Altpapier vom Montag - Check oder Gegencheck?
| Veröffentlicht: | 8 Februar 2010 08:49 |
| Verändert : | 8 Februar 2010 13:03 |
Sinnkrise und kein Ende: Wozu Journalismus - hier, in Chile und Usbekistan. Wozu Tagesschau und wozu Radio? Und wozu Dieter Bohlen?
Wozu noch Journalismus, ist eine Frage, die wir uns naturgemäß jeden Morgen in aller Frühe stellen.
Und das ist auch gut so. Denn wie wir im Auftakt-Text zur neuen gleichnamigen Serie ("herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp") des neuen Medienressorts im Angebot von Sueddeutsche.de schon in der Unterzeile erfahren:
"Wie bisher kann es nicht weitergehen - Journalisten müssen über ihren Job nachdenken."
Als erster steigt Ernst Elitz, der einstige Deutschlandradio-Intendant, in die Bütt. Elitz hatte sich vor nicht langer Zeit bereits als Martin Luther of our days hervorgetan und "12 Thesen für einen besseren Journalismus" angeschlagen.
Nun eröffnet er seinen Text mit einem kühnen Trick: direkte Ansprache der Zielgruppe
"Und Ihr, liebe Kolleginnen und Kollegen? Bekanntlich spricht man im Hause des Henkers nicht gerne vom Strick, aber in den Redaktionen redet man gern von der Endzeit der eigenen Profession. Es dreht sich so schön an der Garotte."
Garotte - ist das eine Schriftart? Nein, im Ernst, was eine Volte! Nur Kleingeister könnten nörgeln, dass das Endzeitgerede durch solche Texte wie den von Elitz erst befördert wird. Aber Obacht! Fortschritt durch Rückkopplung, Elitz rollt sich durch den Sound der Zeit, den er selbst herstellt, erst den roten Teppich aus, auf dem er die Ehrenformation einer siechenden Branche abschreitet.
Der Vergleich zu Horst Köhler ist nicht unbegründet. Denn was Elitz mitbringt neben dem hemdsärmelig-optimistischen Geist des Anpackers, ist vor allem Balsam.
"Die digitale Welt braucht Anker der Verlässlichkeit. Die kann der Journalismus mit solider Recherche, den Regeln von Check und Gegencheck, der Achtung vor Persönlichkeitsrechten samt Informantenschutz bieten. Mit seiner stoischen Unvoreingenommenheit und dem Grundsatz 'Der Journalist spricht von einer höheren Warte als von den Zinnen der Partei' - oder eines x-beliebigen Interessenverbandes wird er im Blogger-Kosmos des unbekümmerten Plapperns zu einer Vertrauensinstanz. Journalisten sind nicht Betreiber einer digitalen Quasselbude."
Das mit der Quasselbude hätten wir jetzt gern noch mal in einer Google-Book-Search-Research gegengecheckt - bestimmt finden sich zur Zeit der ersten Zeitung irgendwelche miesepetrigen Buchautoren, die den Verfall ihrer Worte durch das Gequassel beklagen, das die dereinst neuen Zeitungen produzierten.
Aber dafür fehlt leider die Zeit.
Und das ist es auch, was uns bei Elitz fehlt. Statt eines freudigen Feuerwerks zur Selbstermannung, wäre ein Blick auf die Produktionsbedingungen von Journalismus heute vielleicht hilfreich gewesen.
Check und Gegencheck, Recherche und Sorgfalt sind Wörter, die vor allem in solchen Texten auftauchen, aber im Redaktionsalltag der Contentprovider eine eher geringe Rolle spielen. Bei Elitz ist Journalismus Ethos, Moral, eine Frage der Einstellung.
Dabei ist es doch auch eine Frage der Anstellung. Der aktuelle Spiegel beschreibt die Vorgänge bei der von Martin Vorderwülbecke und Dr. Dr. Peter Löw übernommenen und frischfusionierten Nachrichtenagentur DAPD (Seite 152). Und außer Details über die Hintergründe zur Fehde mit Springer und die Selbstdarstellung der Chefs -
"Diese Halle ist etwas zu kathedralenhaft, die Musik etwas zu laut, der Rock der Assistentin, die den Kaffee bringt, etwas zu kurz"
- erfahren wir dort auch, dass Profit durch Kostenminimierung erreicht werden soll ("20 Pressemitteilungen statt 4250,- für nur 1500, - Euro").
Läuft? Über Entlassungen und neue Verträge.
"Als Kollegen einwendeten, der Verzicht auf die zum Teil hochspezialisierten Kollegen reiße riesige Löcher in den Agenturbetrieb, entgegnete der Österreicher Maurer (Mitgeschäftsführer, AP) nach Darstellung von DAPD-Redakteuren, dann müssten eben andere die Arbeit machen."
Klingt irgendwie realistischer als die kapitalismusromantische Beschwörung der moralischen Wichtigkeit des Journalismus.
Seinen Text schließt Elitz übrigens mit einer Hypervolte: Nachdem er die ganze Zeit nach vorn argumentiert hat, schließt Elitz mit einem ermunternden Rekurs auf den Status quo:
"Wozu Journalismus? Die tägliche journalistische Arbeit ist Antwort genug."
Wozu dann diesen Text, fragt der Ketzer.
| © Altpapier/Matthias Dell |
Altpapierkorb
+++ Dabei ist der Medienwandel ja im Gange. Daniel Bouhs beschreibt in der sonntaz, was das für die Tagesschau bedeutet. +++ Und Andreas Matzdorf hat in der Funkkorrespondenz nicht unkritisch Verständnis für die Veränderungen in der Hörfunklandschaft, wie sie sich im gemeinschaftlichen ARD-Radiofeature äußern. +++ Ebenfalls in der Funkkorrespondenz ist ein Vorschlag der Partei Die Linke zur Neuregelung der Rundfunkgebührenerhebung dokumentiert, der mit einer sehr menschlichen Forderung endet: "Und fünftens wäre es äußerst wünschenswert, die häufig als unverschämt empfundene GEZ und deren Kontrolleure abzuschaffen." +++ Die Neuregelung des Grand-Prix-Vorentscheids beschäftigt nicht nur die Welt, in der sich Ulrich Clauß an einem Portrait Stefan Raabs versucht: "Man tut Raab sicher nicht unrecht daran, ihn als Seiteneinsteiger zu bezeichnen." +++ Matthias Kalle führt im Tagesspiegel den Vergleich zwischen Raab und Bohlen eng: "Die Haltung von Bohlen und DSDS spricht eine sogenannte Parallelwelt an, die man fast schon Mainstream nennen kann. Eine Welt der Aufsteigerträume von Unterschichtkindern, für die 'Starwerden' der einzig mögliche Weg zu sein scheint. Dabei kann man ihnen zuschauen, dabei tragen sie ihre Unterschichtuniformen, die sich an der Kleidung von Dieter Bohlen mindestens orientiert. Bohlen weiß das – wieso sollte er sonst so affig rumlaufen?" Weil es ihm gefällt? Weil ihm die Oberschichtsuniformen nicht gefallen? Man weiß es nicht. +++ Die Form der fasziniert-geifernden Herablassung, die Formate wie DSDS in den Oberschichtsmedien begleitet, pflegt stern.de mit seinem Castingshow-Ratgeber. Darin findet sich immerhin eine Aussage des RTL-Unterhaltungschefs, worum es bei der Sendung vor allem geht: "'DSDS' ist im Kern eine Symbiose aus Neugierde und Freude an der Selbstdarstellung, aus Exhibitionismus und Voyeurismus." Nix Musik, nix Ruhm, nix Wettbewerb. +++ Was aber wird aus Sat.1? Ein instruktiver Text von Bernd Gäbler im Tagesspiegel: "Der aktuelle Druck ist groß. Jeder will seinen Kopf retten. So ein visionsloser Pragmatismus aber wird Sat 1 keinen Aufschwung bescheren, sondern allenfalls den langen Weg zum Schwundfernsehen verzögern." +++ Wozu noch Journalismus in Chile? Die Berliner-FR weiß Rat. +++ Wozu noch Journalismus in Usbekistan? Die TAZ antwortet. +++ Was die Spiele von Vancouver aus Sicht des Medienwandels bedeuten, erklärt Jens Weinreich in der Berliner. +++ Was mit Cloud Computing auf uns zukommt, legt Charles Leadbeater im SZ-Feuilleton dar. +++ Da lacht die Stasi. In der FAZ werden Plagiatsvorwürfe gegen Helene Hegemann ("Axolotl Roadkill") mit Datenerhebungen belegt: "Während Hegemann sagt, dass sie das Buch nicht kenne, kann der Verlag SuKuLTur einen Beleg vorweisen, aus dem hervorgeht, dass Carl Hegemann den Roman Airens am 28. August 2009 über Amazon Marketplace bestellt und an seine Tochter Helene hat liefern lassen." +++ Warum kocht zu Hause zumeist die Frau, im Fernsehen aber fast immer der Mann, ist eine der wenigen Fragen, die Claudia Tieschkys Rezension von Vincent Klinks Buch und Schaffen in der SZ (Seite 13) nicht beantwortet. +++ Die FAS (Seite 31) zeichnet den aufhaltsamen Aufstieg des Glenn Beck in Amerika zum medialen Gegenspieler von allem, was wir früher unter Vernunft verstanden haben, nach. +++ Letzte Sätze aus zwei von zahlreichen Kritiken des Fernsehfilms "Die Toten vom Schwarzwald" (heute, 20.15 Uhr, ZDF). In der FAZ (Seite 27) heißt es: "Nach diesem Krimi kann man den Schwarzwald mit anderen Augen sehen." +++ Und in die SZ insistiert (Seite 13): "Der Schwarzwald ist und bleibt: schwarz." +++
Neues Altpapier gibt es morgen wieder ab 9 Uhr.
Weitere Nachrichten: Altpapier
- Altpapier vom Dienstag - Vorsorge und Früherkennung
- Altpapier vom Montag - Virales Marketing
- Altpapier vom Freitag - Unreine Haut
- Altpapier vom Donnerstag - Krieg der Illustrierten
- Altpapier vom Mittwoch - Blanke Nerven
- Altpapier vom Dienstag - Weiter bis wolkig
- Altpapier vom Montag - Über die Matte
- Altpapier vom Freitag - Die Milch macht´s nicht
- Altpapier vom Donnerstag - Im Netz des Gesetzes
- Altpapier vom Mittwoch - Kalter Medienkrieg
- Altpapier vom Dienstag - Im Angesicht der Häusle-Schleicher
- Altpapier vom Montag - Eine Frau gibt nicht auf
- Altpapier vom Freitag - Diszipliniert
- Altpapier vom Donnerstag - Land der Zeitungs-Schönheit
- Altpapier vom Mittwoch - Die Nase meiner Ollen
- Altpapier vom Dienstag - Nerdverbunden
- Altpapier vom Montag - Darf Online alles?
- Altpapier vom Freitag - Mediensport bei Olympia
- Altpapier vom Donnerstag - News and Shoes
- Altpapier vom Mittwoch - Endlich Neues von Google
- Altpapier vom Dienstag - Wer an der Werra war
- Altpapier vom Montag - Check oder Gegencheck?
- Altpapier vom Freitag - Nur eine einzige Frage
- Altpapier vom Donnerstag - Das Wunder von Düsseldorf
- Altpapier vom Mittwoch - Nationale Aufgabe
- Altpapier vom Dienstag - Clementine Diekmann
- Altpapier vom Montag - Wo ist "hier"?
- Altpapier vom Freitag - Augenwischerei
- Altpapier vom Donnerstag - Es ist ein Apple!
- Altpapier vom Mittwoch - Raus aus den Schubladen
- Altpapier vom Dienstag - Heimatkunde und Effizienz
- Altpapier vom Montag - Durchschnittchen
- Altpapier vom Freitag - Tipps gegen die Kälte
- Altpapier vom Donnerstag - Schwerter gegen Schnipsel
- Altpapier vom Mittwoch - Brutale Selbst-Aufklärung
- Altpapier vom Dienstag - Kauf dir eine Meinung
- Altpapier vom Montag - Unter der Haut
- Altpapier vom Freitag - Hoffnung und Seele
- Altpapier vom Donnerstag - Ein Managerkopf rollt
- Altpapier vom Mittwoch - St. Aust ist wieder da!
- Altpapier vom Dienstag - Balti und more
- Altpapier vom Montag - Antikapitalistische Tiefschläge
- Altpapier vom Freitag - Von der Rolle
- Altpapier vom Donnerstag - Die digitale Dampfmaschin
- Altpapier vom Mittwoch - Superphones & Mediendarlings
- Altpapier vom Dienstag - Händereiben über neue Bezahlmodelle
- Altpapier vom Montag - Den Maschinen vertrauen?
- Altpapier von Silvester - Willkommen in den Zukünften
- Altpapier vom Mittwoch - Das Nuller-Gefühl
- Altpapier vom Dienstag - Irre: gratis und zu teuer!
Dienstags-Artikel
1.) Die Fehler der Wirtschaftspresse (Brenner-Stiftung/ PDF)
2.) ... und auch konstruktive Vorschläge (Storz im meedia-Interview)
3.) Lockere Konkurrenz-Analyse der Sternchefs (TAZ)
4.) Große Verlagskoalition? (sueddeutsche.de)
5.) Deutschlandkarte: Lokalzeitungen (zeit.de)
Kürzel & Quellen
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
TAZ die tageszeitung
TSP Tagesspiegel
BLZ Berliner Zeitung
Freitag Der Freitag
FTD Financial Times Deutschland
HB Handelsblatt
SPON Spiegel Online
FAS Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
WAMS Welt am Sonntag
Montags-Artikel
1.) Michalis Pantelouris über den Offenen Brief der Bild an Griechenlands Ministerpräsident
2.) Der Freitag schlägt 19 Prozent MwSt für die Bunte vor
3.) Der Spiegel-Text von 2009, den der Spiegel heute (vorerst nur Print) quasi zurückzieht






Twitter
Facebook
Kontakt