabe dagegen: "Weil er unser Leben bereichert." Ersteres würden wir ja gerne unterschreiben. Allein: Das fortgesetzte Vorkommen des weichertkrampschen Journalismusjournalismus hindert uns daran, da es den dann eigentlich gar nicht (mehr) geben dürfte, oder?
Zweiteres dagegen unterschreiben wir hier und jetzt sofort. Heute unsere Leben bereichern könnten zum Beispiel die jüngsten Erkenntnisse darüber, wo überall die Schwarmintelligenz gerne ihr Beinchen hebt. Da nämlich, wo es so herrlich nach Tod modert:
"Am Morgen des 21. Juni 2009, einen Tag nach dem Todesschuss, wundert sich Neda Soltani über die vielen Menschen, die sich auf ihrer Facebook-Seite als Freunde registrieren lassen wollen. Hunderte sind es, aus aller Welt." (SZ Magazin)
Doch Neda Soltani war gar nicht tot, der Schuss traf eine Andere, Neda Agha-Soltan. Was für eine fürchterliche Enttäuschung das gewesen sein muss für die Möchtegern-Freunde von Neda Soltani, wollen wir uns lieber nicht ausmalen.
| © Altpapier/Katrin Schuster |
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+++ Über einen ähnlichen Fall (hier ist der Tote offenbar wirklich tot: Julius N. beging wohl vor knapp zwei Wochen Selbstmord) berichtet der Freitag: "Mittlerweile gibt es 360 'Fans', sowie Videos und Fotos vom Fantreffen am vergangenen Samstag." +++ Und noch `ne Lebensbereicherung: das Gespräch zwischen Alexander Kluge und Frank Schirrmacher. Nicht nur, weil da Algorithmen, Schiller und Grandvilles Planetenbrücke in einen klugen Topf kommen, sondern auch, weil die zugehörige Carta-Betextung mehr verrät, als man wissen wollte. Hier etwa: dass manch einer lieber Fronten wahrt, als einfach mal zuzugeben, dass die Gleichung unsympathisch = uninteressant halt oft nicht aufgehen mag. "Es ist ein beeindruckendes Gespräch geworden, weil Kluge nicht versucht, Schirrmacher zu widerlegen", heißt es da – als ob es Kluge je darum gegangen wäre. (Die Redewendung mit den Urteilen und den Vorurteilen ersparen wir uns hier aus Platzgründen.) +++ Über den Verfassungsklagenvorstoß der Grünen wie Linken und die sich dagegen formierende große Koalition berichten u.a. FAZ (S.35), BLZ und TAZ. +++ Das Deutschlandradio hat mit Volker Beck ebendarüber gesprochen. +++ Und noch eine große Koalition: Google-NSA (FTD) +++ Unser täglicher Hanfeld beschert uns heute "explodierende Internetauftritte". (FAZ, S.35) +++ "Überspitzt gesagt: Man zieht sich erst gegenseitig über den Tisch und bestätigt sich dann, dass es mal wieder schön war, miteinander Geschäfte zu machen [...] Ehrlich gesagt, mir tun meine ehemaligen Kollegen in den Media-Agenturen leid, die aus meiner Sicht nicht mehr guten Gewissens in den Spiegel gucken können. Besonders nicht diejenigen, die Bescheid wissen. Die, die wissen, was da gerade passiert. Ich würde vor dem Spiegel stehen und mich fragen: Kann ich guten Gewissens behaupten, im Interesse und zum Wohle meiner Kunden gehandelt zu haben? Ich glaube, das kann kaum noch jemand." (ZDF-Werbechef Hans-Joachim Strauch im dwdl-Interview) +++ Über den Umweg über einen Tadel an der Bunten kann auch der Tagesspiegel etwas über Monica Lierhaus´ Gesundheitszustand sagen. +++ Der Fall Hornauer kommt nicht vor Gericht, da er mittlerweile verjährt ist. "Hornauer selbst macht inzwischen Geschäfte im Internet und zeigt sich unbeeindruckt von den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. Unter seinem Twitteraccount schreibt er: 'Scheckkartenbetrügereien könnte ich mir auch noch vorstellen.'" (FAZ, S.35) +++ Vorsicht, Hornauer! Das könnte schief gehen, denn die Polizei followt mit (TAZ). +++ Wenigstens einer mit der Fähigkeit zur treffenden Selbsteinschätzung: "Ich kenne meinen Platz und meine Fähigkeiten. Und Wuttke ist eine andere Liga. Aber das ist doch okay." (Rainer Hunold im TAZ-Interview). +++ Der Rheinische Merkur war nicht nur auf dem Münchner Twittwoch zu Gast, sondern macht sich außerdem Gedanken über den Kampf auf dem Nachrichtenmarkt. +++ Hier darf die Schwarmintelligenz endlich auch intelligent sein: Der Guardian introduct Zeitgeist, "our newest experiment". +++ Juristerei auf dokusoapisch: "Diese Verpflichtung gilt ausdrücklich über die Laufzeit dieses Vertrages hinaus." (fernsehkritik.tv) +++ Und zum Schluss noch eine unerwartet große Erkenntnis am so frühen Vormittag: "@ChrisStoecker Bei aller Begeisterung für @Jeffjarvis - ist nicht langsam erstmal alles gesagt? Gut, vielleicht noch nicht zu jedem (Medium)."
Der Altpapierkorb füllt sich wieder am Montag gegen 9 Uhr.
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5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
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